Die richtige Zeit für analoge Musik: Rebecca Treschers Treasure Records
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Es gibt, muss man ehrlicherweise sagen, nicht sehr viele Musiker:innen, die aus dieser Stadt kommend überregional oder gar international für Aufsehen sorgen. Rebecca Trescher ist eine von ihnen. Hervorgegangen aus der HfM-Schmiede, an der sie heute auch lehrt, hat sie in den vergangenen Jahren neun Alben aufgenommen und u.a. den Deutschen Jazzpreis gewonnen. Der nächste Schritt der Unternehmerin heißt Treasure Records, ihr eigenes Label. Und das ist in den heutigen Zeiten? Wir reden drüber.
CURT: Rebecca, Du hast ein Label gegründet, warum?
REBECCA TRESCHER: Weil ich das Bedürfnis nach mehr Autonomie hatte, danach, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und die volle Transparenz zu gewinnen. Ich habe neun Alben bei super Labels veröffentlicht, konnte aber nie so richtig hinter die Kulissen schauen. Dieses Jahr werde ich 40 und dachte mir: Wenn nicht jetzt, wann dann? Mein zehntes Album möchte ich auf meinem eigenen Label veröffentlichen. Ich konnte mir in den vergangenen 15 Jahren ein riesiges, europaweites Netzwerk aufbauen, jetzt möchte ich das weitergeben. Treasure Records ist deshalb auch ein Label für Kolleginnen und Kollegen, für etablierte, aber auch für diejenigen, die gerade erst an den Start gehen. Seit ich an der Hochschule für Musik lehre, sehe ich, wie wichtig es ist, junge Talente zu fördern. Wir leben in einer Zeit, in der alle die ganze Zeit gestresst auf dem Handy herumscrollen. Vielleicht ist das der perfekte Moment, um analoge, selbstgemachte Musik in die Gesellschaft zu tragen und wieder für ein bewusstes Zuhören zu werben.
Wie wählst du aus, wen du veröffentlichst?
Ich fühle hin, wie die Musik mit mir als Musikerin, Komponistin und Instrumentalistin resoniert, doch ich bin grundsätzlich offen. Wichtig sind mir künstlerische Qualität, Authentizität und Individualität. Treasure Records soll ein Kreativ-Label sein für Musik, die berührt und eine Geschichte erzählt. Gerade in Zeiten, in denen man wieder für ein Miteinander werben muss, ist Offenheit wichtig. Ich habe das Label im Frühjahr gegründet, arbeite an den ersten Veröffentlichungen und mir wird bereits die Bude eingerannt. Das hätte ich so nicht erwartet.
Labelchefin ist ein anderer Beruf als Komponistin oder Dozentin. Woher kannst du das?
Für mich ist es nicht sehr anders. Als freischaffende Jazzmusikerin ist die administrative Seite und die Selbstvermarktung schon immer ein wichtiges Thema. Für Profi-Musiker:innen ist es wichtig zu wissen: Was ist mein Profil, meine Marke? Damit habe ich mich immer auseinandergesetzt. Für mein Tentett habe ich immer alle Aufgaben selbst übernommen: Tourplanung, Logistik, das Bestücken von Journalisten … Ich war also immer auch Unternehmerin und habe immer sehr viel selbst investiert. Die Labelgründung ist wieder ein Investment und kostet mich viel Energie. Aber ich habe große Lust, das zu machen, weil ich eine Macherin bin. Neu sind Details wie: Wie funktionieren Playlists, was ist Pitching, wie arbeitet ein Algorithmus? Ich habe aber für meine Musik einen digitalen Vertrieb, dadurch kann mein Label weltweit sichtbar werden. Mit einem physischen Vertrieb bin ich gerade dabei zu verhandeln.
Produzierst du auch oder was bietest du konkret an?
Wenn Musiker:innen zu mir kommen, möchte ich zuerst den Klang, die Abmischung ihrer Musik hören, aufgrund dessen entscheide ich, ob es passt und sich stimmig anfühlt. Das bedeutet, das Recording und die Musiker:innen, die auf der Aufnahme spielen, sind bereits bezahlt worden. Dann sprechen wir über das Mastering. Ich stelle die Infrastruktur für digitalen und physischen Vertrieb, kümmere mich um ein kleines Promo-Paket für Journalist:innen. Ich habe einen Grafiker und einen Texter und lasse das auch ins Englische übersetzen. Ich plane vier bis sechs Veröffentlichungen pro Jahr, damit ich bei jeder Produktion mit Herzblut dabei sein kann. Bei jeder Veröffentlichung gibt es, wie man das sonst eher bei Pop-Projekten kennt, ein bis drei Single-Releases, die auf das Album vorbereiten. Bei der zweiten Veröffentlichung von der Musikerin Tabea Kind wird es auch Vinyl geben. Und: Auch wenn viele Leute gar keinen CD-Player mehr haben, wird bei Konzerten gern die Möglichkeit genutzt, mit den physischen Tonträgern die Künstler:innen direkt zu unterstützen.
Das ist alles andere als Mainstream, wie findet diese Musik ihre Hörer:innen? Ist das in Zeiten von Streaming und wegfallenden Printmedien schwieriger oder leichter?
