Unsere neuste Kulturpreisträgerin: Kathi Mock im Gespräch mit Theo Fuchs
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Es ist schon wieder passiert: Die Kulturpreise der Stadt Nürnberg wurden vergeben – und wir freuen einmal mehr über eine Preisträgerin aus der kleinen, große curt-Familie: Kathi Mock. Seit Jahren kümmert sie sich in der Region um Poetry Slam und auch um die dazugehörende Kolumne in curt. Unsere mega Glückwünsche gehen raus an Kathi – und auch an uns selbst, an das curt-Team. Das Gespräch führt der Mann, der uns in dieser Ausgabe mit der No. 100 seiner Kolumne HINTEN RAUS beglückt und schon längst mit dem Kulturpreis bedacht wurde: Theobald O.J. Fuchs.
THEO: Die erste Frage lautet selbstverständlich: Wie schaffst du das alles? Du bist Slammerin. Du bist Moderatorin. Du bist Veranstalterin. Du bist promovierte Toxikologin. Du bist, wie ich gerade erfahren habe, freie Rednerin auf Hochzeiten und möglicherweise auch Taufen? Undundund. Und jetzt Kulturpreisträgerin!
KATHI: Ich arbeite Teilzeit als Biochemikerin, also 4-Tage-Woche. Um zu organisieren oder Telefonate zu führen und so weiter, nutze ich den Montag. Die Veranstaltungen sind ja meistens abends oder am Wochenende und so versuche ich das halt alles zusammen zu strukturieren. Natürlich arbeite ich unterm Strich schon mehr als 40 Stunden in der Woche, wobei alles auf der Bühne dabei sehr viel Spaß macht. Ich sage immer: Fritze Merz wäre stolz auf mich!
Nun zu einem Punkt, der viele interessiert, insbesondere das ältere Publikum, zum Beispiel jetzt mich oder meine Schwiegermutter: Poetry Slam ist ein relativ neues Genre, das es in meiner Jugend noch nicht gab. Viele Menschen, so glaube ich, selbst in der Kulturszene, wissen nicht absolut sicher, wo man das einordnen soll.
Ja, das ist sehr vielfältig. An sich ist Poetry Slam einfach Bühnenliteratur live. Ursprünglich komme ich von der Bühne, vom Theater. Ich habe sehr gerne Schultheater gespielt. Hatte mir auch kurz mal überlegt, ob ich Schauspielerin werden möchte, habe mich dann dagegen entschieden, es aber auch nie bereut. Okay, das ist ein Geheimnis (lacht). In der Schule hat ein Referendar von uns Improtheater gespielt, so bin ich schon ganz früh mit Improvisationstheater in Berührung gekommen. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht!
Als ich studieren ging, hatte ich, weil es ja Naturwissenschaften waren, leider keinen Anschluss mehr an all diese Dinge. Darunter habe ich sehr gelitten, weil in Tübingen die geisteswissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Institute auch räumlich sehr weit voneinander getrennt sind. Man ist ganz weit voneinander weg, es sind getrennte Mensen und so weiter. Bei der Doktorarbeit war ich aber in einem Institut, das in der Nähe von den Geisteswissenschaften war, nicht oben auf dem Berg. Da fand ich über Angebote, die es in der Uni gibt, wieder einen Improtheaterkurs. So lernte ich dann ganz viele Leute kennen, die andere Dinge machen, eben auch Poetry Slam.
Als nächstes habe ich einen Poetry-Slam-Workshop an der Uni mitgemacht, den zwei Poetry Slammer aus Tübingen veranstalteten. Ich dachte damals, Poetry Slam sei immer gereimte Texte auswendig auf der Bühne, und ich war nicht so gut im Reimen. Ich habe diesen Kurs gemacht, um mein Reimen zu üben.
Man kann einen Reimkurs machen...? Allmächd!
Ich bin da hingegangen und die haben gelacht, weil Poetry Slam ja alles sein darf. Es ist im Endeffekt ein sehr offenes Format. Zwar alles irgendwie literarisch oder gesprochenes gesprochenes Wort und mit Regeln, dass man zum Beispiel keine Requisiten verwenden darf, aber was ich inhaltlich und formal in meinem Textbeitrag mache, ist komplett frei, und das hat mir natürlich sehr getaugt. Ich habe nie wirklich was gereimt. Ich habe mit lustigen Kurzgeschichten angefangen und das hat mir einfach sehr viel Spaß gemacht.
