Road to Nowhere: Die Große Straße und ihre Anbauten

DIENSTAG, 8. AUGUST 2023

#Gelände im Umbruch, #Große Straße, #Reichsparteitagsgelände

Prof. Dr. Hans-Joachim Wagner im Interview mit Marian Wild
Teil 4 unserer Reihe “Gelände im Umbruch”

Westlich der Kongresshalle beginnt (oder endet?) die etwa zwei Kilometer nach Südosten verlaufende „Große Straße“. An ihr hätten sich die diversen Großbauten und Arenen des fertiggestellten Reichsparteitagsgeländes aufgereiht, dabei ist sie selbst ein Symbol des Militarismus. Im dritten Interview mit Hajo Wagner reden wir über das „Rückgrat“ des Geländes und die verschiedenen Bedeutungsebenen, die ihm zugeschrieben wurden und werden.

MARIAN WILD: Bevor wir uns inhaltlich von der Kongresshalle entfernen noch eine Beobachtung: Auf dem Hügel vis á vis des Volksfestplatzes steht der 1971 zum Symposion Urbanum errichtete „Hydrierturm“ von Joachim Bandau. Mir kam die abstrakte Plastik immer wie eine Art Wächter vor, der zur Kongresshalle rüberguckt, das ist aber wohl gar nicht Bandaus ursprüngliche Intention gewesen. Hast du eine emotionale Beziehung zu der Arbeit?
HAJO WAGNER: Der „Hydrierturm“ von Bandau ist die einzige Arbeit, die im Rahmen des Symposium Urbanum auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände platziert wurde. Sie ist ein starkes Zeichen und thematisiert die Frage, wie wir unsere Zukunft im Horizont ökologischer Verwerfungen gestalten wollen – also eine sehr aktuelle Arbeit. Zugleich weist sie aber auch auf eine grundsätzliche Frage: Wie geht die Stadt Nürnberg mit dem öffentlichen Raum um? Kunst im öffentlichen Raum wirkt in Nürnberg immer wie zufällig abgestellt… der Stadtraum ist möbliert. In der Innenstadt wird dieser „Zugriff“ neuerdings noch verstärkt durch das mobile Grün und die putzig-bunten Pflanzkübel; zu allem Überfluss haben wir auch noch die verschiedenen Straßenbeläge in der Fußgängerzone, die an zahlreichen Stellen mehr schlecht als recht ausgebessert sind. Und die „Bäume der Menschenrechte“ tun dann noch ihr übriges. Bandaus „Hydrierturm“ braucht – wie alle Kunst des Symposion Urbanum und Kunst im öffentlichen Raum – eine grundsätzliche Neubewertung.
Der liebe Beethoven am Hallertor, den Adolf Hitler vom Richard-Wagner-Platz vor dem Opernhaus verbannte, ist ein weiteres Beispiel. Nach einer räumlichen Re-Organisation blickt er nun in die Altstadt. Was hat das gebracht? Wirklich gut war im vergangenen Jahr das guerillamäßig auf den Sockel des Denkmals aufgebrachte Graffiti „Ich hör nix“ - ein großartiger, ironischer Kommentar, der leider rasch wieder entfernt wurde… Aber ich schweife ab.

Die Kongresshalle liegt wie die nicht realisierten Bauten des Deutschen Stadions und des Märzfelds an der Geländehauptachse, der Großen Straße. Welche Bedeutung hat die Achse aus deiner Sicht für das gesamte Gelände?
Die Große Straße ist funktionale Wegung und Symbol zugleich. Albert Speer hat das Gesamtgelände inszeniert und die Große Straße als Aufmarschstraße vom Märzfeld her konzipiert. Kommt man also vom Südosten, ist die Blickrichtung ganz automatisch auf die Kaiserburg gerichtet. Insofern ist ein zentrales Narrativ der Nationalsozialisten ins Bild gesetzt: Adolf Hitler begriff das „Drittes Reich“ historisch als logische Fortsetzung des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation – seine Reichsparteitage sollten als Pendant zu den Reichstagen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit verstanden werden. Über die Große Straße kann man heute indes nicht sprechen, ohne die funktionale Vernutzung zu thematisieren. Dass sie unter anderem als Parkplatz für die Messe dient und der Zielpunkt direkt vor der Kongresshalle zweimal jährlich als Volksfestplatz genutzt wird, mag für jemanden, der von außen auf Nürnberg blickt, recht irritierend sein.

