Ewald Arenz: Den Konflikt mit dem Altern kannst du nicht lösen
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Den ersten Platz in den Bestseller-Listen scheint er abonniert zu haben. Auch der neue Roman „Fünf Sechs Sieben Acht“ (DuMont Verlag) landete dort. Ewald Arenz, Frankens erfolgreichster Gegenwartsschriftsteller mit dem Gespür fürs Zwischenmenschliche, bevorzugt dennoch die Bodenhaftung. Lebt in der vermeintlichen Provinz (im Landkreis Fürth), ist weiterhin Gymnasiallehrer in Teilzeit (in Nürnberg) und bleibt beweglich. Mit dem Fahrrad, als Radiomoderator für Bayern 2, als Organisator der Fürther „Stadtparklesungen“, aber besonders als Autor quer durchs Revier der Unterhaltungsliteratur. Kolumnen für DIE ZEIT, Reiseverführer, Erzählungen, Musicals, als nächstes auch ein Kinderbuch. Andreas Radlmaier sprach mit ihm über Sturheit, Erfolg und das Älterwerden.
CURT: Sie haben bislang alle möglichen Themen in Ihren Büchern aufgegriffen: die Provinz, Erfindergeist, Genussstreben, Theaterwelten. Und nun den Stepptanz. Waren Sie im Tanzkurs?
EWALD ARENZ: Nein. Ich kann überhaupt keinen Standard tanzen. Ich kann aber stepptanzen. Ich habe immer diese Schwarzweiß-Filme mit Ginger Rodgers und Fred Astaire geliebt, wirklich geliebt. Steppen fand ich toll. Als ich dann 23, 24 war, nein, vielleicht sogar eher, habe ich Unterricht genommen. Und habe das ein paar Jahre lang gemacht. Mit meiner Schwester habe ich sogar auf Hochzeiten getanzt. So als Show-Act.
In Ihrem Roman ist der Stepptanz ein zentrales Element. Da ist sie wieder die Vintage-Verehrung. Hat die Vergangenheit mehr Charakter?
Das kann man gar nicht sagen, glaube ich. Aber das Gute an der Vergangenheit ist ja, dass man weiß, was gut war, weil es überlebt hat. Wenn man zurückblickt auf die 60er oder 70er-Jahre, dann sieht man immer ein Destillat der Kunst. Nicht den Müll, der produziert wurde. Es ist immer ein Destillat, das unseren Blick auf die Vergangenheit verfälscht und sagt: Ja, das waren tolle Songs, das war tolle Kunst. Dabei wissen wir nicht, was in 30 Jahren übriggeblieben sein. Deswegen ist die Gegenwart nicht weniger komplex, aber die Vergangenheit ist leichter zu bearbeiten.
Andererseits heißt es in dem Roman, dass die Dominanz der Erinnerungen ein Weiterleben ziemlich beschwert? Da ist Ihr Buch eher Zustandsbeschreibung als Lebenshilfe.
Ja, aber das muss so sein. Deswegen ist mir das Schreiben dieses Buchs auch so schwergefallen. Normalerweise hast Du einen vernünftigen Plot, es gibt einen Konflikt, der dann am Schluss gelöst wird, auf die ein oder andere Weise. Den Konflikt mit dem Altern kannst du nicht lösen. Denn am Ende steht der Tod. Definitiv. Das heißt: Eine saubere literarische Lösung gibt es da gar nicht, das ist immer ein Aufschieben, ein Kompromiss. Das ist beim Schreiben ein bisschen unbefriedigend, aber in Wirklichkeit ist es halt so. Und deswegen haben Sie recht: Es kann ja gar nicht mehr als eine Zustandsbeschreibung sein. Denn dieser Konflikt ist nicht lösbar. Und du greifst auf die Konflikte zurück, die damit einhergehen. Den Vater-Tochter-Konflikt, den kann man lösen. Der andere Konflikt verschwindet dahinter ein bisschen. Ein Trick, ein Kniff, ein wenig.
Wann haben Sie gemerkt, dass das schwierig wird, dafür eine passende literarische Lösung zu finden?
Von Anfang an. Bei „Der Duft von Schokolade“ ging’s mir auch so. Den Roman habe ich auch noch mal neu angefangen. Da hatte ich schon 30, 40 Seiten geschrieben und gemerkt: Das wird nichts. Auch dieses ist ein Kampf gewesen, wirklich. Es gibt Bücher, die fallen einem leichter, die fallen einem schwerer. Und das war ein sicher schwierigeres Buch.
