Theater Rote Bühne/Julia Kempken: Eine unverbesserliche Optimistin
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Ein Südstadt-Souterrain im Hinterhof: Lampen aus buntem Glas über der Theke, rotes Plüsch, ein Sofa in Satin, ein Hauch vergangener Zeiten. Und: eine Bühne. Hier wird seit 20 Jahren Kleinkunst gemacht, getanzt, gezaubert, Kabarett und Theater veranstaltet. Maßgeblich von Julia Kempken, der Gründerin und ersten Vorsitzenden dieses versteckten Juwels: des Theaters Rote Bühne.
Interview von Andreas Thamm
CURT: Julia, Deine Eltern waren gar nicht begeistert davon, dass du die künstlerische Laufbahn einschlägst, obwohl dein Vater selbst Schauspieler war. Wie war das? Was hätten die sich lieber gewünscht für dich?
JULIA KEMPKEN: Einen ordentlichen, anständigen Beruf, wo man Sicherheit hat, wo man Geld verdient und nicht diese Unsicherheit des Schauspieler-Daseins. Letztendlich ist es ein Nomadenleben. Wir sind viel umgezogen im Laufe meiner Kindheit, mein Vater wusste, wie schwer der Beruf ist, auch psychisch. Meine Eltern haben versucht, darauf hinzuwirken, dass die Tochter einen anderen Weg einschlägt.
Bist du durch die Arbeit deines Vaters infiziert worden?
Ich denke schon. Ich war als Kind oft im Theater. Diese Welt hat mich sehr begeistert. Initialzündung war dann, wie bei vielen, die Schultheatergruppe. Ich merkte, da habe ich ein Talent, da fühlte ich mich plötzlich frei. Das sah mein Vater nicht so. Im Nachhinein kann ich es nachvollziehen: Wenn man Profi ist und sich Laienaufführungen anschaut, selbst wenn es die eigenen Kinder sind – man leidet. Und da er ein sehr ehrlicher Mensch war, hat er mir direkt gesagt: Das war jetzt nicht so doll. Als Jugendliche kriegt man da einen ordentlichen Dämpfer. Deshalb hat es auch eine Weile gedauert, bis ich mich tatsächlich entschlossen habe, Schauspiel zu professionalisieren.
Das heißt, du hast erst einen anderen Weg eingeschlagen?
Genau: Kinder kriegen (lacht). Ich bin schon kurz vorm Abitur schwanger geworden. Damals gab es noch keine Kitas oder so. Mit Baby studieren ging also nicht. Das zweite Kind kam kurz darauf. Und dann war ich erst mal Hausfrau und Mutter. Ich habe dann schnell gemerkt: Das ist auf Dauer nicht mein Ding. In dieser Zeit wurde ich von der Ehemaligengruppe des Schultheaters angesprochen, ob ich bei ihrem Straßentheater mitmachen möchte. In der Gruppe war unter anderem auch Oliver Tissot dabei. Durch ihn bin zum Stepptanz gekommen. Es hat sich schnell herauskristallisiert, dass Olli und ich gut miteinander können. Wir haben das Tanzen mit Comedy und Slapstick verbunden und ein abendfüllendes Programm fürs E-Werk gemacht. Dann sind wir als The White Hot Pepper Steppers über die Kleinkunstbühnen der Region getourt.
Wie wurde dann eine Karriere daraus?
Ich wollte mehr, habe Gesangs- und Schauspielunterricht genommen. Olli hat sich mit einem Grafikbüro selbstständig gemacht und sich später eher in Richtung Wort-Kabarett entwickelt. Und ich habe dann eigene Programme gemacht. Aber natürlich ist man als Mutter angebunden, zumal ich Mitte der 90er nochmal zwei Kinder bekommen habe. Da kann man nicht durch die ganze Republik touren. Wenn man hartnäckig nachfragte, kam man einmal im Jahr ins Burgtheater, in Fürth in den Schlachthof, in Erlangen ins Fifty-Fifty.
Es war ein sehr mühsames Brot. Parallel dazu habe ich Stepptanz unterrichtet. 1997 habe ich mich mit einem Stamm von rund 100 Schülern selbstständig gemacht und mir hier in der Vorderen Cramergasse einen eigenen Raum gemietet. Letztes Jahr habe ich die Schule an ein junges Führungsteam übergeben, unterrichte aber noch. Heute ist die Tanzfabrik Nürnberg die Schule mit dem vielfältigsten und größten Angebot in der Metropolregion.
