So ein Theater ...

MITTWOCH, 1. JUNI 2016

#Dieter Stoll, #Gostner Hoftheater, #Neues Museum, #Staatstheater Nürnberg, #Stadttheater Fürth, #Tafelhalle, #Theater, #Theater Erlangen, #Theater Salz und Pfeffer

Schützenkönig, Fussballheld und Rock´n-Rollator - Jetzt wird die grosse Theaterwelt wieder sauber aufgeteilt in Restlaufzeit und Luftnummern: Während sich die festen Häuser mit dem Schäumen der finalen Premierenwelle dieser Saison und der Drohung von vielen „letzten Vorstellungen“ womöglich versäumter Spitzenproduktionen gegen das vorzeitige Sommerloch positionieren, nehmen die Freilichtspiele unerschrocken volkstümlich den Luftkampf mit den Biergärten auf. Ausserdem wird jetzt sogar im Dokuzentrum und im Neuen Museum Theater gespielt. Das Publikum ist hin- und hergerissen. Noch ist Juni und da haben die Ganzjahresinstitutionen etwas mehr zu bieten als andere.
 



STAATSTHEATER NÜRNBERG

PREMIERE: Bei Opernhausaufführungen ist Beethovens „Fidelio“ meist eine Befreiungsfanfare, die nach Gefangenenchor und Attacken-Arien den Sieg des Guten über das Böse als Gala feiert. Leonore verkleidet sich in Männerhosen und holt ihren Florestan aus dem Kerker, wo ihn der Tyrann umbringen wollte. „Wer ein solches Weib errungen, stimm in unsern Jubel ein“, singt der Erlöste. Regisseur Stefan Otteni, der immer wieder die Grenzen zwischen Oper und Schauspiel durchbricht („Das Leben der Bohéme“, „Judas Maccabäus“) macht mit Dirigent Guido Johannes Rumstadt auf der Basis der drei existierenden „Leonore“-Fassungen ein aktuelles Stück über politische Gefangenschaft. TÖT‘ ERST DAS WEIB ist der Titel, der sich wie ein großer Bogen über Weltgeschichte wölbt, vom Terror der Französischen Revolution über den Nationalsozialismus bis nach Guantanamo und China. In der vielsagend als Spielort ausgewählten Halle des Dokuzentrums Reichsparteitagsgelände treffen sich Sänger und Schauspieler mit Hochschulmusikern zur Erforschung der Frage, was politische Verfolgung heute für die Gesellschaft bedeutet. Der Klang des Ludwig van Beethoven umfasst dieses gewagte Projekt.
Premiere: 6. Juni, weitere Vorstellungen: 9., 16., 17., 26. und 29. Juni im Dokuzentrum.

PREMIERE: Die Axt im Haus erspart den Zimmermann und wer den Schiller nicht ehrt, ist den Apfel nicht wert: Friedrich Schillers WILHELM TELL, die neben Goethes „Faust“ wohl größte Sammlung einer allmählich zu Kalendersprüchen geronnenen Dichtkunst, taucht nicht mehr sehr oft in den Spielplänen auf. Das geflügelte Wort als vorwitzige Zeigefingerweisheit schüchtert Theatermacher reihenweise ein, im Freiheitspathos um den provozierten Aufstand des eidgenössischen Kunstschützen gegen die Obrigkeit steckt oft die Gefahr von unfreiwilliger Komik. Aber manchmal entsteht daraus auch heute wieder große Sprachkunst. Am Nürnberger Theater gab es in weit zurückliegenden Jahrzehnten darauf bisher zwei Arten von Antwort: Radikal ernüchternde Kürzung aufs Wesentliche (90 Minuten im Schauspielhaus) oder ausladend bunt poetischer Bilderbogen (mit Kulissenmalerei in der Alten Messe). Das ist 40 Jahre her, jetzt verspricht der gern gegen den Strich bürstende Gastregisseur Volker Schmalöer (in Nürnberg schuf er schon die krawallige Version von Goldonis „Diener zweier Herren“ mit Kopfstand in der Kloschüssel) eine kritische Analyse über „Triebkräfte von Freiheitsbewegungen“. So gleichmäßig wie ein Schweizer Uhrwerk wird das wohl nicht ticken.
Premiere: 4. Juni, weitere Vorstellungen: 5., 7., 9., 12., 16., 18., 22., 24. Juni im Schauspielhaus.

