Gelände im Umbruch: Die antidemokratische Wucherung

FREITAG, 1. DEZEMBER 2023, REICHSPARTEITAGSGELäNDE

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Das Reichsparteitagsgelände wird tauglich gemacht: Für Kunst und Kultur, Rockmusik, zeitgenössische Ausstellungen, Theater … Die Diskussionen darüber, was geht und soll und was nicht, an diesem belasteten Ort, sind dadurch natürlich nicht beendet. Sollen sie auch gar nicht. Sechs Mal hat Dr. Marian Wild in diesem Jahr das Gespräch mit Hans-Joachim Wagner, Leiter der Stabsstelle ehemaliges Reichsparteitagsgelände, gesucht. Wir verlinken die Interviews unten noch mal im Einzelnen. Es sind, finden wir, Einblicke in das Gelände und die es umgebenden Diskurse, die es in dieser Form und Tiefe bislang noch nicht gab. Vielen Dank dafür an Dr. Marian und Dr. Wagner, ihr habt den curt auf ein anderes intellektuelles Niveau gehoben. Das hier ist der vorläufig letzte Teil der Reihe Gelände im Umbruch.

MARIAN WILD: Lieber Hajo, seit fünf curt-Heften, also quasi zehn Monaten, diskutieren wir jetzt völlig offen und ohne Denkverbote über das Reichsparteitagsgelände. Für dieses Vertrauen erstmal herzlichen Dank! Wohin können andere Diskussionswillige sich wenden, wenn sie ein ähnlich großes Redebedürfnis haben wie ich?
HAJO WAGER: Lieber Marian, natürlich auch Dir ein ganz herzliches Dankeschön für den intensiven und konstruktiven Gedankenaustausch. Du hast meine Perspektiven geweitet, auf Themen, die so konzeptionell und ästhetisch nicht oder nur am Rande in meinem Fokus standen.
Natürlich ist der Stab ehemaliges Reichsparteitagsgelände immer Ansprechpartner für persönliche Gespräche. Darüber hinaus weiten wir aktuell die Präsenz unserer Arbeit in den sozialen Medien aus*.
Und darüber hinaus befinden wir uns bei der Entwicklung des Lern- und Begegnungsortes Zeppelinfeld und Zeppelintribüne und der Erarbeitung der Rahmenbedingungen für die zukünftige Nutzung der Kongresshalle in den Ermöglichungsräumen in diversen Beteiligungsformaten, die für alle Interessierten – Gruppen wie Einzelpersonen – offenstehen.
Es ist mir aber auch ein besonderes Anliegen, darauf hinzuweisen, dass sich in Nürnberg zahlreiche Initiativen und Einrichtungen mit der Zukunft des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes beschäftigen – Geschichte für Alle e.V., der Kreisjugendring, DoKuPäd und Caritas-Pirckheimer-Haus als Partner im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, Baulust e.V. aus baulicher und stadtplanerischer Perspektive, etc. Das geschieht nicht immer in Übereinstimmung mit kommunalem Handeln, muss aber auch nicht. Es sind Foren für den Diskurs.

Wir haben viel über Parallelitäten gesprochen: „Kann man heute einen Weg X auf diesem Gelände gehen, wenn damals ein Weg Y gegangen wurde?“ Ist das in deinen Augen überhaupt einer der entscheidenden Punkte? Also ist es in deinen Augen z.B. ein Problem, in der Kongresshalle zeitgenössische Kunst zu zeigen, obwohl Hitler dort damals auch „zeitgenössische“ Kunst zeigen wollte?
Diese Frage wird in der Stadtgesellschaft kontrovers diskutiert – das ist gut. Ich habe jedoch eine klare Meinung. Was darf „man“ auf dem Gelände und was nicht? Diese Frage stellt sich mir so tatsächlich nicht. Denn sobald man sie stellt, tappt man in eine Falle. Wir haben ein Grundgesetz, hier ist alles hinsichtlich Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit geregelt. Punkt.
Ich erwarte darüber hinaus in den Debatten einen differenzierten Blick auf das Gelände. Der Bahnhof Märzfeld ist ein Erinnerungsort – seine Geschichte ist eine moralische Verpflichtung, für uns heute mehr denn je. Und damit muss ich doch anders umgehen als mit Zeppelinfeld und Zeppelintribüne. Das sind Orte der Inszenierung und ideologischen Manifestation. Denen komme ich nicht bei, indem ich sie verfallen lasse oder wie auch immer überforme – die Vorschläge dazu füllen inzwischen ganze Regalmeter. Hier gilt es, am historisch erfahrbaren Ort Aufklärungsarbeit zu leisten. Und die Kongresshalle ist kein Mahnmal oder Dokument des Scheiterns des Nationalsozialismus, sondern schlicht ein nicht fertiggestelltes Bauwerk, das nie seiner Bestimmung zugeführt wurde – keine Zwangsarbeiter waren hier tätig, keine Steine aus KZ-Steinbrüchen wurden hier verbaut. Warum also die Zuschreibung, die Kongresshalle sei ein Erinnerungsort? Das ist schlicht falsch! Die Kongresshalle ist eine Architektur der Nazis – nicht mehr und nicht weniger. Insofern ist hier selbstverständlich zeitgenössische Kunst nicht nur möglich, sondern geradezu notwendig, denn zeitgenössische künstlerische Praxis ist in der Lage, das historische Herkommen und die Herausforderungen der Geschichte für uns heute kritisch zu reflektieren.

