Mummpitz-Schreibwerkstatt: Junge Kritiker:innen beim Jugend-Theater-Festival
#Festival panoptikum, #Schreibwerkstatt, #Theater Mummpitz
Alle zwei Jahre kann man beim Kindertheaterfestival panoptkum aufregende und neue Produktionen aus Bayern und ganz Europa entdecken. In diesem Jahr hat das Theater Mummpitz Schüler:innen der 11. Jahrgangstufe des Labenwolf Gymnasium Nürnberg gebeten, für uns Stücke anzuschauen und Kritiken dazu zu schreiben. Begleitet vom erfahrenen Theaterkritiker und Publizisten Prof. Manfred Jahnke konnten Sie sich ausprobieren und schufen eine Vielzahl von Texten, von denen eine Auswahl jetzt hier zu lesen ist. Danke ans Mummpitz und die jungenden Schreibenden für ihre tollen Kritiken!
Kritik zu „Pembo – Halb und Halb mach doppelt glücklich“ (10+), Junges Theater Ingolstadt
Von Vanessa Ruf
Eines Tages beschließen Pembos Eltern plötzlich aus der Türkei nach Hamburg auszuwandern. Das ist ein Riesenschock für Pembo. Das heißt sie muss ihre Freunde, ihre Heimat und ihre Hobbys zurücklassen.
Im Stück „Pembo - halb und halb macht doppelt glücklich“ von Ayşe Bosse in einer Fassung von Niko Eleftheriadis nimmt Pembo, gespielt von Çağla Şahin, euch mit auf eine Reise der Neuanfänge, auf der sie lernt, sich nicht zwischen zwei Welten entscheiden zu müssen.
Man tritt in den Saal ein und fühlt sich sofort willkommen, da die Bühne sehr bunt und die Sitzplätze direkt außen herum platziert sind, das bedeutet es ist im Prinzip ein 360º Theaterstück. Zudem befinden sich Sitzkissen auf der Spielfläche, welche nicht erhöht ist, und wer solch einen Platz hat, hat das Gefühl, als würde man unmittelbar im Stück dabei sein, weil man quasi in der Handlung sitzt und somit wird die Distanz zwischen Publikum und den Darstellenden aufgelöst. Diese Inszenierung beginnt damit, dass die Schauspieler:innen plötzlich aus dem Publikum sitzend aufstehen und chorisch einen lyrischen Text aufsagen. Dieser Aufsprung ist ein besonders guter Effekt, da man erstmal erstaunt, dass diese geradezu fast neben einem saßen.
Um die Bühne herum stehen vier Bildschirme, dabei zwei auf der rechten und zwei auf der linken Seite und durch diese werden die Räumlichkeiten der verschiedenen Szenen verdeutlicht, aber auch mit laufenden Kameras ein stärkerer Fokus auf die Spieler:innen gemacht wird. Die Rollenwechsel werden mit Körper und Mimik und verschiedenen Accessoires klar und verständlich rübergebracht. Nach einer gewissen Zeit merkt man, dass die Kinder etwas unruhig werden bzw. deren Aufmerksamkeitsbatterie schon fast leer ist, aber gegen Ende hin wird das Stück wieder interaktiver, die Schauspieler:innen interagieren mehr mit dem Publikum und es wird mehr gelacht. Außerdem fehlt in manchen Szenen etwas mehr Musik, weil es dadurch etwas trocken wirkt und ab und zu sind spezielle Effekte wie die Kameraaufnahmen, die auf den Bildschirmen erscheinen, ein wenig ablenkend, weil die Kinder unbedingt in den Aufnahmen erscheinen wollen.
Die letzte Szene ist sehr prägend, da die Zuschauerschaft aufgefordert wird zu tanzen und zum Schluss gibt es noch ein kleines türkische Dessert zum essen.
Zusammenfassend ist die Intention, dass es keine Rolle spielt, welche Identität man hat, wie Pembo sagt: „Ich bin ich“, dahinter sehr schön und es zeigt auch, dass wenn es einem nicht gut geht, sollte man reden und die schlechte Laune oder negative Energie nicht auf andere übertragen.
