Theobald O.J. Fuchs: Taxi Südost

MONTAG, 1. JANUAR 2024, SüDOST-EUROPA

#Kommunismus, #Story, #Taxi, #Theo Fuchs, #Theo hinten raus

Wenn die Realität plötzlich kippt und sehr schwierige Thesen den Raum betreten

Ich habe bis heute nicht verstanden, wie Menschen an einfache Lösungen für komplexe Probleme glauben können. Ja, es tauchen regelmäßig neue Technologien auf, die gewisse Herausforderungen für den Menschen lösen. Messenger-RNA-Impfstoffe. Starlink-Internet. Zahnfleischmassageprogramm in der elektrischen Zahnbürste. Die Fähigkeit, Früchte zu Alkohol zu vergären. Vor allem durch Technologie entstehen also komplexe Probleme, lösen müssen wir sie anders. Ein praktisches Beispiel erscheint uns an dieser Stelle zielführend. Fahrt in einem Taxi. In einer Stadt zwei oder drei Flugstunden entfernt, irgendwo südöstliche Richtung.

Der Taxifahrer polkt sich mit Verve durch den Feierabendverkehr. Weil wir halt auch ausgerechnet mittags hoch zur Station der Seilbahn wollen! Der Hausberg flimmert in der Hitze, er sieht freundlich aus, sein Name verspricht nichts als Gutes, so wie ein grundgütiger Großvater. Der Fahrer spricht fließend sozialistisch eingefärbtes Schulfranzösisch, etwas staubig nach fünfzig Jahren in der eisernen Truhe eines wertschätzenden Gedächtnisses. Aber so gut, dass ich einen Dolmetsch verdinge. Ansonsten alles klarer Durchschnitt, graumeliertes Haar, 1-A-Rasur, weißes, durchgeschwitztes Hemd. Keine Musik. Es ist flirrend hell, metallisch heiß und stickig. Da kommt von rechts ein alter, magerer Mann aus einer Nebenstraße. Der Alte auf einem Fahrrad, das mir robuster zu sein scheint als der Peugeot, in dem wir bei einem Bruchteil der Lichtgeschwindigkeit durch den Stau flitzen.

Bloß darauf ankommen lassen, nein, das lohnt sich nicht. Ich reiche also mittels des Übersetzers einen Antrag auf Vollbremsung beim Fahrer ein, in dreifacher Ausführung, denn mein anderer Begleiter hat Mitspracherecht. Die Einigung erfolgt rasch und einvernehmlich, die Verhandlungen segeln in ruhigem und sachlichem Ton in einen altersgemäßen Hafen, die Fertigstellung nahezu barrierefrei, unter den gegebenen Umständen also Bilderbuch Hilfsausdruck (um mit Wolf Haas zu sprechen). Wir feiern die gelungene Einigung, schütteln uns alle die Hände – der Fahrer natürlich stets nur eine zugleich, er muss ja trotzalledem noch steuern, so weit ist die Autonomie des Peugeots allen inbrünstigen Forderungen und farbenfrohen Straßenschlachten zum Trotz noch nicht gediehen. Noch ist die höchst klappernde, laut sausende Krachscheese ein Teil der Union Mensch gegen Maschine.

Eine Flasche Schnaps wird entkorkt, der leichte Geruch nach in Salzsäure eingelegten Benzinkäfern verfliegt wie im Flug, so dass die Aromen des Abgangs maximal zur Geltung kommen. Wir stoßen an, ein kurzer Toast auf die Gesundheit, Wohlstand und alle Zähne unseres Gastgebers einzeln wird errichtet, Kopf in den Nacken, nachgeschenkt. Inzwischen haben wir uns dem Fahrrad-Opa gewissermaßen sehr nah angenähert, die Poren auf dessen antiker wie mit dem römischen Lineal aus dem Buntsandstein seines wetterverbrämten Gesichtes gemeißelten Nase sind durch die staubverkrustete Windschutzscheibe wie durch ein Lumineszenzmikroskop so gut zu sehen wie ein Löffel Linsen im Inneren einer Taucherbrille.

Doch alle Vorbereitungen sind abgeschlossen, die Ausführungsbestimmungen erlassen, so dass eine europaweite Ausschreibung umgehend erfolgen kann. Die drei besten Bremsvorgänge werden gesucht, eingeladen, befragt, bewertet, erneut befragt und final gevotet. Assessment, Evaluation, Supervision – wenn man es einmal durchgemacht hat, ist alles kein Problem mehr. Die richtigen Hände werden auf die richtigen Stellen gelegt, die richtigen Scheine wandern in die richtigen Hemd- und Hosentaschen mit oder ohne Knöpfe, da macht selbst der Dachdecker keinen Unterschied. In rekordverdächtig kurzer Zeit schließen wir die Beschaffung ab, der inzwischen angetüdelte Fahrer tritt voll auf die Bremse, der Alte auf dem Rade macht einen Hüpf zurück, alles geht gut aus. Wenn man von dem ausgedellten Loch, das der Fuß des Fahrers ins Bodenblech gepumpelt hat, absieht.

Die anderen Autos, die sich mit uns durch das gleißende Licht des bröckelnden Vorortes quetschen, senden ihre Glückwunschtelegramme per Hupe. Ein fröhliches Jubeltröten steigt auf über der sandgestrahlten Blechkolonne.

»Früher war das nicht so«, erklärt uns der Fahrer, »Früher alles gut, heute: jeder unfreundlich, schaut nicht, alle drängeln, alle schimpfen.«
»Früher zur Zeit des Kommunismus?«, fragen wir verständnisvoll nach.
»Nein! Ist so seit Corona-Impfung! Hat die Menschen verrückt gemacht!«
Ob er selbst geimpft sei?
»Nein!! Natürlich nicht!« Er sei ja nicht verrückt, würde sich doch keinen Mikrochip spritzen lassen. Schuld sei eh Israel, alles gesteuert vom bösen Amerika. Und (so hoffen wir) aus purer Höflichkeit fügt er hinzu: »Aber Hitler gut! Deutschland ist beste Land, weil Deutschland hat beste Straßen.«
»Ach ja, wirklich?«, nachfrage ich leicht erschüttert, zweifle noch, versuche mit Idiotie zu retten, was zu retten ist. »Und Japan?«
Ach, Japan! Er macht ein Ausspuckgeräusch, ohne wirklich auszuspucken. Ok, er sitzt in seinem eigenen Auto, besser ist das so. Die Japaner würden nur auf dem Computer tippen, sagt er abschätzig. Die Deutschen würden auch viel tippen, aber eben auch hart arbeiten. Fleißig seien die Deutschen, es gäbe keine Korruption, alle guten Dinge kämen aus Deutschland: Laubbläser, Porsche-Cayenne, Leopard-Panzer, Mittelstreckenrakete.  
»Beste Zeit in diesem Land war Deutsche Besatzung 1942 bis 1944. Meine Meinung: Deutschland Weltregierung wäre Beste.«
O weh! Wieder einmal der too-much-information-Effekt! Trotzdem Trinkgeld? Naja – was sonst? Den Weg zurück in die Stadt gehen wir dann aber zu Fuß.


 




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