Familie Schmitt auf Reisen: Die Welt ist besser als ihr Ruf

MONTAG, 28. DEZEMBER 2020, ON TOUR

#Familie Schmitt, #Hippie Trail, #Interview, #Kids, #Kinder, #KURTi, #Reisen, #Weltreisen

Von Alaska bis Feuerland, auf dem Landweg nach Indien und über die Seidenstraße bis in die Mongolei – das sind, so kann man das fraglos sagen, Träume für Reisende. Michaela und Thorben Schmitt haben Roadtrip zu ihrem Lebensinhalt gemacht. In einem alten Mercedes-Lkw, ehemals im Dienst des Bundesgrenzschutz, durchqueren sie Wüsten und Grenzen, die solchen wie ihnen bis dahin verschlossen geblieben wären. Von Anfang an dabei ist Romy, die während der Amerikareise ein Jahr alt ist. Sohn Levi kommt in der mexikanischen Karibik auf die Welt. Die Seidenstraße nun sollte das letzte ganz große Abenteuer werden, bevor die Schulpflicht Familie Schmitt an Deutschland bindet. Corona zwang sie zur Rückkehr.

CURT: Als die Coronapandemie ausbrach, befandet ihr euch gerade auf dem Weg durch die vereinigten Arabischen Emirate. Wie seid ihr damit umgegangen?
Michi Schmitt : Wir haben noch einige Zeit versucht, den Lockdown auszusitzen. Haben uns in der Wüste versteckt, was allerdings sehr schwierig war, da wir kein Wasser mehr für den LKW bekommen haben. Alle Strände waren gesperrt, Flüsse gibt es keine in den Vereinigten Arabischen Emiraten und der höchste Berg des Landes, um den täglich steigenden Temperaturen zu entfliehen, war durch einen Erdrutsch unzugänglich. Irgendwann hat uns die Polizei aufgegriffen und aufgefordert, den Laster ab abends bis in den Vormittag nicht mehr zu verlassen und kurz darauf durfte nur noch eine Person von uns alle drei Tage vor die Tür, um einzukaufen. Wir sind dann zwangsläufig ins Hotel gezogen, haben es eine Weile probiert – aber das hat auf Dauer die Reisekasse zu sehr strapaziert – und unsere Kinder, die es gewöhnt sind, immer draußen zu sein, verhielten sich wie im Zoo eingesperrte Tiere. Das war für uns der Punkt zu sagen, das geht zu weit. Als der Flughafen für einige Tage geöffnet hatte, sind wir nach Deutschland geflogen. Wir haben den Sommer in Wiesau verbracht und hoffen eigentlich, dass es morgen schon weitergehen könnte. Dann fliegen wir zurück zu unserem Laster und lassen den Motor starten.

Wie schmerzhaft war es, euren Hippie Trail wegen Corona unterbrechen zu müssen?
Es ist immer noch schmerzhaft, Fotos der Reise kann ich mir gerade nicht ansehen. Es ist nie 100-prozentig sicher, dass wir unsere gesetzten Ziele auch wirklich erreichen, aber damit hat keiner von uns gerechnet.

Was ist euch dadurch entgangen, was wären die nächsten Stationen eurer Reise gewesen?
Entgangen ist es uns ja nicht, sondern nur aufgeschoben. Normalerweise wären wir jetzt gerade in der Mongolei angekommen – dem Ziel der Reise. Das Gute ist, dass es jetzt noch nicht vorbei ist, sondern die Länder Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgistan, Kasachstan, Russland und eben die Mongolei noch vor uns liegen. Je nachdem, wann es weitergeht, legen wir die Route um und hängen noch ein paar Länder mit dran.

Ihr habt fünf Jahre Ausgaben reduziert und gespart, um euch 2015 eine Auszeit für die Panamericana nehmen zu können. Worauf musstet ihr verzichten und was war am schwierigsten?
Da wir reisen wollen, war der Verzicht kein Muss sondern gewollt. Anders wäre es für uns auch nicht möglich gewesen, so lange unterwegs zu sein. Bei sehr langen Arbeitstagen, Nachtschichten und Extrastunden am Wochenende (wir sind beide selbständig), kann man einiges zurücklegen und hat gar keine Zeit, Geld auszugeben. Das hat uns oft an unsere Grenzen gebracht, aber mit einem Ziel vor Augen macht es Spaß. Wir haben auf alles Unnötige verzichtet, keine Neuanschaffungen wie Auto, teure Küche, jedes Jahr das neueste Handy, Markenkleidung. Vor allem nach den Reisen ist man so minimalisiert und sieht keinen Sinn darin, mehr zu haben als man tragen kann. Wenig Besitz ist Luxus, viel ist nur Ballast.

