Gelände im Umbruch: Nicht alle Zeichen lassen sich entfernen

MITTWOCH, 1. NOVEMBER 2023, REICHSPARTEITAGSGELäNDE

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Fünfter Teil unserer Gesprächsreihe mit Hans-Joachim Wagner

An der Hauptachse der Großen Straße zur Kaiserburg wurde als größter Gelände-Satellit auch das Luitpoldareal, der heutige Luitpoldhain, im monumentalen Neoklassizismus umgestaltet. Eine moderne Ausstellungshalle am östlichen Rand aus der Weimarer Zeit wurde damals mit einer neuen Fassade versehen. Die Ehrenhalle mit dem davorliegenden Aufmarschgelände war auch deshalb Kulisse für Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“, weil bei den Dreharbeiten die Zeppelintribüne noch nicht fertiggestellt war. Nach dem Krieg wurde das Areal zum Erholungspark umgestaltet, die Sitzstufen der Aufmarscharena verschüttet und alles asymmetrisch bepflanzt. Banalität des Bösen, frei nach Hannah Arendt? Neben dem Luitpoldhain gibt es noch weitere, oft außer Acht gelassene historische Satelliten um das Reichsparteitagsgelände; über ein paar sprechen wir in diesem Interview.

Marian Wild: Die Transformation des Luitpoldhains nach dem 2. Weltkrieg hat jedenfalls so gut geklappt, dass die meisten der rund 50.000 Klassik-Open-Air-Pilger offenbar kein Unbehagen mehr empfinden, dort wieder einer Massenveranstaltung beizuwohnen, und das mit der selben Blickrichtung wie einst die 50.000 Soldaten bei der Fahnenweihe. Ist der Umgang mit dem Ort eine demokratische Erfolgsgeschichte, ganz trocken gefragt?
HAJO WAGNER: Diese Frage ist nur auf Umwegen zu beantworten – und ich vermute einmal, dass ich mit meinen Einschätzungen ziemlich alleine stehe. Was heißt denn „demokratische Erfolgsgeschichte“ oder „demokratische Aneignung“ (so die oft und gerne gewählte Formulierung)? Der über viele Jahrzehnte hinweg gepflegte Modus eines beflissentlichen Ignorierens der historischen Determiniertheit des gesamten Geländes muss kritisch beleuchtet werden, und er wird insbesondere von Außenstehenden sehr kritisch gesehen. Es kommt sicherlich nicht von ungefähr, dass jüngst die Ausstellung „MACHT RAUM GEWALT. Planen und Bauen im Nationalsozialismus“ in der Berliner Akademie der Künste mit einer großformatigen fotographischen Darstellung des Nürnberger Volksfestes neben der Kongresshalle als warnendes Beispiel für den unreflektierten Umgang mit der Nazi-Geschichte und deren Architekturen abschließt. Um nun aber nicht missverstanden zu werden – nichts spricht gegen eine solche Nutzung des Volksfestplatzes, und die Berliner Ausstellung ignoriert dann doch konsequent den von Nürnberg seit einigen Jahren gewählten Weg des Umgangs mit den Nazi-Architekturen. Aber es ist letztlich eine Frage der Haltung. Wenn während der Volksfeste der Arkadengang der Kongresshalle vermüllt und als öffentliches Riesen-Urinal benutzt wird, habe ich ein Problem; ebenso mit einem wenig oder gar nicht reflektierten Programm beim Klassik-Open-Air. Ottorino Resphighi und Pietro Mascagni als glühende Verehrer des italienischen Faschismus kommentarlos zu spielen und Michael Glinka als einen der bösartigsten Antisemiten im Russland des 19. Jahrhunderts – siehe die Diskussionen um eine Platzbenennung in Berlin – aufs Programm zu setzen … und demgegenüber großspurig vom Luitpoldhain als Europas größtem Konzertsaal im Grünen zu reden – da fehlt mir leider das Verständnis. An solchen Stellen kippt die demokratische Aneignung in bewusste Ignoranz.