Meiner Meinung nach ist „Pembo - halb und halb macht doppelt glücklich“ sehr kindergerecht gestaltet, aber auch als Jugendlicher oder Erwachsener wird man Spaß beim Zuschauen haben.
2. Kritik zu „Pembo – Halb und Halb mach doppelt glücklich“ (10+), Junges Theater Ingolstadt
Von Laura Saldías Moreno
Mit dem Theaterstück “Pembo – Halb und Halb macht doppelt glücklich” schuf Autorin Ayşe Bosse ein Werk, das das Publikum nicht nur zum Lachen brachte, sondern es auch auf natürliche Weise mit einbezog. Obwohl das Stück in erster Linie in deutscher Sprache aufgeführt wird, wird teilweise auch türkisch, englisch und schwedisch gesprochen. Durch Körpersprache, Kontext und Erwiderungen auf Deutsch ist die Sprachbarriere für das Publikum ab zehn Jahren oder älter keine Schwierigkeit.
Pembo, gespielt von Çağla Şalin, ist Tochter einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters. Sie ist entsetzt, als die Familie von der Türkei nach Deutschland zieht und sie dabei Freunde und Verwandte in ihre Heimat zurücklassen muss. Pembo muss sich Herausforderungen wie der finanziellen Lage ihrer Eltern, Alltagsrassismus und der Frage nach ihrer eigenen Identität stellen.
Sobald das Publikum den Saal betritt, wird es gebeten, sich auf einzelne Kissen mitten auf der Bühne zu setzen, direkt neben den Schauspieler*innen. Wenn sie reden, tanzen und singen, sitzt man als Zuschauer also mitten im Geschehen. Auch mit Kameras und vier großen Bildschirmen am hinteren Teil der Bühne wird gearbeitet. Bei emotionaleren Szenen wirken die Bildschirme zur Vergrößerung und bei Erzählungen der Türkei als Heimatort werden zur Visualisierung historische Bilder eingeblendet. Jedoch bleiben die Bildschirme oft auch unbenutzt, strahlen manchmal nichts weiter als einen leeren Greenscreen aus. Und leider wird auch im Bereich des Soundtracks und Licht nur sehr wenig gemacht, wodurch es ab und zu an Atmosphäre fehlt.
Die Leistungen der Schauspieler*innen ist außerst beeindruckend und überzeugend. Sie arbeiten viel mit Körpersprache, Mimik, rhetorische Fähigkeiten und Sprachvariationen. Die schnellen Rollenwechsel, wenn einzelne Spieler mehrere Rollen spielen, sind dadurch stets verständlich. Auch durch interaktive Handlungen und Publikumsbeteiligung hat man das Gefühl, Teil des Stückes zu sein. Als Zuschauer wird man beispielsweise auch aufgefordert, zu tanzen und am Ende gibt es sogar etwas zu essen.
Am bemerkenswertesten ist jedoch die darunterliegende Message. Pembo lernt im Laufe des Stückes viel über ihre eigene Identität. Wie der Name „Halb und Halb macht doppelt glücklich“ es schon sagt, ist es nicht nötig, sich bloß einer einzigen Nationalität angehörig zu fühlen. Auch das Thema Geschlechterrollen wird angerissen. Als Mädchen verachtet Pembo alles stereotypisch „Mädchenhafte“, lernt aber, dass es nicht nötig ist, ihre Weiblichkeit deswegen komplett zu missachten und gibt sich damit zufrieden, dass nicht alles, vor allem nicht die eigene Identität in Schubladen gepackt und verallgemeinert werden kann und soll.
Zusammenfassend ist Pembo ein toll gespieltes Stück, das Kindern mit Humor, Tanz und Essen den Wert von Familie, Freude, Kultur, Heimat und Identität beibringt.
