Leitungswechsel am KUNO: Dienstleister der Literaten
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Es tut sich gerade ganz viel an entscheidenden Positionen im Nürnberger Kulturleben. Ein Ort, der manchmal etwas aus dem Fokus gerät, obwohl für die regionale Literatur und auch Kunst von so entscheidender Bedeutung ist, ist das seit den 70er-Jahren bestehende Kulturzentrum Nord, aka KUNO, in der Wurzelbauerstraße. Nach 26 Jahren als Leiter des Literaturzentrums hat sich Siegfried Straßner zu Beginn des Jahres in die Rente verabschiedet. Mit Anna Hofmann wurde eine Nachfolgerin gefunden, die eine feste Verankerung in der Szene und eigene Ideen mitbringt. Ein Doppel-Interview über zickige Autor:innen, Kunstmachen und Bürojob und das Überleben der kleinen Zentren.
CURT: Wie geht es euch denn? Wie geht es dir, Sigi, mit In-der-Rente-sein, und wie geht es dir, Anna, hier im Büro?
SIGI: Gut, ich bin jetzt seit Ende Dezember in der Rente. Das ist natürlich ein Einschnitt. Ich dachte natürlich, ich hätte jetzt viel mehr Zeit, aber der Terminkalender ist voll. Ich habe auch wieder angefangen zu schreiben, nicht nur fränkisches Zeug, sondern auch hochdeutsche Kurzgeschichten. Und beim Kuno bin ich ja nicht aus der Welt und offen für Anfragen, dränge mich aber auch nicht auf. Beim Schriftstellerverband will ich mich auch mehr engagieren, es sind ein paar Kurzreisen geplant, ich will ein paar Lesungen akquirieren … Mir wird also bestimmt nicht langweilig.
ANNA: Ich bin noch am Ankommen, würde ich sagen. Ich fühle mich aber schon sehr, sehr wohl. Ich finde es ganz toll, in so einem Team zu arbeiten. Das ist für mich auch sehr neu. Auch ein eigenes Büro hatte ich tatsächlich noch nie. Ich finde es total spannend, in diese ganzen Sachen hineinzuwachsen und diesen ganzen Kosmos hier kennenzulernen. Da gehört ja viel mehr dazu, die Ehrenamtlichen, der Vorstand, überhaupt diese Kombination zwischen Galeriehaus Nord und Literturzentrum Nord, dass die bildende Kunst und die Literatur an diesem Ort zusammen sind. Ich selbst komme ja aus beiden Welten komme, ich habe beides studiert und das war für mich auch ein großer Punkt, warum ich das hier gerne machen wollte.
Und für euch war das der Punkt, um zu sagen, das ist die richtige Person?
SIGI: Zwischen zweien war es sehr knapp, aber am Ende haben wir uns dann alle für Anna entschieden, weil sie noch ein, zwei Qualifikationen mehr hatte, gerade was das Künstlerische angeht. Ich hatte ein sehr gutes Gefühl mit ihr, dass ich nicht aufpassen muss, dass nicht alles den Bach runtergeht. Sonst würde ich mich immer einmischen und das will ich nicht. Ich dränge auch nicht darauf, dass alles genauso weitergeht, wie wir es jahrelang gemacht haben. Es muss auch Veränderungen geben.
Gibt es schon Sachen, die neu sein werden, die du dir vorgenommen hast?
ANNA: Auf jeden Fall. Was ein bisschen damit einhergeht, dass Karina (Kueffner, neue Leiterin des Galeriehaus Nord) und ich hier jetzt neu und aus einer jüngeren Generation sind, ist, dass wir auch ein jüngeres Publikum anziehen wollen. Damit so ein Ort erhalten bleibt, müssen auch immer wieder Leute nachkommen, egal, ob das jetzt Publikum ist, Ehrenamtliche oder Festangestellte. Ich glaube, dass man das auch durch Formate ein bisschen bewegen kann. Wir fördern den Nachwuchs bereits durch den Fränkischen Preis für junge Literatur, das würde ich gern noch mehr fokussieren, z.B. durch Workshops. Da habe ich total Lust drauf. Momentan bin ich noch dabei, meinen Platz zu finden. Aber es rattert schon, ich habe viele Ideen.
