Das habe ich in 30 Jahren noch nicht erlebt: Stefanie Dunker im Interview

MONTAG, 1. JUNI 2026, KüNSTLERHAUS IM KUKUQ

#Interview, #KuKuQ, #Künstlerhaus, #Stefanie Dunker

Sie war die Macherin Auf AEG: Als erste Fragen um die Nutzung des enormen Industrieleerstands im Nürnberger Westen diskutiert wurden, entwarf die damalige Leiterin des Kulturladens Gartenstadt das Konzept der Kulturwerkstatt. Nach 17 Jahren dort ist Stefanie Dunker seit vergangenem Herbst die neue Leiterin des sanierten Künstlerhauses, Ex-K4, Ex-KOMM. Im frühlingshaften Kulturgarten sprachen wir mit ihr über Soziokultur, Personalengpass und persönliche Erinnerungen ans KOMM. 

CURT: Stefanie, gibt es so etwas wie einen Leitgedanken für deine Arbeit am Künstlerhaus?
Sich für das Neue öffnen. Das war eigentlich schon mein Motto Auf AEG. Dafür werbe ich bei anderen und das lebe ich selbst. Natürlich ist das Haus nicht neu, aber für mich ist es eine ganz andere Struktur, andere Schwerpunkte und auch ein anderes Amt: KuKuQ statt KUF.  

Wie schwer hast du dir diese Entscheidung für das Neue selbst gemacht?
Ich finde, ich habe in 17 Jahren Auf AEG etwas Gutes aufgebaut. Die Kulturwerkstatt Auf AEG hat ein Profil und ein tolles Team. Ich dachte, für mich wäre jetzt Zeit, nochmal etwas Neues zu machen. 

Gibt es die eine Sache auf Auf AEG, auf die du besonders stolz bist? 
Die Kulturwerkstatt Auf AEG ist für mich sehr gelungen. Ich finde, dass das Haus in seiner Architektur wirklich das widerspiegelt, was es erfüllen soll: ein Begegnungsort, niedrigschwellige Zugänge, etwas Leichtes, Einladendes, das sich immer wieder neu erfinden darf, also hochgradig multifunktional nutzbar ist. Darauf bin ich schon sehr stolz und das beglückt mich auch, wenn ich zu Besuch bin.

Gibt es eine Veranstaltung oder ein Event, das dir so besonders prägend in Erinnerung geblieben ist? 
Das Prägendste war für mich der Aufbau von NUEJAZZ. Von Anfang an der Spielort für das Festival zu sein und es mit Frank Wuppinger und Marco Kühnl zusammen aufzubauen und es heute als erfolgreiches Projekt zu erleben und zu begleiten. Das ist sicher ein Highlight. Gerade für die jungen Musikerinnen und Musiker der Jazzszene der Region ist die Kulturwerkstatt Auf AEG ein Spielort mit Profil geworden und viele Netzwerke sind drumherum gewachsen. 

Inwiefern fühlt sich das Künstlerhaus für dich anders an als ein Kulturladen? 
Man hat nicht den Stadtteilbezug. Ich wünschte mir, dass das Künstlerhaus eine größere Rolle in der Diskussion spielt, wie Kultur die Innenstadt beleben kann. Das ist etwas, was ich hier noch stärker verfolgen möchte, weil ich überzeugt bin, dass das Haus als Eingangstor zur Innenstadt eine ganz wichtige Funktion haben kann. Und natürlich haben wir hier mit der Vielzahl an Vereinen und Akteuren eine andere Dynamik. Die Kulturwerkstatt assoziiert man stark mit kultureller Bildung, das ist auch einer der Eckpfeiler im Künstlerhaus, aber weniger mit der Zielgruppe Kinder. Die große Anzahl an Werkstätten hier im Haus steht oft nicht genug im Fokus der Öffentlichkeit, was ich gerne ändern möchte. 

Du bist seit etwa einem halben Jahr hier, fühlt es sich noch neu an oder schon routiniert?
Es ist immer noch neu, weil das Haus sehr komplex ist, weil es hier viele Brüche gab, in der Belegschaft, in der Leitung, aber auch durch die lange Schließzeit während der Sanierung. Am Haus muss immer noch an vielen Stellen nachgebessert werden. Gerade im technischen Bereich gibt es noch viele Aufgaben, die erledigt werden müssen. Andererseits ist hier eben durch die vielen Neuerungen auch viel durcheinandergekommen. Gerade dadurch habe ich aber auch die Möglichkeit, Abläufe neu zu gestalten.