Eine Frage hätte ich noch ... nein, ich habe noch drei Fragen. Also die erste Frage, was ist – wenn du zurückblickst auf dein bisheriges Schaffen – was ist dein liebstes Werk? Dein liebster Text, die liebste Show, die du je gemacht hast, und wo kann man das vielleicht noch mal sehen oder lesen? Vielleicht wollen ja unsere Leser:innen mal was nachlesen, das du geschrieben hast.
Ich finde, je nachdem was für Textarten und Sachen man bei Poetry Slam macht, eignen die sich mehr oder weniger gut für den Druck. Und ich finde, meine Texte eignen sich nicht so sehr gedruckt, sie leben mehr vom Vortrag. Es gibt aber auch zwei Texte von mir in Anthologien. Was ich am Poetry Slam mag, ist halt wirklich diese Bühnenperformance und die Interaktion mit dem Publikum. Für mich ist das Besondere das Live-Format. Was ist mein USP?, wurde ich mal gefragt …
Dein Unique Selling Proposition, also dein Alleinstellungsmerkmal ...
Ja, genau. Das Ding ist, dass ich halt klein bin und eine Frau und dann kommt die auf die Bühne und die Leute denken: Ach, das ist jetzt so ein liebes nettes Mädchen! Ich meine, als ich angefangen habe, war ich 26 und noch mehr Mädchen als jetzt. Ich werde auch heute immer noch für jünger geschätzt, so dass ich dann halt mit einem Überraschungsmoment komme, weil ich zum einen feministische Texte mache und zum anderen auch deutlich Dinge anspreche. Oder auch rumgeschrien habe in der Vergangenheit. Ich brachte zum Beispiel einen Text über Wut, wo ich sehr wütend auf der Bühne herumgeschrien habe. Ein krasser Bruch der Erwartungshaltung. Ich habe das mit dem Rumschreien irgendwann gelassen, weil es mir zu einfach war. Immer wieder das Gleiche, manchmal das Notizbuch auf den Boden geworfen, bei einem anderen Text bin ich von der Bühne gesprungen und einmal aus Versehen jemandem auf dem Fuß, der dann vor Schmerz aufgeschrieben hat. Ich hatte sehr viele schöne Auftritte (lacht).
Ich kann es dir nicht sagen, dass dieser eine Auftritt oder Text ganz besonders war. Natürlich ist es schön wenn man einen Poetry Slam am Ende gewinnt oder richtig gut ankommt und viele Leute auf einen zukommen und das toll finden. Aber ich mag es auch, Leute zum Nachdenken anzuregen. Ich habe einen Text über Achselhaare. Einmal hatte ich einen Auftritt, wo das Publikum nicht so feministisch aufgeschlossen war. Als ich dann erklärte, dass es um meine Achselhaare ginge, hat einer richtig laut und ehrlich in der ersten Reihe »iiiihh« gesagt. Da dachte ich: ja, genau für den ist der Text. Natürlich haben die mir da keine so gute Wertung gegeben, aber die müssen sowas ja auch mal hören.
Du hast gerade meine nächste Frage schon perfekt angeteasert ...
Es gibt sehr alte Youtube-Videos von Auftritten von mir, sehr alte und ein paar neuere, wobei die neuesten Videos wahrscheinlich so in der Pandemie entstanden sind. Früher wurde bei Poetry Slams viel mehr gefilmt als heutzutage. Man muss halt zu Veranstaltungen gehen ;).
Da würde ich jetzt mal unseren Lesern und Leserinnen empfehlen, sich diese Clips anzusehen. Zurück zur Frage: Du engagierst dich sehr stark im Bereich Feminismus, auch für Queer- und Transrechte.
Ja, feministisch intersektional, würde ich sagen. Das ist sehr wichtig, finde ich, gerade in heutigen Zeiten. Das politische Klima und die Stimmung in der Gesellschaft rücken nach rechts. Reiche und einflussreiche Menschen wie JK Rowling und Elon Musk betreiben transfeindlichen Aktivismus und unterstützen entsprechende Organisationen mit Geld. Queere und trans Personen müssen also Angst vor Verfolgung, Gewalt und Diskriminierung haben, statt dass sie einfach in Ruhe selbstbestimmt ihr Leben führen dürfen.
