Musical im Staatstheater: Gelockter Softie mit Sex-Appeal

3. MäRZ 2024 - 16. JULI 2024, STAATSTHEATER

#Jesus Christ Superstar, #Musical, #Rockoper, #Staatstheater Nürnberg

Theaterkritik von Andreas Radlmaier

Wiederauferstehung am Nürnberger Staatstheater: Mit stehendem Applaus feierte im Opernhaus ein sichtlich jung durchmischtes Publikum die frischpolierte Highspeed-Neuinszenierung von „Jesus Christ Superstar“, mit dem der heute 75-jährige Andrew Lloyd Webber (samt Text-Partner Tim Rice) vor einem halben Jahrhundert vom Broadway aus seine Weltkarriere mit genialem Ohrwurmfortsatz einläutete. Der Erlöser-Stoff ist offensichtlich immun gegen Missbrauchsvorwürfe und Kirchenaustritte aller Art. Nachdem Staatsintendant Jens Daniel Herzog in seiner Dortmunder Zeit bereits einen Publikumserfolg mit dem Musical-Klassiker gelandet hatte, wiederholt sich in Nürnberg der Push für die Auslastungsbilanz: Rund 21.000 Gäste wollen allein bis Juli das Mirakel von Menschsein, Verrat und Märtyrertod in geplanten 21 Vorstellungen erleben. Klarer Fall von Wunder.


Am Ende darf das ewige Licht den Weg in die paradiesische Illusion leuchten, umspült von dramatischem Movie-Sound, der aus dem Orchestergraben steigt. Ein Kreuz in queeren Regenbogen-Farben schwebt vom Bühnenhimmel, aus der Volksmasse löst sich ein kleiner Junge als Zukunftshoffnung der kollektiven Liebe. Der Sohn der alleinerziehenden Prostituierten Maria Magdalena, die sich mit Jesus offenkundig in der Gründungsphase einer Patchwork-Familie befindet (was uns die Bibel und Webber-Rice bislang unterschlugen) blickt ins Publikum, Hand in Hand mit den mörderischen Vertretern der katholischen Kirche, die soeben noch den Ur-Christen brutal-blutig foltern und ans Kreuz hängen ließen, was alle dank Live-Cam hautnah als Großprojektion miterleben durften. Die Frohe Botschaft lautet: Wer glaubt, wird selig.
 
Es ist nicht die einzige dramaturgische Freiheit, die sich Regisseur und Musical-Spezialist Andreas Gergen erlaubt. Jesus wird der Prozess – umringt von der Schweizer Garde und einem USK-Kommando - in der Sixtinischen Kapelle verpasst, Herodes darf als weißgewandeter Papst mit einem Engelsballett frivolen Charleston tanzen. Überhaupt sind der Vatikan und der Petersplatz Schauplatz der letzten sieben Tage des Religionsschöpfers. Möglicherweise muss die Geschichte des Gelobten Landes folglich umgeschrieben werden. Denn sowohl die Hohen Priester des jüdischen Glaubens wie auch die Statthalter der römischen Besatzungsmacht haben die Tracht getauscht und sind nun allesamt bigotte katholische Kanaillen mit Kardinalskappe und Bischofsmütze. Wer so kühn durch Zeit und Zusammenhänge springt, steigt schnell mal in der Renaissance und dem Petersdom um.
 
Dieser Regie-Einfall raubt der Rock-Oper den politischen, antiken Hintergrund, der wohl wie ein Brandbeschleuniger für Revolten und neue Propheten gewirkt hat. Schärft aber gleichzeitig die Stoßrichtung auf korrupte, kaltschnäuzige Amtskirchen (die Evangelen werden – welch Glück – ausgeblendet) und die Sehnsucht nach Aufstand und Revoluzzertum. Nun protestieren die Jesus-People mit Plakaten gegen „Missbrauch in der Krypta“ und für Kirchenämter für Frauen, schwenken LGBTQ-Fahnen und feiern das letzte Abendmahl mit Picknickdecke, Wanderklampfe und Dosenbier, während das Volk vom aufstrebenden Sohn Gottes, der in einem Studentendachzimmer samt „PACE“-Wandschmuck und Vintage-Möbeln wohnt, eher diverse Wunderheilungen erwünscht. Bevor Mann und Frau elastisch zu den „Kreuzigt ihn“-Rufen überschwenken.
 