Wir hatten in einem früheren Interview schon kurz den Bahnhof Märzfeld angesprochen, der bisher im Grunde der Verwilderung überlassen wurde. Warum eigentlich? Kannte man seine Funktion im NS-Gelände damals noch nicht, oder folgte er dem gleichen Konzept wie das Luitpoldhain?
Beim Bahnhof Märzfeld ist die Situation eine andere. Der Bahnhof befindet sich im Eigentum der Deutschen Bahn AG, und er ist bis heute öffentlich nicht zugänglich – was sich aber zukünftig ändern wird. Darüber hinaus ist, wenn ich es richtig sehe, insbesondere der 2021 erschienenen Publikation „Das Reichsparteitagsgelände im Krieg“, der jahrelange Forschungsarbeiten des Dokumentationszentrums vorausgegangen sind, zu verdanken, dass sich ein neues Bewusstsein für die nach dem 2. Weltkrieg aus dem öffentlichen Bewusstsein „verschwundenen“ Orte entwickelt hat. Und sicherlich haben sich auch die Perspektiven verschoben – während über Jahrzehnte insbesondere die Perspektive der Täter*innen und die Inszenierung nationalsozialistischer Ideologie im Fokus standen, wird seit einigen Jahren eben auch die Perspektive der Opfer wissenschaftlich untersucht. Nun muss leider aber auch gesagt werden, dass vor Jahren der Versuch, den Bahnhof zu einem würdigen Erinnerungsort zu gestalten, an Unstimmigkeiten in der Stadtverwaltung gescheitert ist. Der zweite Anlauf jetzt wird gelingen, so dass der Bahnhof Märzfeld 2025 – 80 Jahre nach Kriegsende – kein Ort mehr sein wird, der zum Schämen Anlass gibt.

Ebenso findet man in der Literatur bis heute wenig über die auf dem Gelände befindliche sogenannte Russenwiese. Was hat es damit auf sich?
Wenn ich richtig informiert bin, geht der Name auf die Zeit nach dem 1. Weltkrieg zurück, als sich hier ein Kriegsgefangenenlager für russische Soldaten befunden hat. Während der Reichsparteitage wurde auf der „Russenwiese“ ein Zeltlager für Aktivitäten der „Deutschen Arbeitsfront“ („Werkschar“ und „Kraft-durch-Freude“-Programme“) errichtet. Im 2. Weltkrieg befand sich hier ein von der Gestapo betriebenes sog. „Arbeitserziehungslager“ – nichts anderes als ein Straflager. Unter Bedingungen, die denen in Konzentrationslagern vergleichbar waren, wurden mehrere tausend, vornehmlich osteuropäische Gefangene zur Zwangsarbeit genötigt. Im August 1943 wurde das Lager von britischen Bomben getroffen; die Insassen kamen ums Leben und wurden in einem Massengrab auf Nürnbergs Südfriedhof bestattet, wo mehr als 5.000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus Osteuropa beerdigt sind. Insgesamt Ereignisse, die bis in die Gegenwart hinein wenig Resonanz erfahren haben. Erwähnenswert ist allerdings ein Projekt von Jugendlichen aus Polen, Israel und Deutschland, die sich 2014/2015 vor allem mit der systematischen Ermordung von Säuglingen polnischer Zwangsarbeiterinnen in Nürnberg beschäftigt haben.

