Wolfsgarten vor dem Aus? Das Hackschnitzel-Hickhack um die Nutzungsgenehmigung

DIENSTAG, 29. DEZEMBER 2020, WOLFSGARTEN

#Garten, #Nachbarschaft, #Silke Würzberger, #Stadt Nürnberg, #Umweltpreis, #Wolfsgarten, #Wolfsherz

Es tut sich was in der Reutersbrunnenstraße: Der Wolfsgarten, ein Projekt der gemeinnützigen Wolfsherz uG, hat ein blühendes Gewächshaus, eine Kinderecke, einen Spielzeugverleih und bald sogar ein Piratenschiff. Die Pfadfinder, der EPI e.V. für erlebnispädagogische Impulse, die Lebenshilfe, Schulen und auch die direkte Nachbarschaft konnten ihn im Sommer bereits nutzen. Silke und Phil Würzberger beleben das Gelände des ehemaligen, lange brachliegenden Hochseilgartens, die Stadt Nürnberg fördert das ganze u.a. mit ihrem Umweltpreis, ihre Vertreter*innen freuten sich, hier eine Pressekonferenz coronagerecht abhalten zu können. Jetzt steht das Projekt anscheinend trotzdem vor dem Aus. Was ist passiert?

Um das zu verstehen, muss man ein bisschen Beamtendeutsch lesen können. Die Würzbergers haben eine zweite Startnext-Crowdfunding-Kampagne gestartet und einen Hilferuf an die Parteien im Stadtrat verschickt. Grund ist die ausstehende Nutzungsgenehmigung, die der Wolfsgarten benötigt, um z.B. mit Betrieb des Cafés oder kulturellen Veranstaltungen erste eigene Gelder zu erwirtschaften. “Die Nutzungsgenehmigung ist im Endeffekt das, was bei einem genehmigten Bauantrag heraus kommt”, erklärt Silke Würzberger am Telefon. Zuständig für die Genehmigung des Bauantrags ist die Nürnberger Bauordnungsbehörde. 

Vor gut einem Jahr legte die Wolfsherz gUG der Behörde erstmals ihren Bauantrag vor. Dieser Bauantrag war in Gesprächen von den jeweiligen Ämtern – siehe Stadtplanungsamt, Umweltamt, etc – abgesegnet und von Architekten formuliert worden. Tenor damals: Diesen Bauantrag könnt ihr guten Gewissens stellen. Darin fanden sich bereits alle drei Säulen der geplanten Nutzung: a) Garten, b) Pädagogik, c) Kultur. Der Garten ist insgesamt rund 3.000 m² groß und soll auch ein Amphitheater und ein Atelierzelt beinhalten, die dann eben nicht nur pädagogisch genutzt würden, sondern auch Theatergruppen oder Musiker*innen und Künstler*innen der lokalen Szene zur Verfügung stehen sollen.  

Halt, halt, sagt an dieser Stelle die Bauordnungsbehörde. Deren Aufgabe ist es unter anderem, darauf zu achten, dass Flächen in Nürnberg nur gemäß der jeweiligen Flächennutzungspläne verwendet werden. “Alles, was über die festgeschriebene Nutzung hinausgeht, ist äußerst schwierig”, sagt Silke Würzberger. “In unserem Fall ist das: betreutes Spielen.” Eine vorgesehene Nutzung, die hervorragend zum Hochseilgarten passte, den es nicht mehr gibt. Nachdem die Würzbergers in den vergangenen Monaten ihren Bauantrag immer wieder angepasst haben, um beispielsweise Anforderungen des Umweltamts zu erfüllen, erhielten sie jüngst ein Schreiben der Bauordnungsbehörde, dass der kulturellen Nutzung, die ja von Anfang kommuniziert wurde, eine Absage erteilt: “Die gemäß der Betriebsbeschreibung geplante Theaternutzung ist nicht vom Flächennutzungsplan abgedeckt und daher nicht zulässig.” Gleiches gelte entsprechend für eine Öffnung des Geländes nach 20 Uhr: nicht zulässig. 

Für den Wolfsgarten würde das nicht nur bedeuten, dass das Konzept – ausgezeichnet mit dem Umweltpreis 2020 der Stadt Nürnberg – nicht wie geplant umgesetzt werden kann. Sondern vielmehr noch: Dass eine wichtige Geldquelle wegfiele. Der Garten muss sich irgendwie finanzieren. Sagt auch die Stadt. “Ich weiß”, sagt Silke Würzberger, “dass man den Flächennutzungsplan ändern kann. Wenn es politisch gewollt ist. Und wir wollen ihn ja noch nicht mal ändern, sondern nur erweitern.” Am 10.12. verschickte sie eine neue Betriebsbeschreibung, das Konzept und einen Appell an Politiker*innen des Nürnberger Stadtrats, den Oberbürgermeister, die Kulturbürgermeisterin. Die CSU habe bereits signalisiert, eine Referentenrunde anregen zu wollen. 