Der Autor Arenz und sein Protagonist Anton sind gerade 60 Jahre geworden.
Oh, stimmt.
Für Anton ist das ein Problem. Und für Arenz?
Natürlich. Auch wenn ich diesen Konflikt mit den Kindern nicht erlebt habe, dieses Gefühl, verdrängt zu werden. Im Gegenteil kann ich ja gerade ein bisschen das Gefühl des Doyens haben, bevor dann die Phase kommt, dass jemand sagt: Der alte Sack sollte auch mal abtreten. Aber ich brauche meinen Körper glücklicherweise nicht als Arbeitsmittel, wie die Schauspieler, Tänzer, Opernsänger, deren Berufsweg ganz wesentlich davon abhängt, dass ihre Physis funktioniert.
Im Buch grübelt Anton: „Dabei bemerkte man nicht, dass man sich zu wiederholen begann. Bei sich selbst stahl. Sich selbst glauben machte, man sei noch voller Ideen wie als junger Mann“. Hört sich nach Selbstzweifel an.
Immer. Ja. Die begleiten mich mein ganzes künstlerisches Leben hindurch. Wann immer ich vorm Rechner sitze, habe ich das Gefühl, dieses Bild hast du schon mal genommen. Und dann habe ich ein schlechtes Gewissen. Man will sich ja nicht wiederholen. Man möchte die Leute nicht langweilen. Deshalb hätte ich auch keine Lust auf Serien oder Fortsetzungsromane. Ich versuche, originell zu bleiben. Aber es ist schon so: Wenn du relativ viel gemacht hast, verfügst du über ein technisches Repertoire, das du zum Einsatz bringst.
Also: Furcht vor Routine?
Nicht beim Schreiben selbst, aber beim schöpferischen Werk. Ich bin froh, dass ich das mittlerweile sprachlich hinbekomme. Aber inhaltlich habe ich schon Angst vor Routine.
Wie unterläuft man dann Erwartungshaltungen? Mit der Erfahrung von einem halben Dutzend Bestsellern im Rücken?
Das sind ja manchmal ganz persönliche Dinge. Du willst deine Lektorin nicht enttäuschen, deine Verlegerin, du möchtest nicht, dass sie sagen: Jetzt hat er aber nachgelassen. Ein Dilemma. Andererseits weißt du, dass dadurch das Schreiben nicht unbedingt besser wird. Das heißt, du versuchst den Erwartungsdruck auszublenden. Aber klar: Diese Hintergedanken sind immer vorhanden.
Dennoch: Sie haben ein Abo auf Bestseller, scheint es. Überwiegend mit dem emotionalen Aufspüren von Beziehungsgeflechten, die umgeben sind von Düften, Farben, Geräuschen.
Stimmt, das ist so. Das sind Routinen. Das schleicht sich jedoch immer ein, ohne dass ich das will. Aber ich bin schon, glaube ich, ein Mensch, der beispielsweise ganz viel Gerüche wahrnimmt.
Der Erfolgsautor als Emotionsdienstleister?
Naja, man muss solche Akzente setzen, was für ein Gefühl es ist, an einem strahlenden Sommermorgen aufzuwachen. Und dann bist du womöglich schon anders gelaunt, als wenn es gerade düster oder was auch immer ist. Erich Kästner hat das mal in seinen „Drei Zwillingen“ gemacht. Das ist so eine schöne Szene! Der erste Ferientag, du drehst dich noch mal rum im Bett, schaust raus. Der Baum vorm Haus, die Sonne scheint durch die Kastanienblätter. Und dann plötzlich, die Schrecksekunde: Um Himmels willen, man muss ja verreisen! Da ist genau diese Atmosphäre des ersten Ferientages. Der Zustand von Sommerferien ist eingefangen, lediglich durch die Kastanie, die vor der Tür steht und dass der Himmel blau ist. Natürlich sind das Kleinigkeiten, aber ich merke halt auch immer wieder, dass es Kleinigkeiten sind, die Leute oft nicht wahrnehmen.
Macht Sie das auch misstrauisch? Dass man vielleicht zu gefällig ist? Oder zu gefühlig?
Auf jeden Fall. Aber da verlasse ich mich aufs Lektorat. Ich weiß, dass ich manchmal so hart am Kitsch bin.
Mögen Sie Kitsch?
Nein.
Mögen Sie Sentimentalität?
Eigentlich auch nicht. Ich mag diese toxische Sentimentalität, die sich hinter der Ironie versteckt. Das ist dann manchmal sehr ehrlich, aber zugleich selbstkritisch. Das gefällt mir schon. Ich mag Romantik. Was ein Unterschied ist.
