Premierenkritik: Auf ins gelotste Land!
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Von Andreas Radlmaier. War da was? Kommt da was? Im Nürnberger Schauspielhaus geht Regisseur Stas Zhyrkov mit der Bühnenadaption von „Nach dem Leben“ auf Sinnsuche des Menschseins.
Wer glaubt, wird selig. Wer sich erinnert, erst recht. Am Ende der gut zweistündigen Aufführung mit der grundsätzlichen, tragikomischen Note menschlicher Vergeblichkeit befreit die entscheidende „repräsentative“ Erinnerung auch den Seelenberater Charly von seinem Job im Glaubensreich. Das Jenseits wartet. Welche Erlösung. Das Fegefeuer der Heiterkeit von „Nach dem Leben“ ist zu diesem Zeitpunkt auf Lagerfeuergröße zusammengesackt, an dessen Romantik sich alle wärmen können. Die Inszenierung des ukrainischen Regisseurs Stas Zhyrkov im Nürnberger Schauspielhaus verglimmt in einer von Farbschlieren umsäumten Jenseits-Vision, dessen happy-endlicher Trost-Tenor entnommen scheint aus dem Ratgeberbrevier postmoderner Geistlichkeit.
Ganze Weltreligionen arbeiten sich seit Jahrtausenden an diesem Thema ab. Die Verheißung von Auferstehung, Seelenwanderung, Erlösung, Paradies und Nirwana mag in heutigen Zeiten für Freunde der Aufklärung eine intellektuelle Herausforderung sein, aber löst ja noch nicht faktenbasiert die Kernfrage: Kommt da noch was? Es geht um den Sinn des Lebens, um nichts weniger in dieser Geschichte, die von der Leinwand (der Japaner Hirokaze Koreeda lieferte 1998 die erfolgreiche Vorlage) auf die Bühne weiterwanderte. Dafür sorgte der Brite Jack Thorne, weshalb die Verstorbenen im Wartesaal zum großen Glück überwiegend Angehörige des British Empire zu sein scheinen. Quasi die Regionalausgabe des Durchgangsparadieses.
Die Grundidee ist reizvoll: Eine einzige Erinnerung öffnet den Verstorbenen die Tür zur finalen Bewusstseinserweiterung. Innerhalb einer Woche müssen sie im Rückblick den ultimativen Moment aus ihrem Dasein herausfiltern. Da muss man sich entscheiden. Gedächtnis und Vermächtnis streiten um die Bedeutungshoheit im Leben jedes Einzelnen. Und die Vernunft, die Logik steht der Emotion dabei zuverlässig im Weg. Die Nebensache bleibt, das Profane gewinnt. Das Verstecken im Schrank, der Geruch der Mutter, das geliebte blaue Hemd. Selbstbetrug gibt Halt, nicht Selbstironie. Oder doch? Mit leisem Spott wird irgendwann Jean Pauls abgegriffener Sinnspruch eingefädelt: „Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“
Durchs Parkett bahnen sich die Figuren nacheinander ihren Weg zum Seelen-Transit. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, das Totenglöckchen darf da ebenso wenig fehlen wie der beiläufige Witz. Da darf man Adeline Schebesch mit aufgelöster Haartracht und ebensolcher Stimmung erleben oder Pius Maria Cüppers als Sinnbild des unauffälligen Lebensweges im beigen Regenmantel oder David Gaviria als aufsässige Seele, die sich der Pflichtaufgabe wenig friedvoll widersetzt.
Bühnenbildner Jan Hendrik Neidert führt die Parkettbestuhlung samt Saal-Vertäfelung als Gegenstück und Ergänzung auf der Bühne fort. Wir sind also alle Teil des Jenseits-Coachings. Der Beatles-Refrain „You say goodbye and I say hello“ umreißt zu Beginn die Situation. Im Limbo des Ungewissen, dem Seelsorgenreich der Menschheit, empfangen „Lotsen“ die um Orientierung bemühten Verstorbenen, aus denen die entscheidende Erinnerung herausgekitzelt und dann in Szene gesetzt werden soll. Durchaus auch mit der einschüchternden Vorstellung einer Erinnerungsendlosschleife zwischen Kirschblüten, Disneyland Paris, Autoscooter und Urlaubsimpressionen. Auf ins gelotste Land!
Das zehnköpfige Ensemble (wiederum teilweise im heroischen Kampf mit der deutschen Sprache) stürzt sich zwischen Filmrückblenden und Drehbühnenoptik in die wechselnden Stimmungsbäder, die Stas Zhyrkov mit gutem Gespür für Schwingungen und Nachdenklichkeit ausbalanciert. Nach der Pause nimmt das Stück Kurs auf Zuversicht und landet in der Gefühligkeit. “Das Schönste im Leben sei, die Zeit miteinander zu teilen”, sagt da einer gegen Ende. Das muss man mögen. Die Premieren-Fans waren dazu wild entschlossen und jubelten, was das Zeug hielt.
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Premiere von „Nach dem Leben“
im Schauspielhaus Nürnberg am 18. April 2026
Weitere Informationen: www.staatstheater-nuernberg.de
Weitere Aufführungen:
Di., 21.04.2026 / 19.30 Uhr
So., 26.04.2026 / 18 Uhr
So., 03.05.2026 / 18 Uhr
Mi., 20.05.2026 / 19.30 Uhr
Fr., 29.05.2026 / 19.30 Uhr
Do., 18.06.2026 / 19.30 Uhr
Mi., 24.06.2026 / 19.30 Uhr
Do., 16.07.2026 / 19.30 Uhr
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