Wie wurde dann deine eigene Kleinkunstbühne daraus?
Die Tanzschule ist gewachsen. Studio 2 und 3 kamen dazu. An den Wochenenden machte ich hier Veranstaltungen, wenn internationale Tanzdozenten zu Gast waren. Konzerte mit Stepptanz, begleitet z.B. von Budde Thiem, Jogo Pausch, Michael Flügel. Irgendwann habe ich gedacht: Warum sollte ich nicht hier auch mein aktuelles Soloprogramm zeigen? Nächster Gedankengang: Dann mache ich gleich eine eigene Bühne mit eigenem Namen draus. Ich war damals, 2006, häufig in Berlin, weil meine Tochter dort Schauspiel studierte, und bin bei Open Stages aufgetreten. Backstage habe ich tolle Künstler kennengelernt, die ich dann direkt fragte: Habt ihr nicht Lust, mal nach Nürnberg zu kommen? So hatte ich schon gleich zu Anfang Bodo Wartke hier. Auch der Egersdörfer, Bernd Regenauer und Lizzy Aumeier waren ziemlich schnell dabei. Ich wollte gute, niveauvolle Künstler:innen präsentieren, in der Hoffnung, dass das fränkische Publikum das zu schätzen weiß.
Hat das Publikum euch denn auch schnell gefunden?
Es war und ist sehr schwer, Publikum zu bekommen. Leider haben viele Leute in Nürnberg auch in 20 Jahren noch nichts vom Theater rote Bühne gehört. Wir können wenig Werbung schalten, Mundpropaganda dauert lange. Trotzdem waren wir ein Türöffner oder Entdecker von neuen Talenten. So z.B. Tina Häussermann, Sarah Hakenberg und Ulan & Bator, die hier ihre ersten abendfüllende Auftritte hatten und dann leider zum Burgtheater wechselten.
Irgendwann hast du auch mit eigenen Theaterproduktionen angefangen.
Genau. Am Anfang habe ich hier, neben den Gastspielen, meine eigenen Kleinkunstprogramme. Mit meiner Tochter Maria habe ich Tanz- und Comedyprogramme gemacht. 2010 habe ich dann das erste eigene Theaterstück produziert: „Weiter nix wie bloß leem!“. Zwei Jahre zuvor begann allerdings schon die Erfolgsgeschichte unserer Burlesque-Shows. Da kommen die Leute aus ganz Deutschland. Zum zehnjährigen Jubiläum 2016 wollte ich wieder eine Theaterproduktion machen. Da ich mich viel mit der Stadtgeschichte Nürnbergs auseinandersetze, vor allem mit der Zeit der Weimarer Republik, dem Umbruch zum Nationalsozialismus, dazu kam meine Liebe zu den alten Revue-Jazz-Filmen und zur Swingmusik, habe ich mich gefragt: Wie kann ich das alles in einem Stück verbinden? Also verortete ich die Geschichte in einem kleinen Kellerkabarett im Nürnberg der 1920er Jahre, in dem politisches Kabarett, frech-frivole Tänze, Jazzmusik usw. aufgeführt werden. Das Stück Die Blechtänzerin spielt dann konkret 1932/33 und dieses Theater bringt all das auf die Bühne, was der NSDAP verhasst war. Zusammen mit Christian Schidlowsky, einem Regisseur und Autor, den ich schon sehr lange kenne, habe ich mich da rangewagt. Ein gutes Jahr lang haben wir dieses Stück entwickelt und die Fakten von einem Mitarbeiter des Dokuzentrums checken lassen. Es sollte alles historisch stimmen: die Straßenschlachten in Nürnberg, die Orte, an denen sich die NSDAP getroffen hat, welche Künstler damals unterwegs waren.
Das Stück wurde dann sogar zu den Bayerischen Theatertagen eingeladen. Die Finanzierung war das größte Problem. Fast zwei Jahre lang waren wir damit beschäftigt, Sponsoren und Stiftungen zu finden. Das ist in der freien Szene leider üblich und wird immer schwieriger.
Ergeben sich dann durchs historische Nürnberg automatisch Bezüge zur Gegenwart?
