A Duck on a Board: Kunst ist das sowieso nicht

MONTAG, 12. DEZEMBER 2022, NüRNBERG

#A Duck on a Board, #Bierchen und Bühnchen, #Buch, #Künstliche Intelligenz

Ein unscheinbarer Dienstag Abend im Oktober, an dem unser lieber Matze nichtsahnend zum Arbeiten, aber viel mehr zum Biertrinken im Balazzo Brozzi gerade noch so einen freien Tisch ergattern konnte. Der Grund: Die Buchvorstellung für „A DUCK ON A BOARD“ sorgt für großen Andrang. Das Werk eine grafische Groteske, der Abend samt Schnittchen und Signierstunde nur die Spitze des andersartigen Eisbergs. Schon in der ersten Zigarettenpause dann der unmittelbare Auftrag an den noch peinlich unwissenden curt-Heini: „Bist du auch wegen des herrlich bizarren Buchprojektes da und falls nein, warum nicht?“ Gekränkt in seinem Stolz wird sofort ein Interview mit den beiden Schöpfern Wolfgang Riedl und Jürgen Held vereinbart. Diese haben der künstlichen Intelligenz „Midjourney“ eine Fülle an Skateboard fahrenden Enten schaffen lassen, die nun im Bildband erschienen sind. Es handelt sich um hunderte Versuche, das „Bierchen und Bühnchen“-Logo nachbauen zu lassen, die kontrolliert außer Kontrolle geraten sind. Die eigentliche Intention war aber eine andere. Mögliche Anwendungsbereiche künstlicher Intelligenz in Sachen Inspiration für Design und Kunst? Nochmal ganz andere. Dieses Interview? Auch anders. Aber vor allem cool und ein bisschen nerdig. So wie curt.

curt: Ihr habt geschrieben, ihr hättet mit dem Projekt das Hobby zum Buch gemacht. Ist mit Hobby das Enten füttern oder das Skateboard fahren gemeint?
Jürgen: Ich bin nie Skateboard gefahren und Enten finde ich fürchterlich. Mit Hobby war eher gemeint, dass wir uns möglichst lustige Sachen hin- und herschicken. Andere haben Memes, wir haben Enten auf Skateboards.
Wollo: Ich bin früher begeistert Skateboard gefahren und vor Enten hab ich tendenziell Angst. Das gemeinsame Hobby, mit einer KI Bilder zu erschaffen, hat vor ungefähr 2 Jahren angefangen und die daraus entstandenen Werke sind jetzt als Buch erschienen.
 
curt: Wenn die Kunstwerke von einer KI generiert werden, seid ihr dann sowas wie die digitalen Dirigenten?
Jürgen: Also ganz bestimmt sind wir keine Künstler. Die Arbeit macht jemand anders und wir haben Spaß daran, dass wir Bilder in Massen produzieren lassen können, ohne dass wir selbst viel machen müssen. Kunst wäre Haltung, aber wir wollen einfach coole Bilder machen, die wir uns selbst ausdrucken und übers Bett hängen würden.
Wollo: Wir sind Sammler! Und auch die Jury, die aus dieser Masse die besten Bilder aussucht. In der Bubble, in der wir uns bewegen, haben wir mit der Wahl der Enten auf Skateboards als festes Thema zwar noch relativ viel Konzept, gemessen an der Kunstgeschichte jedoch eher weniger.
 
curt: Der Aspekt, dass ich als Betrachter:in versuche, mich in Künstler:innen hineinzuversetzen, fällt also weg?
Jürgen: Der fällt komplett weg. Ich kann da ja auch nix reininterpretieren, dafür ist das alles viel zu schnelllebig. Künstler:innen erschaffen ein Kunstwerk mit Absicht. In dieser Zeit lassen wir aus einer einzigen Idee direkt 500 Bilder generieren und schauen uns davon nur die besten zehn an.
 