Gergen lenkt das personenreiche Passions-Spektakel souverän, die zweistündige Aufführung steuert dynamisch und bilderreich aufs blinkende Castingshow-Finale zu. Der ursprüngliche Verzicht auf Wortpassagen in „Jesus Christ Superstar“ garantiert zusätzlich Tempo. Stimmlich und musikalisch ist dieser Abend imponierend geraten. Eine mit allen Weihwassern gewaschene Jesus-Band (von Norbert Nagel bis Christoph Huber) liefert das kompakte Sound-Fundament, darüber thronen dann die Lieder für die Ewigkeit von „What’s the Buzz“ über „I don’t know how to love him“ bis zum titelgebenden „Jesus Christ Superstar“ . 
 
Alte Shouter-Tugenden werden in der Neuinszenierung der Rock-Oper wach, Deep-Purple-Sänger Ian Gillan (der 1970 den Jesus sang) grüßt von weitem herüber. Metallisch-hell klingt auch Lukas Mayers Stimme. Mayer, gelockter Softie mit Netzhemd-Sexappeal im Slalom zwischen Sinnsuche und Selbstbewusstsein, liefert wie auch Til Ormeloh (als kritischer Gegenspieler Judas mit offensivem Faltenrock-Appeal die tragende und tragische Figur des Konflikts) gelungene Persönlichkeitsstudien. Dorina Garuci (Maria Magdalena), Marc Clear (Pontius Pilatus), Alexander Alves de Paula (Kaiphas), Mark Weigel (Annas) und Hans Kittelmann (Herodes) runden eine glänzende Ensembleleistung ab. Ostern kann kommen.

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Jesus Christ Superstar
Premiere im Opernhaus
am 03.03.2024
 
Weitere Aufführungen bis Juli 2024:
Sa, 09.03.2024, 19.30 Uhr 
So, 17.03.2024, 15.30 Uhr 
Di, 02.04.2024, 19.30 Uhr 
Fr, 05.04.2024, 19.30 Uhr 
Fr, 12.04.2024, 19.30 Uhr 
Mi, 17.04.2024, 19.30 Uhr 
Fr, 10.05.2024, 19.30 Uhr 
Sa, 11.05.2024, 19.30 Uhr 
Mo, 13.05.2024, 19.30 Uhr 
Fr, 17.05.2024, 19.30 Uhr 
Do, 30.05.2024, 19.00 Uhr 
Mo, 10.06.2024, 19.30 Uhr 
Fr, 21.06.2024, 19.30 Uhr 
So, 23.06.2024, 17.00 Uhr 
Sa, 29.06.2024, 19.30 Uhr 
Di, 02.07.2024, 19.30 Uhr 
Sa, 06.07.2024, 18.00 Uhr 
Do, 11.07.2024, 19.30 Uhr 
So, 14.07.2024, 17.00 Uhr 
Di, 16.07.2024, 19.30 Uhr 

Mehr Infos HIER.




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STAATSTHEATER. Goyo Montero im Interview mit Andreas Radlmaier

Frisch dekoriert mit dem bayerischen Verdienstorden „Pro meritis“ steuert
Goyo Montero (47) mit der Retrospektive „Boîte-en-valise“ (13. bis 17. Juli) und der Internationalen Tanz-Gala (21./22. Juli) im Opernhaus ins (ausverkaufte) Grande finale seiner „Jubiläumssaison“. 15 Jahre ist der Madrilene Ballettchef in Nürnberg. Jubiläum hin oder her – eine Ära Montero ist das bislang sicherlich. Medien sprechen respektvoll vom „Nürnberger Ballettwunder“. Das kann man mindestens noch fünf Jahre bewundern. So lange läuft Monteros Vertrag, also bis zum 20. Jubiläum. Andreas Radlmaier sprach mit Montero über seine „Heimat“, den Ballettsaal, seine Oase Nürnberg und Pläne zwischen Hermann Hesses „Steppenwolf“ und der ersten Opern-Inszenierung.  >>
MAGAZIN  
 
Thomas Köck hat, das hört man eher selten, ein Stück geschrieben, das nicht zum Nachdenken anregen soll. Es zeige einfach nur die Fakten auf. Fast resigniert klingt dementsprechend der Titel: Und alle Tiere rufen: dieser Titel rettet die Welt auch nicht mehr zeigt die Konsequenzen der Existenz und Dominanz des Menschen auf diesem Planeten auf. Regie führt Christoph Dechamps, auf der Bühne steht Thomas Witte. Premiere am 19. April. Das nächste Gostner-Endzeit-szenario folgt dann im Mai: Monte Rosa erzählt von drei Bergsteigern auf den Weg zu den Gipfeln. Für diese drei zählt nichts als der Aufstieg, alle zwischenmenschlichen Beziehungen sind zweckmäßig gedacht. Theresa Dopler hat eine Dystopie geschrieben, in der das Konkurrenzdenken unserer Zeit auf die Spitze getrieben wurde. Premiere: 4. Mai.