PREMIERE. Früher nannte man den 1. FCN einfach „den Ruhmreichen“, aber das geht zu Zeiten permanenter Paternosterfahrten zwischen 1. und 2. Bundesliga nicht mehr ohne spöttischen Unterton. Trotzdem hat „der Club“ bei allem Auf und Ab auch jenseits der Nordkurve für die ganze Stadt samt anhängender Region einiges von seiner magischen Größe behalten. Es sind historische Spuren, an denen sich das Selbstbewusstsein hochrankt und für die Fans spricht, dass es dabei nicht bloß um den immergrünen Lorbeer eines ehemaligen „Rekordmeisters“ geht. Vor vier Jahren erinnerten die sonst eher kampflustigen „Ultras Nürnberg“ im Stadion spektakulär feinfühlig an den ungarisch-jüdischen Club-Trainer Jenö Konrád, der 1932 mit seiner Familie das Land verlassen musste, weil die Nazi-Zeitung „Der Stürmer“ zur Hetzjagd gegen ihn aufgerufen hatte. Das Nürnberger Theater nahm die Spur auf und beauftragte den Autor Albert Ostermaier mit einem fiktiven Stück zum Thema. Er nahm sich viel Zeit dafür. LINKE LÄUFER  (ERSTER SEIN) lässt Konrád über seine Gefühle sprechen und gibt ihm als Gegenspieler einen jungen SA-Mann. Auch Max Morlock taucht auf, aber nur in der Erinnerung an späte Nachkriegsjahre, als „der Club“ die Gedanken an seinen vertriebenen Trainer verdrängte. Fußballgeschichte als Theater-Dramatik? Ostermaier ist selber Fan und kennt sich aus – er hat seinen Text (Oliver D. Endreß inszeniert mit Gerd Beyer und Martin Bruchmann) dem andern Ex-Trainer Hans Meyer gewidmet. Und der schuf bekanntlich mit dem Pokalsieg 2007 den bislang letzten Triumph des „Ruhmreichen“.
Premiere: 9. Juni, weitere Vorstellungen: 12., 16., 18., 28., 29. Juni in der BlueBox Schauspielhaus.

NEU IM SCHAUSPIEL: Um Verschwörungstheorien und Meinungsmanipulationen baute der französische Autor Frédéric Sonntag seine rasende Komödie GEORGE KAPLAN, die mit allergrößtem Vergnügen davon berichtet, wie wenig wir die Realität im Griff haben. Ein Spiel mit Hitchcock-Stil und sonstigen Schmunzelmonstern samt erheitertem Seitenblick auf die „Lü-gen-pres-se“. Klaus Kusenberg platziert solche Amüsier-Delikatessen, siehe auch ALLE LIEBEN GEORGE, immer gern in seinen Spielplänen. – An den Publikumserfolg des Songdramas EWIG JUNG wird vorerst freilich keine andere Aufführung heranreichen. Erik Gedeons einst in Hamburg nebenbei entstandene und dann in Berlin zum prominent besetzten Dauerbrenner hochgeschossene Senioren-Show mit Rock& Roll am Rollator hat in der Nürnberger Neufassung unwiderstehliche Jux-Qualitäten. Da treten sieben Schauspieler mit Echtnamen und Faltenmaske als Gespenster ihrer eigenen Zukunft auf – im Künstler-Altersheim zum Abrufen aller im Langzeitgedächtnis gespeicherten Song-Seligkeiten. Das erinnert an Wittenbrinks „Sekretärinnen“, ist aber einige Umdrehungen schriller. Die Schnabeltassen-Entertainer machen hinreißendes Spektakel, auch wenn die Inszenierung von Kathleen Draeger vor lauter schwarzhumoriger Brachialkomik die Träumerei verpasst. Denn eigentlich springen die Alten, wenn sie sich auf die Ohrwürmer stürzen, doch jedes Mal aus ihrem zerrinnenden Leben ins schmerzfreie Paradies der verklärten Erinnerung. Davon sieht man wenig, dafür ist die Stimmung zwei Stunden auf Hochtour. Bettina Ostermeier als tatternde Frau Kapellmeister am Piano und Schöpferin wunderbarer Arrangements hat daran besonderen Anteil. Auch Elke Wollmann, Ruth Macke, Josephine Köhler, Marco Steeger, Frank Damerius und Pius Maria Cüppers sind in Hochform.
Termine: „George Kaplan“ am 1., 3., 9., 12., 16., 18. Juni in den Kammerspielen; „Ewig jung“ am 10. und 13. Juni, dann erst wieder ab 10. Juli im Schauspielhaus.

