Bücherstapel 04/05: Neuerscheinungen aus der Region
#Ars Vivendi, #Bücher, #Lucas Fassnacht, #Neuerscheinungen
Von wichtigem Sachbuch bis poetisches Jugendbuch: Autor:innen aus der Region veröffentlichen ständig tolle Bücher. curt hat ein Auge drauf.
Roxanne Narz (geschichte für alle): Vergessene Nachbarn
Wenn im curt oder sonstwo von Gostenhof die Rede ist, geht es häufig um die erfreulichen Dinge: MUZ, Gostner, Kiosk, Kneipen. Ein vielfältiges, lebendiges Viertel des Nebeneinander unterschiedlichster Anlaufstellen und Akteure. Dieser Charakter ist nicht neu, sondern seit dem Mittelalter gewachsen. In Gostenhof trafen barocke Gärten auf Pestfriedhof auf Eisfabrik, Landwirtschaft, Handwerk, Gastgewerbe und später die Eisenbahn. Von allem lassen sich lebendige und verwitterte Spuren finden. Schwieriger wird es, wenn es um die jüdische Geschichte des Viertels geht. Dabei spielten Jüdinnen und Juden für Wirtschaft und Handel in Gostenhof schon seit dem 16. Jahrhundert eine entscheidende Rolle. Warum gerade hier? Weil die Nürnberger Juden über die Jahrhunderte immer wieder Pogromen ausgesetzt waren und schließlich vor die Tore der Stadt verbannt wurden.
Roxanne Narz, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Geschichte für alle e.V., hat sich der Geschichte der jüdischen Gostenofer:innen angenommen. Viele fanden hier eine Heimat, eine Stelle, eine Nachbarschaft, schlossen Freundschaften und gingen Beziehungen ein – ein soziales Netz, das nach 1933 systematisch zerstört wurde. Narz Buch Vergessene Nachbarn zeichnet einerseits die Geschichte der Juden in Gostenhof im Allgemeinen nach und taucht in Lebenswelten voller spannender Gegensätze ein. Andererseits fokussiert sie auf fünf individuelle Schicksale: Ida Herz, die nach einer Begegnung mit dem Schriftsteller in der Nürnberger Straßenbahn, eine der größten Privatsammlungen zum Werk Thomas Manns anlegte, ein gefährlicher Schatz. Rabbiner Abraham Klein, der 1939 nach Jerusalem fliehen konnte. Der Hopfenhändler und Kulturmäzen Ludwig von Gerngroß, dessen Leistungen von den Nazis antisemitisch umgedeutet wurden. Alexander Abusch, später Kulturminister der DDR, der am Jamnitzerplatz aufwuchs. Bernhard Kolb, ein ausgezeichneter Veteran des Ersten Weltkriegs, der nach Dachau und ins Ghetto Theresienstadt verschleppt wurde. Er hinterließ unmittelbar nach dem Krieg eine akribische Dokumenation der Verfolgungsgeschichte: „Die Juden in Nürnberg“. Und zuletzt Leo Katzenberger, ein erfolgreicher Schuhgroßhändler, der, denunziert von seinen eigenen Nachbarn 1942 zum Tode verurteilt wurde. Ihre Geschichten stehen exemplarisch für Verfolgung und Entrechtung, aber auch für die gesellschaftlichen und industriellen Entwicklungen, die ohne die Juden in Gostenhof undenkbar gewesen wären. Roxanne Narz wird all diesen Komplexen seriös gerecht und versteht es, die Historie fesselnd zu erzählen.
Sandberg Verlag, 144 Seite, zahlreiche Abbildungen, 24,80 Euro // www.sandberg-verlag.de
Lucas Fassnacht: Pipeline
Es ist sein siebtes Buch in vier Jahren, mindestens. Lucas Fassnacht ist der fleißigste Autor der Region und das geht weder auf Kosten der Qualität noch des Umfangs seiner Veröffentlichungen. Nach Sachbuch, Krimi und Science Fiction bespielt er mit Pipeline wieder das Thriller-Genre. Fassnacht nimmt uns mit nach Südfrankreich: Weil die Rhone immer weniger Wasser führt, droht den Atomkraftwerken dort die Kühlung zu versagen. Ein deutscher Milttelständler soll eine Kühlwasser-Pipeline vom Mittelmeer ins Landesinnere bauen, Bauernverbände, Umweltorganisationen und die lokale Politik protestieren aus unterschiedlichen Gründen. Und aus Deutschland reist die Kommunikationsexpertin Cecilia Thoma, um die brodelnde Stimmung zu beruhigen. Sie wird selbst zur Zielscheibe und stößt auf Geheimnisse in der eigenen Firma.
ars vivendi, 352 Seitem. 18 Euro // www.arsvivendi.com
Ulla Schuh: ich in 100 Teilen
Mit 48 Jahren veröffentlicht die Forchheimer Germanistin und Lehrerin ihr Debüt – und erhält prompt den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis. Ich in 100 Teilen handelt von zwei Jugendlichen, die ihren Platz im Leben suchen: Niko outet sich als trans, die Ich-Erzählerin erfährt, dass ihr Vater nicht ihr leiblicher Erzeuger ist. Schuh erzählt von Freundschaft, Mut und sexueller Identität und hat dafür eine besondere Form gefunden: Miniatur-kurze Kapitel in lyrischer und dennoch erzählender Versform, die viel Platz für die eigenen Gedanken und Gefühle lässt. Ein besonderer Roman ab 14 Jahren.
Beltz & Gelberg, 144 Seiten, 15 Euro // www.beltz.de
Kilian Sörgel: Was bleibt, wenn nichts mehr muss
25 Jahre lang leitete Kilian Sörgel ein mittelständisches Familienunternehmen. Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung machte er sich als Change Manager und Berater selbstständig. Seither berät er einerseits Gründer:innen, andererseits Unternehmer:innen im Loslösungsprozess: Die Lebenswerk-Beratung. Aus dieser Arbeit ist ein Buch entstanden, das von Wendepunkten und innerer Freiheit erzählt. Mit all seiner Erfahrung, aus der Arbeit und eigenem Erleben, beschreibt Sörgel, wie Führungskräfte Übergänge gestalten und richtet sich damit vor allem an diejenigen, denen ein ähnlicher Schritt in der Biografie bevorsteht.
Selbstverlag, 172 Seiten, 19,90 Euro // www.lebenswerk.jetzt
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