Weiter südlich der Zeppelintribüne hat Speer eine Gruppe von Arbeiterfachwerkhäusern geplant und realisiert, die heute bewohnt und genutzt sind. Mir scheinen das historische Schlüsselbauten für das Verständnis des gesamten Gebiets zu sein, sind sie Teil des neuen Gelände- und Erinnerungskonzepts?
Die Architekturen des August-Meier-Heims sind 1939 im sogenannten Heimatschutzstil der Nationalsozialisten gebaut worden (auch die Kraft-Durch-Freude-Einrichtungen nahe dem Bahnhof Dutzendteich waren in diesem Stil gebaut). Hoch interessante Architekturen, aber ihr Sinn und Zweck ist nicht wirklich bekannt. Im Sinne der regionalen Architektur kamen hier steile und zugleich tiefhängende Satteldächer und extrem geneigte Gauben zum Einsatz; auch der Fachwerkbau ist natürlich eine Reminiszenz ans Bauen in Franken. Insgesamt war der Heimatschutzstil als Bewegung gegen den Historismus, den Jugendstil und schließlich natürlich auch gegen den Konstruktivismus der Moderne gedacht. Zunächst war das Ensemble der „Deutschen Arbeitsfront“ unterstellt und diente als Unterkunft für Zwangsarbeiter aus Belgien und den Niederlanden, der Ukraine und Italien. Seit 1947 befand sich hier ein Seniorenwohnheim; eine Einrichtung des Nürnberg-Stifts. Mit dem neu gebauten August-Meier-Haus und dem Umzug der Bewohner:innen in den Neubau 2023 stehen die alten Architekturen nun leer. Die Stadtverwaltung hat mögliche Nutzungen noch nicht abschließend geprüft. Allerdings liegt ein Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen vor, der für ein „Kunst- und Kulturquartier auf dem Gelände des alten August-Meier-Heims“ plädiert.
Wenn wir aber schon hier an der Regensburger Straße sind, müssen wir natürlich auch noch einmal kurz auf das Umspannwerk des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes schauen – heute Ort einer Fast-Food-Kette und eines Fitness-Studios. Auch das ist eine interessante Art, mit den Architekturen des Nationalsozialismus umzugehen. Wenn man vor der Fassade steht, ist die Lesbarkeit des Gebäudes als Funktionsbau der Nationalsozialisten nicht oder kaum möglich. Aber nicht alle Zeichen ließen sich entfernen: Auf der Stirnseite prangen immer noch die Umrisse eines notdürftig herausgemeißelten Reichsadlers. Für mich ist dieses Gebäude und seine Nutzung wirklich der Inbegriff öffentlichen Versagens. Wenn auf dem Gelände Hannah Arendts Begriff der „Banalität des Bösen“ greift, dann hier.

Ein skurriles Detail der Gesamtplanung ist die versenkte Straßenbahnhaltestelle an der Bayernstraße. Man wollte die Sichtachsen um jeden Preis optisch vom Zubringerverkehr freihalten?
Ach ja, die Sichtachsen! Wer sollte wo den Blick frei haben und wohin? Diese Frage beschäftigt uns bis heute und steht in diversen Entscheidungen insbesondere zur Entwicklung des Lern- und Begegnungsortes Zeppelinfeld und Zeppelintribüne immer wieder im Fokus. Mir scheint diese Debatte an einzelnen Stellen arg überzogen, an anderen macht sie Sinn. Das Gelände war ursprünglich durch Sichtachsen strukturiert, ist aber mittlerweile in einem Maße umbaut – um nicht zu sagen: zugebaut – dass eine Wahrnehmbarkeit der ursprünglichen Intentionen der Nationalsozialisten nur mehr partiell möglich ist. Vielleicht muss das aber auch nicht sein. Das Gelände ist quasi ein lebender Organismus, und die Verantwortlichen sind in den vergangenen Jahrzehnten oft nicht verantwortungsvoll damit umgegangen. Entscheidungen wurden getroffen, die irreversibel sind. Damit haben wir zu leben. Mich stört z.B. die Arena genauso wenig wie der Sportpavillon auf dem Zeppelinfeld. Wichtig ist hingegen die Erfahrbarkeit der Sichtbeziehungen zwischen (nicht mehr existierendem) Märzfeld – Großer Straße – Nürnberger Burg. Und ganz zentral ist natürlich die Wiederherstellung der Sichtbeziehungen zwischen Wallanlage, Zeppelinfeld und Zeppelintribüne: Hier gilt es noch, an diversen Stellen Überzeugungsarbeit zu leisten.

Ich erinnere mich, dass es in den frühen 2000er-Jahren mal eine Debatte über die Bewuchsflächen in der Mitte der Schultheißallee gab. Man vermutete damals, dass auch dort, besonders auf Höhe der Ehrenhalle, Zwangsarbeiterbarracken gestanden haben könnten. Wie genau weiß man heute eigentlich ganz grundsätzlich, ob man überhaupt alle „Tatorte“ des Geländes und der Peripherie kennt?
Die oben erwähnte Publikation des Dokumentationszentrums hält umfassend den aktuellen Forschungsstand zum Thema fest. Wie stets bei historischer Forschung sind die Ergebnisse jedoch vorläufig; Erkenntniszuwachs ist immer möglich. Natürlich ist die weitere Forschung zu den Orten notwendig, aber mir scheint es von weit drängenderer Relevanz, das Bewusstsein über das „Was“ und das „Wie“ in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen. Was ist auf dem Gelände geschehen? Welche Menschen sind hier geschunden worden und zu Tode gekommen? Können wir Überlebenden heute noch eine (späte) Stimme geben? Hier ist dann doch noch intensive Aufklärungsarbeit zu leisten.