BARITON-SCHLACHT IN DER OPER: Manchmal wird über die Reduzierung des singenden Stammensembles am Opernhaus geklagt, aber an markanten Baritonstimmen herrscht gewiss kein Mangel. Mikolaj Zalasinski, der ein grandioser Schuft Scarpia in „Tosca“ war,  darf deshalb die Titelpartie in Verdis RIGOLETTO für die erste Vorstellung nach der Premiere an Antonio Yang weiterreichen (ihm liegt das Publikum seit seinen Wotan-Auftritten im Wagner-„Ring“ zu Füßen), damit er sich zur Wiederaufnahme von Mozarts DON GIOVANNI wenige Tage später auf die nun wirklich ganz andere Rolle umstellen kann. Dann freilich kehrt er zwei Tage danach zurück als mörderischer Hofnarr und überlässt das elegante Verführen dem jungen Kollegen Levent Bakirci. Für Vokal-Feinschmecker lohnt sich also gleich in zwei Modellfällen die Auslese nach eigenem Geschmack.
Termine: „Rigoletto“ am 7. (Antonio Yang) , 17., 26. Juni, dann wieder am 4. Juli (jeweils Mikolaj Zalasinski), „Don Giovanni“ am 24.06. (Mikolaj Zalasinski), 28.06.und 02.07. (Levent Bakirci) im Opernhaus.

LACH-ABLÖSUNG: Das eigentlich locker beswingte Musical KISS ME KATE von Cole Porter, in Nürnberg mit lauter hochprofessionellen Special-Gästen im Schleudergang von Dance & Komik routiniert durchgerüttelt, wirbelt seine letzten Runden mit fünf Vorstellungen. Die zur Lachablösung fürs Comeback vorbereite Wolfgangsee-Operette IM WEISSEN RÖSSL von Ralph Benatzky scharrt schon mit allen Hufen für den Gag-Galopp durch sieben Abende. Ein fröhliches Dutzend bis zur Sommerpause. Fürths oberster Komiker und Staatstheater-Gastarbeiter Volker Heißmann (der bei Porters „Kate“ mit Partner Martin Rassau etwas fremdelt) gibt wieder den „Rössl“-Oberkellner Leopold mit dem augendeckelklappernden „Zuaschaun kann i ned“ als wär‘s eine heimliche Hommage an das Gesamtkunstwerk Peter Alexander.
Termine: „Kiss me Kate“ 8., 11., 12., am 19. Juni doppelt. „Im weißen Rössl“ am 16., 23., 25., 27. Juni, dann wieder ab 9. Juli im Opernhaus.