Das heißt, eine deiner Hauptaufgaben ist momentan, im Haus für größtmögliche Klarheit zu sorgen? 
Ich kann nicht sagen, ob es eine Aufgabe ist, aber es ist ein sehr starkes Bedürfnis. Dadurch ist es eine Aufgabe geworden. Das ist auch ein Bedürfnis, das viele Mitarbeitende mit mir teilen.

Ich finde interessant, dass man bei diesem Haus hört, wann jemand daran angeknüpft hat: Sagt man KOMM oder K4 oder Künstlerhaus, Zentralcafé oder Soft Spot? Wie sagst du selber, was ist deine Geschichte mit dem Haus?
Als KOMM habe ich es privat erlebt, als K4 habe ich es als Kollegin erlebt, weil es früher auch Teil vom Amt für Kultur und Freizeit war. Ich habe mir angewöhnt vom Künstlerhaus zu sprechen. Wenn die Menschen dann irritiert reagieren, sage ich KOMM oder K4 und dann kennt es wieder jeder.

Wie sind deine Erinnerungen ans KOMM? 
Ich komme ja aus Fürth und da war das – absurderweise, weil es ja nicht weit weg ist – total aufregend, in die Teestube zu gehen und da auf Matratzen zu sitzen. Das war total verwegen – etwas ganz anderes, als in einer Kneipe in der Gustavstraße zu sitzen. Als die Massenverhaftungen waren, war ich ja noch jugendlich, aber ich fand das natürlich sehr aufwühlend. Später, in der Berufstätigkeit, war es ein wichtiger Ort, wenn es um das Thema Soziokultur ging. Gerade der frühere Leiter Michael Popp, dem dieses Haus leidenschaftlich am Herzen lag, hat mich beruflich sehr stark geprägt. Dieses Haus ist Soziokultur pur in seiner kraftvollsten Ausformung. Dieser Anspruch, Orte zu schaffen, zum selbst Kultur machen, war für mich immer schon eine Messlatte: Was heißt Partizipation? Was heißt Demokratisierung von Kultur? Was heißt es, den Raum wirklich zu überlassen? 

Ist das etwas, was dir leichtfällt, jetzt als Chefin des Hauses? 
Es fällt mir leicht, weil hier alle tolle Arbeit machen. Ich glaube, es wäre schwieriger, wenn es in den Haltungen und Werten große Unterschiede gäbe. Aber ich erlebe hier die Gruppen, die innovativ und sehr nah am Puls der Zeit sind, das finde ich einen sehr großen Wert, genauso wie das große Bewusstsein für gesellschaftspolitische Fragen. Deshalb sehe ich meine Rolle nicht darin, programmatisch vorzugeben, was passieren soll. Das würde auch meinem eigenen Verständnis von Soziokultur widersprechen. Mir ist wichtig, Freiräume zu ermöglichen, zu unterstützen und unterschiedliche Akteure miteinander zu verbinden. 

Wie wichtig findest du diese bewegte und viele Menschen emotional berührende Geschichte von diesem Haus für das, was ihr jetzt macht? 
Hermann Glaser hat gesagt: "Keine Zukunft ohne Herkunft." Es gibt immer wieder Ansätze, über diese Geschichte zu schreiben, zum Beispiel von studentischen Gruppen, oder jetzt vielleicht sogar ein VR-Projekt mit der Hochschule Amberg. Das finde ich spannend. Im Dezember gibt es im Heilig-Geist-Spital ein Musical übers KOMM. In der Interaktion mit anderen Dienststellen, mit Menschen, die ich treffe, mit anderen Initiativen, Einrichtungen, Vereinen, höre ich immer wieder den Satz: Ich war ja in meiner Jugend auch hier. Das Haus hat eine unglaubliche und prägende Verstärkerfunktion. Dieses Haus mit seinen Möglichkeiten ist für viele Menschen mit einem Erleuchtungserlebnis verbunden.

Was möchtest du mit diesen Möglichkeiten machen? 
Ich glaube die spannendste Frage wird sein, den Generationenwechsel hier im Haus zu begleiten. Schaffen wir es nach wie vor, auch der Ort für junge Akteure zu sein? Wie bereit sind wir für neue bzw. jüngere Menschen? Die Szene ist ja mittlerweile sehr viel ausdifferenzierter und es gibt viel mehr Orte als früher. Es wird wichtig werden, aus dem Haus rauszugehen und gute Brücken zu bauen. Der Veranstaltungsbetrieb hier ist geprägt von Kooperation. Mir geht es nicht in erster Linie darum, selbst zu veranstalten, sondern Kooperationspartner für die freie Szene zu sein.

