Deutschland digital umbauen: Ingo di Bella im Digital Festival Interview
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Das Nürnberg Digital Festival bedeutet vor allem auch einen offenen Austausch über Wissen, Ideen, Chancen und Risiken des digitalen Wandels. Und so haben sich auch dieses Jahr wieder unter-schiedlichste Organisationen, Unternehmen und Privatpersonen zusammengetan, um im Rahmen des Festivals eine abwechslungs-reiche Mischung aus Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden zu bieten. Mit dem Ziel, die ständige Transformation – ob sozial, wirtschaftlich oder technologisch – zu thematisieren, zu diskutieren und zu verstehen. Wir haben – traditionell – mit Ingo Di Bella gesprochen, dem Veranstalter des Digitalfestivals.
CURT: Ingo, wer sollte 2026 zum Nürnberg Digital Festival gehen, obwohl er oder sie bisher dachte: Das ist nichts für mich?
Ingo: Am ehesten genau diese Menschen. Viele erleben Digitalisierung jeden Tag, im Job, in der Schule, in der Verwaltung, im Verein, in der Familie, aber sie fühlen sich nicht als Teil dieser digitalen Welt. Das Festival ist keine Prüfung für Techies. Es ist eine Einladung, reinzugehen und zu merken: Das betrifft mich. Ich muss nicht alles verstehen, bevor ich komme. Ich kann dort anfangen, wo mein Alltag andockt.
Euer Motto ist „Recode the Future“. Was muss diese Region neu schreiben, und was darf sie nicht einfach wegdisrupten?
„Recode“ gefällt mir, weil es nicht nach Abrissbirne klingt. „Disruption“ ist oft schnell erzählt: Alles Alte ist schlecht, alles Neue ist automatisch besser. So funktioniert diese Region nicht, und ehrlich gesagt funktioniert so auch Deutschland nicht. Wir haben hier Industrie, Mittelstand, Hochschulen, Verwaltung, Kultur, Handwerk, soziale Einrichtungen. Da ist viel Substanz. Die Aufgabe ist nicht, so zu tun, als wären wir das nächste Silicon Valley. Die Aufgabe ist, vorhandene Stärken digital wirksam zu machen. Also nicht alles wegwerfen, sondern verstehen, was da ist, und es besser umbauen.
Über 240 Veranstaltungen entstehen aus der Community. Wie hält man so ein offenes Festival zusammen, ohne es totzukuratieren?
Indem man akzeptiert, dass man nicht alles zentral steuern kann. Wir schreiben den Partnern nicht jede Veranstaltung vor. Wir setzen den Rahmen, die Haltung, die Spielregeln und natürlich auch eine Erwartung an Qualität. Das Festival lebt davon, dass viele Menschen und Organisationen selbst Verantwortung übernehmen. Das ist manchmal anstrengend, aber es ist der Grund, warum NUEDIGITAL die Region besser abbildet als eine klassische Konferenz. Wir bauen nicht jede einzelne Bühne selbst. Wir bauen den Raum, in dem viele gute Dinge gleichzeitig möglich werden.
2012 waren es 8 Veranstaltungen, 2026 sind es über 240. Wann wird Größe von einem Erfolg zu einer Verantwortung?
Ziemlich genau jetzt. Wachstum klingt immer erst einmal gut, und natürlich sind diese Zahlen Anerkennung für das, was hier in 14 Jahren entstanden ist. Aber mehr Veranstaltungen bedeuten nicht automatisch mehr Wirkung. Ab einer bestimmten Größe geht es um Orientierung. Finden Besucher:innen noch ihren Weg? Bekommen gute Formate genug Aufmerksamkeit? Wird das Festival breiter oder nur voller? Für die nächsten Jahre ist die Frage nicht einfach: Wie wachsen wir weiter? Die Frage ist: Wie werden wir klarer, nützlicher und wirksamer? Größe ist schön fürs Plakat. Wirkung entsteht erst, wenn Menschen ihren Weg durch diese Größe finden.
Der Bayerische Digitalgipfel kommt 2026 ins Festival. Was verändert das, und was darf sich gerade nicht verändern?
Es verändert die Sichtbarkeit. Das ist Anerkennung, aber auch eine Prüfung. Der Digitalgipfel kommt in ein Festival, das es schon lange gibt, mit einer Community, die nicht von oben erfunden wurde. Das muss man ernstnehmen. Für mich ist wichtig: Der Gipfel ist Gast im Festival, nicht sein neues Dach. Wenn Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Community dort wirklich aufeinandertreffen, kann das stark sein. Wenn es nur Bühne wäre, wäre es verschenkt.
Digitale Souveränität klingt groß. Aber wenn Schulen, Verwaltungen, Unternehmen und Vereine längst von Microsoft, Google, AWS oder OpenAI abhängen: wo fängt Selbstbestimmung überhaupt noch an?
