Im Filmhaus: Das Deutsche Tarantino-Vorbild
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„Hallo, hier spricht Edgar Wallace“ – ganzen Generationen von Kinogängern und, später, Fernsehzuschauern hat sich dieser Satz auf Ewigkeiten eingebrannt. Die deutschen Verfilmungen der Kriminalromane des britischen Schriftstellers Edgar Wallace gehören zum zentralen popkulturellen Erbe der alten Bundesrepublik: spielerisch und mit internationalem – beziehungsweise: very british – Flair lehrten die im Laufe der Jahre immer durchgeknallter und blutrünstiger werdenden Wallace-Filme den Deutschen das stilbewusste Gruseln.
Wer aber drehte die Wallace-Filme? Das Filmhaus widmet im Oktober Alfred Vohrer, dem – außer Wallace selbst – wichtigsten kreativen Kopf hinter der Filmreihe eine Retrospektive. Die in Zusammenarbeit mit dem Kommkino und dem Casablanca veranstaltete Schau präsentiert die womöglich größte Vohrer-Filmschau, die je in einem Kino zu sehen war. Zu entdecken ist ein eigenwilliges, vielseitiges Werk, das keineswegs nur auf Edgar Wallace reduzierbar ist.
Wobei Wallace natürlich nicht zu kurz kommt. Vom besonders unheimlichen Die toten Augen von London, Vohrers erster Beitrag zur Serie, über Schwarzweiß-Klassiker wie Der Zinker und Der Hexer bis hin zu alptraumhaft-psychedelischen Farb-Schockern wie Der Mönch mit der Peitsche und Die blaue Hand lässt sich nachvollziehen, wie Vohrer sein Krimi-Universum immer kühner und eigensinniger ausgestaltet. Ganz nebenbei geben sich dabei Fan-Lieblinge wie Joachim Fuchsberger, Eddie Arent, Heinz Drache und Uschi Glas die Klinke in die Hand.
Ein verdammtes Genie
Doch Vohrer, der 1914 in Stuttgart geboren wurde und 1986, vor genau 20 Jahren, in München starb, drehte nicht nur Wallace-Filme, sondern auch Jugendfilme, Komödien, Melodramen, Western, Heimatfilme und einiges mehr. Alles, was das Herz des Kinopublikums der 1950er bis 1970er Jahre – sein Spätwerk drehte er fürs Fernsehen – begehrte. Und es gelang ihm stets, Filmen, die gemeinhin als rein kommerzielle Routineproduktionen abgetan wurden, seinen eigenen, höchstpersönlichen Stempel aufzudrücken.
Vohrer-Filme sind immer ein bisschen verspielter und abgründiger, fantasievoller und lebenssatter als andere Filme ihrer Zeit. Zu den Highlights seines Werks gehören, zum Beispiel, der experimentelle Kriminalfilm Ein Alibi zerbricht mit Ruth Leuwerik in einer ihrer wagemutigsten Rollen; der Publikumsliebling der 1950er bricht mit ihrem braven Image und spielt eine ehrgeizige Anwältin, die als Pflichtverteidigerin in einen Fall hineingezogen wird, der ihr Privatleben in Mitleidenschaft zieht. Oder auch Herzblatt oder wie sag ich’s meiner Tochter, einer der amüsantesten Filme, die in Deutschland über die sexuelle Revolution gedreht wurden.
Dem oft furchtbar braven, unbeweglichen deutschen Konfektionskino seiner Zeit fügte Vohrer eine gehörige Prise popkultureller Subversion hinzu. Nicht zufällig zählt zu Vohrers größten Fans niemand geringeres als Quentin Tarantino, der bei einem Auftritt in Deutschland einmal lauthals verkündete: “Alfred Vohrer ist ein verdammtes Genie!”
Unaufdringlich politisch
Zum Deutschlandstart am 15.10. bringt das Filmhaus Sebastian Brameshubers London, einen Film zwischen dokumentarischem Blick und fiktionalem Überschuss, der zu den Geheimtipps der diesjährigen Berlinale gehörte. Der junge österreichische Regisseur erzählt von Bobby, der oft zwischen Wien und Salzburg im Auto unterwegs ist und aus Kostengründen Passagiere mitnimmt.
Während vor der Windschutzscheibe die Autobahn vorbeizieht, kommen sich im Auto Menschen unverbindlich näher. Gerade, weil sie nur ein paar Stunden gemeinsam verbringen werden, können sie sich einander ohne Vorbehalte öffnen. Die Gespräche, die Bobby und seine Beifahrer führen, drehen sich um all die Dinge, die Menschen in unserer Gegenwart bewegen: Krieg, Krankheit, Liebe, Migrationsschicksale; gescheiterte Träume, Hoffnung trotz allem. So einfach der Film auf den ersten Blick gebaut ist, so komplex erscheint das Bild, das dieser auf unaufdringliche Weise politische Film von Europa und den Menschen, die in Europa zu leben versuchen, zeichnet.
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Filmhaus Nürnberg
Im Künstlerhaus, Nbg.
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