Theobald O.J. Fuchs: Im Banne der Rumpelbusse
#Theo Fuchs, #Theo hinten raus, #Theobald O.J. Fuchs
Es gibt unfassbar viele Lieder in der Welt, permanent dudelt irgendwo irgendwas: Radio, Internet, Boombox, Ghettoblaster, der akustische Raum ist krass überfüllt, unzählige Chöre jodeln und jaulen und Taylor Swift feuert alle zehn Minuten einen Hit heraus, dass man nur noch dumm weghören kann. Ein Lied jedoch wurde bis heute nicht geschrieben, obwohl es absolut dringendst an der Zeit wäre: Eine fulminante Lobeshymne auf die VAG. Die meisten Nürnberger*innen wissen gar nicht, wie genial die Öffis in unserer Stadt sind. Selbst jene Bürgies, die regelmäßig Bus, Tram, U-Bahn und VAG-Rad nutzen, können offenbar nicht wirklich einschätzen, wie gut wir es hier in der Nahverkehrs-Noris haben, denn nirgend-wo und nie singt jemand das Hosianna.
Um diese Tatsache zu erkennen, müsste man auch einmal in einer anderen Stadt den ÖPNV in Anspruch nehmen. Ich tue das aus Gründen, die in den Nebeln einer unvordenklichen Vergangenheit verschollen sind, sogar regelmäßig. Jeden Freitag fahre ich morgens mit dem Regionalexpress RE10 nach Würzburg, abends zurück. In Wü mit dem Bus rauf zur Uni am Hubland, nach getaner Arbeit wieder runter zum Bahnhof.
Kenner*innen der Materie wissen: Will man zur Uni, nimmt man in Würze ohne groß schauen zu müssen den nächsten Bus, dessen Nummer auf »14« endet. So einfach ist das. Oder die »34« natürlich, die fährt die selbe Strecke.
Der Bahnhofsvorplatz ist eine wüste Verfügungsfläche der Postmoderne mit kindstiefen Löchern im Asphalt, der wie eine gefrorene Welle die gefühlt zwischen acht und 29 Einsteige-Bussteige umspült. Hier oder spätestens zwei Haltestellen weiter am Barbarossaplatz sind sie vollzählig am Start: sämtliche Studierende, die irgendeine Vorlesung besuchen müssen. Nach oben wollen sie, hinauf aufs Hubland, wo die Universität über der Stadt, die unten im nebligen Maintal lungert, thront und ihre diversen Campi und Campusse betreibt – Nord und Süd – sowie die Bibliothek, die Mensa, die Caféteria, die Mensateria, das MINT-Zentrum, die KI-ta (Spaß!), die Graduate School, das Technologie-Gründer-Ding-Zentrum, den Süßigkeitenautomaten. Das alles dort oben auf dem Berg. Und es führt dort kein anderer Weg hinauf als mit dem Rumpelbus.
Ich wollte ja schon vor Jahren in aller Bescheidenheit dem Chef von Würzburg vorschlagen, eine Straßenbahn zu bauen. Doch mir fiel auf, dass nichts darauf hindeutet, dass irgendjemand außer mir daran interessiert wäre. Alle Leute scheinen total zufrieden zu sein so wie‘s läuft. Vielleicht steht auch nur die weltberühmte Residenz im Weg. Immerhin führt die Straße quasi am Eck des Renaissance-Palasts vorbei, der gesamte Autoverkehr quält sich dort Tag und Nacht einspurig durch einen schmiedeeisernen Torbogen, der sicherlich zu diesem Weltkultur-
erbe gehört. Jedenfalls solange, bis er demnächst von einem mit gefälschten Labubus beladenen 38-Tonner in Schutt und Staub zermalmt werden wird. Das scheint auch niemanden zu stören, also warum nicht auch hier fröhlich hindurch mit dem Rumpelbus?
Wohlgemerkt: Ein Gelenkbus [1], 20 Meter lang, 200 Passagiere – es gibt Flüge von Frankfurt nach Sydney, da sitzen weniger Menschen drin. Alle Insassen bis auf den Fahrer [2] sind Studierende oder deren Profs. Niemand möchte unterwegs aussteigen, alle fahren bis Haltestelle »Philosophisches Institut«. Ganz oben am Berg [3]. Der Bus hält stur an allen ungefähr 177 Briefkästen und Straßenlaternen am Weg.
