Erzähl mir was ... Madeleine Weishaupt

SAMSTAG, 1. FEBRUAR 2020

#Bücher, #Erzähl mir was ..., #Kolumne, #Lara Sielmann, #Literatur

Seit 1995 lebt die gebürtige Schweizerin Madeleine Weishaupt in Nürnberg und ist sehr umtriebig als Autorin, Lesereihenveranstalterin sowie Jurorin unter anderem des Fränkischen Literaturpreises. Wer könnte also besser geeignet sein für einen Gastbeitrag zum Thema „Nürnberger Literaturlandschaft“ – formt Madeleine diese doch seit Jahrzehnten mit.

EINE NIEMANDSKUNST ODER: THE SHOW MUST GO ON!

Die Frage, wie es um die Literaturszene in Nürnberg und in der Region bestellt ist, wie es ihr (marktwirtschaflich) geht oder sogar, ob es überhaupt eine Literaturszene gibt, das ist einerseits mit einer positiven, mit einer negativen Antwort oder mit einem „ich weiß es nicht“ zu beantworten. Das Wort muss getrennt und in seinen jeweiligen „Positionen“ betrachtet werden.

Literatur. Die Literatur als das Medium Buch - es lässt sich überall finden. Das Angebot ist vielfältig an Buchhandlungen, einer Zentralbibliothek mit ihren Stadtteilbibliotheken und dem Online-Markt. Ein Mangel besteht nicht, sich jeden Genres und länderspezifisch bedienen zu können. In diesem Bereich sehe ich die Literatur auch nicht in Nischen versteckt und ein kümmerliches Dasein fristen.

Anders ist es mit der Szene. Wer ist die Szene? Sind es diejenigen, die sich für die Literatur und somit über das Lesen von Büchern hinaus stark machen? Sind es Orte, an denen sich sowohl Schreibende wie Publikum treffen und eventuell in Kontakt zueinander treten können? Gibt es überhaupt eine Szene, von der man sagen kann: Sie ist das A und O dieser Stadt – an ihr geht nichts und niemand vorbei, sie ist bestimmend und prägend für die Wahrnehmung nach außen. Und überhaupt: Kann man von Nürnberg sagen, dass hier (auch) eine Lesekultur existiert?
Der Markt und der Tummelplatz für die Literatur ist groß. Ob er im einzelnen umstritten ist, das kann ich nicht beurteilen – schlussendlich hoffen alle, dass sie mit ihrem „Ding“ den Markt beleben, davon existieren können und die Veranstaltungen in der Bilanz mit einem Plus/Minus aufgehen. Gestritten werden kann über die Qualität der Veröffentlichung und der Darbietung – und, so ist das in der menschlichen Natur: Die Selbstüberschätzung an sich selber und das jene literarische Form die einzige ist, die eine Berechtigung hat oder haben sollte.

Seit ungefähr zwei Jahren soll die Literatur in Nürnberg mehr gefördert und die Akteurinnen und Akteure zu einer intensiveren Netzwerkarbeit „ermuntert“ werden. Da ich im ersten Angehen skeptisch bin, bezweifle ich, ob dies zustande kommen wird. Seit Jahren wird ungebrochen gejammert, dass sich die Literatur in Nürnberg, trotz des Rufs als Stadt des traditionellen Buchdruckes, nicht im gleichen Maße etablieren kann wie die anderen Kunstrichtungen – es fehlen die starken Verlage wie z.B. in München. Und die Schreibenden widerum klagen in dem bekannten Satz des vernachlässigten Propheten. Sie ziehen in andere Städte, wo es besser ist – was sich aber später teils als Trugschluss herausstellt. Gewiss, diese Kritik habe ich: dass man im literarischen Engagement wie in einem Hamsterrad rennt und mehr Lorbeeren erhält, als eine angemessene Förderung. In den Listen der regionalen Kulturpreise agieren in erster Linie die Schwerpunkte Bildende Kunst und Musik. Doch diese Kritik muss auch hinterfragt werden: Gibt es zu wenig Literaturschaffende, die für eine Würdigung ihrer Arbeit in Frage kommen? Wie stark ist die Präsenz regionaler Werke in der Stadtbibliothek? Findet dort eher eine Verwaltung als ein „Wachhalten“ statt?

Ich war geneigt, einen Titel in Richtung „Ahoi Dornröschenschlaf“ zu wählen, doch nun steht „Eine Niemandskunst oder: The show must go on!“ Im ersten Fazit sehe ich in Nürnberg keine feste Literaturszene, was nichts Negatives bedeutet, es tut sich immer wieder Überraschendes auf und neue Foren lassen von sich hören. Der Buchmarkt muss in einer schnelllebigen Marktwirtschaft agieren und den Trends der Leserinnen und Leser folgen.

Diesem kann sich niemand entziehen und – so beurteile ich das „Büchermachen und -konsumieren“: Sie sind träge in ihrem hohen Anspruch und zu sehr mit sich beschäftigt, als dass sie sich die Freiheit nehmen, sich selbst und im Dialog mit dem Gegenüber auszuprobieren und selbstbewusst nach außen zu gehen, bzw. mit Offenheit anzunehmen.
Und im zweiten Fazit sehe ich noch einen langen Weg zu dem Ziel, dass es in Nürnberg eine Art Szene geben wird, die von der Basis ein Netzwerk bildet und in der Art einer kulturoffenen Win-Win-Strategie miteinander agieren wird.

