Grimms Märchen neu aufgelegt: Im tiefen, dunklen Wald der Wörter

FREITAG, 20. JANUAR 2023, NüRNBERG

#Buch, #Dr. Marian Wild, #Grimms Märchen, #Henrik Schrat, #Illustration, #Kunst, #Märchen

Henrik Schrat hat sich gemeinsam mit dem Textem Verlag entschlossen das Gesamtwerk der Grimmschen Märchen als fünfbändige Buchreihe neu zu verlegen, und er illustriert auch alles. Nun ist der dritte Band der Reihe erschienen, und er ist eine echte Freude.

Die Reise beginnt schon, wenn man das Buch das erste Mal ausgepackt in der Hand hält. Der Einband des dritten Teils der Reihe „Lumpengesindel, Tiere & Menschen“ ist irgendwie weich und flauschig, aber dann auch wieder erstaunlich robust, mit einer sanften Prägung, oder doch eher wie kurzes Gefieder? Ich dachte sofort an das Fell des bösen Wolfs und stellte mir vor, wie so ein Buch wohl in 20 Jahren aussieht, wenn die dritte Generation es weitergibt, für die nächste Runde an Gute-Nacht-Geschichten.

Nunja, gute Nachtgeschichten sind die Erzählungen zumeist nicht. Die kreuz und quer durchs romantische Deutschland dokumentierte Fantasiewelt der Grimms, oft geboren aus Bauernmärchen, die man ihnen standesunzulässigerweise zutrug, war robust und oft auch brutal, manchmal ungerecht und grausam, und oft geprägt von Mangel, Angst und lauernden Monstern im Schatten der schwarzen, stromlosen Nacht. Aber gerade dort, im Seelenspalt der eigenen Furcht, entstehen bezaubernde Fluchten, lakonische Metaphern, urkomische Wendungen voller Menschlichkeit.

Wie illustriert man dieses kollektive Gedächtnis des mitteleuropäischen Waldbewohners angemessen? Dabei ist erstmal zu erwähnen, welchen Fehler das Buch von vornherein nicht macht: Es wird keine neue fancy Schriftart auf das Cover geklatscht, dieses erinnert im Gegenteil, dank dem herausragenden Buchgestalter Christoph Steinegger, fein an die Wittenberger Fraktur und die Optik der Originalausgaben.

Auch das Layout im Buch bleibt wohltuend schlicht, die Zeichnungen fügen sich luftig und schlüssig in die sprach- und modernesensibel überarbeiteten Erzählungen. Es sind keine effekthascherischen Bilder, Henrik Schrat bleibt in seinen Darstellungen sachlich und zurückhaltend schwarz-weiß, die vielen Kilometer der Strichführung sind souverän in dem, was er umrandet und in dem, was er weglässt. Er bleibt in der Darstellung ambivalent, wie die Märchen eben sind; die Bilder werden nie anbiedernd-fröhlich oder gar – Verzeihung – disneyhaft, sondern verharren nachdenklich und schlüssig in ihrer düsteren Dichte. Wie ein dunkler Wald, den die Wörter durchqueren. Die Figuren bringen auch den Humor in die Bilder, Füchse mit Sonnenbrille, musizierende Tiere, altkluge Frösche.

Und sie führen uns in das Heute, hinaus aus der Grimmschen Vormoderne und dem mitteldeutschen, hexenbewohnten Urwald, hinein in die Hochhausschluchten, zu den Motorrädern und Einwegrasierern unserer heutigen Umwelten und Betonsteppen. Das ist mutig und es glückt, die Erzählungen entstauben vor den Augen der Lesenden und erzählen plötzlich von uns und den Menschen um uns herum. Und auch die Sprache verwandelt sich, von „altertümlich“ zu „zeitlos“, man erhält einen Eindruck von dem überbordenden Sprachschatz, den wir an so vielen Stellen ungenutzt liegen lassen. Diese Fülle reflektieren die so eigenwilligen Zeichnungen, die wie eine Melange wirken aus surrealen, expressionistischen und romantischen Motiven und die manchmal verschmitzt zur Streetart hinüberzublinzeln scheinen.

Folgerichtig widmet Henrik Schrat sein drittes Märchenbuch der immer noch zu unbekannten, surrealistischen Vordenkerin Unica Zürn, die mit ihren irrationalen Figurengebilden tiefe menschliche Urgefühle ausgrub, und die vor zwei Jahren hier bei uns in Nürnberg mit Ausstellung und Publikation vertreten war, und 2022 dann auf der Biennale in Venedig).
Eine zeitlose Buchreihe entsteht, die dem Denkmal Grimm gerecht wird, ohne selbst ein Denkmal zu sein und ohne sich den Schneid abkaufen zu lassen: Die Quadratur der goldenen Kugel scheint zu glücken.
 
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RODUNG, KREUZUNG, LICHTUNG.
Grimms Märchen, Dritter Band der Gesamtausgabe in fünf Bänden, Bilder von Henrik Schrat, Textem Verlag 2022.
www.grimmschrat.de
 




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