curt: Stellt sich euch die moralische Frage, dass ihr aus bestehender, von Menschenhand kreierter Kunst einfach neue Kunst macht?
Jürgen: Also Kunst ist es sowieso nicht. Übrigens muss man immer, wenn man etwas beweisen will, einen Satz damit anfangen, dass ein amerikanisches Gericht etwas so gesagt hat. Deshalb: Ein amerikanisches Gericht hat gesagt, dass Computer keine Kunst machen können. Denn das Lernen und die Erfahrung, die der Mensch hat, kann ein Computer nicht haben. Deshalb ist das Ganze auch nicht als Kunst schützbar. Unsere Bilder sind frei verwendbar. Also falls jemand eine Ente braucht: Anrufen! Kriegst sofort eine Ente geschickt.
 
curt: Aus all den Schlagwörtern, die ihr der KI zur Verarbeitung vorsetzen könnt, ist das Zentrum immer die Skateboard fahrende Ente. Warum, wieso und why?
Jürgen: Uns hat ein bisschen der rote Faden gefehlt und bei mir auf dem Schreibtisch lagen noch alte Flyer vom „Bierchen und Bühnchen“ rum. Deren Visual ist die Ente auf dem Skateboard. Wir haben dann angefangen zu überlegen, wie es ausgesehen hätte, wenn beispielsweise Albrecht Dürer diese Ente gezeichnet hätte. Am Ende des Abends hatten wir dann so 20 verschiedene Enten. Ich hab damals relativ schnell zu Wollo gesagt, das Thema sei jetzt dann aber auch mal durch. Naja.
 
curt: Wie haben sich die Schlagworte („Prompts“ – dt. „Aufforderungen“) im Laufe des Projektes verändert? Musstet ihr euch erst richtig reinfuchsen um herauszufinden, im Stil welcher Künstler:innen ihr eure Bilder erstellen lassen könnt?
Wollo: Ich viel mehr als Jürgen, der hat Ahnung von Kunst. Ich hab erstmal nur meine Graphic-Novel-Superstars und eher dem Mainstream zugängliche Künstler:innen ausgecheckt, zum Beispiel Im Stil von Studio Ghibli („Prinzessin Mononoke“/„Chihiros Reise ins Zauberland“). Damit konnte unsere KI schon unheimlich gute Sachen machen. Ich hab dann eher versucht rauszufinden, welche Künstler:innen gut repräsentiert sind und hab anschließend geschaut, ob ich damit was machen will.
Jürgen: Ich hab dafür technisch keine Ahnung, was aber nix macht. Ich muss keine Parameter setzen oder ähnliches. Midjourney ist relativ leicht zu verstehen und ich muss nur einem Bot sagen: „Hey, mal mir mal ne Ente und lass die den Berg runterfahren!“ Und dann macht die das. Unsere sprachliche Versiertheit, wie man am besten die Prompts schreibt, um ein bestmögliches Ergebnis zu erhalten, hat sich aber schon gewandelt und verbessert. Wir haben die Prompts deshalb auch bewusst mit unter die Bilder geschrieben.
Wollo: Es gibt mittlerweile Plattformen, auf denen man garantiert funktionierende Prompts kaufen kann. Das finden wir wahnsinnig uncool, deshalb lassen wir lieber gleich die Hosen runter und zeigen, wie wir gearbeitet haben.
 
curt: Gibt es während der Kommunikation mit der KI unterschiedliche Phasen, in denen es mal besser oder schlechter läuft?
Wollo: Man wird wenn dann immer besser, umso länger man mit der KI arbeitet. Aber es gibt selten wirkliche Rückschritte.
Jürgen: Wenn dann verrennt man sich selbst. Es ist vergleichbar mit einer Fremdsprache. Da muss man einfach dranbleiben. Aber es gibt auf jeden Fall spürbar kreativere Tage, an denen mir lauter gute Begriffe und Kombinationen einfallen.
 