Und seid ihr momentan mit den bekannten Vereinen ausgebucht oder könnt ihr offen für neue Akteure sein?
Teils, teils. Wir haben tatsächlich das Problem, dass wir räumlich ein Stück weit ausgelastet sind, weil wir jetzt auch die Veranstaltungen der Tafelhalle beherbergen, solange dort das Dach saniert wird. Das heißt, der Herbst ist schon sehr intensiv genutzt. Hinzu kommen kommunalen Einsparmaßnahmen, die auch das Personal betreffen. Das habe ich in 30 Jahren noch nie erlebt. Und mit weniger Personal müssen natürlich auch die Aufgaben neu priorisiert werden. Und dennoch wollen wir auch offen sein für neue Ideen und Impulse, wollen uns immer weiterentwickeln und neue Partnerschaften eingehen.

In welchem Bereich wird gestrichen? 
Eine Stelle im Betriebsbüro wird aufgrund der Sparmaßnahmen nicht nachbesetzt. Wenn dann noch jemand eine Weiterbildung macht oder ein anderer krank wird, wird es problematisch. Und das Haus läuft ja einfach immer weiter. Da dann niemanden zu überfordern, wird auf jeden Fall eine Herausforderung und gleichzeitig, das ist mir mit das Wichtigste, wollen wir immer ein verlässlicher Partner sein. 

Ist es allgemein für euch so, dass Haushaltsverhandlungen mit viel Sorge begleitet werden? 
Auf alle Fälle. Die städtischen Kultureinrichtungen sind seit vielen Jahren von Sparrunden bezüglich Budget und Personalkosten betroffen. Und alles wurde zudem auch noch teurer. Wir haben tatsächlich schwarz auf weiß Einsparungen in den letzten Jahren erfahren. Und es stellt sich die Frage: Wie weit kann man noch runtersparen?

Wie oft kommt es denn vor, dass man die Chefin am Abend bei der Veranstaltung antrifft? 
Oft. Wir sind eine Versammlungsstätte, das heißt, wir brauchen immer eine geschulte Veranstaltungsleitung, um für die Veranstaltungssicherheit zu sorgen. Das Andere ist, dass ich natürlich gerade jetzt am Anfang versuche, möglichst viel mitzubekommen, um zu spüren, wie tickt das Haus, was ist sein Herzschlag, was funktioniert gut, was weniger, wer kommt, wer braucht was? Wenn man eine Profildiskussion vorantreiben will, gibt es ja verschiedene Parameter: Was braucht diese Stadt, was braucht man zu einer kulturellen Grundversorgung, was braucht die Kulturlandschaft, wer braucht welche Räume? Und welche Möglichkeiten haben wir? Der Raum ist das Eine, aber das Personal, das Budget ist ja nochmal das Andere. Aber dennoch: Ich sehe das Künstlerhaus als Resonanzraum für künstlerische Praxis, gesellschaftliche Fragen und städtisches Leben. Es war und ist für mich der Ort für Experimente und Debatten und schafft seit je neue Zugänge zu Kunst und Kultur.

Und konntest du schon identifizieren, wo es vielleicht so etwas wie ein Vakuum gibt? 
Das ist wirklich noch am Anfang. Was wir zurückgebracht haben, ist eine kostenlose Klassikreihe im Salon in Zusammenarbeit mit der Hochschule. Das hat sofort zu Einlassstopp geführt, weil die Resonanz in der Bevölkerung so riesig war! Gerade diese Kooperation mit der Hochschule für Musik würde ich mir natürlich auch in anderen Bereichen wünschen. Und überhaupt möchte ich gerne überlegen, wie man enger mit den Nürnberger Hochschulen zusammenarbeiten kann. Das Andere, was ich mir schon lange wünsche, ist, dass wir noch stärker ein Ort für den Diskurs werden. Ich glaube, das ist das, was unsere Gesellschaft gerade am meisten braucht. Das Dritte ist, die Interkulturalität noch stärker in den Fokus zu rücken. Weil die Stadtgesellschaft so vielfältig ist und divers ist und weil ich finde, dass dieses Haus an dieser Stelle noch Potenziale hat.