Kritik zu „Unsere kleinen Vorlieben / Nos petits penchants“ (7+), Cie. Des Fourmis dans la Laterne (FR)
Von Konstanze Sticht
Ein Verwandter oder Freund drückt dir ein Buch in die Hand. Auf dem Cover steht: „Soyez hereux!“ – Sei glücklich! Kann man das Glück aber so pauschal in einer Anleitung vermitteln?
Am vierten Februar wird abends im Theater Salz+Pfeffer ein Figurentheaterstück aufgeführt, ein faszinierendes Stück mit dem Titel „Nos petits penchants“ (dt.: Unsere kleinen Schwächen). Darin veranschaulichen drei Spieler der französischen Gruppe Des Fourmis dans la Laterne in einem Puppentheater, das ohne Worte auskommt, die Welt von „nos petits penchants“.
Die Hauptrollen sind sieben entzückende, handgemachte Puppen. Ihre Namen sind nur aus einem ergänzenden Heft bekannt, mithilfe von Geräuschen, Bewegung und teils Mimik wird den Figuren Leben und Menschlichkeit eingeflößt, auch wenn die Körper und Bewegungen der Figuren oft übertrieben und überzeichnet sind.
Als roter Faden zieht sich die Suche nach dem Glück durch das Stück. Ein Buch, „Soyez hereux“, soll mit sieben Regeln zum Glück verhelfen. Im Laufe des Stücks erkennen die Charaktere jedoch nach und nach, dass Glück nicht in übermäßigem Konsum, körperlicher Perfektion oder absoluter Kontrolle besteht. Stattdessen ist es die Nähe einer Katze, die (neu entdeckte) Liebe eines Partners oder die Hilfsbereitschaft des Nachbarn, die glücklich und zufrieden machen. Glück ist also vielfältig und individuell und kann nicht an Kriterien festgemacht und mithilfe von Regeln erlernt werden. Kritik übt das Stück damit am gesellschaftlichen Druck, der in Form von persönlicher Optimierung und Perfektion das Glück erzwingen will.
Eine der Figuren, Balthazar, verliert sich schließlich selbst unter diesem Druck, der durch eine kleine Puppenversion seiner selbst verkörpert wird, bis sich sein Zustand zunehmend verschlechtert. Doch dabei bleibt es nicht, die Heilung kommt in Form eines kleinen vierbeinigen Gefährten und eines Nachbarn.
Die drei Darsteller, Pierre-Yves Guinais, Yoanelle Stratman und Iseult Clauzier, erwecken das Stück durch flotte Figuren und magische Hände zum Leben. Mit winzigen Gesten, welche sich auch in den Gesichtern der Spieler widerspiegeln sowie mit Geräuschen, die Menschen und Tiere bewusst oder oft auch unbewusst von sich geben, zum Beispiel kurze Seufzer, ein Schrei, aber auch das Miauen einer Katze, animieren die Spieler ihre Figuren mit viel Hingabe. Jede Figur kämpft dabei mit ihrer jeweils eigenen Imperfektion, körperlich oder charakterlich, sodass es den Spielern gelingt, dass vor den Augen der Zuschauer jede Figur ein ganz eigenes Individuum wird. Die Bewegungen der Figuren sind fließend und erinnern oft an Clay-Motion-Filme, die Bewegungen so emotionsreich, dass man seinen Blick nicht von den faszinierenden Puppen nehmen kann und mag.
Nicht nur die Spieler und ihre Puppen tragen zu dieser magischen Atmosphäre von „nos petits penchants“ bei, sondern auch das fantastische Bühnenbild: Zwei Tische links und rechts auf der Bühne, auf denen sich kleine Szenen abspielen und in der Mitte der Bühne fünf große Objekte, die auf der einen Seite die Köpfe der Puppen, auf der anderen ihre Häuser abbilden. Diese Kopf-Haus-Objekte befinden sich fast bis zum Schluss des Stücks stets auf unterschiedlichen Höhen, thronen über dem Publikum und spielen darauf an, dass manche über den anderen stehen, besser sind als andere oder sich zumindest als übergeordnet fühlen. Die vermeintlich glücklichste Figur, der Autor des Buches „soyez hereux“ ganz oben, die ältere, griesgrämige Dame am weitesten unten. Die Dominanz der Objekte in der Mitte, die immer zwischen den Szenen, die sich rechts und links auf den Tischen abspielen, bespielt werden, legen den Schwerpunkt darauf, dass es den Figuren an Erkenntnis mangelt, wie das individuelle Glück zu erreichen sei. Am Ende erkennen alle Charaktere, dass sie ihre je eigene Reise zum Glück machen müssen und alle Köpfe, die zuvor auf unterschiedlichen Höhen angesiedelt waren, begeben sich symbolisch auf eine, die gleiche Ebene.