Seit wir beim curt die regionalen Neuerscheinungen begleiten, habe ich das Gefühl, es tut sich gefühlt immer mehr und es kommen auch mehr Autor:innen von hier in großen Verlagen raus, zuletzt Anja Gmeinwieser im Berlin Verlag, aber nicht nur. Teilt ihr dieses Gefühl, dass da eine kleine Welle entstanden ist?
SIGI: Ja, würde ich schon sagen. Vor allem, wenn man immer vom Horrorszenario ausgeht, das Buch ist in der Krise … dafür läuft es sehr gut. Und wenn du Anja Gmeinwieser erwähnst: Auch die hat ja da den Fränkischen Preis für junge Literatur bekommen. Es ist immer schön zu sehen, wenn jemand seine Anfänge hier hat und wohin sich das dann entwickelt. Da denke ich mir: Das haben wir doch gut gemacht, sie damals auszuwählen.
Wie lange warst du hier in dieser Stelle und was waren dabei die wichtigsten Meilensteine für dich?
SIGI: 26 Jahre und es waren zwei Sachen. Zum einen natürlich die Weiterentwicklung des Fränkischen Preises für junge Literatur. Den habe ich zusammen mit unseren Partnern bei der Stadt Nürnberg und beim Kulturladen Röthenbach modernisiert und über Franken hinaus geöffnet. Früher waren das Einsendungen auf Zettelchen, das habe ich dann alles auf Internet umgestellt, usw. Das andere ist, dass wir, Margit Mohr und ich, das Literaturfest Wortwärts neu etabliert haben, das letztes Jahr zum 20. Mal stattfand. Dadurch wurde das KUNO auch bekannter als Ort, auch für überregionale Autoren, die gerne herkommen. Und Wortlaut, die Literaturzeitschrift, ist mit der Zeit auch anders geworden, schöner, größer, mehr Einsendungen. Es kommen teilweise doppelte so viele Einsendungen wie wir abdrucken können. Für die Autorenszene der Region ist das eine beliebte Veröffentlichungsmöglickeit und die Präsentation dann auch so ein kleines Familientreffen. Wir hatten nie den Anspruch so ein Riesenveranstalter zu werden wie das Poetenfest oder Literaturhaus, dadurch habe ich es als meine Aufgabe angesehen, vor allem die regionale Literaturszene zu fördern und ein Dienstleister für Literaten zu sein. Ich vermute, das ist mir ganz gut gelungen.
Du hast es angesprochen, Anna, alle Veranstaltenden kennen die Herausforderung, das junge Publikum zu erreichen. Hast du schon den Schlüssel gefunden, wie das gelingen kann?
ANNA: Ich habe zumindest die Erfahrung, wie man junges Publikum oder den Nachwuchs fördern und anziehen kann. Dadurch, dass ich mit Stephanie Mehnert die Lesereihe Übermut und Zärtlichkeit gegründet habe. Wir waren total überrascht, wie gut die angenommen wird. Und das obwohl wir das mit sehr wenigen Mitteln, aber viel Herzblut neben unseren Jobs machen. Daraus ist relativ viel entstanden: Wir waren zwei Mal im Kunsthaus als Teil der Ausstellung, wir waren mit einem Workshop Teil der texttage. Das finde ich das Spannende an Nürnberg: Man ist relativ schnell in einer Szene drin und kann Dinge miteinander verbinden. Die Erfahrung bringe ich mit und hier habe ich jetzt mehr Kapazitäten und Mittel und kann mich mit einem Team besprechen. Ich glaube, die Herausforderung besteht darin, beides zu verbinden, die jüngere Generation und die, die das hier mitträgt und aufgebaut hat.
Wird Übermut und Zärtlichkeit dann hier ins KUNO wandern?