Text: MADELEINE WEISHAUPT, Autorin, Lesereihenveranstalterin, Jurorin – u.a. für den Fränkischen Literaturpreises.
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LESUNGEN! ANS HERZ GELEGT VON LARA SIELMAN:

LESUNG
JOACHIM GAUCK: TOLERANZ EINFACH SCHWER
SO, 02.02., 20 UHR / LITERATURHAUS NÜRNBERG
In seinem neuen Buch „Toleranz: einfach schwer“ beleuchtet Joachim Gauck Vorstellungen von Toleranz in Geschichte und Gegenwart, sowie das Klima und die prägenden Kräfte in unserer Gesellschaft, in der die Lebensentwürfe und Wertvorstellungen immer vielfältiger werden – oft eine Bereicherung, nicht selten eine Herausforderung. Ein hochaktuelles Plädoyer gegen die Spaltung der Gesellschaft und für eine konstruktive Dialogkultur als Basis eines fairen Miteinanders. Joachim Gauck, geboren 1940 in Rostock, war Bundespräsident von 2012 bis 2017.

LESUNG
NADINE SCHNEIDER: DREI KILOMETER
MI, 12.02., 19 UHR / BUCHHANDLUNG JAKOB
Rumänien 1989: Die Hitze ist drückend, das Getreide steht hoch, sonst würde man bis zur Grenze sehen können. Der Gedanke an Flucht liegt verlockend und quälend nahe, noch weiß niemand, was kommt und was in ein paar Monaten Geschichte sein wird. In einem Dorf im Banat, weit weg von Bukarest, dem Machtzentrum des Ceaucescu-
Regimes, erlebt Anna einen Spätsommer von dramatischer und doch stiller Intensität. Atmosphärisch dicht und schnörkellos erzählt Nadine Schneider von den persönlichen Verstrickungen in einer Zeit vor dem politischen Umsturz. Und davon, was es braucht, um zu bleiben – oder was es bedeutet, sein Land zu verlassen, für sich und die, die man zurücklässt.
Nadine Schneider, geboren 1990 in Nürnberg als Tochter von Auswanderern aus dem rumänischen Banat, studierte Musikwissenschaft und Germanistik in Regensburg, Cremona und Berlin. Sie veröffentlichte Kurzgeschichten in Anthologien, war mehrfach Stipendiatin der Bayerischen Akademie des Schreibens und wurde für Auszüge aus ihrem Debütroman beim Literaturpreis Prenzlauer Berg ausgezeichnet. Sie lebt in Berlin und arbeitet dort im Theaterbereich. In Kooperation mit dem Literaturzentrum Nord e.V.

LESUNG + MUSIK
SUPPKULTUR PRÄSENTIERT: ENIS MACI & PASCAL RICHMANN: LAS VEGAS FEELINGS
DI, 18.02., 20 UHR / TANTE BETTY
Lesung mit Suppe und Kammermusik von Stephan Goldbachs neuem Streichtrio Miosko.
Enis Maci und Pascal Richmann sind Deutschlands schillerndstes Schriftstellerpaar. Derzeit wohnhaft im Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg empfängt die SuppKultur sie quasi direkt im Anschluss an ihre Reise in die USA, wo sie sich getraut haben, in Las Vegas natürlich. Vielleicht bringen die beiden ja auch Texte von dieser Reise mit.
Enis Maci, geboren in Gelsenkirchen, Nachwuchsdramatikerin des Jahres 2019. Bei Suhrkamp erschien 2018 ihr Essayband Eiscafé Europa: In diesen Texten macht sie sich reisend auf die Suche nach einem gegenwartstauglichen Widerstand.  
Pascal Richmann, geboren in Dortmund, ist der letzte legitime Lügenbaron der deutschsprachigen Literatur und hat in diesem Sinne 2017 seinen Essayband „Über Deutschland, über alles“ bei Hanser veröffentlicht: Richmann begibt sich auf die Suche nach Ausdrucksformen deutschtümelnder Idiotie um Burschenschaftern und NPD-Funktionen in die Suppe zu rotzen.


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Unsere Kolumnistin LARA SIELMAN, geboren und aufgewachsen in Berlin, arbeitet als Kulturschaffende und Journalistin in Nürnberg und Berlin. Lara freut sich über themenbezogene Fragen, Anregungen und Tipps – einfach per E-Mail an Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, du musst Javascript aktivieren, damit du sie sehen kannst senden!


 




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Da saß ich im Bus nach Prag und dachte mir, wie unangenehm es sein müsste, von einer Stadt in die andere Stadt gebeamt zu werden. Also mittels Star-Trek-Transporter [https://de.wikipedia.org/wiki/Star-Trek-Technologie]. Man wäre ja im selben Augenblick da, in dem man abgeschickt wird, und würde die schöne Fahrt verpassen. Welche Auswirkungen der abrupte Ortswechsel auf die menschliche Seele hätte, ist noch völlig unerforscht. Zudem ja erst die Seele an sich definiert werden müsste. Das ist sonst ungefähr so, wie wenn man die Verdauung des Monsters von Loch Ness erforschen wollte.  >>
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