Welcher?
Sentimentalität ist, würde ich sagen, ein aufgesetztes Gefühl. Wenn ich schreibe, dass er ihr 20 rote Rosen schenkt, ist das für alle kitschig. Außer wenn du diese 20 roten Rosen selbst bekommst, wenn du merkst, du bist verliebt, dann ist das toll für dich. Ja, und diese Stimmung muss man erwischen und rüberbringen. Diesen Augenblick, dass es für alle anderen kitschig aussieht, wie einer die Rosen überreicht, aber für diejenigen eben gerade nicht. Das versuche ich, es gelingt ja nicht immer. Aber man muss es trotzdem versuchen, weil es dieses Gefühl ja gibt.
Dem Weichzeichner in all den kleinen und menschlichen Dramen sind Sie also nicht fern. Glauben Sie an das gute Ende?
Ich hab’s ja nicht immer. Beim „Lied über der Stadt“ stirbt die Heldin. Ging aber nicht anders. Aber natürlich ist es mir auch lieber, wenn es ein versöhnliches Ende gibt, weil das ein wesentlicher Teil des Zusammenlebens, auch in der Politik, ist, dass man Fehler wirklich verzeihen kann. Liebe und Zuneigung sind super einfach, wenn man einer Meinung ist. Aber wenn einer richtig Scheiße gebaut hat und man es trotzdem noch fertigbringt, demjenigen zu verzeihen und gut zu sein zum Schluss, dann ist das ein wesentlicher menschlicher Faktor.
Sie haben vor 35 Jahren zur Schriftstellerei gefunden. Der Erfolg kam spät. Und Sie sagen ja immer, Sie hätten gar nicht mehr daran geglaubt an den flächendecken Durchbruch.
Ja, da fragt man sich, ob die Leserschaft einfach anspruchsloser geworden ist.
Fischen Sie nach Komplimenten? Gut: Ich finde es eher bewundernswert. Welche Arbeitshaltung steckt dahinter: Einfach weitermachen? Wären Sie auch als Autor, der den Durchbruch nicht geschafft hätte, weiterhin als literarischer Akkordarbeiter unterwegs?
Das ist so eine dumme Sturheit. In meinem Abiturjahrgang etwa waren Leute, die waren echt begabt. Musikalisch, künstlerisch, literarisch. Die haben irgendwann aufgesteckt. Ich habe halt einfach immer weitergemacht. Das ist schon ein Ausblenden der Realitäten. Als ich das erste Mal auf der Frankfurter Buchmesse war, präsentiert von einem Kleinverlag, begriff ich, dass in Deutschland Jahr für Jahr 65.000 neue Bücher erscheinen. Da habe ich mir gedacht: Alter, was denkst du dir eigentlich? Was machst du hier? Und dann zu sagen, mir wurscht, ich mach einfach weiter, das ist das, was ich mit dieser dummen Sturheit meine. Denn 95 Prozent aller Autoren erleiden ja dieses Schicksal.
Spielt Popularität am Ende gar keine Rolle?
Doch. Ich habe immer dafür geschrieben, gelesen zu werden. Ich halte das für eine dumme Koketterie zu sagen, ich schreibe bloß für mich. Niemand schreibt nur für sich. Außer du schreibst Tagebuch und sperrst es weg. Jeder will gelesen werden. Und ich wollte immer Geschichten erzählen. Das heißt: Für mich spielte das eine Rolle. Anerkennung ist eine starke Motivation.
Eine Kritikerin der Süddeutschen Zeitung warf Ihnen mal Pfauenhaftigkeit vor. Von „blendend greller Selbstbegeisterung“ schrieb sie.
Ich erinnere mich an diese Frau.
Fühlt man sich da getroffen?
Du fühlst dich immer ein bisschen getroffen. Aber in diesem Fall war es so grotesk überzeichnet. Vor allem, weil ihr SZ-Kollege, Bernhard Blöchl, den Abend moderiert hat. Natürlich habe ich an diesem Abend performt. Wenn ich vor Publikum auftrete, will ich es auch unterhalten. Sonst brauchst du das nicht zu machen, sondern nimmst ein Hörbuch auf und lässt es abspielen. Ich weiß aber, dass mir immer etwas Arroganz und Selbstdarstellung vorgeworfen wird. Ich weiß auch, dass dieser Vorwurf nicht ganz ohne Basis ist.
Selbstschutz?
