curt Bücherstapel 08/09: Literatur aus der Region

DIENSTAG, 1. SEPTEMBER 2026, NüRNBERG

#Bücher, #Bücherstapel, #Elmar Tannert, #Literatur, #Phillip Krömer

Raffinierte Germaistenprosa (im besten Sinne!), ein hochliterarischer böhmisch-fränkischer Krimi, die Cozyness des Buchcafés oder doch lieber Stories über das größte aller Gefühle? Neuerscheinungen aus der curt Redaktion, wir haben sie im Blick, ihr bald im Regal! 

Philip Krömer: nôt
Der Philip Krömer legt nach seinem kunstvoll dreigleisigen Nepal-Abenteuer Kumari in Windeseile den nächsten Roman nach. Mit diesem, behauptet der Autor – und das muss man sich mal vorstellen! – habe er den letzten Liebesroman geschrieben. Ambitioniert, hintersinnig, spielerisch, typisch. nôt heißt diese Geschichte. Wenn das mal nicht Althochdeutsch oder so tönt. Nun arbeitet Krömers Protagonistin Marget tatsächlich an einer Dissertation über das Nibelungen-lied. Sie tut dies auf einem Winzerhof mit schrägem Personal. Der Winzer produziert die Weine gar nicht selber, die Winzerin hat eine Affäre und Volkmar will ganz dringend für Marget die Laute spielen. Als wäre das alles nicht schon stressig genug, schleicht sich mit einem Todesfall auch noch ein Krimiplot in die angesäuselte Handlung. Im Keller gärt derweil etwas noch viel Gefährlicheres. Krömers Schreibstil perlt mal wieder wie ein Crémant, dieses Buch ist alles andere als eine literaturwissenschaftliche Abhandlung, vielmehr ein so cleveres wie verwegenes Spiel mit Ideen und Charakteren. 
Septime Verlag, 228 Seiten, 24 Euro 

Manfred Kern: Liebe im Quadrat
Der in Rothenburg geborene, auf einem Bauernhof bei Ansbach aufgewachsene, in Coburg lebende Manfred Kern ist vor einigen Jahren mit sehr persönlich anmutenden Texten auf der literarischen Bildfläche erschienen, ein lyrisches Requiem für den Vater. Danach folgte allerhand: Mundart, Aphorismen, Erzählungen und immer wieder die Beschäftigung mit dem fränkisch-bäuerlichen Leben. Beim vorliegenden Band will der Autor sich nicht für eine Form allein entscheiden, Liebe im Quadrat verknüpft vier Liebesgeschichten mit vier Liebesgedichten. Ein Paar wird während einer Reise durch Südfrankreich auf die Probe gestellt. Eine junge Frau breitet beim Date ihre ganze Kindheit aus. Judith und Max spazieren übers spätsommerliche Land. Ein Schriftsteller stellt die Liebe zu einer Frau in den Mittelpunkt seines Tagebuchs. Kleine, nuancierte Texte, die die Gedanken zum Fließen bringen.  
Königshausen & Neumann, 144 Seiten, 15,80 Euro 

Ella Lindberg: Books & Coffee – Das Glück wird dich schon finden
In Claras Leben regiert das Chaos: Job, demente Mutter, überforderte Schwester. Und eigentlich will Clara Künstlerin werden. Bei einem Improkurs schüttet sie einem völlig Fremden ihr Herz aus. Blöd, dass dieser Jonas ausgerechnet der neue Pfleger ihrer Mutter ist, dem sie schon am nächsten Tag wiederbegegnet. Der kennt nun alle ihre Geheimnisse, aber auch ihre Familie. Und Clara fühlt sich wie magisch von ihm angezogen. Zwischen Krankenhausbesuchen und Café-Schichten beginnt etwas Neues, Wunderbares, das durch ein blödes Missverständnis schnell wieder in Gefahr gebracht wird. Der dritte Teil der Café Zuckerzeit-Trilogie der Nürnberger Autorin ist klassische Wohlfühl- und Abschalt-Literatur. 
Droemer Knaur, 288 Seiten, 12,99 Euro