Die Lichter, die in den Häusern auf der Rückseite der Objekte zu sehen sind, sind von innen hübsch beleuchtet. Kleine Lichter spielen auch eine wichtige Rolle. Denn die Puppen glücklich darzustellen ist ohne beweglichen Mund und Gesichtszüge schwer zu erreichen, und so wird klar, dass die Figuren glücklich sind, indem kleine Lichter in der Nähe ihrer Herzen aufblinken.
Die unglaubliche Passion und Arbeit der Spieler und des ganzen Teams begeistern das Publikum und deshalb gibt es am Ende für die Aufführung, die mit viel Emotion, gesellschaftlicher Kritik und magischem Puppenspiel Jung und Alt gleichermaßen in seinen Bann zieht, zurecht großen und langen Applaus.
Kritik zu „Mitternacht / Minuit“ (7+), Rotondes, Florence Kraus, Gregoire Terrier, Sophie Taynal, Coline, Granpierre (LU/FR)
Von Angelina Konoshenko
Vermutlich kennt jeder Mensch folgende Situation: Man steht mit sich selber oder einer anderen Person in einem Konflikt und fühlt sich dabei förmlich zerrissen. Genau dieser innere Konflikt wird in dem Stück ,,Minuit” behandelt und mit der Kombination aus Musik und Illustration schafft es Regisseur Leo Thiebaut hier, auch ganz ohne Worte auf eine sehr gelungene und ästhetische Weise darzustellen, wie ein Junge den Weg der Zerrissenheit und letztendlich auch der Heilung geht.
Bei der Vorstellung des Stücks in der Kulturwerkstatt auf AEG am 05.02.2026 konnten die Zuschauer*innen erleben, wie man zu Beginn zunächst musikalisch in das Stück hineingeführt wird, bevor schließlich die Illustratorin Coline Grandpierre beginnt, die Geschichte des Jungen mit ihren Bildern zu erzählen. Mithilfe der Musik schaffen Florence Kraus am Klavier, Sopran- sowie Altsaxophon und Gregoire Terrier an der Gitarre von Beginn an eine sphärische Atmosphäre, welche einen direkt in ihren Bann aus Jazz und elektronischer Musik zu ziehen scheint. Die richtige Erzählung der Geschichte beginnt, sobald die Illustratorin mit ihren ersten Zeichnungen beginnt: Sie zeichnet live die Bilder des Jungen und seiner Gedanken- und Gefühlswelt, wobei die Musiker diese immer mit ihren Instrumenten und auch durch verschiedene Percussion-Werkzeuge untermalen und die Dramatik der Geschichte unterstützen.
Das Bühnenbild ist sehr schlicht gestaltet: Auf der Fläche selbst befinden sich zwei Tische mit den Instrumenten und Werkzeugen der drei Schauspieler und an einem Bildschirm an der hinteren Wand kann man den Zeichenprozess der Illustratorin mitverfolgen, welche mit verschiedenen Farben, Stiften und teilweise auch mit einem Tablet arbeitet. Die jeweils handelnden Akteure werden beleuchtet, sonst passiert auch im Bereich des Lichtes nicht viel.
Gesprochen wird nicht: Dennoch schaffen es die drei Schauspieler rein durch das Bedienen ihrer Instrumente oder durch die Art des Zeichnens, verschiedene Stimmungen mitreißend rüberzubringen. Besonders begeistern konnte das Zusammenspiel der Schauspieler: Allen dreien konnte man ansehen, dass ihnen der Prozess auf der Bühne Freude bereitet und die freundschaftliche Harmonie zwischen ihnen war deutlich spür- und sichtbar.