Auf dem Dutzendteich, der durch seine Spiegelung auch der Inszenierung der Kongresshalle diente, fährt man heute mit Flamingo-Tretbooten umher, was ich toll finde. Lassen NS-Symboliken sich manchmal mit queeren Kunstaktionen überschreiben, und wäre das nicht ein starkes Argument für den strategischen Ansatz, der im Regenbogenpräludium steckte?
Das Gelände war eben auch einmal der „Volkspark Dutzendteich“, ein Naherholungsgebiet. Davon zeugen heute wieder zahlreiche Nutzungen – vom Kanuverband, über’s Volksfest bis hin zu Rock im Park. Dass man sich auf dem Dutzendteich im Schatten der Kongresshalle mit Flamingo-Tretbooten die Zeit vertreiben kann, ist schon ziemlich witzig, obwohl ich die Tretboote ästhetisch eher grenzwertig finde … Nichtsdestotrotz ist es ein krasser ausgestreckter Mittelfinger gegen die ausgrenzende und menschenverachtende Ideologie des Nationalsozialismus.
Das „Regenbogenpräludium“ kann zunächst einmal nicht umstandslos als queere Kunstintervention gelesen werden. Es ist nämlich interessant, dass die Verantwortlichen weder auf die heutige gebräuchliche sechsfarbige LGBTQ+-Flagge rekurrieren, noch auf die siebenfarbige der Friedenbewegung, sondern auf die ursprünglich achtfarbige wie Gilbert Baker sie erstmals am 25. Juni 1978 bei der San Francisco Pride gezeigt hat. Dass aber der Ideologie des Nationalsozialismus und ihrer „Volksgemeinschaft“ mit einer radikal interventionistischen Farbabfolge beizukommen war, ist ziemlich genial, überzeugend und weist Wege, in welche Richtung Kunst auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände gedacht werden kann. Ich mag solche temporären Kontraststellungen sehr!
Andererseits wäre mir aber auch eine andere (selbst-)aufklärende Perspektive wichtig. Der Nationalsozialismus hat ein Ideal von Körper entworfen, einen Fetisch, der auf erschreckende Weise in queere Ästhetiken diffundiert ist und von hier aus längst in die diversen Communities unserer Gegenwart, ohne das über deren Herkommen reflektiert würde. Der Machismo des Körperlichen ist schon ein merkwürdiges Ding – angefangen bei Tom of Finland, der es 2009 bis in den von Elmgreen und Dragset kuratierten nordischen Pavillon der Biennale in Venedig gebracht hat, über die Inszenierungen einer Leni Riefenstahl, deren Ästhetik ungehindert bis die visuellen Bildsprachen der 1950er und 1960er Jahre weiterwirkte, bis hin zu einer medial fast allgegenwärtigen (schwulen) Pornoindustrie. Auszuhalten ist das doch nur noch im Komischen: Bei Ralf König, den ich bis heute für einen der wichtigsten Künstler in der Auseinandersetzung mit queeren Klischees halte.

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PROF. Dr. Hans-Joachim Wagner
ist studierter Musikwissenschaftler, Philologe und Kunsthistoriker. Nach Tätigkeiten an den Opernhäusern in Koblenz und Köln war er Musikreferent im Kulturamt der Stadt Köln und bis 2017 Fachbereichsleiter für Musik, Theater und Tanz bei der Kunststiftung NRW. Wagner leitete in Nürnberg von Januar 2018 bis August 2021 das Büro für die Kulturhauptstadtbewerbung 2025. Seit dem 01.08.2021 hat er die Leitung der Stabsstelle Ehemaliges Reichsparteitagsgelände inne.
 




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