Theobald O.J. Fuchs: Würden Würste wirklich sich selbst zerfleischen?

SONNTAG, 1. FEBRUAR 2026

#Theo Fuchs, #Theo hinten raus, #Theobald O.J. Fuchs

Auch beim Metzger brennt nachts kein Licht im Kühlschrank. Die Würste sind unter sich und bürzeln sich jeden Abend auf zur großen Party. Logisch, denn sie können im Dunkeln sehen. Wir sprechen von einem richtigen Kühlschrank, einem Otzen-Koloss von Kühlaggregat, einem amtlichen Metzgerskühlschrank mit Brusthaaren und zehntausend Litern Kälte. 

Und dann ging‘s auch schon los. Die Streichwurst schlich heran, spähte dem Aufschnitt in den Ausschnitt. Die zwergwüchsige Gesichtswurst spielte kindisch mit ihrem Zipfel, doch interessierte das keine alte Sau. Überhaupt zeichneten sich die Beziehungen unter den Würsten durch Kälte und wechselseitige Verachtung aus, nicht zuletzt geballt gegenüber Presssack, diesem Fresssack, dessen schwartigen Rücken man zwar gerne als Tanzfläche nutze, ihn zugleich aber verlachte als, tja, lächerlich und eben im Geiste grob, nichts Wertigerem als einem Denken in rot-weiß verhaftet. 

Dass die Leberwurst sich beleidigt abseits hielt, geräuchert hin, ge-räuchert her, entsprach den Erwartungen, doch selbst die Göttinger fremdelte mit dem Kassler, gingen die Frankfurter den Wienern aus dem Weg, ließ die Lyoner kein Haar – weder gut noch schlecht – in, nein: an der englischen Teewurst. 

Nun, dann tauchte eine Horde mega-machomäßige Mortadellas auf. Sie waren dünn geschnitten, fast durchsichtig und elegant und sie versprühten italienischen Charme, dem keine noch so trockene deutsche Dauerwürstin widerstehen konnte. 
Ok, ein Europa der vereinigten Wurstwaren hin, ein Europa der vereinigten Wurstwaren her – man kann es leider nicht anders sagen: Sie rückten einander auf die Pelle – die zarten Nürnbergerinnen und Krakauerinnen kreischten, so unterschiedliche Charaktere wie Championwurst und Salami gerieten gemeinsam in Ekstase, die feine Leberwurst rümpfte wie nicht anders zu erwarten indigniert die Nase, das Bockwürstchen hingegen frohlockte. 

Es war hinterher, als die Katastrophe juristisch aufgearbeitet wurde (bzw. hätte werden können), bedeutungslos, wer angefangen hatte. Entscheidend war, dass die Sache eskalierte. Mit fettigen, eben Wurstfingern begrabschten einander so ziemlich alle jede und jeden. Und auch in dieser Gesellschaft wäre es eine dümmliche Torheit gewesen, die Existenz von lediglich ein oder vielleicht noch zwei Geschlechtern zu postulieren. Diese Annahme ist immer falsch, erst recht in einem doppelhaushälftengroßen Metzgerskühlschrank. 
Bald fielen die Hüllen ohne Unterscheidung zwischen Natur- und Kunstdarm, Fettaugen begannen zu triefen, egal ob das Paar Weißwürscht oder die schwarz Geräucherte, das Kaiserfleisch oder die Hirnwurst in Erregung gerieten: ein gewaltiger Wurstsalat bahnte sich an und regionale wie überregionale Befindlichkeiten gerieten in gefährliche Nähe zur Wurstschneidemaschine, die die einzige Beteiligte war, welche sich konsequent heraushielt. 

Das kleine Gesichtswürstchen hingegen führte sich am allerempörtesten auf. »Das sind unsere Wurstinnen«, quietschte es, »das müssen wir denen zeigen, wir müssen unseren eigenen Wurst-Weibern auf den Darm rücken, die Damen dermaßen anwursten, dass die Pelle tropft.« 
(an dieser Stelle wird der Text tatsächlich selbst für meinen Geschmack [Salz, Pfeffer, Majoran, eine Prise Muskat] etwas schlüpfrig, also irgendwie schmierig und sicherheitshalber nicht mehr genießbar. Vielleicht sollte ich jetzt rasch zu einem Wurstende kommen, also wahlweise eines von beiden, siehe auch Stefan Remmler, 1986 [1] ). 

Die Brühwurst unternahm einen Versuch, die beinahe kochende Stimmung wieder unter die kritische Temperatur, bei der Eiweiße zu denaturieren beginnen, abzukühlen. Doch sie ähnelte darin auf perfide Weise einem gewissen UNO-Generalsekretär, dem seit ungezählten Jahren nichts anderes mehr einfiel, als vor Katastrophen »eindringlich zu warnen«. Die natürlich nichts anderes taten als was Katastrophen am Liebsten taten, nämlich sich ereignen. 

Die kleine dicke Gelbwurst war es, die den Abend rettete. Sie ließ sich von einem Schinken und einem Rudel grimmig dreinblickender Pfefferbeißer auf die Schultern heben, und verkündete mit einer Stimme, deren Lautstärke man der unscheinbaren Köstlichkeit niemals zugetraut hätte [2], dass nun alle zusammen zum Karaoke wechseln würden. Und alle zusammen hieß eben: alle, und zwar zusammen. Sogar der Bauernseufzer. 

Schlagartig herrschte Ruhe im Kuhstall! Unter den Würsten ist es nämlich unstreitig Pflicht, die Hymne zu singen, wo und wann immer es notwendig wird. Der Ministerpräsident, dessen Nachname sich auf die Steigerungsform von »blöd« reimt, wäre wohl begeistert – wenn ihm dieses Geheimwissen nur zugetragen würde. 
Und so endete die ganze Chose, ohne ernsthafte Folgen zu zeitigen – allerdings weder klang- noch sanglos, sondern im Gegenteil. Denn bis zum Morgengrauen wackelte der Kühlschrank vom Chorgesang der – wie es Fredl Fesl [3] vor etlichen Ewigkeiten so treffend formulierte – »am Verwesen gehinderte[n] Leichenteile ermordeter Tiere abgefüllt in deren eigene Kotkanäle.« 
Und jetzt habe ich ganz fürchterlichen Appetit auf Sechs auf Kraut. Das jedoch wird eine andere Geschichte werden. 

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[1]    www.youtube.com/watch?v=a4JSE32fuOc 
[2]    Die Scheibe Gelbwurst, die in Franken jedem Kind unweigerlich angeboten wird, wenn es einen Elternteil zum Einkauf beim Metzger begleitet, gehört wohl zu den unterschätztesten, gleichwie heiß und innig geliebten Einstiegsdrogen hierzulande. 
[3]    Alfred Raimund „Fredl“ Fesl (*1947, +2024) fuhrwerkte nicht nur in seiner Freizeit aus purem Vergnügen mit dem eigenen Bagger auf seinem Grundstück, sondern pflegte lange Jahre eine enge Beziehung zur Veldensteiner-Brauerei in Neuhaus an der Pegnitz. 
Vgl. auch www.fredl-fesl.de/schunkelhilfe.php 


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Und was treibt unser Mann für hinten raus?
Nun, erst muss er beim Fasching nicht mitmachen, dann ist er auf einer Tagung in Österreich und im März vermutlich ganz weit außer Landes, so dass er von den Wahlergebnissen erst dann erfährt, wenn sich alle wieder beruhigt haben. Gni, gni, gni.

Dies und alles Weitere findet man auf der wilden Website 
www.theobald-fuchs.de




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