Elmar Tannert: Der Club der dichtenden Polizisten
Endlich neuer Stoff von Elmar Tannert, der sich unter anderem gut mit diesen beiden Dingen auskennt: Anspruchsvolle Kriminalliteratur und Tschechien. Nun begibt es sich, dass ausgerechnet im bayerisch-böhmischen Grenzgebiet eine Leiche mit durchschossenem Schädel entdeckt wird. Offenbar verscharrt vor Jahrzehnten, nach 20 Jahren wäre Mord in Tschechien verjährt. Aber wie lange die Leiche wirklich schon Leiche ist, kann vorerst nicht geklärt werden. Major Filip Toman und Kapitán Jirí Zmeškal geraten bei ihren Ermittlungen zusätzlich unter Druck, weil die Geschichte für die Medien das Sommerloch füllt, das Skelett nährt die wildesten Spekulationen. Der Deutsch-Tscheche Josef Meinl beginnt daraufhin mit einer eigenen Spurensuche. Sein Urgroßvater war als Schmuggler im Grenzgebiet unterwegs gewesen und wurde von der Familie zum Helden verklärt. Was passierte wirklich, als er eines Tages nicht aus dem Wald zurückkehrte? 
ars vivendi, 250 Seiten, 22,- Euro




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#Bücher, #Bücherstapel, #Elmar Tannert, #Literatur, #Phillip Krömer

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NüRNBERG. Luisa Stömer, Eva Wünsch: Schwellenangst
Das schreibende und gestaltende Duo aus Gostenhof did it again: Mit einem außergewöhnlichen Buch schaffen es Luisa Stömer und Eva Wünsch, einen neuen Zugang zu einem tabuisierten Thema zu finden. Schwellenangst versammelt Annäherungen an den Tod, bzw. nicht ganz richtig: Annäherungen an einen anderen Umgang mit Sterben, Tod und Trauer. Denn genau darum geht es den beiden, um die Frage, ob es möglich sein könnte, die Verdrängung hinter uns und eine neue Offenheit zuzulassen. Gestorben wird heute sehr allein und davor tanzen wir ein Leben lang um das Thema herum, als gäbe es ihn nicht, den Tod. „Sterben ist eine Schwelle. Und der Tod ist der Raum jenseits der Fußmatte“, heißt es so schön banalpoetisch im ersten Text des Buches. Luisa und Eva schaffen eine neue, entdämonisierte Form der Sensibilität, indem sie sich dem Tod von allen Seiten nähern: von biologischen Prozessen des Sterbens, der Auflösung eines Körpers, bürokratischen Hürden und Schlupflöchern, über Trauer, die sich allen Phasenmodellen entzieht, und Wachstumsschmerzen bis hin zu unkonventionellen Bestattungen und gesellschaftlichen Ungleichheiten, die über den Tod hinausreichen.
Ein Buch, in dem vier Jahre Auseinandersetzung mit dem Ende stecken und das Orientierung und vielleicht auch Trost spenden kann – und natürlich so aufwendig, wie schön gestaltet ist.
 
Kunstmann Verlag, 288 Seiten, 34 Euro  // www.kunstmann.de


Lisa Krusche, Jenny Schäfer: Die Anrufung der Riesin
Mit 13, 14, 15 hatte sie, schreibt Lisa Krusche, die patriarchalen Ansprüche an ihren Körper längst verinnerlicht. Aus der Distanz von heute diagnostiziert die Autorin: eigentlich wollte sie verschwinden, immer dünner und zarter werden. Die Anrufung der Riesin, erschienen im Fürther starfruit Verlag und herausgegeben vom Institut für moderne Kunst, ist ein Essay, der von der Suche nach einem „Woanders“ erzählt, einem verschollenen Ort, an dem weiblich gelesene Menschen so sein können, wie sie sind. Der Text mäandert dabei zwischen wiederentdecktem Teenager-Tagebuch, Bestandsaufnahme der Weiblichkeit im Spätkapitalismus, analytischer, fußnotenreicher Selbstbefragung und dem Verfolgen der Spur der titelgebenden mythologischen und literarischen Figur. Durchsetzt ist er von den Bildern von Jenny Schäfer, deren fotografischer Blick in Gesteinsoberflächen mystische Landschaften findet. Ein offenherziges und aufwühlendes Kleinod von einem Buch.

Starfruit Publications, 128 Seiten, 24 Euro // www.starfruit-publications.de


Susanne Reiche: K0mmissar Kastner und das perfekte Weihnachtsdinner
Fränkische Krimifans was habt ihr euch vom Christkind gewünscht? Natürlich einen Weihnachtskrimi, im Idealfall auch noch mit Susanne Reiches Ermittler Kommissar Kastner. In Susanne Reiches neustem Roman schickt sie ihren kulinarisch nicht ambitionierten Helden in die Endausscheidung des Wettbewerbs franken kocht – als Ersatz-Beikoch für einen Kollegen. Einer jedoch überlebt das Wettkochen nicht, ein allzu strenger Juror, über dessen Leiche Kastner im Kühlraum stolpert. Geschickt nutzt Kastner seine Rolle beim kulinarischen Wettbewerb für Nachforschungen aus – und wächst gleichzeitig auch als Koch über sich hinaus.

