Es geht um die Lebensqualität dieser Stadt: Die Vision Stadtkanal

MONTAG, 31. MAI 2021, NüRNBERG/FüRTH

#Autobahn, #Frankenschnellweg, #Interview, #Kanal, #Stadtentwicklung, #Stadtkanal, #Stadtplanung, #Theobald O.J. Fuchs

Immer, wenn wir in jüngster Zeit unserem Kolumnisten Theo Fuchs über den Weg gelaufen sind, salbaderte der Mann leicht verwirrt wirkende Dinge, die fantastisch bis irre anmuten: Das mit dem Frankenschnellweg sei ja wohl nix, sagte er fuchtelnd, ein Kanal sei die Lösung, eine Wasserstraße, ein Stadtkanal! Der Stadtkanal müsse her! Ja, ja, nickten wir beruhigend und warteten, bis der Fuchs, noch immer brabbelnd und Fingerchen schwingend, davongezogen war. Einen rechten Reim konnten wir uns darauf allerdings nicht machen – bis wir plötzlich feststellen mussten, dass der Fuchs mit dieser Fantasie keineswegs allein war. Ein Verein hatte sich gegründet, der Nürnberg-Fürther-Stadtkanal, die seriösen Medien berichteten. Die meinten das ernst, möglicherweise, die hatten anscheinend sogar einen Punkt! Und die Deppen waren mal wieder wir. Also wollten wir es doch genauer wissen und kamen wieder angekrochen, um unsere Fragen loszuwerden. curt vs. Nürnberg-Fürther-Stadtkanal, das große Interview.  

CURT: Also zuerst mal: Stimmt es, dass ihr anstelle der A73, auch unter dem Namen »Frankenschnellweg« bekannt, einen neuen Kanal zwischen Nürnberg und Fürth errichten wollt?
N.F.S.K.: Ja, das ist richtig. Wir sind dafür, dass die Autobahn abgerissen wird und auf der Trasse, da wo bis zum zweiten Weltkrieg eh schon der Ludwig-Donau-Main-Kanal verlief, wieder ein Wasserweg entsteht.

CURT: Wie genau soll das aussehen?
N.F.S.K.: Der neue Kanal zwischen Nürnberg und Fürth soll kein Industriekanal werden, so wie der Rhein-Main-Donau-Kanal, den es ja zusätzlich gibt. Dort hat es gewaltige Hafenanlagen für Schiffe, die mit etlichen tausend Tonnen Alteisen, Öl oder Schotter beladen sind. Umgekehrt wollen wir auch nicht zurück ins Kaiserreich, mit Treidelpferdchen, Holzkähnen und Pfeife rauchenden Schäfern, die in der Abendsonne auf den Dämmen sitzen und winken. So schön diese Vorstellung auch sein mag, der neue Nürnberg-Fürther Stadtkanal ist ein Projekt der Moderne, der alle technologischen Möglichkeiten nutzen soll, um den komplexen Herausforderungen einer Stadtgesellschaft des 21. Jahrhunderts zu begegnen.

CURT: Was heißt das zum Teufel?
N.F.S.K.: Nun, uns geht es primär um die Lebensqualität in der Stadt. Den mehr als 530.000 Einwohnern Nürnbergs ist es unserer Meinung nach nicht zuzumuten, dass quer durch ihre Stadt eine Autobahn betreiben wird. Diese Autobahn verursacht Tag und Nacht Luftverschmutzung und Lärm, sie kostet schon im Normalbetrieb jedes Jahr Unsummen für den Unterhalt und bringt im Gegenzug keinerlei Mehrwert – weder finanziell noch ideell. Jedes kleine Dorf in den fränkischen Outbacks bekommt heute mit Recht eine Umgehungsstraße.