Lass uns versuchen einen Blick in eine womöglich nicht so rosige Zukunft zu werfen: Die letzten Zeitzeugen der NS-Zeit sind verstorben, durch die großen Umwälzungen und Herausforderungen unserer Gegenwart entstehen zunehmend unzufriedene, auch abgehängte Bevölkerungsgruppen, die dadurch auch anfällig für Populismus werden, für Antijudaismus, Anti-Queerness, für antidemokratische Parolen. Kurz gesagt, der „Schneeball“, den Erich Kästner noch früh zertreten wollte, ist zur Lawine geworden. Was hat das für Auswirkungen auf die Nutzung und Rezeption nationalsozialistischer Relikte? Denkt man solche Fragen mit, bei den geplanten Umgestaltungen?
Charlotte Knobloch hat 2021 in dem 3Sat-Film „Propaganda aus Stein“ ein für unser gegenwärtiges und zukünftiges Handeln im Umgang mit den Relikten des Nationalsozialismus zentrales Statement formuliert: Mit dem allmählichen Ende der Zeitzeug*innenschaft wächst den Architekturen des Nationalsozialismus eine Bedeutung zu, die wir uns nie haben vorstellen können. Sie berichten von der Zeit, der menschenverachtenden Ideologie, vom Größenwahn und dem allgegenwärtigen Willen zur Vernichtung all jener Menschen, die als nicht der „Volksgemeinschaft“ zugehörig definiert wurden. Das ehemalige Reichsparteitagsgelände wird insofern zu dem Ort, mit dem wir die historisch-politische Bildungsarbeit verstärken können und müssen. Aufklärung tut Not, insbesondere angesichts der aktuellen Zeitläufte, an denen man ja schier irre wird. Die Landtagswahlen in Bayern haben ein erschreckendes Wahlergebnis erbracht, das in einzelnen Quartieren in Nürnberg der AfD Quoten von über 50% bescherte; die Wahlbefragungen unter Jugendlichen sind alarmierend. Dabei sind es ja längst nicht allein die Menschen, die sich abgehängt oder nicht gesehen fühlen, die sich politisch radikalisieren und Ideologemen des Nationalsozialismus neuen Nährboden geben. Der Antisemitismus ist wieder „in der Mitte der Gesellschaft“ angekommen. Das Schweigen der Künstler*innenschaft nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober, das Herumdrucksen der Links-Intellektuellen, der offene Antisemitismus in Kreisen des Klima-Aktivismus, die israelfeindlichen Demonstrationen auf deutschen Straßen – und im Kleinen: Das abermalige Versagen der documenta-Verantwortlichen aktuell bei der Besetzung der Findungskommission … Kästners Schneeball ist tatsächlich längst zur Lawine geworden.
Du magst mich jetzt vielleicht naiv schelten. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass es angesichts dieser Entwicklungen mehr denn je notwendig ist, die Diskurse offen zu halten. Wir müssen im Dialog Aufklärungsarbeit leisten. Nur im Dialog können Potentiale des Widerständigen gegen die von Dir benannten Entwicklungen gehoben werden. Zeppelinfeld und Zeppelintribüne sollen zu einem Lern- und Begegnungsort werden; die Angebote im Segment #1 in der Kongresshalle sind als Gesprächsangebote auf der Ebene der Kunst zu verstehen. Und natürlich denken wir die Adressat*innen in einer diversen Stadtgesellschaft bei den Überlegungen zur zukünftigen Nutzung des Geländes immer mit. Aber – und hier müssen wir realistisch sein – wir werden nicht alle erreichen, nicht alle werden mit dem einverstanden sein, was wir tun. Ich erwarte aber in einer demokratisch verfassten Gesellschaft wechselseitigen Respekt – und hier ist dann die rote Linie zur oben von mir proklamierten Diskurs-Offenheit –, dass Persönlichkeitsrechte nicht angetastet werden. Im Zusammenhang mit der Debatte über die Kastanienreihe am Zeppelinfeld ist diese Grenze von nicht wenigen Menschen aus Nürnberg überschritten worden.

