Stardust Cinema – 100 Jahre queeres Kino

30. NOVEMBER 2023 - 4. FEBRUAR 2024, FILMHAUS

#Filmhaus, #Kino, #Queer, #Who's afraid of stardust

Das Filmhaus Nürnberg feiert 100 Jahre queeres Kino … ähm, wie bitte? Ist es nicht etwas relativ Neues, dass nicht-heterosexuelle Menschen „ihr Ding“ machen? Wird nicht ständig behauptet, dass momentan eine modische Welle der „Wokeness“ allen ihre Sichtweise aufdrängen möchte?

Nun, vielleicht liegen die, die behaupten, dass lesbische, schwule und nonbinäre Lebensentwürfe etwas Neuartiges sind, einfach falsch. Und ein Blick in die Kinogeschichte verdeutlicht das. Der erste „queere“ Film in Deutschland lässt sich zum Beispiel auf das Jahr 1919 datieren, eine Zeit, in der das Kino selbst noch sehr jung war. Damals drehte Richard Oswald unter Mitwirkung von Dr. Magnus Hirschfeld ANDERS ALS DIE ANDERN und holte damit die homosexuelle Liebe auf die Leinwand. Hirschfeld, der später von den Nazis verfolgt wurde, forschte damals mit dem Institut für Sexualwissenschaft bereits zu „Transvestitismus“ und wies nach, dass gleichgeschlechtliche Liebe keine Krankheit ist. Ein weiterer früher Film ist MÄDCHEN IN UNIFORM, der 1931 unter der Regie von Leontine Sagan entstand. Er wurde ein internationaler Erfolg, gerade weil er sich so deutlich für lesbische Liebe einsetzte und dem preußischen Männlichkeitskult eine Absage erteilte. In Hollywood war man damals noch nicht so weit, dort drehte die lesbische Regisseurin Dorothy Arzner 1933 mit der gerüchteweise bisexuell lebenden Katherine Hepburn in der Hauptrolle CHRISTOPHER STRONG, musste ihre androgyne Titelfigur aber noch in eine übergriffige Frau-Mann-Liebesgeschichte einpassen – die Studiobosse erwarteten es so.

In Deutschland dauerte es dann bis zum Ende der 1960er Jahre, bis homosexuelle Themen wieder offen auf der Kinoleinwand angesprochen werden konnten – die Nazizeit hatte eine queere Kulturszene gezielt verfolgt und viele Künstler:innen ins Exil getrieben oder in Konzentrationslager gesteckt. Rosa von Praunheim war post-1968 einer der Pioniere, mit seinem Film NICHT DER HOMOSEXUELLE IST PERVERS, SONDERN DIE SITUATION, IN DER ER LEBT sorgte er landesweit für Diskussionen. In den USA hatten in der Zwischenzeit vor allem Avantgarde-Filmemacher:innen wie Kenneth Anger oder Jack Smith Filme über queere Liebe und queeres Leben gemacht. In Belgien trat Chantal Akerman mit ihren ersten Werken in Erscheinung, in Japan entstand 1969 mit FUNERAL PARADE OF ROSES ein kunstvoller Spielfilm über trans* Frauen und Sexarbeit. Queeres Kino wurde zu einem internationalen Phänomen und konnte sich ab den 1980er Jahren in der unabhängigen Filmszene etablieren.

Mit dem aus den USA und UK kommenden „New Queer Cinema“ der 1990er Jahre veränderten sich die Spielregeln. Die AIDS-Krise hatte queeren Lebensweisen eine neue Sichtbarkeit gegeben, die politischen Erfolge der LGBTQIA+-Bewegung in den Jahren seitdem erweiterten die Produktionsmöglichkeiten für Filmemacher:innen enorm. Inzwischen sind queere Figuren auch im Mainstreamkino angekommen – und dennoch legen Filmkünstler:innen weiterhin Wert darauf, explizit queeres Kino zu machen.Doch lässt sich queeres Kino überhaupt definieren? Genau um solch eine starre Kategorisierung ging es dem kuratorischen Team der Reihe, bestehend aus Andrea Kuhn (Festivalleiterin NIHRFF), eve massacre (Orchid-Queerparty/Musikverein), Mikosch Horn und Tobias Lindemann (beide Filmhaus Nürnberg) nicht. Der Filmkritiker Jan Künemund schreibt dazu in seinem Begleittext: „Man kann darüber denken und schreiben, was man will, es ist per se nicht fixierbar und durch keine allgemeingültige Definition erschöpfend zu beschreiben. Tatsächlich ist es aber interessant, von Erfahrungen des spezifischen Anders-gemacht-Werdens ausgehend nachzuschauen, wie sie sich in ästhetischen Programmen und Strategien des Filmischen niederschlagen.“ Und diese Programme und Strategien sind heute sehr vielfältig, sie reichen von mutmachenden Feelgood-Filmen wie PRIDE über exzentrische Bildwelten wie bei Bertrand Mandicos THE WILD BOYS bis zum subtilen Erzählkino der Französin Céline Sciamma mit ihrem Film PETITE MAMAN.

Rund 30 Filme, darunter alle oben genannten, sind bei der Filmreihe „Stardust Cinema – 100 Jahre Queeres Kino“ im Filmhaus Nürnberg zu sehen, der Blick ist international und beinhaltet z. B. auch Filme aus China, afrikanischen Ländern und Südamerika. Wie der Name der Reihe schon andeutet, begleitet das Filmhaus damit die Ausstellung Who’s Afraid Of Stardust? in Kunsthalle und Kunsthaus Nürnberg. Die Filmreihe läuft bis zum 4. Februar 2024.

Filmhaus Nürnberg
Stardust Cinema – 100 Jahre Queeres Kino
Filmreihe 30. November – 4. Februar


 




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