Keine Raufbolde, sondern ganz entspannte Leute

MONTAG, 15. APRIL 2024, NüRNBERG

#Interview, #Rugby, #Schanzebräu, #Sport, #TSV 1846

Eine nächtliche Wiese am östlichen Rand der Stadt. Fluchtlicht leuchtet, massige Körper und hoch in den schwarzen Himmel ragende Pfosten werfen lange Schatten. Dann fliegt der Ball – das Ei – und unter konzentriertem Stöhnen krachen die schweren Körper ineinander. Hier trainiert eindeutig der TSV 1846, Nürnbergs einzige Rugby-Mannschaft. Das finden wir gut, das finden wir spannend – und unsere anfängliche Angst vor Backenfett & Knochenproblem verfliegt ganz schnell im Gespräch mit Oliver Haas, dem Sprecher des Teams, das derzeit in der 2. Bundesliga Süd um den Klassenerhalt kämpft. 

CURT: Einmal für uns Laien und Taschenbillardspieler: Was ist eigentlich Rugby – Football ohne Schutz?
OLLI: Das unterscheidet sich tatsächlich noch ein bisschen mehr voneinander. Klar, der Ball hat eine ähnliche Form und er muss ans andere Ende des Spielfelds, auch die Goalposts sehen ähnlich aus. Ansonsten sind das aber Sportarten mit grundsätzlich verschiedenem Regelwerk. Wir spielen Rugby Union, die gängigste Variante. In der spielen 15 gegen 15. Der Ball muss in der Endzone, dem Malfeld, sauber abgelegt werden, das gibt fünf Punkte und mit einem Erhöhungskick kann man nochmal zwei Punkte zusätzlich bekommen. Es sind immer alle 15 Spieler auf dem Feld, es gibt aber Stürmer und Backs, die unterschiedliche Aufgaben haben. Die Stürmer sind für die Balleroberung und -sicherung zuständig und reichen ihn dann an die Hintermannschaft weiter. Das sind die wendigeren Spieler, die sich dann durch die Reihen schlängeln. 

Seit wann bist du selber dabei und wie bist du dazu gekommen? 
Ich spiele seit 2016 und bin seit 2019 in Nürnberg dabei. Bei mir war es so, dass ich für ein Praktikum in Südafrika war, wo man dem Sport unweigerlich begegnet. Als ich dann zurückkam, war ich sehr froh, ein Team zu finden. Viele, die mit Rugby anfangen, haben eine Affinität zu Kampfsport, also zu körperbezogenem Sport, aber viele kommen auch einfach vom Fußball. 

Was macht den Fun daran aus? Kannst du es mit anderen Sportarten vergleichen? 
Es ist ein absoluter Teamsport, wie ich es noch in keiner anderen Sportart erlebt habe. Beim Rugby bist du komplett auf deine Mitspieler angewiesen. Wenn ich in einem Tackle bin und auf dem Boden um den Ball gerungen wird, bin ich immer auf Unterstützung angewiesen. Beim Einwurf, wenn du einen 110 Kilo schweren Mann hoch hebst, muss der sich darauf verlassen können, dass du stark genug bist. Dieses Thema Vertrauen zieht sich durch. Ansonsten ist es ein Ballsport, es passiert viel, es ist anstrengend. Tackling ist essentiell und macht Spaß, aber es geht nicht vordergründig darum, andere Leute umzurennen, sondern darum, ob sich eine Mannschaft als Einheit bewegen kann. 
Von außen sieht das ja recht heftig aus. Muss man masochistisch veranlagt sein – und wie viele blaue Flecken nimmt man pro Spiel mit?
Masochistisch veranlagt muss man nicht sein (lacht), aber man darf halt keine Angst davor haben, getackelt zu werden und im Dreck zu landen, denn das gehört dazu. Der Sport ist schmerzhaft, aber wir trainieren auch, wie man sich im Kontakt besser schützt. Je besser man sich vorbereitet, desto geringer ist das Verletzungsrisiko. Wir sind keine Raufbolde, eher im Gegenteil: Das sind alles sehr entspannte Leute, die wenig mit Gewalt am Hut haben. 

Wie lang dauert es, bis man keine Angst mehr hat?
Am Anfang ist das natürlich ungewohnt, aber wenn man ein paar Tackles gesetzt und abbekommen hat, merkt man: mit der richtigen Technik ist das machbar und nicht so schlimm, wie man denkt. Man hat aber auf jeden Fall viele blaue Flecken und Kratzer. Während der Saison ist das ein alltägliches Bild. 