„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. [...]“. Der Satz von Ernst-Wolfgang Böckenförde geistert manchmal durch meinen Kopf. Was bedeutet es für eine Stadt wie Nürnberg, so eine gewaltige, antidemokratische Wucherung wie das Reichsparteitagsgelände im Fleisch stecken zu haben? Macht das die Stadt eher immun oder krank?
Städte können ihre Geschichte nicht abstreifen. Städte sind wie Familien. Narrative setzen sich über Generationen fest und zwingen zur Auseinandersetzung. Verdrängung auf Dauer kann nicht gelingen. Die Stadt Nürnberg hat über Jahrzehnte hinweg eher einen Modus der Nicht-Beachtung ihrer nationalsozialistischen Geschichte gepflegt. Man hat die Geschichte ignoriert oder „Entscheidungen ohne Not“ im Umgang mit ihr getroffen. Noch das Plädoyer für den Verfall der Architekturen, das immer einmal wieder den Weg in die Öffentlichkeit findet, ist Ausdruck einer (un-)bewussten Verdrängung bzw. der Verweigerung einer zukunftsgerichteten Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.
Das ehemalige Reichsparteitagsgelände ist nun aber nicht allein architektonisch eine Herausforderung, sondern eben auch mentalitätsgeschichtlich. Die „antidemokratische Wucherung“ ist präsent, sie kann nicht geleugnet werden, und sie macht nun keineswegs immun. Hakenkreuze und Nazi-Parolen, die immer wieder auf dem Gelände auftauchen, zeigen das überdeutlich.
Nürnberg hat der Nazi-Zeit eine neues Narrativ entgegengesetzt: Nürnberg als Stadt des Friedens und der Menschenrechte. Das ist gut und richtig! Dieses Narrativ muss aber gefüllt bzw. gelebt werden. Und das funktioniert nicht allein durch die Proklamation des Neuen, sondern über die kritische und wache Auseinandersetzung mit dem Alten – und diese Auseinandersetzung besitzt aktuell eine dringende Aktualität.

Letzte Frage für diese Serie: In den Jahren, die du jetzt hier in Nürnberg bist, welche Entwicklung oder Entdeckung hat dich am meisten gefreut?
Du fragst sehr persönlich, deshalb möchte ich auch auf mehreren Ebenen sehr persönlich antworten.
Ich habe vor fünf Jahren rasch eine Wohnung im Nürnberger Norden gefunden, in einem Hochhauskomplex mit tollen Menschen aus der ganzen Welt. Hier lebt es sich gut, und wenn ich meine Nachbarin – sie heißt wirklich: Frau Wagner, was den Postboten schier zur Verzweiflung bringt – mit Dackel Hugo nach längerer Zeit wieder einmal treffe, dann entspinnen sich zwanglos Gespräche, die einfach schön sind. Selbst die Mitarbeiterin der Tanke schnackt mittlerweile zu nächtlicher Stunde mit mir, wenn ich mal wieder meinen leeren Kühlschrank füllen muss. Soweit das Vorurteil über die Reserviertheit der Menschen im Frankenland.
Ich habe wunderbare Kolleginnen und Kollegen, mit denen das Arbeiten sehr viel Spaß macht, weil wir von gemeinsamen Zielen überzeugt sind und gemeinsam auf deren Realisierung hinarbeiten. Das ist ein großes Glück. Und wenn wir auf persönlicher Ebene auf der gleichen Welle surfen, ist es umso schöner!
Schließlich habe ich hier in Nürnberg eine Vielzahl von Künstlerinnen und Künstlern kennen gelernt, deren Arbeit ich sehr schätze. Ich habe auch Einiges gekauft … mein Mann am fernen Niederrhein schimpft dann immer mit mir.
Jetzt fehlen eigentlich nur noch die Orte … Es sind die feinen Architekturen von Sep Ruf, die eine Entdeckung für mich waren, und es ist das Sebaldusgrab: Fundament des Grabmals sind zwölf Schnecken … ein wunderbares Zeichen für den Gang der Geschichte und unseren Platz darin.
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Die Themen dieser Reihe
02/03-2023    Im Gespräch mit Prof. Dr. Julia Lehner
04/05-2023    Die Zeppelintribühne und ihre Bedeutung auf dem Gelände
06/07-2023    Die Kongresshalle und ihre Bedeutung auf dem Gelände
08/09-2023    Die Große Straße und ihre Anbauten
10/11-2023    Wuchernde Ausläufer - das Luitpoldareal

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Prof. Dr. Hans-Joachim Wagner
ist studierter Musikwissenschaftler, Philologe und Kunsthistoriker. Nach Tätigkeiten an den Opernhäusern in Koblenz und Köln war er Musikreferent im Kulturamt der Stadt Köln und bis 2017 Fachbereichsleiter für Musik, Theater und Tanz bei der Kunststiftung NRW. Wagner leitete in Nürnberg von Januar 2018 bis August 2021 das Büro für die Kulturhauptstadtbewerbung 2025. Seit dem 01.08.2021 hat er die Leitung der Stabsstelle Ehemaliges Reichsparteitagsgelände inne.




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NüRNBERG. Über 30 Jahre lang hat Petra Weigle, die dieses Jahr formal in den Ruhestand geht, einige Dutzend Ausstellungen des Instituts für moderne Kunst, sowie diverse andere als Kuratorin verantwortet. Entstanden sind mal vielschichtige, mal minimalistisch präzise Setzungen in den verschiedensten Räumen Nürnbergs. Höchste Zeit, mit einer der erfahrensten Ausstellungsmacherinnen der Stadt ein paar Worte zu wechseln.  >>
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