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Gostner Hoftheater   
Austraße 70, Nbg.



Salz+Pfeffer
 
Mord im Theater Salz+Pfeffer! Beziehungsweise, schon im Theater Salz+Pfeffer, aber eigentlich in der kleinen Pension Monkswell-Manor in England. Zwei alte Damen hören von dem Fall im Radio und fühlen sich dazu berufen, der Sache nachzugehen und ihn aufzuklären, klar. 
Zum Glück bringen die beiden neben einer Menge englischen Humor auch ausreichend kriminalistisches Gespür mit. Mausefalle ist ein typischer Krimiabend nach Agatha Christie. Paul und Wally Schmidt schlüpfen selbst in die Rollen der ermittelnden Damen. Die verdächtigen Figuren stammen von Ralf Wagner und Uschi Faltenbacher. Termine: 16., 21. und 22. April. 
Und apropos alte Dame: Der Besuch der alten Dame nach Friedrich Dürrenmatt läuft im Salz+Pfeffer in April und Mai ebenfalls weiterhin. Ein Welterfolg des Nachkriegstheaters, in Puppen übersetzt in der Maskenwerkstatt Marianne Meinl.

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Theater Salz+Pfeffer
Frauentorgraben 73, Nbg.

 
 
Ungewöhnliche Produktionen, gerade im Tanzbereich, finden einen Ort in der Tafelhalle. Z.B., wenn man nicht nur mit Menschen performt, sondern auch drei autonom fahrende Soundroboter mit auf die Bühne holt. Mit zwei Tanzenden zusammen bilden die Robos in Alexandra Rauhs Tanz-Performance mit Soundinstallation Glitching Bodies einen Gesamtorganismus, der die Frage aufwirft, wer hier eigentlich von wem beeinflusst wird. Am 21. und 22. April nochmal anschauen. Und dann gleich am 23. April wiederkommen, wenn der liebe Herr Egi Egersdörfer in der Tafelhalle seine Geschichten aus dem Hinterhaus darbietet. Das Ensemble Kontraste ist außerdem gleich zwei Mal zu Gast: Am 29.04. mit Debussy, Bartok und Ravel für vier Hände, an Klavier und Schlagwerk. Am 07.05. dann lädt Schauspielerin Adeline Schebesch ins Dichtercafé, die uns mitnimmt auf Goethes italienische Reise. Dazu hören wir gerne Mozart. 

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Tafelhalle 
Äußere Sulzbacher Str. 62, Nbg.

 
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STAATSTHEATER. Das männliche Geschlecht ist gewalttätig – und die Amazonen ziehen ihre Konsequenzen daraus und wollen ohne Männer leben. Anlässlich der Premiere der Oper Talestri – Königin der Amazonen aus dem Jahr 1763 nutzt das Staatstheater eine Kunstaktion, um auf eine immer noch sehr gegenwärtige Problematik hinzuweisen. Die Idee der Zapatos rojos – Rote Schuhe – stammt von der mexikanischen Künstlerin Elina Chauvet, die 2009 in Juárez Chihuahua erstmals ebensolche auf einem öffentlichen Platz ausstellte: Jedes Paar Schuhe steht für eine Frau, die aufgrund ihres Geschlechts ermordet wurde. Nürnberg wiederholt diese Aktion am 12. November vor dem Opernhaus. Über 120 Paare konnten im Vorfeld bereits gesammelt und in den Werkstätten des Theaters rot eingefärbt werden. Auch am Aktionstag selbst können Interessierte noch Damenschuhe zwischen 15 und 19.30 Uhr mitbringen. Vor Ort können die Schuhe selbst rot eingefärbt und aufgestellt werden. Zapatos rojos appelliert daran, sich mit Frauen in aller Welt zu soldarisieren, die Gewalt erfahren haben. Hedwig Schouten, Frauenbeauftragte der Stadt Nürnberg und Ilaria Lanzino, Regisseurin der Oper „Talestri – Königin der Amazonen“, werden die partizipative Aktion um 15 Uhr mit einer gemeinsamen Begrüßung eröffnen. Im Anschluss an die Aktion werden die gespendeten Schuhe Teil des Bühnenbilds der Oper, die am Sonntag, 13.11. Premiere feiert.

www.staatstheater-nuernberg.de  >>
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