Wir haben vor zehn Jahren in Die Blechtänzerin ganz bewusst Parallelen aufgezeigt. Da ging der Rechtsruck erst los. Wir waren erschüttert und hätten uns trotzdem nicht vorstellen können, wohin das dann tatsächlich führt. Eine durchaus politische Ausrichtung unseres Theaters ist das eine, der andere Fokus liegt auf starken Frauenfiguren. Was im traditionellen Theater nicht so häufig der Fall ist. Ich habe das nicht bewusst entschieden: Es war für mich das Natürlichste der Welt, nicht zu 90% Männer zu engagieren. Weil ich gesehen habe, dass es wahnsinnig viele gute Frauen gibt. Und wenn ich ins Programm des Nürnberger Burgtheaters schaue, bin ich immer noch erschüttert: Da sind zu 90 % Männer. Ich verstehe es nicht.
2013 und auch 2025 hast du Alarm geschlagen, weil das Theater in Existenznot geraten ist. Wie geht es euch jetzt?
Im Moment geht es uns gerade noch gut. Wir haben letztes Jahr überraschenderweise einen Zuschlag vom Freistaat für eine Förderung bekommen, die es uns ermöglichte Romeo und Julia zu produzieren und neu schreiben zu lassen. Von Anette Röckl, denn das Stück hat den Untertitel „fränkisch reloaded“, unterstützt von Christian Schidlowsky, der auch in dieser Jubiläumsproduktion die Regie führt. Mitte des Jahres läuft diese Förderung leider aus. Wir müssen jetzt unser Programm für die nächste Spielzeit ab Herbst reduzieren. Das ist die einzige Möglichkeit, Geld zu sparen, wenn man nicht Personal entlassen will.
Ursache ist die zu geringe institutionelle Förderung?
Die ist zu gering. Die anderen freien Theater – Gostner, Mummpitz, Pfütze – kriegen alle so um die 100.000 bis 120.000 Euro im Jahr plus Förderung vom Freistaat. Wir 40.000. Das ist eine riesige Diskrepanz. Natürlich sind die schon viel länger da, seit den 80ern, haben mehr festangestelltes Personal, da werden die Tarifverträge erhöht … Auch die müssen jedes Jahr kratzen und ich missgönne es ihnen in keinster Weise. Doch ich kämpfe weiter, dass unsere Förderung angeglichen wird. Im Moment scheint das leider aussichtslos.
Mit 40.000 Euro jedenfalls sind die laufenden Kosten wie Miete und das festangestellte Personal im Betriebsbüro nicht dauerhaft zu finanzieren, geschweige denn Neuproduktionen. Nachdem dieses Jahr unsere Rücklagen aus der Coronazeit endgültig aufgebraucht sein werden, müssen wir unsere Veranstaltungen reduzieren, um einem Bankrott vorzubeugen und werden versuchen, weitere Drittmittel zu akquirieren.
Ist das besonders bitter in diesem Festjahr mit 20-Jahre-Jubiläum?
Ich bin trotzdem ein optimistischer Mensch. Ich bin kämpferisch. Ich halte immer Ausschau, wo es noch Fördertöpfe gibt, auch überregional, bundesweit: Wo könnte was reinpassen, was wir machen, um da eventuell doch noch ...
Das ist ein großer Teil deiner Arbeit?
Ja. Das Theater Rote Bühne ist ein gemeinnütziger Kulturverein, ich bin die erste Vorsitzende. Ca. 20 Stunden die Woche arbeite ich ehrenamtlich. Orgaarbeit im Betriebsbüro, Anträge stellen, recherchieren, Termine mit Stadträten, Spielplandispo … Das kostet richtig viel Zeit. Ich verdiene nur Geld, wenn ich hier auf der Bühne stehe, so wie die andere Darsteller:innen auch.
Deine Tochter Maria steht hier derzeit bei Prima Facie auf der Bühne. Ging es dir mit ihrem Berufswunsch ähnlich, wie damals deinem Vater mit deinem?
Nein. Als ich merkte, dass sie da wirklich Lust drauf hat, habe ich sie als Kind in den Ballettunterricht geschickt. Stepptanz habe ich ihr größtenteils beigebracht. Dann hat sie in der Schule mit 14 Jahren ein Musical gemacht. Ab da war ihr klar, sie will Musical-Darstellerin werden. Ich habe ihr nie Steine in den Weg gelegt, im Gegenteil. Ich habe mich drum gekümmert, dass sie guten Gesangs- und Schauspielunterricht bekam. Wenn du die Aufnahmeprüfung an einer staatlichen Schule bestehen willst, musst du schon richtig gut sein. Dafür habe ich sie optimal gefördert und die zweite Prüfung hat sie auch gleich bestanden. Das Studium an der UdK in Berlin hat sie dann mit 18 begonnen und war eine der jüngsten Absolventinnen.