curt: Die erste Ausgabe war schnell vergriffen, die zweite Auflage gibt’s mittlerweile bei der Buchhandlung Jakob zu erwerben. Was ist als nächstes geplant?
Jürgen: Also wir werden sicher kein Buch mehr machen. Dafür aber im Balazzo Brozzi eine Ausstellung, die ja schon von Beginn an geplant war. Da können wir uns dann vielleicht doch ein wenig wie Künstler fühlen, da wir die Ausstellung nicht digital machen, sondern mit verschiedenen Materialien spielen werden, auf die wir die Enten aufdrucken werden. Wir haben uns auch bewusst dagegen entschieden, einen Instagram Account mit allen Bildern zu machen, da wir gar nicht den Drang haben, öffentlich zu sagen „Ey, schaut mal was wir da Geiles produziert haben.“ Das ist nicht unsere Intention. Wir haben das vielmehr für uns selbst gemacht.
Wollo: Ich hab bisher auch nie eine Chance verpasst, gutes Zeug versteckt zu halten. Wir haben ja beide auch immer irgendwelche Side-Projects laufen und ich bin mir eigentlich sicher, dass wir eines davon in Zukunft auch nochmal in irgendeiner Form gemeinsam anpacken werden.
Jürgen: Wir sind auch gespannt und warten schon darauf, dass es bei Midjourney Motion geben wird, also bewegte Bilder. Ein konkretes Projekt ist zwar nicht geplant, dafür werde ich die KI aber zukünftig in meiner Arbeit als Grafiker noch mehr nutzen. Ich bin dabei letztlich immer darauf angewiesen, Material zu haben, mit dem ich arbeiten kann. Und da kann die KI eine weitere Quelle sein. Da hab ich Bock drauf.
 
curt: Habt ihr eine persönliche Lieblingsente?
Wollo: Ich hab keine. Das hängt aber auch damit zusammen, dass ich fest daran glaube, dass dieses Buch sehr langlebig ist. Ich kann mich selbst kaum an alle Enten erinnern. Unser Gehirn braucht so lange, um alles zu verstehen und zu erkennen, was in einem einzigen Bild passiert.
Jürgen: Die Samurai-Ente ist saugut. Aber fast zu gut. Die ist eigentlich schon wieder zu nah an dem dran, was wir gepromptet haben und es gibt zu wenig Abschweifung und Interpretation durch die KI.
 
curt: Uns ist nicht ganz wohl dabei, dass eine KI so klar strukturierte Bilder generieren kann. Findet ihr das nicht auch ein kleines bisschen gruselig?
Jürgen: Wenn dann hab ich Angst davor, dass wir in den nächsten zwei Jahren nicht mehr durschauen können, zu was die KI fähig ist. Allein in den letzten 5 Monaten, in denen wir intensiv mit Midjourney gearbeitet haben, ist extrem viel passiert. Wir können teilweise schon jetzt nicht mehr erkennen, ob ein Bild echt oder komplett künstlich ist. Vor allem auf Bildern, auf denen keine Gesichter oder Körper dargestellt sind. Ich hab zum Beispiel neulich Bratkartoffeln generiert. Zuerst hab ich ein paar echte Fotos gemacht, wie ich die Kartoffeln zubereite und in eine Instagram Story gepackt. Das letzte Foto in der Story, auf dem die Bratkartoffeln dann hübsch angerichtet waren, war von der KI generiert. Und das hat niemand gecheckt! Sogar Wollo hat gefragt, seit wann ich so geiles Geschirr hab. Es wird vermutlich schon in ein paar Monaten möglich sein, dass ich dir ein Bild schicke, auf dem hier durchs Brozzi ein paar Elefanten laufen und du wirst sagen: „Ach schade, dass ich nicht da war.“
Wollo: Gute Fotomontagen mit herkömmlichen Bildbearbeitungsprogrammen sind gar nicht so einfach. Wenn du dir das Buch anschaust, sind da aber kaum Lichtfehler und falsche Schatten erkennbar, woran man oft Fotomontagen erkennt. So etwas kann die KI aber jetzt schon glaubhaft darstellen und es wir noch viel besser werden.
 
