Theobald O.J. Fuchs: Im Schatten des Wachstums

FREITAG, 1. AUGUST 2025

#Theo Fuchs, #Theo hinten raus, #Theobald O.J. Fuchs

Jedem Anfang wohnt ein Ende inne [1]. Samen keimen, Pflänzchen schießen ins Kraut, Jungfalken verlieren ihre flauschigen Kükendaunen und verwandeln sich in fliegende Mordmaschinen. Doch mit welchem Ziel? Die Evolution diktiert uns allen ihre Forderungen: So viele Nachkommen wie möglich zeugen. Die Kartoffel schiebt daher mühsam durch Dreck und Sand ihre bleichen Fingerchen, der Löwenzahn sendet die zahllosen Einwegfallschirmspringerchen hinaus auf die unendliche Wiese. Der Nagel an der Zehe, das Haar in der Nase, die Brut der Wühlmaus, der Salatkopf und die Schildkröte, die ihn am Ende frisst – langsam oder schnell, egal: alles wächst. 

Während das Gute wächst, wächst auch sein Schatten. Die schwierigste Phase für alle Beteiligten ist jedoch das Halbwachstum. 
Beispiel. Die Nacktschnecke erfüllt sich ihren Kinderwunsch, während der Besitzer des Gartens an seinem Bohnenwunsch arbeitet. Die junge Nacktschnecke wurde hastig größer und ist nun nach allen Regeln der Evolution halbwüchsig. Sie ist hungrig und gerät in schlechte Gesellschaft. Die jugendlichen Nacktschnecken hängen in einer finsteren Ecke des Gartens ab, dealen mit fiesen Kräutern und stacheln sich gegenseitig zu Randale an. 

Auch die kleine Zecke will wachsen, sie träumt davon, die dickste und größte Zecke auf der ganzen Wiese zu sein, mit Luxusausstattung und fetten Breitreifen und vierfachem Auspuff. Sie nimmt einen Kredit auf, bei einem etwas zwielichtigen Typen, der ein oder zwei Mal in der Nacht durchs Gebüsch strolcht. Der Strauchdieb [2] leiht aber nur sein dünnes, bitteres Katzenblut her, er will es am Ende der Woche dreifach zurück. Die Zecke steckt voll in der Klemme. Sie krabbelt rüber zu den pubertierenden Nacktschnecken, die gerade einen brutalen Überfall auf das Bohnenbeet planen. Die Zecke hofft, dort irgendwie einen Ausweg aus ihrer hoffnungslosen Lage zu finden. Es dauert sehr lange, bis sie bei der Nacktschnecken-Gang ankommt. Dabei tut sie so, als würde sie nur mega cool ein wenig durch den Garten schlendern. 

Es regnet seit Stunden, die Zecke ist total erschöpft, während die Nacktschnecken vor lauter Kraft nicht mehr geradeaus kriechen können. Die Halbwüchsigen stacheln sich gegenseitig an, knabbern maßlos fiese Kräuter und beginnen zu rappen. Das gefällt der Zecke, sie möchte mitmachen, doch sie ist zu schwach zum Grooven. Die Stimmung hebt ab wie eine Rakete, es ist die vollständig erblühte Euphorie der Jugend, es wachsen noch buchstäblich Grashalme in den Himmel. Die Zecke ist schon ganz durchsichtig, sie kommt sich vor, als bestünde sie nur noch aus ihren Beißwerkzeugen und einem leeren, trockenen Sack am Hinterleib. Sie liebt diese Musik, sie liebt diese Energie der Nacktschnecken, sie ist glücklich. Dann verliert sie das Bewusstsein. 

Die Nacktschnecken singen und rappen böse Reime über die kleinen Pflanzen, die sie später platt machen wollen – diese Muttersöhnchen, diese Weicheier, diese Klugscheißer, diese Nullinger, diese hellgrünen Verlierer. 
In der Tat. Es sind junge, noch hilflose Pflanzen, die ihre erste Nacht im Garten verbringen. Ein Wind rauscht durch das Gebüsch, es ist richtig unheimlich hier draußen. Die kleinen Kohlrabis, die Bohnen, die Salate, der Spinat – sie zittern und fürchten sich ein wenig. Nur ein paar Tage müssen sie hier draußen überleben, dann sind sie ausreichend gewachsen, dann sind sie groß und stark und müssen nichts mehr fürchten. Dann müssen sie sich nur noch auf die Ernte freuen, wenn sie ans Ziel gelangt sein werden und auf einem Teller liegen werden und gegessen werden werden. 

Die Nacktschnecken haben sich jetzt genug aufgeputscht, sie ziehen los, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, sie wollen Angst und Schrecken verbreiten, sie sind unangefochten die Herren auf der nackten Gartenerde. 
Naja, aber sie haben die Zeit aus den Augen verloren, haben viel zu lange gerappt und gegroovt, außerdem haben sie vergessen, dass die Sonne heute viel früher aufgeht als gestern, heute ist Feiertag. Ehe sie das Beet erreichen, liegen sie plötzlich im grellen Licht des Tages, nirgendwo gibt es Schutz, die Ecke mit dem vermodernden Holz ist mindestens zwei, wenn nicht drei Meter entfernt, keine Chance. Der Gärtner taucht auf. Panik! Die Nacktschnecken versuchen sich zu verstecken, aber es ist zu spät. Sie sind viel zu ausgetrocknet, um noch schnell kriechen zu können. Die fiesen Kräuter kochen in ihrem Verdauungsapparat, dann saust schon die riesige Klinge herunter und die ersten Nacktschnecken wälzen sich in Stücke geschnitten in ihrem eigenen braunen Saft. Es ist ein schreckliches Gemetzel. 
Die jungen Pflänzchen sind gerettet, sie haben überhaupt nicht mitbekommen, in welcher Gefahr sie geschwebt sind. 
Sie wiegen sich im warmen Morgenlicht und saugen lustvoll die Feuchtigkeit aus der Erde. Sie werden wachsen. Wachsen und groß werden und genussvoll gegessen werden. Sie lächeln und blinzeln Richtung Sonne. 

Auch der Gärtner freut sich, er kam gerade noch rechtzeitig. Er spricht mit den Bohnen und dem Salat, als ob sie ihn verstehen würden, und tatsächlich fühlen sich die kleinen Pflänzchen geliebt. 
Doch am glücklichsten ist die Zecke. Sie steckt mit ihrem Rüssel in einem kleinen Loch im Oberschenkel des Gärtners und trinkt sein leckeres Blut. Es schmeckt gut nach Kohlehydraten und Kaffee und obendrein ein wenig nach Bier von gestern. Bald ist sie kugelrund, lässt sich auf den Boden fallen und macht erst einmal ein richtig schönes, langes Sommerschläfchen. 

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[1]  Übrigens ein Spruch, der auf einer Glückwunschkarte zur Geburt eines Kindes bei den frisch gebackenen Eltern selten gut ankommt. Ich hab das ausprobiert! 
[2]  Obacht! Verwechslungsgefahr! Eltern googeln für ihre Kinder! Denn gemeint ist hier NICHT dieser sozusagen anders sympathische Zeitgenosse: https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeiner_Strauchdieb 


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Und was treibt unser Mann für hinten raus?
Nebenbei gewann er den ersten Preis beim Wettbewerb des Autoren-verbandes Franken AVF, den Fränkischen Literaturpreis 2025. Erschienen ist Theos Siegertext dort in der Antholoie „Vergessen“ des AVF.

Dies und alles Weitere findet man auf www.theobald-fuchs.de




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