Weder noch. Ich selbst bin z.B. euphorisch, was die Plattform Bandcamp angeht. Da bin ich selbst als Künstlerin und erreiche dadurch Hörer:innen in der ganzen Welt. Es gibt weltweit Menschen, die große Lust haben, Neues zu entdecken. Darin sehe ich gerade eine Transformation der Musiklandschaft, die auch Chancen birgt. Die Musik, die ich veröffentlichen will, ist dabei weder Nische noch Avantgarde. Ein Großteil der Menschen denkt, Jazz sei schräg oder sperrig, aber das ist ein Vorurteil. Ich habe das Gefühl, es gibt in allen Genres sowohl furchtbare Musik, als auch eben ganz fantastische Musik, die berührt, belebt und den Geist öffnet. Durch Streaming-Plattformen hat man heute schon auch ganz andere Chancen zu wachsen und junge Leute zu erreichen, die z.B. niemals in einen Jazzkeller gehen würden. Übrigens finde ich, aktueller Jazz gehört ans Tageslicht, mitten in die Gesellschaft, die Musik ist am Puls der Zeit und ich kann nur allen empfehlen, sich darauf einzulassen, ohne zu früh zu kategorisieren.
Wie finanzierst du das und ist das mit großem persönlichen Risiko verbunden?
Nein, ich investiere vor allem meine Zeit. Für gewisse Dinge muss ich natürlich in Vorkasse gehen. Mir war es z.B. wichtig, eine Webseite zu gestalten, von Anfang an eine gute Infrastruktur aufzubauen. Das ist alles aus eigener Tasche finanziert. Die einzelnen Posten sind dabei nicht so teuer, aber in der Summe habe ich gestaunt, was alles zusammenkommt. Es ist eine große Portion Idealismus dabei.
Die ersten Veröffentlichungen kommen von Anton Mangold, Tabea Kind und Rainer Böhm, wie würdest du deren Musik beschreiben?
Anton Mangolds Musik ist zeitgenössischer Modern Jazz, Groove-orientiert, energiegeladen, voller Spielfreude. Er lebt in Würzburg und vergleicht sein Komponieren und Spielen mit dem Gärtnern: wild, floral, belebend und zugleich beruhigend. Das finde ich sehr treffend. Für mich ist er ein Ausnahmemusiker, der schon viel zu lange unter dem Radar fliegt. Er selbst spielt großartig Saxophon, aber auch Flöte und Harfe.
Die Kontrabassistin Tabea Kind hat ein spannendes Konzept für ihr Album mitgebracht: Sie spielt ihre Songs zuerst alleine am Klavier in intimer Atomsphäre, bei zwei Stücken singt sie auch. Anschließend hören wir dieselben Stücke noch einmal, aber doch ganz anders, in einer Triobesetzung mit einem anderen Pianisten, Schlagzeug und Tabea nun am Kontrabass. Ganz neu, frisch und total spannend gestaltet.
Und Rainer Böhms Sextett Musik ist ein Livekonzert-Mitschnitt, sehr direkt und mitten aus dem „echten Leben“. Die Platte ist an zwei Abenden im renommierten Jazzclub Bird’s Eye Basel entstanden, mit einigen der herausragendsten europäischen Improvisatoren unserer Zeit. Die Musik lebt von der Live-Energie, den elaborierten Kompositionen und den starken Solisten, die sehr risikoreich agieren. Die Platte hat eine ganz eigene Stimmung, melancholisch, aber total befreiend, mit einer Nähe, die mich berührt. Unbedingt alle drei Alben kaufen – ich freue mich über euer Feedback.
Du hast die Erfahrung aus neun Alben. Was macht ein gutes Label aus?
Dass es Künstler mit ihrer Musik präsentiert, bestenfalls mehrmals. Außerdem, dass Sichtbarkeit da ist, durch die neue Zuhörerschaft und auch neue Veranstalter:innen gewonnen werden. Ich möchte, dass Jazz endlich Teil von „Hochkultur“ wird und Treasure Records z.B. eine Label Night in einem Theater oder auf einer Sommerbühne veranstalten kann. Ich möchte als ein Mosaikstein dazu beitragen, Künstler:innen und ihre Musik bekannter zu machen. Und gleichzeitig ist es auch ein Experiment: Was kommt über Streaming am Ende wirklich rein? Gibt es noch ausreichend Käufer:innen für Vinyl, damit man wenigstens „null auf null“ herauskommt? Letztlich möchte ich ein Label von einer Musikerin für Musiker:innen sein und in der Hinsicht ein paar Sachen neu denken. Ich bin sehr gespannt, was die Zukunft bringt.
Wir ebenso. Viel Erfolg!
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Rebecca Trescher
ist an der Nürnberger Hochschule für Musik ausgebildete Klarinettistin und Jazz-Komponistin. Seit 2009 ist sie mit verschiedenen Ensembles national und international unterwegs. 2015 gab es dafür den Kulturpreis der Stadt Nürnberg, 2017 den Bayerischen Kunstförderpreis. 2022 wurde sie vom Magazin Down Beat als Rising Star ausgezeichnet und gewann den Deutschen Jazzpreis für die Komposition des Jahres und den Neuen Deutschen Jazzpreis für ihre Arbeit mit dem Rebecca Trescher Tentett.
Treasure-Records Künstler Anton Mangold ist ab 10.08. auch Teil der Zikaden im Kunstverein Kohlenhof.
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