Theater Salz+Pfeffer: Jede Entscheidung kommt auf die Waage der Nachhaltigkeit

MITTWOCH, 1. DEZEMBER 2021, THEATER SALZ+PFEFFER

#Gemeinwohl, #Interview, #Nachhaltigkeit, #Theater, #Theater Salz und Pfeffer, #Wally Schmidt

Gemeinwohl. Das Wort taucht in jüngster Zeit immer häufiger mal auf, hört sich auch ganz freundlich an, aber so ganz und gar versteht man noch nicht, was sich dahinter verbirgt. Dabei gibt es mittlerweile sogar ein Zertfikat für Gemeinwohl, vergeben vom Internationalen Verein zur Förderung der Gemeinwohl Ökonomie (GWÖ). Dieser Verein klassifiziert Unternehmen in vier Kategorien (Menschenwürde, Solidarität/Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und Transparenz/Mitentscheidung) und stößt einen Prozess an, der zu mehr von all dem führen soll. Nürnberg schmückt sich gern mit nachhaltigen Federn, und nicht zu Unrecht. Das stadteigene Spielzeugmuseum ist das erste Museum Deutschlands, das den eigenen Beitrag zum Gemeinwohl bilanzieren lässt. Und das erste in dieser Hinsicht zertifizierte Theaterhaus der Welt haben wir ebenfalls. Darüber sprachen mit mit Figurentheater-Chefin Wally Schmidt.

CURT: Wie seid ihr überhaupt auf die Idee gekommen, euch zertifizieren zu lassen?
WALLY SCHMIDT: Wir sind schon lange persönlich an dem Thema Nachhaltigkeit dran. Ich selbst habe vor vielen Jahren meinen Urlaub damit verbracht, meinen eigenen Konsum auf unverpackt umzustellen. Und habe festgestellt: So einfach ist das gar nicht. Danach habe ich das natürlich mit ins Theater getragen. Wir sind ein vegetarisches Theater, das heißt, bei uns kann man auch feiern, die Gäste müssen aber akzeptieren, dass es ein rein vegetarisches Büfett gibt. Auch im Team essen und kochen wir viel miteinander, aber tote Tiere wollen wir im Theater einfach nicht haben. So hat es angefangen. Irgendwann haben wir festgestellt, wir machen schon viel, aber alles so aus dem Bauch heraus, man bräuchte so etwas wie ein Regelwerk. Für Kleidung und Lebensmittel gibt es Labels, aber was ist denn für uns wichtig? Das Schicksal hat uns dann zu einer Infoveranstaltung der GWÖ geführt. Das war genau das, wonach wir gesucht hatten. Im Oktober 2018 haben wir beschlossen, wir machen das.

Warum ist euch das Thema Nachhaltigkeit (und was da so dazugehört) denn überhaupt wichtig?
Als Theater setzen wir uns prinzipiell damit auseinander, wie die Gesellschaft aufgebaut ist. Uns haben diese Themen immer mit tangiert, je nachdem, was gerade aktuell ist. An der Klimakrise kommt man nun nicht mehr vorbei. Und wenn man mit der Klimakrise anfängt, landet beim Thema Nachhaltigkeit, auch wenn ich das Wort nicht so mag, aber ein besseres habe ich noch nicht gefunden. Ich denke, unsere Gesellschaft muss sich einfach grundlegend ändern. Wir als Bildungseinrichtung leisten unseren Beitrag dazu.

Wie läuft so eine GWÖ-Zertifizierung denn grob ab?
Die GWÖ bietet zwei verschiedene Möglichkeiten an, ein Audit oder eine Peer Group. Wir waren in der Peer Group, das heißt, fünf Betriebe haben sich zusammengetan und die Workshops zusammen gemacht. Das war ganz toll und ich würde es jederzeit wieder genauso machen, weil wir dadurch Betriebe kennengelernt haben, die ganz anders sind als wir, vom Solo-Selbstständigen bis zum Unternehmer für Bio-Kleidung. Es interessiert uns nicht, unsere eigene Suppe zu kochen, wir wollen diese Suppe mit der Gesellschaft teilen.
Die Zertifizierung bestand aus fünf Workshops, je ein halber Tag, an denen man Schritt für Schritt die gesamte Agenda durchgegangen ist und alle Punkte beleuchtet hat. Die Hausgabe bestand dann immer darin, die eigenen Zahlen dazu zu finden. Zum Abschluss wurde beurteilt, wo man steht. Bei uns ist im Laufe der Zeit ein Schriftwerk von 30 bis 40 Seiten entstanden.
Was ich bei GWÖ so spannend finde ist: Wenn man das gesetzliche Minimum erfüllt, ist man bei 0 Punkten. Wer Fehler macht, kann bei -1000 landen und wer alles richtig macht, bekommt 1000 Punkte (Anm.:Theater Salz + Pfeffer: 381 Punkte). Die sagen einem nie, jetzt ist alles gut, ihr seid fertig. Es ist ein Prozess. Wir sind noch am Anfang und beim nächsten Audit müssen wir schon besser sein.