LETZTER AUFRUF: Derart hautnah an die Gegenwart rückt Theater  selten heran. Bettina Bruiniers so überraschende Inszenierung DIE SCHUTZBEFOHLENEN, beherzter Rundlauf auf Elfriede Jelineks aus aktuellen Anlässen mit antiker Wucht montierte Textfläche, auf der aus Wut und Fassungslosigkeit mit gelegentlich dazwischen böllernden Knallfrosch-Kalauern eine unüberhörbare Rückkoppelung  zwischen Kunst und Realität entsteht. Der beste Schauspielabend der Saison nimmt Abschied.
Termine: 21. Juni und (letztmals) 2. Juli im Schauspielhaus.

FESTIVAL: Über Grenzen sprechen will das Nürnberger Schauspiel mit dem 2015 übernommenen Dramatiker-Wettbewerb für jährlich wechselnde Länder Osteuropas, auch in diesem Jahr. Nach der Uraufführung „Die Lotterie/Frauen des Krieges“ aus Armenien weist TALKING ABOUT BORDERS nun nach Polen. Im Rahmen eines Festivals vom 21. bis 26. Juni in allen Räumen und auf dem Vorplatz des Theaters mit Gastspielen, Filmen, Diskussionen, Konzerten und Vorträgen wird der Preisträger gekürt, dessen Text kommende Saison schon als Uraufführung eingeplant ist.

LETZTER AUFRUF: Zwei Choreographen von Weltruf und Nürnbergs Ballettdirektor Goyo Montero auf halber Strecke dorthin. In der Trilogie KAMMERTANZ sind bewährte Stücke von William Forsythe (Frankfurt/Dresden) und Christan Spuck (Stuttgart/Zürich) mit einer neuen Montero-Kreation zu einem Manifest des modernen Tanztheaters verbunden. In jedem Teil steckt genug Eigenart, dass die Meister solche Partnerschaft riskieren können.
Die Livemusikbegleitung durch das ins Bühnenbild integrierte Apollon Musagète Quartett ist von besonderer Sensibilität, aber wer bei „Kammertanz“ das Kleinformat vermutet, liegt falsch. Die Montero-Compagnie tanzt absolut GROSS-artig.
Termine: 6., 9., 10., 14., 18. Juni und 1. Juli im Opernhaus.

STAATSTHEATER NÜRNBERG
Richard-Wagner-Platz 2-10, Nbg.
staatstheater-nuernberg.de


GOSTNER HOFTHEATER

LETZTER AUFRUF: Wie man langjährige, lästig gewordene Partner stilgerecht und dennoch wahrhaft nahrhaft abserviert, spielt die französische Komödie ABSCHIEDSDINNER des Autorenpaars Patelliére/Delaporte in voll ausgekosteter Häme durch. Freilich mit Rückstoß-Effekt, denn das Opfer der kaltschnäuzig verabreichten Henkersmahlzeit (nein, kein Todesurteil, nur die kommentarlos geplante Abschiebung aus dem Freundeskreis) kennt die Prozedur und wehrt sich. Kritiker fühlten sich bei dieser Salon-Satire an Yasmina Rezas Bissigkeiten aus „Gott des Gemetzels“ erinnert.
Termine: 1. bis (letztmals) 4. Juni.

GASTSPIEL: Ein Streit auf dem Weg zum Abendessen führt zum totalen Chaos, denn aus Wut über ihren Partner und die verfahrene Situation erfindet die Frau spontan eigene Sprache und Biografie frei Schnauze und legt damit alle rein. Autor Gylles Dyrek nutzt die Situation für Pointen und Possen unter dem Titel VENEDIG IM SCHNEE. Das Spin-Off-Theater mit dem vielseitigen Frank Strobelt als Regisseur und Hauptdarsteller hat sich des Gaga-Tumults angenommen. „Gnadenlos komisch“ ist hier wohl denkbar höchstes Kritikerlob.
Termine: 10./11. Juni