Gibt es etwas, was du bisher gesehen hast hier im Haus, was dich begeistert, überrascht, berührt hat? 
Was mich wirklich begeistert, ist auf der einen Seite die Vielzahl an Werkstätten, die wir hier haben. Es ist mir eine Herzensangelegenheit, das noch mehr in die Wahrnehmung zu bringen, weil das ein großes Pfund ist. Das kennt man von keinem anderen Ort und das ist auch bundesweit wirklich etwas Besonderes. Man nimmt das manchmal nicht wahr, weil das keine Veranstaltungen sind, dafür gibt es kein Plakat und keinen Pressetext. Und sie sind auch noch im Keller. Aber großartig ausgestattet, tolle Gruppen und Werkstattleitungen. Genauso wie der Werkbund und die Artothek, die hier langjährige Mieter und stark mit dem Haus verbunden sind. In diesen Angeboten steckt so viel Kreativität und Schaffenspotenzial, das hat mich begeistert. Genauso wie die Lebendigkeit und das ehrenamtliche Engagement der Gruppen wie Musikverein, Café Kaya, KulturKellerei, KommKino, die einfach wahnsinnig viel auf die Beine stellen, immer wieder etwas Neues ausprobieren und als Vereine manchmal ganz andere Möglichkeiten haben, Themen aufzugreifen und zu bearbeiten. Das ist ein großer Wert für mich.

Hast du im Kopf, wie viele Mitarbeitende es sind? 
Die Frage ist, was und wen zählt man zu einem Haus dazu? Viele setzen immer Künstlerhaus und KunstKulturQuartier gleich, was ja wirklich nicht das Gleiche ist. Das eine ist ein Amt mit vielen Einrichtungen, eine davon ist das Künstlerhaus. Wenn man jetzt nur das Künstlerhaus betrachtet, ist auch die Frage, zählt man dann die Kolleginnen und Kollegen vom kommunalen Filmhaus dazu? Zählt man die städtischen Kollegen dazu, die im Kunsthaus arbeiten? Dann haben wir natürlich auch eine Vielzahl an Menschen, die als Hausdienst hier arbeiten. Das Haus hat 365 Tage, Montag bis Sonntag, Feiertag wie Wochentag, immer offen. Das heißt, wir haben einen großen Stamm auch an geringfügig Beschäftigten, die uns bei der Abdeckung der Öffnungszeiten unterstützen. Und dann gibt es ja noch die Werkstattleitungen und die Menschen, die bei den externen Mietern und Pächtern arbeiten sind. 

Wenn du jetzt auf die kommenden Wochen, Monate, den Rest des Jahres schaust, was gibt es, worauf du dich besonders freust?
Am 12. Juli wollen wir ein Sommerfest machen. Wir planen, das ganze Haus mit Angeboten zum Kennenlernen zu öffnen. Da freue ich mich drauf. Ich freue mich auf unser Gartenprogramm, bei dem jeden Donnerstag Livemusik geplant ist. Ich freue mich auf den Herbst, der ist ganz schön ereignisreich, u.a. mit einer Wiederaufnahme des Wandel-Musik-Theater Stücks KOMM! vom Chor Auftakt. Und ich freue mich, dass wir erstmals Spielort für NUEJAZZ sind. 

Ich habe noch eine gemeine Frage zum Abschluss: In welchen Situationen hast du Auf AEG bisher vermisst? 
Ich vermisse die Menschen in Muggenhof, weil man da anders an die Nachbarschaft angebunden ist als in der Innenstadt. Die Gemeinwesenarbeit ist etwas, was ich sehr gemocht habe. So eine Beziehungsarbeit und die soziokulturelle Animation braucht viel Zeit und Personal und das ist gerade unser Problem. Da drehen wir uns jetzt im Kreis. Das macht mich selber auch ganz frustig, weil ich merke, dass vieles, was ich mir wünsche, nur in sehr kleinen Schritten möglich ist. Und das ist schade, weil hier so viel Potenzial ist. Die Ideen wären schon da, und da sind wirklich tolle Leute im Team. Meine Lernaufgabe für hier ist, ganz buddhistisch: Geduld. Sich über die kleinen Schritte freuen. 

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Künstlerhaus 
– unter der neuen Leitung von Stefanie Dunker


Stefanie Dunker
hat Sozialpädagogik studiert und ist seit 1993 beim Amt für Kultur und Freizeit, KUF, angestellt: Als Mitarbeiterin verschiedener Kulturläden, als Leiterin in der Gartenstadt und zuletzt im Kulturbüro Muggenhof in der Kulturwerkstatt Auf AEG. Diesen größten aller Kulturläden hat sie seit 2008 maßgeblich mit aufgebaut und zu dem gemacht, was er heute ist. Seit 2025 leitet sie das Künstlerhaus.




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