CURT: Ist der neue Kanal also kein Naturschutzprojekt?
N.F.S.K.: Stimmt genau. Ganz ehrlich: An der A73 gibt es keine Natur zu schützen. Mal abgesehen von dem alten Hafenbecken zwischen Rothenburger und Schwabacher Straße, das seit Jahrzehnten verwildert ist. Aber im großen und ganzen sprechen wir von ungefähr 40 Hektar Stadtfläche, die ausschließlich für den Zweck, dass Fahrzeuge quer durch die Stadt brausen können, unter einer Betondecke vergraben liegen. Dazu gehört nicht nur die eigentliche vierspurige Fahrbahn von knapp 10 Kilometer Länge zwischen der Anschlussstelle Doos/Stadtgrenze im Westen und der Südwesttangente im Südosten. Wir sehen auch das riesige Potential, das in den Flächen steckt, die heute für Zu- und Abfahrten verschwendet werden. Das sind mehrere Hektar Kreisel und Einfädelungsspuren, wo sich großartige Möglichkeiten für sozialen Wohnbau ergäben. Direkt am zukünftigen Kanal gelegen könnten neue Wohnviertel für junge Familien mit Kindern entstehen, für die die neue Kanallandschaft ein Anreiz wäre, in die Stadt zu ziehen, wo bei einer rapide alternden Gesellschaft junge Fachkräfte dringend gebraucht werden.

CURT: Dann ist der Kanal – nicht nur, sondern auch – ein wirtschaftliches Konzept zur Stärkung der Zukunftsfähigkeit unserer Metropole?
N.F.S.K.: Wir hätten das nicht besser ausdrücken können.

CURT: Die große Frage, die wahrscheinlich immer wieder gestellt wird...
N.F.S.K.: … wo sollen die Autos fahren?

CURT: … ja? Woher wusstet ihr das?
N.F.S.K.: Nun, das ist natürlich der Punkt, wo relativ viele Leute relativ wenig entspannt auf das Projekt reagieren. Wir plädieren dafür, die Sache differenziert zu sehen. Die Automassen lassen sich grob in drei Gruppen einteilen. Das macht übrigens die Stadt, die den Ausbau plant, ebenfalls so. Es gibt erstens den Durchgangsverkehr, also PKW und LKW, die von der A3 zur A9 oder A6 und umgekehrt durchs Stadtgebiet abkürzen. Die meisten Beteiligten sind sich einig, dass dieser Verkehr um Nürnberg außen herum gehen muss. Zweitens haben wir die Pendler, die während eineinhalb Stunden am Morgen und wieder eineinhalb Stunden lang am Abend die A73 verstopfen. Diese Hin- und Herfahrererei kann und muss unserer Meinung nach auf andere Verkehrsmittel verlagert werden. Entlang des neuen Stadtkanals soll es auf der ganzen Länge einen großzügigen Radschnellweg geben, auf dem Wasser sollen VGN-Boote einen Teil des Personentransportes übernehmen, ungefähr im Umfang einer gut frequentierten Straßenbahnlinie. Es soll Haltestellen an der Stadtgrenze, Janssenbrücke, Rothenburger Straße und Dianastraße geben.

CURT: Dauert das nicht ewig?
N.F.S.K.: Es sollen ja keine Paddelboote sein! Wir denken an fahrerlose, computergesteuerte Fähren für 30 bis 60 Personen, die elektrisch betrieben und mit Sonnenenergie aufgeladen werden, die direkt neben dem Kanal, z.B. an den Bahndämmen gewonnen wird. Die Fahrtzeit von der Stadtgrenze zur Werderau oder Gartenstadt würde unter einer halben Stunde liegen, was man mit keinem anderen Transportmittel schaffen kann. Hier ist viel möglich! Beispielsweise findet in Venedig (einer von Nürnbergs Partnerstädten!) der gesamte Personen- und Warentransport auf dem Wasser statt und Touristen reisen extra deswegen an, das zu sehen. Ein weiterer Teil des Verkehrs – Berufspendler und der Rest, der heute aus den verschiedensten Zwecken im Auto auf der A73 unterwegs ist – muss auf die bereits bestehenden Öffis ausweichen oder eben auf den Ring, der um Nürnberg führt. Wir stecken generell in Deutschland und Europa mitten in einer Verkehrswende, in die der neue Kanal perfekt hineinpassen würde.