GOSTNER HOFTHEATER
Austr. 70, Nürnberg
gostner.de


HUBERTUSSAAL

PREMIERE: Der ewige Streit der Weltreligionen um den Besitz der einzig seligmachenden Wahrheit ist der Hintergrund dieses Jugendstückes, das dabei natürlich Lessings Klassiker „Nathan der Weise“ im Blick hat. Autor Ulrich Hub will mit NATHANS KINDER aber direkt in die Gegenwart und stellt mit dem reduzierten Stammpersonal bei allem möglichen Philosophen-Optimismus des Vorbilds und der Ahnung von banger Skepsis durch neuere Erfahrungen die Frage, ob die jüngste Generation klüger ist als die Ahnen. Schauspieler Marco Steeger - sonst grade im Staatstheater in „Ewig jung“, „Terror“ und „1984“ zu sehen sowie Jugendclub-Leiter – führt Regie bei dieser Koproduktion des Gostner, von Thomas Witte wird man wohl einen Nathan ohne Denkmalssockel erwarten können. Aber wichtiger ist (auf der Bühne wie im Leben), was die Jungen aus dem Leid der Jahrhunderte lernen. Johanna Steinhauser und Robert Oschatz spielen die Nathan-Tochter und den Kreuzritter, die „Kinder“ dieses Olymp.
Premiere: 15. Juni, weitere Vorstellungen 16. bis 18., 21. bis 24. Juni.

HUBERTUSSAAL
Dianastr. 28, Nürnberg
gostner.de


TAFELHALLE

LETZTER AUFRUF: Eine „musikalische Reise durch Großstadt und Sehnsucht“ nennt die Sängerin Atina Tabé ihren Abend mit dem Titel ASPHALT, der von eigenen Songs ausgehend einen weiten Bogen zwischen Marianne Faithfull, Patti Smith und Claire Waldoff spannt. Neben dem Pianisten Jörg Joachim Riehle hat sie immerhin einen „Nebendarsteller“ für die Verbindungslinien zwischen den Liedern. Regisseur Barish Karademir entwarf auch das Konzept dieser  Träumerei aus Klang und Poesie, die seit Dezember letzten Jahres in sieben Vorstellungen zunehmend Freunde gewann. Mit der achten Präsentation am 12. Juni wird Abschied gefeiert.

VORSCHAU: Während das Juni-Programm der Tafelhalle fast ausschließlich für Musik reserviert ist, können Theaterfreunde die Freizeit nutzen und bereits die nächste Saison in Bündeln buchen. Höhepunkte? Reichlich! Der Nürnberger Förderpreisträger und ehemalige Erlanger Jungregisseur Marc Becker kehrt als Autor zurück, er hat für Thalias Kompagnons „Kaspar in Teufels Küche oder das Geheimnis der schlechten Laune“ geschrieben. Tristan Vogt spielt, Joachim Torbahn baut die Bühne. Es sieht so aus, als ob „Macbeth für Anfänger“ auf Nachfolge hoffen darf. Barish Karademir bringt die deutschsprachige Premiere von Falk Richters „Je suis Fassbinder“ über Deutschland im Herbst 2016  heraus. Tina Geissinger berichtet mit 1 Schauspieler und 1 Titelheldin „Aus dem Leben einer Ameise“. Katja Kendler entdeckt „After Sun“ von Rodrigo Garcia (ein in Spanien und Frankreich berühmter, für Deutschland noch zu entdeckender Autor), und ein Dutzend weiterer Koproduktionen stehen fest. Informationen schon abrufbar.