ANNA: Oh, darüber habe ich noch gar nicht wirklich nachgedacht. Ich glaube, dass sich Übermut und Zärtlichkeit schon gewissermaßen dem Edel Extra verbunden hat, dem Ort, der uns eine Chance gegeben hat. Was aber immer möglich ist, ist dass Übermut und Zärtlichkeit wandert und sich an anderen Orten ausprobiert, gerade wenn es eher um Workshops geht zum Beispiel. Das könnte ich mir hier schon gut vorstellen.
Wie ist es sonst, wenn du jetzt so auf die nächsten Wochen und Monate schaust? Gibt es da Sachen, auf die du dich schon besonders freust oder die vielleicht auch eine große Herausforderung werden?
ANNA: Ich freue mich auf jeden Fall, dass jetzt im März die Frankenlese ansteht. Das ist das erste größere Projekt, das ich hier mitgestalte. Das sind Lesungen an verschiedenen Orten im Nürnberger Norden, Stephanie Mehnert wird hier lesen, Siegfried im Sigena Treff usw. Der März wird aber auch spannend, weil das der Monat ist, in dem ich zur Buchmesse nach Leipzig fahre. Und dann ist noch die Lesung mit Ulrike Schäfer in der Stadtbibliothek, die hat Sigi noch organisiert.
SIGI: Eine Würzburger Autorin, die manchmal etwas für Wortlaut eingesendet hat, wo ich dachte: Wow, die schreibt echt gut! Sie hat aber auch schon mehrere Romane herausgebracht.
ANNA: Ansonsten stand jetzt im Januar auch schon die Wortwärts-Planung an: Wen lädt man ein? Was passt gut, wen können wir reinholen, wo braucht man den regionalen Bezug?
Was hat dir an diesem Job immer am meisten Spaß gemacht?
SIGI: Letztlich dann das Fest sich, die Moderation, der Kontakt mit Autorinnen und Autoren. Man weiß nie, was auf einen zukommt. Es gab auch schräge und ganz furchtbare Gespräche auf der Bühne. Es war trotzdem immer schön, auf dem Festival in Kontakt mit Menschen zu sein, auch wenn es als Veranstalter natürlich anstrengend war.
Was ist andererseits, um Anna noch vorzuwarnen, das Schlimmste an dem Job?
SIGI: Ja, böse gesagt, zickige Autorinnen und Autoren mit Star-Allüren. Und klar gab es immer auch mal Publikum, das gemault hat, gerade zu Corona-Zeiten. Nein, so richtig schlimme Sachen gab es nicht.
Das Kuno an sich ist ja eine besondere Konstruktion, weil es kein Kulturladen ist, aber trotzdem zu einem gewissen Teil von der Stadt getragen wird. Wie geht es dem KUNO, seid ihr sicher in eurer Existenz?
ANNA: Mir wurde relativ schnell gesagt, dass wir sicher sind. Es sind schwierige Zeiten für die Kultur, nicht nur in Nürnberg, sondern deutschlandweit, sodass man sich berechtigterweise Sorgen macht oder auch einfach nachfragt: Wie sieht es denn aus für diesen Job, den ich jetzt antrete? Es wäre schade, wenn man nach einem Jahr sagen muss, wir schaffen es jetzt nicht mehr. Die Fragen, wie lange können wir das machen, was müssen wir vielleicht ändern, um weitermachen zu können, wie eingeschränkt sind vielleicht, beschäftigen mich natürlich. Aber was ich mitbekommen habe, läuft es ganz okay.