Die Botschaft des Stückes wird in Anbetracht all dieser zusammenkommender Komponenten schließlich wirklich schön und plausibel rübergebracht: Der Mensch muss lernen, mit seinen Emotionen und Gefühlen umzugehen: Sowohl mit den ,,bösen/schlechten”, als auch mit den ,,guten”. So kann die Person schlussendlich als die Persönlichkeit, die sie ist, existieren, ohne eine der beiden Hälften verdrängen zu müssen.
Auch die Größe des Interpretationsspielraumes hat in der Aufführung gefallen: In vielen Momenten wird es der Fantasie der Zuschauer überlassen, was oder auch wer z.B. der Auslöser einer Konfliktsituation ist; so wird einem die Möglichkeit geboten, mit eigenen Gedanken selbst mitzuwirken.
Abschließend kann die Empfehlung für dieses Stück nur noch einmal betont werden: Sowohl für Kinder als auch für ältere Leute geeignet, schafft ,,Minuit” es, die Zuschauer mit seiner eigenen Ästhetik und Atmosphäre in den Bann zu ziehen, ohne die Bedeutung der Geschichte außer Acht zu lassen.
Kritik zu „Der bleiche Baron / De bleke Baron“ (8+), Kopergietery (BE)
Von Valentina Frei
“Die Welt ist ein Laden und ein Laden soll laufen!”, so lautet das Motto des Unterwasserstaates, der einer Diktatur nur zu ähnlich zu sehen scheint. Hier leben die zwei Musiker Felix, gespielt von Joeri Cnapelinckx, und Felka, gespielt von Anna Vercammen. Zusammen rebellieren sie gegen den Staat und werden in der aufkommenden Spannung immer mehr mit Gefahren durch Gesetze des auf der Bühne nie zu sehenden Staatsoberhauptes, dem überlegenen bleichen Baron konfrontiert.
Auf einer vom Staat gefertigten Liste stehen alle “Minderwerte”, vor allem Dichter und Künstler, die nichts Besonderes zu leisten scheinen, und deshalb vermeintlich nicht in den Unterwasserstaat gehören. Die Bürger der Unterwasserstaates werden in zwischendurch eingespielten, propagandistischen Radiosendungen dazu aufgefordert, solche Personen zu melden. Felka ist als eine, die nicht im Unterwasserstaat geboren ist und als Musikerin sogar doppelt von der angedrohten Entfernung aus dem fiktiven Staat betroffen.
Im Laufe der Geschichte verschlimmert dich die Situation im Land und die Rechte der sogenannten Minderwerte werden immer mehr eingeschränkt. Im Land dürften diese nur bleiben, wenn sie einen Nutzen bringen. Der Mensch wird hier also deutlich auf seine Leistung und Nützlichkeit reduziert.
Aber auch dass die Meinungsfreiheit in der Unterwasserwelt deutlich eingeschränkt ist, wird den Zuschauern von Beginn an vermittelt. So erinnern verschiedene Aspekte an einen typischen autoritären Staat.
Die geschickte Thematisierung von Entwurzlung, Diskriminierung und einem ungleichen Machtverhältnis zwischen Staat und Bevölkerung in Kombination mit live gespielten Songs, die politische Texte haben, ist beeindruckend. Zusätzlich bringen humorvolle Wortspiele ansprechende Kontraste zu dem ernsten Inhalt.
Viele Kinder im Publikum scheinen noch nicht mit solchen Themen konfrontiert worden zu sein, vielleicht ist die Kritik des Stücks an autoritären Systemen aber für die Kleinen auch recht klar und verständlich ohne pädagogische Einordnung. Dennoch ist wichtig, dass sie bereits im Grundschulalter in Berührung damit kommen und sich der Relevanz von Menschenrechten und Demokratie bewusst werden.