Mit Ehrlichkeit. Wir sind abhängig, an vielen Stellen. Die Frage ist, ob wir das einfach hinnehmen, oder ob wir verstehen, wo diese Abhängigkeiten kritisch werden. Souveränität heißt nicht, alles selbst zu bauen oder internationale Plattformen reflexhaft schlechtzureden. Es heißt: Wissen wir, wo unsere Daten liegen? Haben wir Alternativen? Können wir entscheiden, welche Infrastruktur wir nutzen? Verstehen wir die Folgen für Bildung, Verwaltung, Unternehmen und Demokratie? Wir sind spät dran. Aber nicht so spät, dass es egal wäre.
KI ist überall. Wo geht es beim Festival nicht mehr um Tools, sondern um Arbeit, Schule, Verwaltung, Kultur und Verantwortung?
Die reine Tool-Debatte ist schnell leer. „Diese zehn KI-Tools verändern dein Leben“, das gibt es zwanzigmal pro Woche im Newsletter. Interessant wird KI dort, wo sie echte Entscheidungen berührt: in Unternehmen, in Schulen, in Ämtern, in der Kultur, bei Medien, bei Vertrauen. Was passiert, wenn KI bei Hausaufgaben hilft, Anträge vorsortiert, Bewerbungen bewertet oder Bilder erzeugt, die politisch wirken? Genau da beginnt die eigentliche Diskussion.
Welche Menschen erreicht das Festival noch nicht gut genug, obwohl sie von Digitalisierung längst betroffen sind?
Wir erreichen viele, die Digitalisierung aktiv gestalten. Unternehmen, Hochschulen, Verwaltung, Kreativwirtschaft, Tech-Community, Startups. Das ist gut, aber es reicht nicht. Die nächste Aufgabe ist, mehr Menschen zu erreichen, die Digitalisierung jeden Tag erleben, sich aber noch nicht eingeladen fühlen. Kleine Betriebe, soziale Einrichtungen, Eltern, Vereine, Menschen ohne beruflichen Digitalbezug. Wenn jemand erst Mut sammeln muss, um sich für eine Veranstaltung anzumelden, ist die Schwelle noch zu hoch. Daran müssen wir arbeiten.
Wenn ich nur einen Tag Zeit habe: Welche drei Programmpunkte zeigen mir, was NUEDIGITAL 2026 ausmacht?
Wenn es wirklich nur ein Tag ist, würde ich den 24. Juni nehmen. Nachmittags „Rettet Dot!“, weil digitale Bildung früh anfängt. Danach der Vortrag zum Video Assistant Referee im Fußball, weil man an diesem Beispiel KI, Vertrauen und Akzeptanz sofort versteht. Und abends das Tech-Nerd-Kneipen-Quiz, weil die Community sich auch selbst nicht zu ernst nehmen muss. Das ist weniger Hochglanzprogramm, aber ziemlich NUEDIGITAL: Bildung, Alltag, Nerdtum, alles an einem Tag.
Was ist 2026 besonders nerdig, was ist ein guter Einstieg, und was gibt es für Kinder oder Jugendliche?
Für Nerds würde ich Quantum Computing, MISSION CONTROL und den Workshop zu autonomen KI-Drohnen nennen. Da darf es ruhig fachlich, tief und ein bisschen bekloppt werden. Als Einstieg funktionieren aus meiner Sicht die Social Media Night und der VAR-Vortrag gut, weil man dafür kein Vorwissen braucht. Für Kinder und Jugendliche gibt es Formate wie „Obstklavier & Löffelcontroller“, „Minecraft trifft Mindset“ oder eben die KI-Drohnen. Digitale Bildung muss nicht aussehen wie ein Elternabend mit Beamer.
Dieses Heft ist wieder Print zum Digitalfestival. Warum funktioniert Papier hier immer noch?
Weil man ein Heft anders benutzt als eine Website. Online sucht man meistens gezielt. Im Heft blättert man, bleibt hängen, markiert etwas, legt es wieder auf den Tisch, gibt es weiter. Bei über 240 Programmpunkten ist das wertvoll. Print ist hier keine Nostalgie. Es ist Orientierung. Digital ist gut zum Suchen. Print ist gut zum Finden.
Auf welchen kleinen Programmpunkt freust du dich persönlich am meisten – ausdrücklich nicht den Headliner?
Ich freue mich besonders auf „Mirror Me“. Das ist kein Format, bei dem man sich hinsetzt und erklärt bekommt, was Digitalisierung bedeutet. Man erlebt eine Begegnung mit Technik körperlich und räumlich. Solche Formate sind wichtig, weil sie Menschen anders erreichen als Panels oder Keynotes. Man versteht nicht nur mit dem Kopf. Man reagiert erstmal. Und manchmal ist genau das der bessere Einstieg.
Schön gesagt, Ingo!
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NUEDIGITAL 2026
Über 200 Events zu KI, UX, Coding u.v.m. vom 22. Juni bis 2. Juli,
in Nürnberg, Erlangen, Fürth und der Metropolregion.
#nuedigital vernetzt für elf Tage die Menschen in der Metropolregion zu den zentralen Themen der Digitalisierung in Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und Kultur.
curt ist stolzer Medienpartner!
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