TAFELHALLE
Äußere Sulzbacher Str. 62, Nürnberg
tafelhalle.de


NEUES MUSEUM

PREMIERE: Ein ehemaliger Türsteher wird Museumswärter und muss dort an einem Raum für Erwachsene über den Jugendschutz wachen. Warum bloß, wenn es doch nur um Jesus am Kreuz geht? Beim genauen Hinsehen entdeckt er dann, dass die Collage aus lauter weiblichen Brustwarzen besteht, Schnittmuster-Beute diverser Pornoheftchen. Empört ist er, ja angeekelt, dann von der Künstlerin fasziniert, kann aber einen Anschlag auf das Bild nicht verhindern. Nick Hornbys provokanter Monolog NIPPLEJESUS ist ein weiterer Beitrag zur ewigen Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“, aber eindeutig offen für den subjektiven Blick. Kunstbetrieb und Kunstbetrachter werden beim flotten Abwaschen zur Schicksalsgemeinschaft, und da passt in Nürnberg kein Aufführungsraum besser als das Neue Museum. In Koproduktion mit der Tafelhalle inszeniert Anna-Lena Kühner mit Hendrik Vogt genau dort, wo das Missverständnis im Auge des Betrachters zum Normalfall gehört.
Premiere: 24. Juni, weitere Termine 25., 29. und 30. Juni.

NEUES MUSEUM
Luitpoldstr. 5, Nürnberg
nmn.de


THEATER ERLANGEN

PREMIERE: Eine autobiografisch getönte Familiensaga in lakonischer Romansprache hat der Großschauspieler Josef Bierbichler aufgeschrieben in dieser Geschichte des jungen Pakraz, der seinen Traum vom Singen aufgeben muss, weil ihn der Vater zum Erben der heimischen Seewirtschaft macht. Glücklich wird er damit trotz wirtschaftlicher Erfolge kaum, immerhin aber MITTELREICH. Seiner eigenen Familie kann er die Fortsetzung dieses Familiendramas voller Zorn nicht ersparen. In München hatte Anna-Sophie Mahler an den Kammerspielen mit umstrittenem Ergebnis einige Stränge aus dem Buch neu verknotet, in Erlangen macht Regisseur Thomas Krupa seine eigene Fassung.
Premiere: 4. Juni, weitere Vorstellungen 15., 24., 25. Juni im Markgrafentheater.

PREMIERE: Die mediale Ausschlachtung von Schicksalen ist das Thema von Holger Schobers Satire HEIMAT.COM, die das Schicksal des 15-jährigen Mädchens Amira begleitet. Nach langen Jahren in Deutschland soll sie zurück in den Kosovo, was den Dominoeffekt einer Skandalstory auslöst. Wieviel davon wahr ist, weiß niemand genau. Marlene Hildebrand inszeniert die kuriose Eigendynamik  eines Ausweisungsbescheids – und hofft darauf, dass sich auch die Gleichaltrigen für Amiras Leben in Deutschland interessieren.
Premiere: 3. Juni, weitere Vorstellung 4. Juni, dann wieder ab 11.Juli im Theater in der Garage.

LETZTER AUFRUF: Diese Aufführung gehört zu den schönsten Überraschungen der Saison – nicht nur für Erlangen. Im Theaterprojekt NEULAND spielten mit Hilfe von Regisseur, Dramaturgie und einem Schauspieler aus dem Ensemble junge Migranten, die vor einem Jahr aus Syrien, Pakistan, Afghanistan und der Ukraine nach Deutschland kamen und hier lernen, mit dem aktuellen Stand ihrer Sprachkenntnisse deutsche Märchen nach. Leitkultur im Schwebezustand, durchsetzt mit vielfach triumphierendem „Juhu“, das so überzeugend sonst bloß Homer Simpson hinkriegt.
Ein lustiger, rührender, mutmachender, ach was: umwerfender Abend – nur noch am 17./18. Juni im Theater in der Garage.
 
