curts Bücherstapel: Neuerscheinungen 06/07
#Ars Vivendi, #Bücher, #Edition Blumen, #Literatur, #Neuerscheinungen
Die besten neuen Bücher aus der Region.
Tobias Falberg + Hans Peter Stark: Wir singen das Wort Kerosin
Tobias Falberg gehört in der Region zweifellos zu den stilsichersten Vertretern der sprachbewussten Lyrik. Im neuen Band des Nürnberger Dichters spielt nicht nur Kerosin eine Rolle. Bienenwaben und schlüpfende Königinnen treffen auf pflanzliche Lebenslinien, Tiefsee und Anglerfische sind zu finden, Kopfsteinpflaster, Phantombilder und Seerosen, ein Sturzflug durch die (Atom-)Pilzwetterlage; es gibt Taubenschießen und Kreuzfahrtschiffe, Zellteilung und Schöpfung, die Weiten der Galaxie, Cowboys mit Glasfaserlasso in fernen Prärien und das den ersten Reif streifende Kupferknäuel Sonne. Bildwelten, in die man kopfüber eintauchen will und mit nicht unangenehm verknoteten Synapsen wieder auftaucht. Um die klassische Textform aufzubrechen, arbeitet Falberg mit dem Berliner Künstler Hans-Peter Stark zusammen. Konkrete Poesie wird aufgegriffen und weiterentwickelt. Bildelemente und Schrift ergänzen und widersprechen sich, gehen in immer neuen Ansätzen Verbindungen ein. Eine repräsentative Auswahl dieser Bild-Text-Gedichte hat Christian Dümmler jetzt in seiner Edition Blumen mit der ihm so eigenen Sorgfalt umgesetzt.
Edition Blumen, 28 Seiten Bild-Text-Gedichte, Farbdruck, Fadenheftung, 15,- Euro // www.edition-blumen.de
Magdalena Kratzer: Die letzte Rutsche
Wir reisen mit Lena Kratzer ins Jahr 2079. Die Welt existiert noch, aber: Liebe und Berührungen sind verboten, Mitgefühl wird nur als theoretisches Konzept im Unterricht gelehrt. Uff. Nala stört sich an dieser Ordnung nicht, sie will Architektin werden und dem Herrscher Marato dienen. Ihr Zwillingsbruder Milo hingegen hinterfragt das System und wagt sich an ein gefährliches Abenteuer: Die Ausbildung zum Empathie-Experten schickt ihn auf sieben Rutschen, seine emotionalen Prüfungen. Als Milo spurlos verschwindet, steht Nala vor einer schwierigen Entscheidung: Verfolgt sie weiter ihre Karriere oder macht auch sie sich auf den Weg auf die sieben Rutschen? Ein Roman, der selbst eine Reise ist, durch fremde Gefühle, auf der Suche nach der verloren gegangenen Empathie.
Books on Demand, 240 Seiten, 14,- Euro // www.buchshop.bod.de
Meike Männel + Sven Pifzenmaier Ödnis
Da hat sich der kleine, feine Kopf & Kragen Verlag doch etwas sehr Hübsches ausgedacht: In der Reihe „Resonanzen“ sollen Schriftsteller:innen und bildende Künstler:innen zu kreativen Tandems verschnürt werden und heraus kommt ein limitiertes und nummeriertes, bibliophiles Sammlerstück von einem Buch. In der ersten Ausgabe der „Resonanzen“ trifft die tolle Nürnberger Fotografin Maike Männel auf den nicht weniger tollen Berliner Autor Sven Pfizenmaier (Schwätzer, 2024, eine große, von Herzen kommende Empfehlung). Gemeinsam begegnen sie der Welt mit leisem Witz: Männels Fotografien zeigen, wie das bürgerliche Versprechen auf Ordnung und Sicherheit zerfällt, Pfizenmaiers Texte handeln von Produktionszwang, Überdruss und dem Recht auf Faulheit. Ödnis, ein Buch, das zum Resonanzraum wird für die Widerständigkeit in uns.
Kopf & Kragen Verlag, 80 Seiten, Fadenheftung, Blindprägung, 24,- Euro // www.kopfundkragen-verlag.de
Bernd Noack: Spurensuche Nürnberg
Zwei Jahrzehnte lang arbeitete Bernd Noack als Redakteur im Feuilleton der Nürnberger Nachrichten. Dann ging er in die Selbstständigkeit und veröffentlicht seither in der Zeit, im Spiegel, im Bayerischen Rundfunk und anderen überregionalen Medien. Ein Buch von ihm handelte von Theaterskandalen, das andere von Fürth, denn Noack schweift zwar kulturbeflissen und reisend gern in die Ferne, ist aber auch ein Auskenner der heimatlichen Gegenden. Das stellt er nun auch mit seinem Buch über Nürnberg unter Beweis. Es handelt weder vom Christkindlesmarkt noch von Bratwurst oder dem Club. Noack hat sich dorthin begeben, wo normalerweise nicht so viel fotografiert wird. Zur Kreuzung Wölckern-, Schweiger- und Allersberger Straße beispielsweise, zum Hauptbahnhof und der Siedlung Nordostbahnhof. Er hat sich rumgetrieben und ist verweilt, hat beobachtet und in Details das große Ganze erkannt, beschrieben und kenntnisreich kontextualisiert. Es sind ehrlicherweise nicht nur die abseitigen Orte, denen Noack Kapitel gewidmet hat, auch der Schnepperschütz bekommt eines oder das Henkerhaus. Und manche Kapitel sind gar keine Orte, sie handeln beispielsweise von Hermann Kesten oder der Zerstörung Nürnbergs. Wie ein Flaneur alter Schule bewegt sich Noack durch Straßen und Zeiten und bringt geschliffene Texte mit, persönliche Ich-Reportagen, die auch für Alteingesessene noch neue Blickwinkel auf diese vielgestaltige Stadt eröffnen.
ars vivendi, 255 Seiten, mit Fotos von Wolfgang Noack, 20,- Euro // www.arsvivendi.com
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