CURT: Schlechte Nachrichten für Autofahrer?
N.F.S.K.: Nein. Wenn man bereitwillig darüber nachdenkt, kann man erkennen, dass der Kanal eigentlich auch pro Autofahrer ist. Erstens wollen wir die Autos ja nicht komplett abschaffen. Sondern nur die Anzahl so weit nach unten drücken, dass für die wenigen Fahrer die Sache ohne Stau, Drängelei, Parkplatznot usw. auch wieder Spaß macht. Zweitens würde ein gut ausgebauter ÖPNV vielen Leuten ermöglichen, den Weg zur Arbeit nicht in einer Blechkiste eingesperrt zu verbringen und darin viele kostbare Stunden Lebenszeit zu verlieren. Pendeln mit Bus, Bahn und Boot bedeutet geschenkte Zeit, in der man lesen, nachdenken, träumen oder sogar schon arbeiten könnte. Und drittens wird leider von der Politik und anderen Gruppen, die sich fanatisch für das Auto als allein selig machendes Verkehrsmittel einsetzen, gerne verschwiegen, dass der Ausbau der A73 mit sechs Spuren, Lärmschutz, Tunnel, Betondeckel, Brücken etc. mindestens für 10 Jahre die Strecke sowieso unpassierbar machen würde. Anders gesagt: die erste Auswirkung des Ausbaus wäre die komplette Sperrung. Der Verkehr müsste sich sowieso einen anderen Weg suchen. Und wenn dann nach 10 Jahren der Super-Schnellweg in Beton gegossen wäre, gäbe es den darauf geplanten Verkehr überhaupt nicht mehr. Wozu also eine dreiviertel Milliarde Euro buchstäblich im Boden versenken? Der Kanal hat ja den aus unserer Sicht sehr charmanten Vorteil, selbst ein Verkehrsweg zu ein. Also keine Sperrung, kein Abschneiden, sondern nur der Wechsel zu umweltverträglichen und menschenfreundlichen Verkehrsmitteln wie Fahrrad oder Schiff.

CURT: Also doch ein Öko-Projekt?
N.F.S.K.: Der Kanal bietet eine weitreichende, stadtplanerische Lösung für ein komplexes Problem – da passt man natürlich nicht nur in eine Schublade. Öko ist der neue Stadtkanal in dem Sinne, dass er ein starkes Mittel gegen Auswirkungen der Klimaerwärmung wäre. Anstelle von Abgasen fließt entlang des Kanals frische Luft in die Mitte der Stadt – manchen nennen das Frischluftschneise. Die Wasserfläche trägt zur Kühlung bei und die grüne Bepflanzung der Ufer verbessert das Klima für die am dichtest besiedelten Viertel Muggenhof, Eberhardshof, Gostenhof und Gibitzenhof zusätzlich. Vom Freizeitwert für Zehntausende ganz zu schweigen.

CURT: Wie verbringt man seine Freizeit an einem Kanal – sorry für die blöde Frage, aber das würde uns schon interessieren.
N.F.S.K.: Der Kanal wird etwa so breit sein wie der alte Ludwig-Donau-Main-Kanal, der heute noch von der Gartenstadt im Süden Nürnbergs über Neumarkt bis nach Kehlheim verläuft. Übrigens eine wunderbare Strecke zum Radfahren. Konkret heißt das, dass auf den Flächen, die nach dem Abriss der A73 frei werden, noch Unmenge Platz ist, der von der ganzen Stadtbevölkerung genutzt werden könnte. Wir planen über 1000 Gartengrundstücke am Wasser, außerdem mehrere Zonen für Kleingewerbe und Start-ups, die dort Geschäfte im weitesten Zusammenhang mit dem Wasser betreiben können. Boote bauen, reparieren, vermieten. Logistik mit Lastenrädern, Angler- und Gartenbedarf, Gesundheit und Wellness. Auch eine Brauerei und eine Vergnügungsmeile mit Gartenlokalen und Restaurants unter Bäumen ist vorgesehen. Zudem wäre Platz für sage und schreibe vier Freibäder, für die Anlagen von Wassersportvereinen und eine große Open-Air-Bühne, wo von Konzerten bis zu Filmvorführungen alles drin ist. Unserer Meinung nach ist das Konzept des Kanals ein Fall von Stadtplanung, der diesen Namen auch verdient!