Und auch mit der Grünenfraktion stehen die Würzbergers mittlerweile in Kontakt. Hierbei geht es insbesondere um den zweiten Knackpunkt der Anforderungen von Seiten der Baubehörde: die Stellplatzverordnung. Bei neuen Bauvorhaben müssen nach unterschiedlichen Schlüsseln unterschiedlich viele Parkplätze nachgewiesen werden. Sonst: keine Nutzungsgenehmigung. Im Fall Wolfsgarten gestaltet sich das nicht ganz einfach, weil nicht klar ist, welcher Schlüssel für ein Projekt dieser Art herangezogen werden soll. Nach aktueller Berechnung bräuchte der Wolfsgarten etwa 15 Parkplätze. Vor dem Garten gibt es keine. Im Garten gäbe es, so Silke Würzberger, Platz für fünf. Diese müssten wiederum mit Asphalt versiegelt werden. “Man stelle sich vor, dass wir da für 15 Autos Asphalt hinkippen”, sagt sie. “Dann haben wir keinen Garten mehr, sondern einen Parkplatz.” In diesem Jahr sei keine Person mit dem Auto zum Garten gekommen. Die kooperierenden Schulen und Vereine befinden sich in fußläufiger Entfernung. 

Natürlich ist die Stadt Nürnberg nicht ganz unflexibel, was die Durchsetzung ihrer Parkplatzverordnung angeht. Man kann sich rauskaufen. In der Zone 1, in der sich der Wolfsgarten befindet, kostet ein nichtgebauter Stellplatz 10.500 Euro Ablöse. Mal 15 macht 157.500 Euro. Nicht zu leisten für eine gemeinnützige Unternehmung auf größtenteils ehrenamtlicher Basis. “Damit wäre das Projekt tot”, sagt Silke Würzberger. Sie wundert sich. Dass die Stadt das Projekt einerseits unterstützt und auch für die Pressekonferenz zu den Stadtverführungen gern genutzt hat, andererseits aber verhindert. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich um die Angst vor Lärmbelästigung der Nachbarschaft handelt. 

Silke Würzberger will diese Befürchtungen im persönlichen Gespräch ausräumen. Schließlich soll in ihrem Garten kein Rockfestival stattfinden, sondern Theater und mal ein Konzert von Liedermachern ala Martti Mäkkelä. Sommertheater und kleine Open-Air-Konzerte, das wäre gerade in Noch-Corona-Zeiten ein wichtiger Impuls für die hiesige Szene. “Ich hoffe sehr”, sagt Silke Würzberger”, dass wir mit den zuständigen Stellen sprechen können, um zu erklären, was das ist.” Die direkte Nachbarschaft des Wolfsgartens hat sich ihren Eindruck bereits verschafft. Ein Nachbar liefert Paletten, eine Nachbarin hat dem gesamten Bau dokumentiert, ein Pfarrer, der privat in der Nähe lebt, hielt an Weihnachten eine kleine familiäre Andacht im Garten. “Die Rückmeldungen, die bei uns ankommen, sind nur positiv. Alle freuen sich, dass dort etwas passiert.” 

Silke und Phil Würzberger wollen eigentlich keine Abstriche machen. Sie halten an Plan A fest, mit kultureller Nutzung und Café. Um bis dahin, die Pacht stemmen zu können, gibt es jetzt eine zweite Startnext-Kampagne, die für das Überleben der Idee Wolfsgarten essentiell ist. Um aber wirklich ans Ziel zu kommen, brauchen die Würzbergers jetzt Bewegung in Verwaltung und Politik. Ihr Schreiben an die Parteien beendet Silke mit folgenden Fragen: 


Ist der Wolfsgarten gewünscht?
Ist die Stadt Nürnberg bereit den Wolfsgarten (den sie ja selbst auch schon für die Pressekonferenz der Stadtverführungen 2020 genutzt hat) zu unterstützen?
Möchte die Stadt Nürnberg ihrem Umweltpreisträger helfen, eine für alle Seiten gangbare Lösung zu finden?
Möchte die Stadt Nürnberg in vielfältiger Form an diesem Gemeinschaftsprojekt teilhaben und helfen den Wolfsgarten zu erhalten?

Der curt hat Anfrage bei der Stadt gestellt, um ein paar Antworten von den verantwortlichen Stelle zu erhalten. Wir halten auch auf dem Laufenden. 


Wolfsherz – Der Garten
Naturnahes Stadtteil- und Begegnungszentrum
Paumgartenstr. 27, Nürnberg
www.wolfsherz.org 

Zum Spenden: startnext.com/der-wolfsgarten


 




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