Ars Vivendi, 143 Seiten, 14 Euro // www.arsvivendiverlag.de  >>
MAGAZIN  28.08.2024
NüRNBERG. STEPHANIE MEHNERT: DAS FLIMMERN KLEINER LICHTER
In Nürnbergs Leseszene schon lange keine Unbekannte mehr, dürfen sich Stephanie Mehnerts feinfühlige Gedankenströme nun endlich auch in heimischen Bücherregalen einnisten. Mit ihrem Debütroman „Das Flimmern kleiner Lichter“ entführt die Wahlnürnbergerin in eine Welt, die das Dunkel des Lebens weder romantisiert noch ausklammert – und dabei kraftvoll stets das Licht hochhält: Ronja, Pflegehilfskraft in St. Pauli, wohnt in einer Datsche am Elbstrand. Traumatische Erfahrungen holen Ronja immer wieder ein und ihr Leben gerät letztlich aus den Fugen, als sie ihre zwangseingewiesene Lieblingspatientin aus der Klinik entführt, um deren Suizid zu verhindern. Alte Wunden brechen auf. Doch unerwarteten Rückhalt findet Ronja in einer Familie, von deren Existenz sie noch gar nichts ahnte. Ein Gesellschaftsroman über Identitätssuche, Hoffnung und Zwischenmenschlichkeit. Dabei so melancholisch schön, dass es auf jeden Fall entsteht: das zuversichtliche, gute Gefühl. 
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Ulrike Helmer Verlag, 144 Seiten, 20 Euro  // www.ulrike-helmer-verlag.de

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Das politische Leben und Wirken der Nürnberger Antifaschistin Berta Backof erzählen und beleuchten die Erlanger Professorin für Soziologie Prof. Dr. Ingrid Artus und die Historikerin Nadja Bennewitz in ihrem neuen gemeinsamen Buch „Wir kommen aus dem Kampf heraus“. Mit 17 lässt sich Berta Backof gegen den Willen ihrer Mutter einen Bubikopf schneiden. Ihre Mitgliedschaft in der Sozialistischen Arbeiterjugend verstärkt den Gegenwind, doch es bestärkt auch ihre Politisierung in der Weimarer Republik. Sie protestiert gegen die Aufrüstung der deutschen Marine und tritt der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) bei. Nach der Machtergreifung der Nazis geht sie in den Untergrund und wird als KPD-Mitglied schließlich Teil des Widerstands. Ein literarisches Porträt über eine fränkische Frau, deren Leben ein Schlaglicht auf die hiesige antifaschistische Arbeiter:innengeschichte von den 1920er-Jahren bis in die Nachkriegszeit wirft. 
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PapyRossa Verlag, 180 Seiten, 18 Euro  // www.papyrossa.de

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BoD – Books on Demand, 244 Seiten, 11,99 Euro  // www.buchshop.bod.de

FITZGERALD KUSZ: DER BESTE KUSZ
Seine schönsten Gedichte der letzten 50 Jahre versammelt das Nürnberger Urgestein Fitzgerald Kusz nun eigens kuratiert in seinem neusten Werk Der beste Kusz. Bereits seit vielen Jahrzehnten zählt der Sprachkünstler zu den wohl bedeutendsten fränkischen Mundart-Lyrikern im gesamtdeutschen Raum und bereichert uns dank seines satirischen Blickes regelmäßig mit unterhaltsamsten Zeilen über Absurditäten des Lebens sowie politische Machenschaften im Weltgeschehen. 
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ars vivendi verlag, 256 Seiten, 20 Euro // www.arsvivendi.com  >>
MAGAZIN  07.07.-09.07.2023
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NüRNBERG. Eisenbart & Meisendraht ist das einzigwahre Literaturmagazin auf Radio Z. Und als solches logischerweise fester Bestandteil des guten Daseins auf curt.de. Zum aktuellen Monatsthema, Langeweile, präsentieren wir den Text Blick aus dem Fenster von Autor Elmar Tannert. Tannert scheibt Romane und Erzählungen und übersetzt Texte aus dem Tschechischen und Französischen, er ist Literaturförderpreisträger des Freistaats Bayern und Kulturpreisträger der Stadt Nürnberg.   >>
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