Das heißt, ihr habt nun das Ziel, 1000 Punkte zu erreichen?
Ich weiß nicht, ob man das erreichen kann. Es gibt Dinge, die sind für uns nicht machbar. Was mich interessiert ist, dass man als Betrieb erstmal alles, was man tut, reflektiert und versucht, zu beleuchten. Und dann kann man sich frei entscheiden, ob man etwas macht oder auch nicht. Mir geht‘s nicht um 1000 Punkte.

Und seid ihr wirklich, wirklich das weltweit einzige Theaterhaus, das sich gemeinwohlzertifiziert nennen kann?
Nicht mehr das einzige, aber das erste Theater. Wahrscheinlich hat jetzt auch das Deutsche Theater Göttingen sein Zertifikat, die wären dann das Zweite. Es gibt noch ein Haus, das ist aber mehr ein Hotel und das Theater führen sie nebenbei. Ich erinnere mich an diesen Moment, als wir die GWÖ fertig hatten und den Bescheid bekommen haben. Ich fragte meine Kollegin: Sind wir denn jetzt die Einzigen in der Region? Nach zwei Stunden Recherche sagte sie: Die Einzigen in Bayern. Zwei Stunden später: in Deutschland. Und bevor sie dann nach Hause ging: Ich glaube, weltweit. Wir haben uns das dann von der GWÖ bestätigen lassen.

Ihr habt im Zuge des Prozesses ein paar Sachen verändert. Was war die schwierigste Umstellung?
Schwierig ist es, im Alltag jede Entscheidung, die man trifft, auf die Waage der Nachhaltigkeit zu legen. Bei der Material-beschaffung für unsere Stücke sind wir von Amazon komplett weg, das Bestellen an sich haben wir um 80 Prozent reduziert. Wenn wir doch etwas bestellen, soll es eine grüne Lieferung aus der näheren Umgebung sein. Wenn unsere Puppen Schuhe brauchten, gingen wir früher in den Kik und haben Schuhe für 2,50 Euro gekauft. Das würden wir heute nicht mehr machen, weil Schuhe für 2,50 sind mit Sicherheit nicht nachhaltig. Und: Man kann genauso gut in den Second-Hand-Laden gehen.
Dadurch, dass wir das alles im Team gemacht haben, fällt immer jemandem eine noch bessere Lösung ein. Wir haben uns mittlerweile wirklich angewöhnt, nichts mehr zu kaufen, ohne nachzudenken. Was uns noch fehlt ist, dass wir mehr evaluieren. Wir müssten viel mehr eigene Statistiken führen. Mir persönlich ist aufgefallen, dass der Nachhaltigkeit an sich ein Bewusstsein für die Verschwendung von digitalen Ressourcen fehlt. Jeder macht Zoom-Konferenzen, aber ist Zoom nachhaltig? Jeder benutzt WhatsApp, außer mir, und dann müssen andere mir Sachen ausrichten, die ihnen über WhatsApp geschrieben wurden (lacht) … Na ja, nicht alles können wir sofort abstellen.

Und welche neue Erkenntnis war eine Überraschung?
Wir dachten zum Beispiel, Lieferanten haben wir gar nicht, aber natürlich ist unser Steuerbüro ein dauernder Lieferant, genauso wie unser Vermieter. Zuletzt mussten wir uns ein neues Lager suchen und haben dabei auch darauf geachtet, keine riesige Firma mit Storage-Flächen zu nehmen, sondern ein Angebot mit einer realen Ansprechperson.

Wo liegen die größten Baustellen des Theater Salz+Pfeffer, was wollt ihr als nächstes angehen?
Was wir jetzt schon angehen: Wir bauen ein Netzwerk auf, Puppets 4 Future. Da findet ein regelmäßiger Stammtisch für Figurentheater statt, wir treffen uns und tauschen uns aus: Welche Probleme habt ihr, welche Tools gibt es? Ab 20.12. werden wir einen Arbeitskreis für die Region gründen, das hat sich aus unserer Nachhaltigkeitsveranstaltung am 11.11. ergeben, bei der auch Vertreter anderer Unternehmen da waren und wir im Gespräch festgestellt haben: Wir müssen mehr miteinander reden.

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Theater Salz+Pfeffer
Das erste gemeinwohlzertifizierte Theaterhaus der Welt.
Frauentorgraben 73, Nbg.
 




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