Theobald O.J. Fuchs: Die größte Sauerei von Allen

MONTAG, 12. DEZEMBER 2022

#Kolumne, #Theo hinten raus, #Theobald O.J. Fuchs

Da stand ein Kaffeeautomat. In der Raststätte. Hinter der Tür, auf der außen das Piktogramm eines Mannes gemalt war, der dringend austreten muss. Ein Kaffeeautomat, sonst nichts. Und der Kaffeeautomat reichte vom Boden bis zur Decke und von der linken bis zu rechten Wand. Seine Farbe: das, was meine Mutter als Gänsescheißegrün bezeichnet.
Gut, man hatte mich gewarnt. Die Toiletten seien »etwas komisch« hier, hieß es, sie hätten das Prädikat »unkonventionell« redlich verdient, aber man müsse sie wiederum auch gesehen haben, um mitzureden.

Nun ja, dachte ich, ein Kaffeeautomat, quer durch den ganzen Raum – warum nicht? All das Geraune und geheimnisvolle Getue über diese Toilette erschien mir doch etwas übertrieben. Aber gut, nun würde ich mitreden können und ansonsten jetzt einfach nach einer anderen Möglichkeit suchen mich zu erleichtern.

Da fuhr der Zug mit einem Ruck an.
Fast wäre ich gestürzt, lehnte mich jedoch noch rechtzeitig mit dem Rücken an die Tür, die prompt ins Schloss schnappte. Was geht denn hier ab, dachte ich, soeben noch Autobahnraststätte, irgendwo zwischen Siebenbergen und Siebenzwergen, jetzt plötzlich InterCity. Welcher, dem Tackern der Räder über die Schienenstöße nach zu urteilen, weiterhin stark beschleunigte.

Doch wurden meine Überlegungen zur Klärung dieser kognitiven Dissonanz abrupt unterbrochen: das Monstrum von Kaffeevollautomat – oder das, was ich bisher dafür gehalten hatte – sprang an. Ein Zischen drang aus seinen Innereien, Motörchen summten, Dutzende Lichter blinkten, aus einem baumelnden Schläuchlein quoll eine feine Dampfschwade.
Der Zug rumpelte über eine ausgeleierte Weiche, so dass ich hin und her schwankte und mit dem Knie an einen niedrigen, weißen Gegenstand stieß, der mir bislang nicht aufgefallen war. Im selben Moment fiel mir ein, dass ich ja eigentlich hatte pinkeln wollen, und violá! da war sie, die Toilettenschüssel. Gedacht – getan, den immer noch unbekümmert vor sich hin ächzenden und stöhnenden Kaffeevollautomat geflissentlich ignorierend kuratierte ich meine Blasenentleerung.
Händewaschen hielt ich auch schon lange vor Corona für eine der größten Erfindungen der Menschheit – doch wo? Ich sah mich gründlich um, denn immerhin hatte ich vorhin schon die Toilettenschüssel komplett übersehen. Derart erspähte ich ein kleines Plastikbecken, das ungefähr in der Mitte des Kaffeeautomaten eingelassen war. Ein halbes Dutzend Rüssel ragte von oben hinein.

Ich hielt meine Hände unter einen der Stutzen, der mit »1« beschriftet war. Die Lichtschranke löste aus, ein dicker Strang lauwarmer Vanille-Seife floss über meine Hände. Ich versuchte zu erkennen, welches die zweite Station war. Rein logisch folgt auf Seife Wasser, doch außer über dem verchromten Röhrchen, aus dem weiter ununterbrochen diese Seifencreme strömte, gab es keine Markierungen, kein Display, keine Lämpchen. Dafür seitlich ein unscheinbares Paneel mit winzigen Folienschaltern. Von denen man abrutschte, wenn man versuchte mit eingeseiften Fingern eine Taste nach der anderen zu drücken, um den Wasserstrahl zu aktivieren, der bestimmt irgendwo in einer der zahlreichen Edelstahldüsen auf seinen Einsatz lauern musste.

Alles, was mir gelang, war, einen dünnen Faden kochend heißen Kaffees hervorzulocken, der mir einen Handrücken verbrühte. Ich wich rasch zurück – gerade rechtzeitig, ehe eine große rot leuchtende Laufschrift zum Leben erwachte. »Sehr geehrte Nutzerinnen und Nutzer! Aus technischen Gründen muss diese Maschine entkalkt werden. Wir danken für Ihr Verständnis. JETZT.«

Aus mehreren Öffnungen spritzte nun dampfendes Wasser, das Mahlwerk röhrte höchst unpassend dazu, eine der Düsen drehte sich im Kreis und schleuderte alle paar Sekunden einen Schuss nach Essig riechende, milchige Brühe in den Raum. Ich taumelte zurück, da auch der Zug wieder heftig zu schlingern begonnen hatte. Die kleine Toilettenkaffeeküche war nach wenigen Minuten komplett mit Seife verschmiert, es roch nach Kaffee, Vanille und scharfem Reinigungsmittel und auf dem grauen Kunststoffboden war kein noch so winziges Fleckchen mehr unbesudelt. Zu allem Überfluss war ein Heißluftgebläse angesprungen, dessen Luftstrom die Papierhandtücher, die aus einem Schlitz ragten, erfasste und zerfetzte.

Der Waggon stieß hart an einer Weiche an, ich kippte unwillkürlich zur Seite, die seifigen Hände immer noch hoch in die Luft gehoben, als erwartete ich das Erscheinen einer Assistentin, die mich aus meiner grauenhaft riechenden und schrecklich unhygienischen Notlage befreien würde. Und so landete ich mit der Hüfte mitten in der dichtesten Ansammlung von Zuckerschmiere und Recyclingpapierschnipseln, bis auf die Haut drang der süße Saft in meine Kleidung.
Ich rappelte mich mühsam auf, rieb verzweifelt meine Hände an meinem Hosenboden, doch davon wurden sie nur noch klebriger. Mit pappigen Schuhsohlen platschte ich durch die Melange und streckte die Hand nach dem Türgriff aus. Ich wollte nichts anderes als raus hier, egal in welcher Verfassung.

Es kostete mich zwanzig oder mehr Anläufe, ich zähle nicht mit, wie oft ich mit meinen schmierigen Händen abgerutscht war. Doch dann klappte die Tür weg und ich stolperte nach draußen. Hart schlug ich mit der Stirn auf, ich konnte nichts erkennen, denn das Licht blendete mich. Ich schüttelte den Kopf und fand mich am Tresen der Kaffeebar in der Raststätte wieder.
Neben der Stelle, wo meine Stirn einen matten Fleck auf der Anrichte hinterlassen hatte, stand eine Tasse duftender Espresso.

»Sie sollten heute nicht mehr weiterfahren«, mahnte mich die mütterliche Barfrau in der rot-grünen Raststättencaféuniform. »Sie schlafen mir ja hier im Sitzen ein.«
»Am Ende haben Sie recht«, antwortete ich verdattert. »Aber sagen Sie, kann ich mir hier irgendwo die Hände waschen?«
»Ja, sicher. Bloß waren Sie nicht erst vor fünf Minuten auf der Toilette?«
Und dann bemerkte ich auch den Fetzen eines Papierhandtuchs, der an meinem Daumen pichte.

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Theobald O. J. Fuchs
Und was treibt er so im Winter? Sich auf Weihnachten vorbereiten, Plätzchen backen, an einem (noch) geheimen Werk arbeiten. Ab Januar dann ein paar Vorträge zu Innovationsmanagement. Was man halt so macht, wenn die Tage kürzer werden.


 




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