Eure Tochter Romy war zu dem Zeitpunkt zwei Jahre alt. Woher habt ihr den Mut genommen bzw. das Wissen, dass das mit einem Kleinkind geht und gut geht?
Auf unserem Trip auf dem Landweg nach Indien waren wir sehr blauäugig unterwegs und sind einfach so mit einem schrottreifen Bus losgefahren. Es war wahnsinnig aufregend, und ich bereue keine Sekunde davon. Aber mit Kind muss man definitiv überlegter und umsichtiger planen und reisen. Vor der Panamericana haben wir einen kleinen Trip für zwei Monate durch den Balkan gedreht – da war Romy gerade zehn Monate alt. Eine Testfahrt, für uns und die Kleine. Um zu erfahren, ob es allen Freude macht und was sich geändert hat. Ein wenig Mut braucht es natürlich, aber wenn man sich nicht von seinen Ängsten lenken lässt und auf sein Bauchgefühl hört, sein Kind kennt und auf dessen Bedürfnisse eingeht, gibt es nichts Schöneres.

Levi ist sogar auf Reisen geboren und hat seine ersten beiden Lebensjahre sozusagen on the road erlebt. Das hört sich cool und lehrreich an. Was sind die Schattenseiten daran?
Levi hat die meiste Zeit seines Lebens im LKW verbracht, und ist ein echter Sonnenschein. Die Meinungen gehen weit auseinander, ob man mit Kind überhaupt reisen kann und wann die beste Zeit ist, mit einem Kind zu verreisen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass es mit einem Säugling bzw. Baby nichts Einfacheres gibt. Schwieriger ist es, wenn sie mobil werden, alles alleine entdecken wollen und sich natürlich überschätzen. Wir haben sehr oft den Stellplatz gewechselt und bevor die Kinder raus durften, habe ich erst einmal ringsherum alle Gefahrenstellen erkundet. In Argentinien, selbst in den entlegensten Orten waren es Glasscherben, in Brasilien ein offener Gullydeckel, in Chile bissige Straßenhunde.

Im Frühjahr 2019 seid ihr auf euer Abenteuer Seidenstraße aufgebrochen, das ihr jetzt vorzeitig abbrechen musstet. Bis dahin: Was waren die Highlights, die Momente, die auch langfristig in Erinnerung bleiben werden?
Das absolute Highlight war, dass wir es nach Saudi Arabien geschafft haben. Das Land war bis vor kurzem von der Außenwelt abgeriegelt, ich habe monatelang versucht, an ein Visum zu gelangen – und dann sind wir tatsächlich als erstes Europäisches Fahrzeug über die Grenze Jordanien – Saudi Arabien eingereist. Die Zöllner wussten erst einmal gar nicht, was sie mit uns machen sollen, selbst das Kennzeichen konnten sie nicht registrieren, da sie keine Lateinischen Tastaturen haben. Wir haben nichts über das Land gewusst – und waren sehr neugierig auf die Reaktionen. Und die haben uns umgehauen. Wir wurden nicht wie Fremde, sondern wie ein Teil der Familie aufgenommen. Erst dort habe ich begriffen, was Gastfreundschaft bedeutet.

Ich selbst bin auf euch ja im ZDF aufmerksam gemacht worden. War das Terra-X-Kamerateam denn immer dabei und wie nervig war das? Warum habt ihr euch dafür entschieden, das dokumentieren zu lassen?
Das Team war natürlich nicht die ganzen Monate mit dabei. Sie haben uns zwei Mal für je eine Woche besucht. Es gab einige Anfragen von TV-Sendern, wir haben aber alles abgelehnt. Terra X ist ein fantastisches Format und als das Angebot kam, mussten wir nicht lange überlegen. Große Bilder, Wissen. Unsere Bedingung war, dass wir unsere Route fahren, die Dreharbeiten nicht unsere Reise beeinflussen und allerhöchste Priorität unsere Kinder haben, bevor gedreht wird. Das Team hat meist im Hintergrund gearbeitet, also als Beobachter.

Für Romy habt ihr eine Freistellung von der Schule bekommen, um sie zwei Jahre selbst unterrichten zu dürfen. Wie gefiel eurer Tochter das? Und wie geht es für sie jetzt weiter, solange ihr auf die Fernreise verzichten müsst?
Für Romy war es nie ein Thema, warum sie nicht in die Schule geht. Sie hat mit Freude den Kindergarten besucht und immer gefragt, wann wir endlich losfahren. Einen Vergleich kennt sie natürlich nicht – bis jetzt sind nur Mama und Papa die Lehrer.

Die Schulpflicht eurer Kinder wird euch ja in gewisser Weise an Deutschland binden. Habt ihr Angst davor, wird das schwierig für euch?
Nein, haben wir nicht. Das ist uns von Anfang an bewusst gewesen, dass mit dem Langzeitreisen irgendwann Schluss ist. Die Seidenstraße ist unser letzter Trip – die Kinder haben auf Reisen Flügel bekommen und danach sollen sie Wurzeln schlagen können.