SIGI: Es war schon ein harter Kampf, so weit zu kommen. Es gab durchaus Jahre, wo das Ganze auf der Kippe stand, wo es Haushaltskürzungen gab, und lange war Kuno nur ein Posten der freiwilligen Leistung, bis man eine eigene Haushaltsstelle hatte. Am Anfang war das Kuno schon in vielen Politkreisen als linke Kultureinrichtungen verschrien. Die CSUler haben sich nie hier reingewagt. Und deswegen stand das KUNO auch immer an erster Stelle, wenn es um Kürzungen ging. Das hat sich sehr geändert. Wir wussten aber auch immer, wir werden hier nicht tariflich bezahlt, wir haben alle halbe Stellen und verdienen bei weitem nicht so viel wie die Angestellten von städtischen Einrichtungen. Man muss auch persönliche Einschnitte akzeptieren. Das hat sich in den letzten beiden Jahren etwas verbessert, weil unsere Förderung etwas erhöht wurde, das war aber unheimlich schwierig. Momentan ist das KUNO relativ gesichert, wir wissen aber nicht, was passiert, wenn Julia Lehner weg ist, wie Kultur dann weiter gemanaged wird, welche Schwerpunkte in Nürnberg gesetzt werden. Und wenn eine Haushaltssperre kommt … ein Mal hatten wir das, da wurde es ziemlich knapp.
Ihr seid beide nicht nur Lesende und Veranstaltete, sondern auch Schreibende. Sigi, du hast letztes Jahr Mundart-Lyrik bei ars vivendi veröffentlicht. Was sind deine Pläne, was das angeht?
SIGI: Nach der Veröffentlichung hatte ich ein paar schöne Auftritte und in der Richtung will ich auch weiter machen. Ich habe auch schon Ideen für thematische Zyklen, was fränkische Lyrik angeht. Aber ich will mich auch nicht auf diesen Bereich beschränken. Mit meinen Kurzgeschichten habe ich in den letzten Jahren auch Preise gewonnen, es ist aber schwierig, diese Form irgendwo zu veröffentlichen. Das machen ganz wenig Verlage. Es gibt Ideen für einen Roman, aber ob ich dazu komme, das intensiv weiter zu verfolgen, muss ich kucken. Ich habe gemerkt, wie viel Spaß mir Lesungen machen. Das hätte ich früher nie gedacht, aber das kommt mit Alter, dass man denkt: Wenn es schief geht, ist mir doch egal. Ich versuche einfach, soweit ich das kann, aktiv zu bleiben, den Kontakt zur Szene zu halten und mich einzubringen.
Und Anna, kannst du den Bürojob und das Schreiben vereinbaren?
ANNA: Die Erwerbsarbeit und das eigene Schreiben ist immer ein Balanceakt. Ich finde, mit der Zeit wird man besser darin, beidem Zeit einzuräumen und die Prioritäten so zu setzen, dass man nicht am Ende der Woche merkt, ich habe wieder gar nichts geschrieben. Man muss aber auch schauen, wie finanziere ich mich selbst. Die halbe Stelle alleine reicht halt nicht aus, das heißt, ich habe noch die Selbstständigkeit, ich mache viel Moderation, Nachwuchsförderung, Workshops. Und sich dann trotzdem noch hinzusetzen und zu schreiben, zu recherchieren, selbst zu lesen, sich Gedanken zu machen, ist schon eine Herausforderung. Ich habe es aber nicht an den Nagel gehängt. Ich schreibe schon relativ lange an meinem ersten Roman. Das war auch das Projekt, das ich nach Leipzig ans Deutsche Literaturinstitut mitgebracht habe. Daran arbeite ich seit acht Jahren. Aber es ist auch ein Projekt, das immer wieder damit verbunden ist, auf Abstand gehen zu müssen, weil es darin um Trauma, Suizid und schwierige Familienkonstruktionen geht. Ich habe das Bedürfnis, da ganz tief reinzugehen und das Thema wirklich von Grund auf zu verstehen, nicht nur literarisch, sondern auch auf einer gesellschaftlichen, psychologischen Ebene. Ich hoffe wirklich sehr, dass er bald fertig wird, weil es reicht jetzt auch langsam. Irgendwann muss man loslassen, aber das ist, finde ich, ein ganz schwieriger Punkt. Grundsätzlich ist es natürlich so, dass man denkt: Ach, eigentlich habe ich doch total viel Zeit mit diesem halben Job. Aber ich möchte ja auch ein Mensch sein, der in ein familiäres System eingebunden ist und da auch gebraucht wird. Es ist spannend, wie man lernt, immer besser ins Arbeiten reinzukommen und sich auch mal den Puffer zu erlauben, den man genauso braucht.
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