Ihr spielt in der 2. Bundesliga Süd, wie läuft´s momentan?
Die Saison ist recht durchwachsen für uns. In der Liga spielen acht Mannschaften aus Bayern und Baden-Württemberg. Nach der Hinrunde stehen wir auf dem siebten Platz. Ich sage immer: wir sind unser größter Gegner. Sportlich sind in der Liga, bis auf zwei Ausnahmen, alle Teams ähnlich stark. Es kommt darauf an, wie gut man eingespielt ist, wie gut die Spielzüge sitzen und ob man die Konzentration konsequent hochhalten kann oder irgendwann einbricht und man Fehler macht. An sich sind wir mit der Saison mehr zufrieden als mit der letzten, aber um die Klasse zu halten, müssen wir in der Rückrunde auf jeden Fall noch zwei Spiele gewinnen. 

Wo liegen die Stärken und Schwächen des TSV? 
Unser Teamzusammenhalt ist sehr gut, wir vertrauen aufeinander, das ist unsere Stärke. Wir haben auch sehr gute, erfahrene Leute im Team, aber wir sind ein bunter Mix, und andere sind noch nicht so lange dabei. Auch das ist eine Stärke von uns: Leute zu integrieren, ins Team und in den Spielfluss. Die Schwäche ist, wie gesagt, das Mindset: wir müssen konzentrierter bleiben. 
Was uns als Team ausmacht, ist die Mischung. Bei uns spielen Menschen aus mehrere Ländern zusammen, die in Nürnberg ihre Heimat gefunden haben, viele Briten, weil der Sport dort herkommt, aber auch Menschen aus Georgien, Frankreich, den USA, Argentinien, Russland, Ukraine, Kenia ... Unser jüngster ist 18, aber auch Ü40 spielen noch einige mit. Und es sind quasi sämtliche Berufsgruppen vertreten, vom Studenten, über Handwerker, Projektmanager, Redakteure, ITler, Ärzte …

Warum hat der Rugbysport mehr Aufmerksamkeit verdient? 
Rugby ist ein aufregendes Spiel. Es passiert unheimlich viel auf dem Platz und es ist eigentlich unkompliziert. Es ist auch taktisch, aber flüssiger als Football. Der Teamgedanke wird hochgehalten und man begegnet einander und dem Gegner immer mit Respekt. Klar geht es auf dem Platz mal hitzig zu, aber danach applaudiert man auch dem Gegner, bedankt sich, analysiert gemeinsam das Spiel und steht noch bei einem Bier zusammen. Das ist etwas, finde ich, wo sich andere Sportarten noch eine Scheibe abschneiden können. Das alles macht Rugby für mich sehenswert. 

Wie hoch ist die Schwelle, und wer ist geeignet, mitzumachen?
Alle! Jede Person ist bei uns willkommen, ob Mann, ob Frau – wir haben auch eine Damenmannschaft! – ob groß, ob klein. Die Statur definiert dann die Position auf dem Platz und jeder Körperbau findet Verwendung. Man muss halt ein Teamplayer sein und darf keine Probleme damit haben, im Dreck zu liegen. Jeder kann zum Probetraining kommen und wird dann auch langsam an den Sport rangeführt. Und niemand muss Angst haben: Wir verprügeln uns nicht. 

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TSV 1846 Nürnberg
Kommt zum Training!, sagt Olli.
Herren und Damen, Di und Do, 19 bis 21 Uhr, am Waldsportplatz Erlenstegen, Irma-Walther-Str. 1.
Ihr braucht nur ein paar Stollenschuhe und Trainingsklamotten. 
Geht zum Spiel!, sagen wir! 
Insta: @rugby_nbg




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NüRNBERG. Philipp Dittmar ist nicht nur das Mastermind hinter dem Projekt Red On, sondern auch Mitbetreiber von Verydeeprecords, einem der wenigen in der Region ansässigen Labels. Am 22. März veröffentlicht er sein neustes Album „Phantom Easy“ auf dem Schweizer Label Präsens Editionen. Beste Gründe also ihm, seiner Musik und seinen Gedanken zum Künstler-Dasein in unserer schönen Stadt, auf den musikalischen Zahn zu fühlen.  >>
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