Befreiungsrülpser auf der Titanic

7. OKTOBER 2024 - 23. OKTOBER 2024, THEATER MUMMPITZ

#Andreas Radlmaier, #Theater, #Theater Mummpitz, #Uraufführung

Text von Andreas Radlmaier.

Dem Theater Mummpitz glückt mit der Uraufführung „Freddie und die ganze Katastrophe“ ein hinreißender Saison-Start.


Das riesige weiße Tuch quillt aus dem Frühstückstisch, überspült sintflutartig die Bühne und die ganze Zuschauertribüne und trägt die neunjährige Freddie in eine andere Welt, in ihre Welt, wo Katastrophen so angenehm gruselig sind und die Phantasie anregen. Also rauf auf den Dampfer, den unsinkbaren, der sie zum Eiffelturm nach Amerika bringt. Oder so. Nur weg! Der Beziehungsstress der Eltern, das Bla-Bla-Bla-Bashing der Eltern, das Krisenschweigen bleiben zurück. Doch der Eisberg lauert voraus. In Form einer verlockenden Raffaelo-Torte. Das Schicksal kennt auch viele Kalorien.

Mit der Uraufführung „Freddie und die ganze Katastrophe“ hat das Theater Mummpitz zu Beginn der Spielzeit erneut seine führende Rolle in der Nürnberger Kindertheaterlandschaft betont – mit vertrautem Witz, Slapstick-Timing, ungeheurer Poesie und faszinierend präzisem Spiel. Der britische Gastregisseur Alex Byrne, seit vielen Jahren Mummpitz-Gast, ist mit dem Ensemble ein wunderbarer Wurf gelungen, eine im Kollektiv entstandene, fein ausbalancierte und bis ins Detail stimmige Parabel auf Untergangsgefühle und die Chance auf ein Rettungsboot, das manchmal verdächtig nach einem altmodischem Sofa aussieht.

Überhaupt gleicht die Bühne von Maria Pfeiffer wieder einem behaglichem Schutzraum voller gelebter und geliebter Erinnerungen. Der Verlust von Sicherheit bricht dann umso stärker herein. Das erlebt Freddie (überragend: Christine Mertens als vitaler Comedian, der das Leben aufsaugt wie eine Flasche Cola und dafür auch den Befreiungsrülpser in Kauf nimmt) auch zuhause bei den streitenden Eltern. Da hilft auch das Ablenkungsmanöver mit dem „Großen Buch der Katastrophen“ und der „absoluten Lieblings-Katastrophe“, dem Untergang der Titanic und der Aussicht auf ein Massensterben, als Ablenkungsmanöver nicht mehr. Das Wasser steht ihr bis zum Halse, Gedankenflucht ist geboten.
Als blinder Passagier begegnet sie auf dem Schiff, das so unter romantischen Glühbirnchen dahindampft wie das Modell von der Titanic, Menschen, die immer ein wenig an ihre Familie erinnern, aber hier eine Salon-Madame im Glitzerkleid, Steward mit Putzwedel und Witzevorrat und Kapitän mit Seelenruhe und Opa-Charme sind. Sabine Zieser, Michael Schramm und Michael Bang sind die Unterhaltungsgaranten, verknoten sich im Kleiderschrank, driften mit Klimperklavier und Gitarre durch den musikalischen Emotionsfilm und halten Kurs auf Lebenslust und Lebensmut. Trotz Titanic, Eisberg und versinkender Verzweiflung. „Die Familie ist wie ein Boot“, lautet der happy-endliche Song, der für Klein und Groß der Dystopie die Versöhnung und Zuversicht unterjubelt. Hauptsache: Kurs halten!

Diese Inszenierung macht Schweres leicht, kommt der Tragik mit Humor. Das Premierenpublikum war entsprechend hingerissen und gebannt. Ein Mädchen bat am Ende – als sei’s ein Regieeinfall gewesen – spontan und halblaut nach Raffaelo-Torte. Auch Eisberge verlieren manchmal ihren Schrecken.
 
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Freddie und die ganze Katastrophe
im Theater Mummpitz
bis 23. Oktober und vom 5. bis 16. Februar 2025.

Tickets und Termine unter: www.theater-mummpitz.de
 
 




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THEATER MUMMPITZ. Man kann ja nie früh genug mit der Gruppen-Therapie der German Angsthasen und ihrer immerwährenden Vollkasko-Mentalität anfangen. Also schickt das Nürnberger Theater Mummpitz zum Auftakt in die 46. Saison die Generation 6+ mit der hausgemachten Uraufführung Schlimm Schlimm aufs heilende Chaka-Karussell zwischen Schießbude und Geisterbahn. Ja, wenn’s hilft, lautet die sanft blinkende Botschaft.