Das ist natürlich eine Bühnenfigur. Der Ewald Arenz, der liest, der auf der Bühne ist, ist nicht eins zu eins der, den Sie kennen. Aber diese Bühnenfigur ist immer noch relativ nah dran an dem, was ich wirklich bin.
Wie gehen Sie an ein neues Buch, an einen neuen Stoff ran? Gibt’s einen Zettelkasten an Ideen?
Nee. Ich weiß nie, was ich als nächstes schreibe.
Muss es mit Ihrer aktuellen Gedankenwelt zu tun haben? Wie jetzt das Thema Älterwerden.
Nicht unbedingt. Inspiration kommt auf so unterschiedliche Weise.
Waren Ortswechsel mal ein Thema als Ideen-Lieferanten?
Ich lese immer in den Klappentexten: Lebt in New York und München. Ich will drinstehen haben: Lebt in Obermichelbach oder Kleinsendelbach. Ich bin in den vergangenen Jahren so viel rumgekommen auf meinen Lesereisen, das ist Inspiration genug für mich.
Provinz lähmt Sie nicht?
Ganz im Gegenteil: Provinz ist dort, wo ich in Ruhe schreiben kann. Ich liebe es halbnackt in den Garten zu gehen und mein Feuerholz zu holen.
Sie brauchen vertraute Atmosphäre?
Ich kann schon im Zug oder im Hotel schreiben. Aber am besten schreibe ich in meinem Arbeitszimmer. Das ist tatsächlich Routine.
Die Region Nürnberg gilt immer noch nicht als blühende Literatur-landschaft. Kaum Verlage, man nimmt kaum eine geschlossene Autorenszene wahr, obwohl es hier in den letzten Jahren erstaunlich viele neue Stimmen gibt. Woran liegt das?
Es hat mit der Verlagsszene zu tun. Darüber hinaus ist die Nähe zu München und Frankfurt zu groß.
Kann man das ändern?
Also die Literaturfestivals sind es nicht. Das merke ich immer wieder. Ich würde schon mal damit anfangen, an der Universität einen Studiengang Kreatives Schreiben einzurichten. Die Frage ist, ob Nürnberg nicht doch eine Stadt der Musik und Kunst bleibt.
Klingt resignativ.
Mir ist das wurscht. Es war schon immer so, dass man sich die Frage stellte, muss man nach Berlin, München, Paris, New York, um ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden. Oder ist es auch möglich, so wie es früher ja auch mal war, dass die Provinz auch hohe Literatur hervorbringen kann? Du musst als Schriftsteller weltoffen sein, das auf jeden Fall. Aber bloß, weil du in der Provinz lebst, bist du nicht automatisch kleingeistig, sondern das kann genau andersrum sein. Insofern ist die lange Rampe, die du aus der Provinz herausnehmen musst, womöglich nachhaltiger als das Sprungbrett des Hypes.
Sind Sie schon wieder dran, am Schreibtisch, an Neuem?
Nein, ich brauche eine Pause. Der Taktschlag der letzten Jahre war hoch. Ich kann und will nichts erzwingen. Glücklicherweise hat mich der Kosmos Verlag gefragt, ob ich ein Kinderbuch machen möchte. Das erscheint im Herbst 2027.
Danke!
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Ewald Arenz – „Fünf Sechs Sieben Acht“
Was tun, wenn einem die eigene Tochter den Job am Theater wegschnappt? Ewald Arenz thematisiert diesen Konflikt in seinem neuen Bestseller „Fünf Sechs Sieben Acht“ (DuMont Verlag, 25 Euro) und bettet ihn ein ramponiertes Familiengefüge. Es geht um Konkurrenzdenken, komplizierte Beziehungen, das Älterwerden und die Magie von Musik und Rhythmus. Arenz avancierte in den vergangenen Jahren mit „Alte Sorten“, „Der große Sommer“, „Zwei Leben“ und anderen Büchern jeweils Volltreffer beim Publikum.
Lesungen
Live kann man Ewald Arenz in der Region vorerst nur im Dehnberger Hof Theater erleben. Dort tritt er am 21. November als Gast beim neuen Format „Ich lade gern mir Gäste ein“ des preisgekrönten Musikers Norbert Nagel auf.
Theater
„Alte Sorten“ – Romanadaption nach dem Bestseller von Arenz. Premiere war am 25.09., weitere Aufführungen Fr 7. – So 9. Mai 2027 auf dem Gut Zennholz, Fürth.
curt vergibt drei Hardcover-Exemplare von „Fünf Sechs Sieben Acht“. E-Mail an
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