THEATER ERLANGEN
Theaterplatz 2, Erlangen
theater-erlangen.de


STADTTHEATER FÜRTH

PREMIERE: Das war mal ein hoch notiertes Drama in den internationalen Spielplänen und gilt heute fast als Wiederentdeckung: DER HELD DER WESTLICHEN WELT (ganz genau „The Playboy of the Western World“), ein 1907 in Dublin in Skandalstimmung uraufgeführtes irisches Wirtshausstück von John Millington Synge, erst um 1960 an Brechts Theater in der DDR und dann in Heinrich Bölls Übersetzung auch in der Bundesrepublik gespielt und fürs Fernsehen verfilmt, pflegt einen sehr eigenen, tragikomischen Volkstheater-Ton. Tobias Sosinka inszeniert die Geschichte des jungen Mannes, der seinen Vater erschlug und auf der Flucht in die tiefste Provinz sein Leben als selbsternannter Held neu erfinden will – bis plötzlich der „tote“ Vater quicklebendig auftaucht und die Seifenblase platzen lässt. Neun Personen spielen in dieser großen Eigenproduktion des Hauses, die Synge als großen Dramatiker Europas wieder bestätigen will.
Premiere: 3. Juni, weitere Termine 4., 5., 10., 11., 16., 17., 18. Juni.

GASTSPIEL: Das Diavolo Dance Theatre aus Los Angeles wurde 2013 erstmals im Fürther Theater bestaunt und der künstlerische Leiter Jacques Heim setzt auch bei der neuesten Sammlung von Choreographien (mit mehreren Europa-Erstaufführungen) auf sein Schlagwort von der bewegten Architektur. ARCHITECTURE IN MOTION ist die Entwicklung von Körpersprache aus der Reibung mit Alltagsgegenständen, und die Tanz-Compagnie könnte man ganz sicher auch als Artisten-Truppe bezeichnen.
Termine: 21. bis 25. Juni.

STADTTHEATER FÜRTH
Königstr. 116, Fürth
stadttheater.fuerth.de


THEATER SALZ+PFEFFER

Manchmal braucht es ein Monster, um benachbarte Volksstämme zumindest zeitweilig zu vereinigen. Die Puppenspieler Wally und Paul Schmidt vom Theater Salz + Pfeffer (Nürnberg) haben mit dem schon beim „Eingebildeten Kranken“ den besonderen Kinski-Blick mit Klappmaul besorgenden Puppenbauer Peter Lutz (München) und der Regisseurin Annalena Maas (derzeit Ingolstadt) für die Wiederbelebung des ebenfalls an der Endstation der Seehofer-Eisenbahn auffällig gewordenen Doktors namens FRANKENSTEIN eine Aktionsgemeinschaft gebildet. Dort, wo im Roman der steifbeinige Riese für den Gruseleinsatz erschaffen wurde, findet nach Zeiten der Verbannung aus der Literatur ins Kino (gibt‘s eigentlich „Frankenstein junior“ auf Video?) die Bewährung im Theater statt. Cellist Nico Nesyba wird live die wuchtigen Schritte vom OP-Tisch ins volle Menschenleben begleiten. Das Haus am Plärrer mutiert zur spartensprengenden Geisterbahn.
Premiere: 24. Juni, weitere Termine: 25. und 29. Juni, dann wieder 8./9. Juli.

THEATER SALZ+PFEFFER
Frauentorgraben 73, Nürnberg
salzundpfeffer-theater.de


LUISENBURG FESTSPIELE WUNSIEDEL

PREMIERE: Das ist Luisenburg-Markenzeichen nach Komödienstadl-Rezept, also Volkstheater mit dem Biss der dritten Zähne. Oder doch mehr! Michael Lerchenberg macht das durch viele Dialekte gereichte Lustspiel DER VERKAUFTE GROSSVATER zur Chefsache und holt für die Titelrolle (man erinnert sich an Michel Lang, Beppo Brem und Henry Vahl) den Charakterkopf Michael Altmann.
Premiere: 24. Juni, weitere Termine 25., 26. Juni, dann wieder ab 1. Juli.

PREMIERE: Damit hätten weder Katzen- noch Musicalfreunde gerechnet, dass  Andrew Lloys Webbers mächtig menschelnden CATS jemals auf den Felsen der Luisenburg singen würden. Hardy Rudolz, der sein halbes Theaterleben dem Broadway-Echo in Deutschland widmete, im legendären „Phantom der Oper“ ganz früh dabei war, zuletzt auch bei „Kiss me, Kate“ auf Tour und in diversen Show-Produktionen an der Seite von Helen Schneider mitwirkte, führt Regie und übernimmt die Aufsicht als Katzen-Boss im Hinterhof. Die Publikums-Nachfrage ist schon so groß, dass bereits Zusatzvorstellungen angesetzt werden.
Premiere: 30. Juni, am Tag vorher Preview, dann wieder ab 2. Juli.