Die zu Beginn interaktive Einbeziehung des Publikums sorgt vor allem unter den Kindern für Freude und Aufregung. Doch Bühneneffekte, wie unerwartet aufleuchtendes Licht führen zu Schrecken und Unbehagen unter den Kindern, die teils laute und rockige Musik wirkt sehr anregend und so herrscht immer wieder große Unruhe im Publikum, die nicht immer leicht einzufangen ist von den Spielern und ihrer Geschichte.
Die Parabel lässt mit einem offenen Ende einen weiten Raum für eigene Interpretation und bringt den Zuschauer zum Nachdenken.
Vielleicht bringt das Stück mehr junge Leute dazu sich Gedanken darüber zu machen, in welcher Gesellschaft wir jetzt und zukünftig leben wollen.
Kritik zu „Symphonie der Sägespäne / Sawdust Symphonie“ (8+), Michael Zandl, David Eisele, Kolja Huneck (AT/DE/NL)
Von Elias Bohne
Drei Männer, begeisterte Heimwerker, die sich eher ihrem Impuls, anstatt ihrer Vernunft bedienen, kommen hier zusammen und verdrehen einem jeden Zuschauer und Zuhörer den Kopf, weil sie durch ihre Willkür und die anscheinend fehlende Handlung, jeder Logik trotzen. Dennoch sieht man gebannt dem Stück zu, welches durch mehrere witzige Szenen raffiniert die Spannung und damit auch die Konzentration hält. Aufgeführt wird dieses Stück zum diesjährigen Panoptikum 2026 in Nürnberg, die Namen der drei Künstler sind Michael Zandl, David Eisele und Kolja Huneck.
Am Anfang ist die Geschichte des Stücks recht einfach. Mit viel Ruhe und Gelassenheit kommen die drei Künstler auf die Bühne und fangen an, mit Holz einen Stuhl zu bauen und zwar im Wettstreit, wer der erste sei und wer am besten bauen könnte. Ab dann gibt es nur noch Chaos. Durch versteckte Eingänge auf der Bühne verschwinden die drei Schauspieler immer wieder und oft sieht man nur einen von Ihnen auf der Bühne. Die drei stellen dabei auch jeweils verschiedene Interessen da. Einer von ihnen ist der typische begeisterte Handwerker, der mit Ruhe und großer Hingabe auf der Bühne werkelt. Der nächste liebt seinen Hammer und hat ein persönliches Problem mit Nägeln. Der letzte hingegen springt geradezu immer auf die Bühne, getränkt in Leim. Dieser kann wohl gar nicht genug davon haben, sich in seinem Leim zu suhlen. So wechseln sich alle drei Schauspieler immer wieder gegenseitig ab, und man erfährt über alle drei Persönlichkeiten etwas Neues.
Auch unter der Bühne geschieht viel Magie. Aus dem Nichts kommen Nägel hervor, aus dem Nichts fliegen Hammer herum und die Schauspieler springen durch versteckte Ein- und Ausgänge. Andererseits versuchen unsere drei Künstler zwar, die Spannung mit stetigen Witzen zu halten. Dennoch sind die Szenen manchmal langatmig und schon nach der Hälfte der Aufführung Zeit wünscht man sich, es würde etwas Neues dazukommen oder das Stück würde enden. Zudem fehlt ein klarer Handlungsstrang und dadurch scheint das Ende sehr abrupt und nicht wirklich überraschend. Die drei Handwerker sind dann wieder zusammen auf der Bühne und gehen jeder seiner eigenen Tätigkeit nach. Keine Überraschung, keine Dialoge, dafür aber viele Fragen. Schauspielerisch und artistisch gesehen, leisten die drei Männer bemerkenswertes. Empfehlenswert ist dieses Stück allerdings nur für jene, die etwas Neues sehen wollen, Fragen nach einem tieferen Sinn sollte man sich aber nicht stellen.