Aber der Reihe nach, wie es heute oft so schön heißt: Unten in der Stadt steigen 200 Studies ein, alle mit demselben Ziel. Mit einem Ruck geht es los, zum Glück ist der Bus so vollgestopft mit Studierendenkörpern, dass keiner umfallen kann. Der Bus rumpelt mit röhrendem Motor, der Fahrer hupt und schlingert die Chose um die tausendundeines Schlaglöcher, die tausendundein Busse in ebenso vielen Jahren in die Asphaltdecke geprügelt haben.
Dann! Die nächste Haltestelle kommt in Sicht, dort steht die kleine Oma mit dem Rollwägelchen. Der Busfahrer stellt die Bremse auf Vollgas. Großes Ruckeln und Zusammenrückeln. Türe auf, keine fünf Minuten und schon hat man die Oma irgendwie ins Innere gequetscht. Es zischt, der Busfahrer beschließt, die Türe zu schließen. Doch irgendeiner bleibt immer mit dem Rucksack im Laserstrahl stehen, so dass die Tür nicht schließt. »Bitte den Türbereich freimachen!« nuschelt es blechern aus völlig ungeeigneten Lautsprechern.
Durchschnittliche Studentis brauchen im Mittel drei Ansagen, bis er‘s oder sie‘s kapiert hat. Es kann bei den Ersties aber auch mal von Ostern bis Weihnachten dauern, bis das störungsfreie Herumstehen problemlos klappt. Spätestens dann ist schon der nächste Studi nachgerückt, der nicht begreift, dass das quäkende Summen aus der Tür zu dem roten Lichtstrahl gehört, der quer über seinem Scheitel liegt.
Spätestens auf der Rottendorfer Straße, die sich nahezu senkrecht den Hang hinauf in einen Stadtteil namens »Frauenland« zieht, gerät der erste Motor in Brand. Wir warten auf den Ersatzbus, während die Feuerwehr vergeblich zu verhindern versucht, dass eine Thujah-Hecke am Villengrundstück in Brand gerät. Macht zwar nichts, weil eh Bonzen-anwesen einer rechtsradikalen Burschenschaft, aber löschen muss man ja trotzdem. Die Rauchwolke zieht hoch in Richtung »Am Galgenberg«, wir warten im Niemandsland zwischen Gehweg und Straße. Keuchende Radfahrer*innen fluchen sich durch den dicken schwarzen Qualm und die kreuz und quer verkeilten Autos. Das sind die absolut Härtesten, eine neue Rasse. Die zukünftig die Welt beherrschen und quasi mit jeder Umweltkatastrophe lustvoll lachend zurechtkommen wird. Oder Sportstudent*innen, vierundzwanzigstes Semester. Mindestens.
Dann: Eine Frau mit Kinderwagen, sie quetscht sich mühsam zwischen die dicht gepackten Studierenden. Wo ist eigentlich die Oma abgeblieben? Keine Zeit, sich darum Sorgen zu machen. Der Bus fährt wieder an. Alle werden nach hinten geruckelt. Wir fahren weiter. »Entschuldigung«, schreit da die Frau mit dem Kinderwagen. Wir sind genau eine Station weiter gekommen. Der Ruf pflanzt sich durch die Menschenknäuel fort nach vorne: »Entschuldigung … Entschuldigung ... Entschuldigung?« Der Bus bremst hart, alle werden nach vorne geruckelt. Glücklich, wer in Blitzes Eile weiß, an welchem Körperteil seines Nebenmenschen er oder sie sich festhalten kann. Andererseits: Die Zahl der Ehen, die in einem Würzburger Stadtbus gestiftet wurden, ist unermesslich. Es ist die Oma, die aussteigen wollte. Tür auf, Oma raus, Studi steht in der Lichtschranke, Durchsage Busfahrer, zweiter Türschließversuch, noch eine Durchsage, erfolgreiche Türschließung, Weiterfahrt. Die Oma winkt uns hinterher.