Woher kommt Dein Engagement?
Ich hatte schon immer ein sehr starkes Gerechtigkeitsempfinden, Ungerechtigkeit geht mir sehr nahe. Als ich angefangen habe im Poetry Slam, war die Szene sehr männlich dominiert. Ich war ganz oft die einzige Frau am Abend. Später hat sich aber auch ein Verein gegründet, damals noch zur Förderung von Frauen und Mädchen im Poetry Slam. Inzwischen durch die gesamtgesellschaftliche Reflektion und dass eben queere und trans Aktivist:innen in den letzten Jahren viel Aufklärungsarbeit geleistet haben, hat sich der Verein erweitert zur Förderung von FLINTA-Personen. Eben für queer-feministische, intersektionale Themen.
Wie ist es mit dem Publikum? Bleibt es die ganze Breite sozusagen oder verändert es sich mit den Themen?
Die Frage ist, welches Publikum will ich? Will ich die alten Grantler, die mir ins Gästebuch schreiben »deine alte Haarfarbe hat mir besser gefallen«? Also ein übergriffiger Kommentar über mein Äußeres? Oder möchte ich Leute, die aufgeschlossener sind? Ich habe Formate, die offener sind. Zum Beispiel beim Poet*innenfest in Erlangen mache ich einen Poetry Slam, wo dann Leute hinkommen, die nicht wissen was sie erwartet, wo ich dann eben eine breitere Masse erreichen kann. Und dann finde ich natürlich schön, wenn ich solche Themen auch präsentieren kann.
Dieses Jahr gehen die Kulturpreise nur an weibliche Preisträgerinnen, plus das Paradies als Kulturort, das für seine Travestie-Shows bekannt ist.
Das finde ich natürlich mega! Ich habe befreundete Personen, die Drag machen und finde das ganz faszinierend. Ich bin gespannt, was was die anderen Preisträger:innen [bei der Preisverleihungsgala im November] präsentieren werden.
Ich selbst werde natürlich irgendwas mit Text machen. Ich denke, das ist auch die Erwartungshaltung an mich. Ich werde aber auch einbringen, dass ich Glück habe, dass ich diesen Preis bekomme, weil ich Fürsprecher:innen habe. Ich habe Weggefährt:innen, die das genauso verdient hätten oder die mich unterstützt haben. Ich habe Kooperationspartner mit denen ich zusammenarbeiten kann, die mir eine Bühne geben. Die werde ich auch erwähnen und natürlich bin ich allen dankbar.
Okay, das wird eine sehr interessante Rede. Wir sind alle riesig gespannt drauf und Ich kann jetzt schon versprechen, dass sie dann hinterher im CURT abgedruckt wird. Ich wäre dann auch durch mit meinen Fragen. Möchtest du noch irgendwas extra sagen?
Nun, ich stehe natürlich sehr gerne selber als Künstlerin auf der Bühne. Aber eben genauso gerne als Moderatorin oder als Veranstalterin, weil ich den Abend kuratieren und gestalten kann. Da habe ich immer auch einen Anspruch, das paritätisch zu besetzen, und achte auf Diversität und solche Dinge. Das mache ich absolut geschmeidig, das fällt den Leuten gar nicht immer auf.
Vielen Dank für das Interview! Wir freuen uns alle ganz arg mit Dir über diese mehr als verdiente Auszeichnung!
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Kathi Mock – Nürnberger Kulturpreisträgerin 2026
hat 2010 Poetry Slam für sich entdeckt und seither unzählige Auftritte im gesamten deutschsprachigen Raum absolviert. Seit 2014 lebt sie in Erlangen, wo sie seit 2015 den monatlichen U20-Poetry-Slam mitorganisiert und moderiert. Seit Februar 2020 organisiert sie zudem die monatlichen Poetry Slams im Nürnberger Parks und Erlanger E-Werk, ist abwechselnd mit Lucas Fassnacht Gastgeberin bei „Lesen für Bier“ im Parks und Mitglied beim Improvisationstheaterensemble holterdiepolter! in Nürnberg. Und: Kathi ist auch Hochzeitsrednerin.
Die curt Poetry-Slam-Kolumne hostet Kathi seit März 2019!
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