Was ist rund um euer Jubiläum geplant?
Romeo und Julia ist die große Produktion in dieser Spielzeit. Es beinhaltet Nürnberger Stadtgeschichte, denn Julia ist eine Patriziertochter, die 1526 in der Altstadt wohnt, während Romeo als verwöhnter Sohn einer reichen Immobilienentwicklerin in der Jetztzeit lebt. Wie treffen sich die beiden? Man darf gespannt sein! Unsere Julia ist auch nicht lieblich und zart, eher frech, eigensinnig und selbstbewusst. Die Figur der Amme, die ich spiele, ist erweitert worden und hat ein männliches Pendant in meinem Alter. Wir beobachten, wie die Schicksalsgötter das Geschehen über die Jahrhunderte, versuchen immer wieder mal einzugreifen und merken letztlich aber: Die lernen einfach nix, die Menschen. Und es ist in den fränkischen Dialekt umgeschrieben, nicht alles, es gibt auch originale Passagen, sodass Romeo und Julia immer zwischen den Sprachen switchen müssen: mal gereimt im Hochdeutschen, mal eine Mischung, mal nur ein bisschen fränkisch, bis zu derb fränkisch.
Ein weiteres Highlight wird unser Theaterball am 21. November sein, erstmals im Arvena Park Hotel. Ein Kostümball im Stil der 1920er-1940er. Original Jazzmusik, mit großer Tanzfläche, Showeinlagen, Absinth-Bar, Electroswing und natürlich unsere legendäre erotische Schmökerecke. Unsere Burlesque-Show läuft seit 2008 unvermindert erfolgreich, sie ist Fluch und Segen. Viele Leute verbinden die Rote Bühne nur mit Burlesque. Ich versuche seit Jahren das aufzubrechen. Deswegen nennen wir es konsequent „Theater rote Bühne“. Als da nur "Kulturverein rote Bühne" stand, dachten viele Leute, da wird Laientheater gemacht. Wir haben hier aber von Anfang an professionell gearbeitet.
Was ist dein Fazit aus diesen 20 Jahren?
Dass es ein ständiger Kampf ist, dass ich das Theater trotzdem jetzt 20 Jahre immer durchboxen konnte. Ein großes Geschenk sind die vielen wundervollen Kolleg:innen. Wir sind über viele Jahre zusammengewachsen. Ich konnte einen Entwicklungsraum für Schauspieler:innen und Regisseur:innen aus der freien Szene zur Verfügung stellen, denn viele Dinge in der Kunst können sich nur auf der Bühne, im Kontakt mit dem Publikum, über viele Jahre entwickeln. Nur so wirst du als Künstler:in besser. Und solche Orte gibt es sonst kaum noch. Obwohl wir am Limit arbeiten, versuche ich seit vielen Jahren, einen besser geeigneten Theatersaal zu finden, denn der jetzige Ort ist zwar sehr stimmungsvoll eingerichtet, aber durch die niedrige Raumhöhe und geringe Breite ist die Sicht auf das Bühnengeschehen für einen großen Teil der Zuschauer leider eingeschränkt. Unsere Bemühungen, einen dauerhaften Spielort z.B. in den Ermöglichungsräumen der Kongresshalle zu bekommen, oder im neu geplanten Areal Kaufhof/Citypoint, stießen bisher beim Kulturreferat und Wirtschaftsreferat leider auf taube Ohren. Vielleicht liest jemand der Verantwortlichen dieses Interview? Ich bin eine unverbesserliche Optimistin!
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Theater Rote Bühne
u.a. mit Prima Facie (Regie: Andrea Hintermaier), 17.04. und 01.05., Romeo & Julia fränkisch reloaded, 24.04. bis 26.04.
Julia Kempken
Geboren in Oberhausen, durch das Engagement ihres Vaters am Theater aufgewachsen in Nürnberg. Mehrfach ausgezeichnete Stepptänzerin, außerdem Sängerin und Schauspielerin und Gründerin der Tanzfabrik sowie des Theater Rote Bühne.
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