Filmhaus: Resonanzraum für gigantische Erfahrungen
#Arthouse, #Bela Tarr, #Filmhaus, #Kino
Er wollte nie ein Regisseur werden und hat doch das Kino der Gegenwart geprägt wie kaum ein anderer Filmemacher: der Ungar Béla Tarr hat in seinem recht schmalen Werk eine eigensinnige, hypnotische Bildsprache entwickelt. Das Filmhaus widmet dem im Januar dieses Jahres verstorbenen Tarr im April und Mai eine Hommage. Gezeigt werden, durchweg in original 35mm-Kinoprojektion, seine fünf vielleicht wichtigsten Filme – die allesamt in Zusammenarbeit mit László Krasznahorkai entstanden, einem engen Freund Tarrs, der letztes Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde.
Tarr und Krasznahorkai – zwei Giganten, die Kino als ein Medium des Denkens begreifen. Filme wie The Turin Horse oder Die Werckmeisterschen Harmonien entwerfen eine eigenständige, rein filmische Realität – und auch eine eigene Zeitlichkeit, die sich v.a. in oft minutenlangen Einstellungen offenbart, in denen die Welt jenseits jeder dramaturgischen Zurichtung zum Bild wird. Gleichzeitig sind die Filme geprägt von einem eigenwilligen, tiefschwarzen Humor – der vor allem mit den knorrigen, ganz und gar nicht mit unserer modernen, durchoptimierten Welt vereinbaren Gestalten zu tun hat, mit denen Tarr und Krasznahorkai ihre Filme bevölkern.
Besonders dick im Kalender anstreichen sollte man sich den 17. Mai: Einen Sonntag, an dem wir ab 11 Uhr Satantango zeigen, Tarrs siebeneinhalbstündiges magnum opus. Zum ersten Mal in Nürnberg überhaupt ist dieser Film zu sehen, in dem ein gottverlassenes, halb verfallenes ungarisches Dorf von der Rückkehr eines vermeintlichen Erlösers in Aufregung versetzt wird. Nicht wenige Kritiker:innen halten Satantango für eines der zentralen Werke der jüngeren Filmgeschichte. Zweifellos handelt es sich um einen Film, der seine volle Wucht nur im Kino entfaltet - das Filmhaus Nürnberg freut sich darauf, zum Resonanzraum zu werden für eine gemeinsame ästhetische Erfahrung, die geeignet ist, den Blick auf die Welt nachhaltig zu verändern.
Den Neuanfang filmen
Im Mai widmet sich das Filmhaus in einem umfangreichen Programm dem britischen Nachkriegskino – und damit einer erstaunlich wenig erschlossenen Ära der Filmgeschichte. Abgesehen von einigen wenigen Klassikern etwa von The Archers aka Michael Powell und Emeric Pressburger, werden britische Filme dieser Epoche hierzulande nur selten gezeigt. Die in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Filmfestival Locarno entstandene Reihe konzentriert sich auf Filme, die sich mit der damaligen Gegenwart auseinandersetzen und ermöglicht den Blick auf ein Land, das dabei ist, sich nach den traumatischen Kriegserfahrungen neu zu erfinden.
Zu entdecken ist unter anderem Lance Comforts Tochter der Finsternis, ein abgründiger Kriminalfilm mit Horrorelementen, in dem ein harmlos ausschauendes Mädchen seine Umgebung in Angst und Schrecken versetzt. Oder auch Simon und Laura von Muriel Box, einer von sehr wenigen Frauen, die im Europa der 1950er Jahre als Filmregisseurin arbeiten konnten. Die beschwingte Komödie erzählt von einem Paar, dessen Leben auf den Kopf gestellt wird, als es die Möglichkeit erhält, in einer Fernsehserie die eigene Beziehung nachzuspielen.
Flucht in die Imagination
Jung sein in Tunesien – was heißt das in unserer Gegenwart? Die 19-jährige Alyssa und der 23-jährige Mehdi schlagen sich in Amel Guellatys Film Wohin der Wind uns trägt zunächst mehr schlecht als recht durchs Leben. Ein Kunstwettbewerb im Süden des Landes lässt sie neuen Mut schöpfen – vor allem, weil als Hauptpreis ein Stipendium in Europa lockt. Wohin der Wind uns trägt erzählt viel von einer Generation junger Tunesier:innen, die nach dem Scheitern des arabischen Frühlings nicht mehr viel Hoffnung auf einen politischen Neuanfang in ihrer Heimat hegen, die aber nicht den Kopf in den Sand stecken wollen. Freilich hat Amel Guellaty keineswegs ein politisches Pamphlet gedreht. Sein Film entfaltet sich vielmehr als atmosphärischer Road Movie und interessiert sich vor allem für die enge, vielschichtige Freundschaft der beiden Hauptfiguren, deren sehr unterschiedliche Persönlichkeiten dem Film ihren Stempel aufdrücken: Alyssas sehnsüchtige Fantasien und Mehdis surrealistische Kunst werden zu zwei Möglichkeiten, einer beengenden Gegenwart zumindest in der Imagination zu entkommen.
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Filmhaus nürnberg
Künstlerhaus, Nbg.
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