CURT: Das hört sich ganz phantastisch an! Also im Sinne von geil.
N.F.S.K.: Ja, das ist es auch. Und es erscheint uns machbar.

CURT: Was soll der ganz Spaß denn kosten? Und wie lange würde es dauern, bis die ersten Gondeln mit Touristen an blühenden Apfelbäumen und vollbesetzten Biergärten von Fürth nach Nürnberg fahren?
N.F.S.K.: Wir haben uns natürlich auch Gedanken zu den Kosten gemacht. Genaue Vorhersagen sind in solchen Sachen generell schwierig. Aber eine Kernidee des Nürnberg-Fürther Stadtkanals ist, dass die Bürger*innen das Bett des Kanals selbst graben. Eine Partei alle fünf Meter, die eine ein Meter fünfzig tiefe und zwölf bis fünfzehn Meter breite Grube ausheben – das ist machbar. Für Familien, Vereine, Geschäftsgründer, zukünftige Kleingärtner. Wer seinen Abschnitt selber gräbt, bekommt eine Parzelle am Ufer auf Lebenszeit verpachtet. Wenn man die Kosten für Erschließung mit Wasser, Strom, Internet, von  zehn Kilometern Radweg, zehn Fußgängerbrücken, zwei Straßenbrücken, 1000 Obstbäumen, Vermessungsarbeiten, Lastenrädern usw. abschätzt, kommt man auf einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag.

CURT: Äh, wir sind da nicht so geübt mit großen Summen Geld. Was heißt das konkret?
N.F.S.K.: Naja, mehr als 10 Millionen, weniger als 100. Die 650 Millionen, die derzeit von den Planern als Kosten genannt werden, dürften sich wie bei solchen Großprojekten üblich während der Bauzeit mindestens verfünffachen. Das sagt die Erfahrung. Vor allem würde diese irre Menge Geld die Probleme nicht lösen, sondern sogar verstärken. Straßen ziehen Autos an, eine heutzutage ebenfalls gut erforschte Tatsache.

CURT: Aber bekommt denn Nürnberg nicht den Großteil der Baukosten von der Landesregierung zugeschossen?
N.F.S.K.: Wie hoch der Zuschuss auch immer ist – auch die Landesregierung hat keinen Geldesel. Jeder einzelne Euro, der in den Tunnel gesteckt wird, ist Steuergeld. Das wir alle erst einmal verdienen müssen. Also sollte doch damit etwas passieren, was das Leben der Bürger in den Städten Nürnberg und Fürth verbessert, heute und in der Zukunft. Ein Ausbau des Frankenschnellweges würde noch mehr Autos anlocken, die dann trotzdem nicht weiterkämen, weil ja alles über die Ausfahrten irgendwie hinein muss in die Stadt. Da wird einfach nicht mehr Platz sein für noch mehr Autos, der Plärrer, der Dianaplatz, der Westring – alles wird chronisch verstopft sein. Dieses Geld wird also völlig sinnlos verschleudert, ohne dass zukünftige Generationen irgendeinen Vorteil davon haben. In einen neuen Stadtkanal wäre das Geld allerdings sehr gut investiert und würde in der Zukunft für hohe Lebensqualität in den dichtest bevölkerten Teilen der Stadt sorgen und Nürnberg zu einem weltweit sichtbaren Ort der Innovation und Nachhaltigkeit machen. Punkt.

CURT: Wir danken für das Gespräch.
N.F.S.K.: Gerne. Ahoi! 

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Nürnberg-Fürther-Stadtkanal
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