Der Plüsch-Angsthase erobert symbolisch die Kulisse und Aufmerksamkeit, noch bevor nostalgischer Schallplatten-Sound, wie von Geisterhand in Gang gesetzt, durch die fahle Kinderzimmer-Szenerie knistert. Am Ende überlistet die trostreiche Absicht dieses durchweg leichtfüßigen Mutmachwerks doch glatt die Logik der Wirklichkeit. Dann ist der ganze Spuk in der Geisterbahn Schlimm Schlimm vorbei. Und mit ihr die Ängste, die die neunjährige Luzie mit Vorliebe im Bett umstellen. Ob Mörder, Monster oder Marder, Nacktschnecken oder schlechte Noten, Phantasie-Monster oder Schulflegel – das Gruselige ist immer und überall: Lauert unterm Teppich und dem Bett, als Skelett im Bühnen-Hintergrund oder als handfester Raufbold auf dem Pausenhof.

Meist hilft da eine Stinkbombe oder ein Handkantenschlag zur Bereinigung der bedrohlichen Situation. Manchmal aber auch, den Angstgegner einfach wegzuzwinkern. Weiß die schnelle Eingreiftruppe aus den Erinnerungsfetzen der Filmgeschichte, die mit allen Ticks und Tricks arbeitet und dem Mädchen zur Seite steht. Die Geisterjäger, die man rief, leisten denn auch ganze Komödiantenarbeit. Judy Punk (Sabine Zieser im fließenden Rollentausch zwischen Kraft-Punk und Luzie-Leidensdruck), CoolCool7 (Michael Schramm im James-Bond-Smoking mit Schuhtelefon und Cocktailglas) und Herr Dutschke (Özgür Kantar als schlappohriger Gefühlsanker) treiben diese Suche nach dem Selbstvertrauen voran. Lustigsein verscheucht die Monster in uns und macht gute Laune.

Regisseurin Andrea Maria Erl hat mit dem Trio und Bühnenbildnerin Maria Pfeiffer ein typisches Mummpitz-Stück geschaffen, das Musik und Moral, Humor und Bildwitz vereint. Luzies Bett mutiert zur Riesenrad-Gondel, dient als Schießbude oder fährt als Geisterbahn-Wagen durch den Kleiderschrank. Die Inszenierung setzt mit Schlagzeug, Gitarre und Sax auf den Charme des Dilettantischen und kitzelt auch sonst an den Nerven, legt sie aber nicht blank. Da gerät auch der Schrecken der Geisterbahn zum Schauplatz einer Verwandlung und macht aus Luzie einen ganz neuen, mutigen Menschen. Das Leben könnte so einfach sein. Man müsste einfach mehr auf den Rummelplatz gehen. Diese Besuche sind bekanntlich immer Mutproben.

Die Mummpitz-Gemeinde feierte die Schlimm Schlimm-Premiere jedenfalls. Auch wenn dieses Mal das Ergebnis hinter der Idee zurückblieb. Glanzleistung hin oder: Illusionen dürfen sich weiter lohnen. 

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Theater Mummpitz: Schlimm, schlimm (6+)

Termine

Di 13.10.2026, 10:00 Uhr
Mi 14.10.2026 10:00
Do 15.10.2026 10:00
Fr 16.10.2026 10:00
Sa 17.10.2026 16:00
So 18.10.2026 15:00
Di 20.10.2026 10:00
Mi 21.10.2026 10:00
Do 22.10.2026 10:00
Fr 23.10.2026 10:00
Sa 24.10.2026 16:00
So 25.10.2026 15:00
Mo 26.10.2026 10:00
Di 27.10.2026 10:00
Mi 28.10.2026 10:00
Do 29.10.2026 10:00

Eine Wiederaufnahme ist für Mai 2027 geplant.

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NüRNBERG. Alle zwei Jahre kann man beim Kindertheaterfestival panoptkum aufregende und neue Produktionen aus Bayern und ganz Europa entdecken. In diesem Jahr hat das Theater Mummpitz Schüler:innen der 11. Jahrgangstufe des Labenwolf Gymnasium Nürnberg gebeten, für uns Stücke anzuschauen und Kritiken dazu zu schreiben. Begleitet vom erfahrenen Theaterkritiker und Publizisten Prof. Manfred Jahnke konnten Sie sich ausprobieren und schufen eine Vielzahl von Texten, von denen eine Auswahl jetzt hier zu lesen ist. Danke ans Mummpitz und die jungenden Schreibenden für ihre tollen Kritiken!   >>
THEATER MUMMPITZ. Text von Andreas Radlmaier

Hatschi! Diese Räuberpistole hat Pfeffer und trifft. Auch, weil gute Lieder, Klassiker zumal, wie Pistolen sind. Spontanreaktionen sind somit unvermeidlich. Das Nürnberger
Kindertheater Mummpitz um Regisseurin Andrea Maria Erl hat sich zum Saisonstart mit der Uraufführung „Jazz für Räuber oder Gretels großer Auftritt“ eine wunderbar ver-rückte Ergänzung zu seinen erfolgreichen „Jazz für Kinder“-Konzerten ausgedacht und räumt in einer kurzweiligen Stunde gleich das Vorurteil ab, Jazz und Humor seien von Natur aus nicht die besten Freunde. Puppenspiel und Blue Notes umarmen sich hier innigst. Am Ende steht das Publikum, Klein und Groß, und singt – frei nach Ray Charles und „Hit the Road, Jack“  -: „Wir brauchen mehr Jazz!“  >>
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