LUISENBURG-FESTSPIELE
Jean-Paul-Str. 5, Wunsiedel
www.luisenburg-aktuell.de


KREUZGANGSPIELE FEUCHTWANGEN

PREMIERE: Der erklärte Lieblingsklassiker für den Kreuzgang, Shakespeares tragische Love-Story ROMEO UND JULIA wieder mal in Neuinszenierung. An welchem Erker wird wohl diesmal der Balkon sein, dort wo Nachtigall und Lerche als Wecker konkurrieren? Der amtierende Intendant Johannes Kaetzler lenkt sein Ensemble persönlich durch Wort- und Degengefechte.
Premiere: 9. Juni, weitere Vorstellungen 11., 18., 21., 23., 29. Juni und im Juli.

PREMIERE: Hoffentlich erkälten sich die beiden entzückenden alten Damen nicht, denn ihren  Erlösungscocktail reichen sie eigentlich am liebsten in der warmen Stube, dort wo selbst den Grabstätten im Keller eine gewisse Gemütlichkeit nicht abzusprechen ist. ARSEN UND SPITZENHÄUBCHEN, der Everblack unter den Komödien außer Trauerrand und -band, soll auch an schwülen Sommerabenden ein wenig frösteln lassen. Regisseur ist Hartmut Uhlemann aus Hamburg, der viele Märchen inszenierte und als Autor sogar den „Hexer“ von Edgar Wallace in niederdeutsche Mundart übersetzte.
Premiere: 16. Juni, weitere Vorstellungen 19., 22., 24., 28., 30. Juni und im Juli.

KREUZGANGSPIELE
Marktplatz 2, Feuchtwangen
www.kreuzgangspiele.de


DEHNBERGER HOF THEATER

COMEBACK: Seit der Premiere im Sommer 2013 kamen schon rund 8000 Gläubige zu DON CAMILLO UND PEPPONE nach Dehnberg.  Der rauflustige Landpfarrer, der im Faustkampf mit dem Kommunismus auch mal das Kruzifix als Waffe schwingt (unvergesslicher Dialogsatz: „Herr, halt dich fest, ich schlage zu!“), hat auch im restprotestantischen  Franken seine an den erst kürzlich wieder gesendeten Filmen mit Frankreichs Komiker-Legende Fernandel  geschulten Fans. Das hemdsärmelige Duell  bringt als Sommertheater einige Ahnungen aus der fünfteiligen Kino-Serie. Ulrich Proschka, sonst eher Spezialist für heiteres Musiktheater, inszenierte das beschwingt für Sommerabende im Dehnberger Hof. Jetzt wird die Soutane wieder zum Zweikampf aufgebügelt und die in Notfällen eingreifende „Stimme des Herrn“ gurgelt schon für den überirdisch sanftmütigen Tonfall.
Termine: 17. und 18. Juni

DEHNBERGER HOF THEATER
Dehnberg 14, Lauf/Pegnitz
www.dehnbergerhoftheater.de


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DIETER STOLL, Theaterkritiker und langjähriger Ressortleiter „Kultur“ bei der AZ.

Als Dieter Stoll nach 35 Jahren als Kultur-Ressortleiter der Abendzeitung und Theaterkritiker für alle Sparten in den Ruhestand ging, gab es die AZ noch. Seither schreibt er weiterhin, zum Beispiel überregional für Die Deutsche Bühne und ddb-online (Sitz Köln) sowie für nachtkritik.de (Sitz Berlin). Außerdem veröffentlicht er monatlich im Straßenkreuzer seinen Theatertipp.
Am meisten dürfen wir uns über ihn freuen. DANKE!


 




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