Zirka 152 Haltestellen später nähern wir uns dem Ziel, schon klingt die Ansage des vorletzten Halts süß in unseren Ohren. In Würzburg übrigens zu allem Überfluss eine quietschige Kinderstimme. Durch Mark und Bein sägend, aber egal. Albert-Hoffa-Straße, die Uni ist bereits in Sichtweite, die Erlösung nahe! Seit Anbeginn der Tage ist hier noch nie jemand ausgestiegen. Doch plötzlich bremst der Bus ab, weit und breit ist niemand zu sehen, was ist los? Da steht er, ein Hubland-Greis, er macht eine deutliche Geste, an den Busfahrer gerichtet. Die vordere Tür öffnet sich zischend, der Greis wedelt immer noch mit der Hand. »Wollen Sie nicht einsteigen?« fragt der Fahrer im Namen aller seiner zweihundert Mitfahrer*innen. »Nein! Ich habe doch wie verrückt gewinkt, dass Sie nicht anzuhalten brauchen!« …
Am Abend geht es in umgekehrter Reihenfolge wieder zurück ins Tal. So geht das jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr. Homer schrieb die Legende vom Sisyphus während seiner Studienzeit hier an der Julius-Maximilians-Universität (JMU).
Und wie ging es nun mit dem Lied weiter, das ich dichten wollte? Nun, Hymnen auf öffentliche Nahverkehrsmittel sind nicht gerade meine Kernkompetenz, nicht mein uniques Verkaufsstellungsmerkmal. Aber was ich rein zufällig schon einmal zusammengestellt hätte, wäre eine kleine Liste der Annehmlichkeiten und Schönheiten, welche einem in Nürnberg geboten werden. Denn Luxus wird hier weit jenseits von Pünktlichkeit verhandelt, die Noris fährt öffentlich auf einem Stern des verwirklichten Anspruchs, wo sich Träume und Realität bei high-level Kulinarik und tief inkorporierter Lebensart begegnen, denn Geschmack ist ein tragender Teil der VAG-DNA.
Bei uns gibt es Kaffeekellnerei in der U-Bahn, Massage-Sessel in der Tram, Busse mit kostenfreier Sitzplatzreservierung und einem welt-klassischen Streichquartett, das am Abend die ermattete Work Force zärtlich nach Hause fiedelt – schwebend über den Schlaglöchern, so sanft bremsend und anfahrend, dass an Haltestellen jeder überrascht ist, wenn sich mit einem sexy Wohllaut die Tür öffnet. Raucher-Abteil in den, Straßenbahnen – Kiffen beim Transportiert-Werden, so geil! Und einmal im Monat mit Katzenwaggon, wo man nach Herzenslust streicheln kann, während man die Erinnerungen an den Rumpelbus abschüttelt wie einen holprigen Traum.
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[1] In Österreich auch Gelenksbus – mit Fugen-S, weiterhin: Gelenkwagen, Gelenkzug (GLZ), Gelenker oder Gliederbus, umgangssprachlich „Schlenki“, „Schlenker“, „Ziehharmonikabus“oder „Knickbus“. Quelle: Wikipedia.
[2] Sicherlich eine statistisch nicht belastbare, rein persönliche Beobachtung, aber ich wurde in einem Würzburger Rumpelbus noch nie von einer Fahrerin mitgenommen.
[3] Eine großartige Einrichtung, die meines Wissens viel zu wenig gewürdigt wird: In Würzburg kommt der Philosoph nicht nur zum, sondern auf den Berg!
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Und was treibt unser Mann für hinten raus?
Erstmal Vorweihnachtszeit, dann Weihnachten, danach Nachweihnacht bis Silvester, dann Neujahr, schließlich 2026. Ein weiteres Jahr eben. Am 15. Dezember ist Theo in den Montagsclub des Zündfunk eingeladen (Radio B2). Ansonsten: permanent am Werkeln. Z.B. an einem Gastbeitrag für den unsere Freund:innen vom Sozialmagazin Straßenkreuzer.
Dies und alles Weitere findet man auf der wilden Website
www.theobald-fuchs.de
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