2. Kritik zu „Symphonie der Sägespäne / Sawdust Symphonie“ (8+), Michael Zandl, David Eisele, Kolja Huneck (AT/DE/NL)
Von Emelie Engel
Kennen Sie vielleicht den nerdigen Nachbarn von nebenan, der für nichts außer seiner Leidenschaft zu leben scheint? Darin so aufblüht, als sei es sein Ein und Alles? Vielleicht ist es auch ihr Onkel, ihre beste Freundin, oder sogar Sie selbst? In „Sawdust Symphony“ übernehmen diese Rolle drei Heimwerker, gespielt von Michael Zandl, David Eisele und Kolja Huneck. Und während sie sägen, hämmern oder kleistern, liegt immer eine Prise Konkurrenz in der Luft.
In „Sawdust Symphony“ erwartet das Publikum kein klassisches Theaterstück, viel mehr eine Art Zirkus mit Tanz, Akrobatik und Zaubertricks. Diese führen die drei Darsteller gekonnt dem Publikum vor. Auch Special Effects sorgen für Überraschungen. Die Charaktere werden konsequent stark überzeichnet, was zu einer Wiedererkennung beim Publikum führt. Doch dieses wird manchmal mit zu wenig Abwechslungsreichtum gespielt, was dem Ganzen etwas den Witz nimmt. Dasselbe gilt auch für die Handlung, in der sich die Witze wiederholen und die Szenen manchmal zu lange andauern, was dazu führt, dass die Aufmerksamkeit nachlässt.
Außerdem fehlt dem Stück ein klarer Handlungsstrang. Nichtsdestotrotz herrscht ein gewisser Aufbau, indem am Anfang alle Heimwerker auf der Bühne erscheinen und die bestehende Konkurrenz vermittelt wird. Im Laufe des Stückes treten die Spieler größtenteils alleine auf und zum Ende hin finden sich nacheinander alle wieder auf der Bühne ein.
Ein wichtiger Bestandteil des Stückes ist der vielfältige Gebrauch von Humor und Ironie. Hier darf nichts allzu ernst genommen werden. Der leichte Humor von zweien der Heimwerker steht im starken Kontrast zu dem speziellen Humor des Dritten. Schon zu Beginn hebt dieser sich von den beiden anderen ab und zeichnet sich durch schwarzen, teilweise brutalen und ekelerregenden Humor aus.
Zusammenfassend betrachtet ist „Sawdust Symphony“ ein Stück, dessen Umsetzung sicherlich nicht jedem gefällt und nicht unbedingt für Kinder geeignet ist. Denn neben den einzelnen, manchmal langatmigen Szenen und dem teilweise sehr lauten Sound ist der spezielle Humor nicht auf Kinder zugeschnitten. Eher geeignet ist es deshalb für Jugendliche und Erwachsene.
Kritik zu „18‘ 34“ / 18 Minuten 34 Sekunden“ (9+), Cie. Arcosm (FR)
Von Laura R.
Das Gefühl, Letzter zu sein – eine Last, die jeden schon einmal in irgendeiner Hinsicht begleitet hat. Der Spott, die Missgunst und die Abwertung anderer Menschen ziehen einen in tiefen Frust. In dem Stück „18’34“, einem Tanztheater unter der Regie von Bertrand Guerry, choreografiert von Thomas Guerry und gezeigt im Rahmen des Panoptikum Theaterfestivals, wird eben diese Situation Elliots durch Tanz beschrieben. Er ist der Letzte, der mit einer Zeit von 18 Minuten und 34 Sekunden den Crosslauf in der Schule vollendet. Der Argwohn seiner Mitschüler wird immer größer. Jeden Tag landet er auf dem Boden. Er möchte diesen Kreislauf durchbrechen, ein Leben in Schnelligkeit führen. Doch ein solches Leben bringt gravierende Folgen mit sich: ständige Eile, Termindruck und willenslose Zombies, die ihm hinterherrennen und ihn bedrängen.