curt: Ergänzt wird das Buch durch Textbeiträge verschiedener Autor:innen. Soll das Buch dadurch menschlicher wirken?
Wollo: Sau schlaue Leute! Ich hätte es doof gefunden, wenn es komplett unkommentiert gewesen wäre. Dadurch hätte man nicht mal einen Hauch einer Chance zu verstehen, weshalb es dieses Buch geben kann. Es ist eher als ein toller Service zu verstehen, um die Hintergrundgeschichte zu erfahren.
Jürgen: Menschlicher sollte es dadurch aber nicht wirken. Wir haben bewusst Leute aus verschiedenen Bereichen mit unterschiedlichen Perspektiven gewählt und haben die letztlich einfach reflektieren lassen. Zum einen Leute, die das rein technisch oder wissenschaftlich sehen. Aber auch aus der Sicht von Kunst, Grafik und Literatur. Wir wollten eigentlich auch noch ein weiteres Essay von einer Juristin haben. Aber für sie war es unmöglich innerhalb so kurzer Zeit, bei einem so schnelllebigen Thema, ein möglicherweise belastbares Urteil zu schreiben.
 
curt: Wollt ihr euch mit der Aktion vorsichtshalber bei den Robotern einschleimen, bevor sie die Weltherrschaft an sich reißen?
Jürgen: Das ist schon zu spät. Die Kugel hat den Lauf bereits verlassen. Wir können zu dem Thema nochmal kurz auf die Bildmanipulation zurückkommen. Die KI wird schon sehr bald, so gute Bilder generieren können, dass kein menschlicher Verstand mehr mitkommt. Es wird uns einfach überrennen. Und dazu zählt auch belastbares oder entlastendes Material, das nur unscharf oder wie aus einer Nachtsichtkamera aufgenommen aussieht. Mit viel Spielraum zur Interpretation.
Wollo: Wir machen das nicht aus Angst vor den Maschinen. Denn wenn die irgendwann entscheiden sollten, dass sie keine Menschen mehr brauchen, werden sie ganz bestimmt nicht uns beide aufheben. Vielleicht werden wir sogar als erstes an den Pranger gestellt, da wir die KI nur für Enten auf Skateboards genutzt und das Ganze damit ja auch ein bisschen verarscht haben.
Jürgen: Nach dem Motto: „Wir haben euch das Werkzeug gegeben und ihr habt nur Enten gemacht!“ Wir hätten ja auch die ersten sein können, die das gefährliche Potential hätten erkennen können. Man kann das Buch deshalb vielleicht auch als Warnung verstehen.
Wollo: Oder als Abschied.
 
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A DUCK ON A BOARD MIDJOURNEY DIARY - A LOOKBOOK
Eigenverlag, 270 Seiten, über 1000 Enten, 20,- EUR
Exklusiv nur bei der Buchhandlung Jakob erhältlich.

Oder GEWINNEN – curt verlost eine SIGNIERTE AUSGABE!
Schickt uns einfach eine Mail mit dem Betreff “Ente Ente Ente” + eure Adresse an Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, du musst Javascript aktivieren, damit du sie sehen kannst
 




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NüRNBERG. Wir sagen mal nur Folgendes: Ski-bi dibby dib yo da dub dub. Yo da dub dub. Ski-bi dibby dib yo da dub dub. Yo da dub dub. Und wenn ihr jetzt einen Ohrwurm habt, dann wisst ihr, was gemeint ist: Scatman, das One-Hit-Wonder von Scatman John aus dem Jahr 1995. Den Song kennt wahrscheinlich jede*r und man denkt sich nicht viel dabei, wenn er nochmal im Radio läuft: Bisschen kurioser Eurodance halt. Dass sich in diesem Song tatsächlich die berührende Geschichte des lange erfolglos gebliebenen, stotternden Jazzmusikers John Larkin verbirgt, wissen auch wir erst seit Who‘s The Scatman, der preisgekrönten Graphic Novel des Nürnbergers Jeff Chi. Wir haben mit Jeff über dieses Comic-Meisterwerk gesprochen – und verlosen zwei Exemplare!  
Jeff hat‘s übrigens ganz richtig gemacht und uns sein Thema mundgerecht angeboten. Wir freuen uns und machen was drüber und dann freut sich der Jeff und ihr euch auch. Macht‘s wie Jeff, machts‘s besser und macht mit – per Mail an info @curt.de!  >>
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