Als Paar, was war eure erste gemeinsame Reiseerfahrung? Warum ist Thorben ein guter Reisepartner bzw. was an ihm nervt tierisch?
Thorben war überhaupt kein Globetrotter, ich, wenn es möglich war, immer in der Welt unterwegs. So langsam habe ich seine Leidenschaft dafür entfacht. Wir waren mit dem Zelt in Irland unterwegs, dann ein Roadtrip durch den Westen der USA – und immer war der Wunsch da, noch mehr zu sehen, weiter zu fahren und länger unterwegs zu sein. Also haben wir beschlossen, auf dem Landweg nach Indien zu fahren – der Mutter aller Roadtrips … Thorben und ich sind sehr unterschiedlich. Ich bin voller Emotionen, Thorben der ruhige Part. Der perfekte Ausgleich. Mittlerweile funktionieren wir perfekt, hören auf das Bauchgefühl in brenzligen Situationen. Streit gibt es natürlich auch, aber man lernt, sich schneller wieder zu vertragen.
Es ist schön, Zeit für sich und seinen Partner zu haben, aber 24/7 kann auch in die Hose gehen. Laut Statistik wird jede dritte Scheidung nach dem Urlaub eingereicht, wenn man durch die ständige Präsenz des Partners plötzlich ganz andere Seiten kennenlernt. Auf Reisen braucht man sich jedoch umso mehr, man ist nicht mehr nur ein Paar, sondern beste Freunde, Helfer und Vertrauensperson. Wir müssen uns aufeinander verlassen können. Wenn das nicht funktioniert, sollte man am besten gleich wieder umdrehen.

Was ihr empfehlt ihr Menschen, die euch nacheifern wollen?
Das Allerwichtigste ist: einen Termin setzen wann es losgeht. Wenn der nicht steht, kommt man nie weg. Es gibt immer noch etwas zu erledigen. Planen kann man auch nie genug - aber es soll noch genug Freiraum für Zufälle übrigbleiben. Also einfach losfahren!

Wenn ihr auf diese zwei großen Reisen zurückschaut. Gibt es die eine Sache, die ihr gelernt habt über die Welt, die Menschen, …?
Definitiv. Die Welt ist viel besser, als in den Medien verbreitet wird… Die Länder mit dem schlechtesten Image, einem furchtergreifenden Ruf, wie Pakistan, Iran, Kolumbien, Palästina, Saudi-Arabien – dort haben wir die herzlichsten Menschen kennen und lieben gelernt!

Wie müssen wir uns euren Alltag in Deutschland vorstellen? Und wie häufig verschlägt es euch noch in die alte Heimat Nürnberg?
Kehren wir nach einer Reise zurück, wird so lange wie möglich versucht, davon zu zehren und nicht wieder in alte Muster zurückzufallen. Stürzt man sich aber gleich in die Arbeit, geht das meist schneller als einem lieb ist. Da wir immer mit einem neuen Ziel im Gepäck zu Hause ankommen, ist höchste Priorität, Geld anzusparen, um so schnell wie möglich wieder loszufahren. Unser Alltag gleicht dann dem eines jeden Anderen. Arbeiten, Freunde treffen, und gerne auch um die Häuser zu ziehen. So oft es mir möglich ist, komme ich nach Nürnberg, besuche meine Lieblingsrestaurants, Bars und gerne danach noch einen Club.

Lasst uns an eurem Erfahrungsschatz teilhaben: Was sollte man unbedingt mal gegessen haben, was auf keinen Fall, welchen Ort gesehen und welcher ist vielleicht wahnsinnig überschätzt? Wo sind euch die freundlichsten Menschen begegnet? Was ist der wertvollste Geheimtipp der Familie Schmitt?
Bisher waren der Iran und Kolumbien bei uns ganz oben, was die freundlichsten Menschen betrifft. Jordanien hat das getoppt, und noch viel mehr Saudi Arabien. Von 89 bereisten Ländern kann ich sagen, dort die freundlichsten Menschen getroffen zu haben. Das Thali in Indien fand ich toll, verschiedenste Currys serviert in kleinen silbernen Schälchen. Ebenso Cevice in Peru – das ist roher Fisch, eingelegt in Zitrone, mit Mais und Süßkartoffeln. Das Meerschweinchen in Ecuador war interessant – würde es aber nicht noch einmal bestellen, dafür liebend gerne wieder in Saudi Arabien auf dem Boden sitzen und einen Hammelkopf mit den Fingern essen.

___
MICHI SCHMITT, geboren 1978 in Bautzen, gelernte Steuerfachangestellte, mittlerweile selbstständig als Autorin.
THORBEN SCHMITT, geboren 1984 in Würzburg, selbstständiger Webentwickler.
Beide lebten bis 2015 in Nürnberg, wohin sie nach Abschluss ihrer kommenden Reise wieder ziehen wollen.

Von Michi sind zwei Bücher über ihre Abenteuer erschienen:
HIPPIE TRAIL – AUF DEM LANDWEG NACH INDIEN, 306 Seiten mit vielen Farbfotos, 19 Euro.
AUSREISSER – ABENTEUER PANAMERICANA. IN ZWEI JAHREN VON ALASKA NACH FEUERLAND, 480 Seiten, vielen Farbfotos, 19,90.
Erhältlich im Buchhandel und direkt über die Webseite:
hippie-trail.de​




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