Neben dieser potenziellen Zukunft schwebt eine gegensätzliche im Raum – voller Achtsamkeit, Ruhe und Ausgeglichenheit. Ab der Hälfte des Stücks steigert sich dieser ständige Vergleich, bis schließlich verschiedene Umgangsweisen mit dem Tod der Mutter porträtiert werden. Schließlich begibt sich Elliot wiederum in seinen seelischen Rückzugsort – die Hütte im Wald.
Insgesamt ist das Stück definitiv sehenswert. Die tänzerische Leistung der Cie Arcosm ist meisterhaft expressiv, ebenso wie die Choreografie. Das vielseitige Bühnenbild wurde sehr ausgeklügelt und kreativ gestaltet – mit einer Art Pausenhof, Umkleidekabine und Pausenraum. Durch einen milchigen Vorhang, auf den ein Beamer strahlte, wurde eine seelische Mauer dargestellt, die Elliot am Höhepunkt seiner Trauer durchbricht. Der Projektor zeigt sowohl vorproduzierte Filme als auch Livebilder der Bühne aus verschiedenen Winkeln, was sehr schöne Perspektiven in das Stück bringt.
Besonders ausdrucksstark wird die Szene des Todes der Mutter dargestellt – mit einem in der Hälfte geteilten Film. Der Kontrast zwischen dem kühlen Chef im Büro, der sogar für den Tod seiner eigenen Mutter einen Termin braucht, und dem warmherzigen Sohn, der sich voller Liebe um seine sterbende Mutter kümmert, ist eindrucksvoll. Leider gibt es einige Unverständlichkeiten mit dem Übersetzungstext, da sich in besonders lauten Szenen und im Laufe des Stücks der französische Originaltext mit der Übersetzung zu einem fast unverständlichen Sprachgemisch vermischt, sodass die Handlung beinahe ausschließlich an den tänzerischen Anteilen abzulesen war.
Dieses Stück ist trotzdem weiterzuempfehlen, da es auf die aktuell weit verbreitete Hektik des Alltags aufmerksam macht und zu mehr Gelassenheit auffordert. „18’34“ zeigt, dass nicht alles im Leben schnell verlaufen muss, denn das wahre Glück liegt oft in anderen Dingen.
Kritik zu „Ginger“ (4+), Nevski Prospekt (BE)
Von Ela F.
Jeder hat ein Idol, Träume und Wünsche, denen er nacheifert oder an denen er sich orientiert. Ives Thuwis hat auch einen Traum: Er möchte noch einmal wie Ginger Rogers aus dem Film „Cheek to Cheek“ tanzen.
Zusammen mit Jotka Bauwens durchlaufen beide einen Rollenwechsel nach dem anderen. Viele verschiedene Requisiten sind Hauptbestandteil der Vorführung, vor allem Klamotten und Accessoires. Mal sehen wir ein freizügiges Outfit, mal zieht sich Ives eine Glitzerhose über den Kopf. Ihr Verhalten wirkt wie ein Katz-und-Maus-Spiel; sie jagen sich, sie necken sich, sie albern herum und haben Spaß zusammen.
Oftmals taucht Ginger Rogers mit ihrem Tanzpartner auf – projiziert auf verschiedene Flächen, nicht nur auf Leinwände, sondern auch auf Kleidungsstücke und sogar die Glatze von Ives Thuwis. Ives' Traum wird durch diese Projizierungen dem Publikum immer wieder ins Gedächtnis gerufen. Das Publikum lacht häufig, das Stück erzeugt eine gute Stimmung. Die immer wieder wechselnde Musik hält diese Stimmung aufrecht und macht Lust zu tanzen.
Das Ensemble weiß, dass es eine enorme Körperkontrolle hat und wie es sich zu bewegen hat. Es fällt auf, dass Jotka oft in Männerrollen schlüpft und Ives in die von Frauen. Ein schöner Wachmacher: „Sei, wer du möchtest!“
Ives' Traum erfüllt sich zum Schluss: Er tanzt genau wie Ginger in einem schönen, weißen Federkleid. Jotka zieht ein Sakko an und ist Ives’ Tanzpartner. „Ginger“ ist ein sehenswertes Stück, das zum Schmunzeln einlädt!
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