Die Wegplatten der Straße wurden wohl in Teilen von Zwangs-arbeiter*innen geschlagen, ihre Größe entspricht zwei preuß-ischen Stechschritten. An ihrem Ende (nach meiner Lesart) wäre mit dem Märzfeld eine Arena für Kriegsspiele und Panzerkämpfe entstanden. Kann Architektur selbst nihilistisch sein?
Ich würde Speers Konzeption des Reichsparteitagsgeländes anderes lesen – wie oben bereits erwähnt: vom Süden, d.h. vom heutigen Langwasser her. Denn südöstlich des Märzfeldes lag das Zeltlager der SS, der SA, der HJ, des Reichsarbeitsdienstes und der Wehrmacht, und von dort her kamen die Teilnehmenden unter anderem auf das Zeppelinfeld. Der Begriff „Märzfeld“ rekurriert dabei in der Ideologie der Nationalsozialisten – ich mutmaße jetzt – weniger auf die römische Antike, in der das Feld auch Kampfplatz war, sondern auf die germanische Bedeutung: „Märzfeld“ war der Aufmarsch- und Paradeplatz fürs Militär.
Die Granitplatten der Großen Straße sind tatsächlich sowohl in der Längs- als auch in der Querrichtung so konzipiert, dass ihre Maße für die Marschierenden eine optimale Orientierung nach vorne wie zur Seite ermöglichten; diese Funktion wird durch den Wechsel in der Farbigkeit der Platten zwischen Hellgrau und Dunkelgrau unterstützt. Ob die Platten für die Große Straße, die wie so vieles auf dem Gelände Fragment blieb, von Zwangsarbeiter*innen geschlagen wurden, kann man nach derzeitigem Kenntnisstand ausschließen. Wir kennen Lieferlisten für den in Nürnberg während der Nazi-Zeit verbauten Granit. Hier gibt es keine Hinweise auf Steinlieferungen aus KZs, etwa aus Flossenbürg, wo die Deutschen Erd- und Steinwerke seit Mitte 1938 unter menschenverachtenden Umständen Tausende Inhaftierte durch Arbeit in den Steinbrüchen vernichteten. Andererseits ist der Einsatz von Zwangsarbeiter*innen in Nürnberg mit Fortschreiten des Zweiten Weltkriegs dokumentiert.

Zwölf der vermeintlich von Zwangsarbeiter*innen hergestellten Platten wurden von Karl Prantl 1991 als Mahnmal „Nürnberger Kreuzweg“ neben der Lorenzkirche platziert, dann ergaben Recherchen in den 2010ern, dass genau diese Steine nicht durch Zwangsarbeit entstanden sind. Nun weist ein Metallschild auf die neuen Erkenntnisse hin. Gibt es künstlerische Auseinandersetzungen mit der Großen Straße, die besser gealtert sind?
Die Diskussion um den „Nürnberger Kreuzweg“ von Karl Prantl ist symptomatisch für die Diskussion über Kunst im Öffentlichen Raum, denn es ging – wie so oft – nicht um künstlerische Qualität oder künstlerischen Gehalt, sondern (vermeintliche) historische „Korrektheit“ – was auch immer das bedeuten mag. Hier entfaltet sich eine Idee von Kunst als Beitrag zu gesellschaftlichen Debatten: „Und auch Steine leben. Sie sind Gebeine der Mutter Erde. Missbrauch von Steinen ist wie Missbrauch am Menschen.“ Das ist eine wahnsinnig aktuelle Position, die wie der „Hydrierturm“ von Bandau als eindeutiger Verweis auf die Ausbeutung unserer Erde zu verstehen ist. Dass Prantl nach damaligem Wissensstand davon ausgegangen ist, die Steine stammten aus Konzentrationslagern – „Jeder Stein ist Fingerabdruck eines missbrauchten und geschundenen Menschen.“ – kann heute widerlegt werden, ändert aber nichts an der übergreifenden inhaltlichen Dimension dieser Arbeit. Die neu aufgestellte Kommentartafel liefert die Erläuterung, nach heutigem Stand. Das aktuelle Gesamtensemble, das dabei entstanden ist, verschlägt mir allerdings wirklich den Atem: Neben der Texttafel steht „mobiles Grün“, daneben zurückgesetzt die Erklärtafel, Poller zum Schutz von ich weiß nicht was, und das alles genutzt als Fahrradständer… ein schwieriger „Umgang“ mit Kunst.

Das nicht realisierte Deutsche Stadion hätte 500.000 Menschen aufnehmen können, das ist fast das ganze heutige Nürnberg; dafür musste der alte Zoo weichen, die Baugrube ist heute der Silbersee. Die unglaubliche Masse dieses Bauwerks ist heute nur schwer vorstellbar, genauso wie die Dimension des Märzfelds. Nehmen wir das gesamte Gelände immer noch als zu gefällig war, weil seine menschenfeindlichsten Setzungen gar nicht gebaut wurden?
Das ist eine interessante und wirklich relevante Fragestellung, die Du formulierst. Darüber lohnt es sich, intensiver nachzudenken. Ich würde Dir spontan zustimmen. Nur einige Aspekte dazu: Die Luitpold-Arena ist heute eine Parkanlage, der Aushub des Deutschen Stadions ist beschönigend der „Silbersee“, und die Dimensionen des Stadions werden lediglich an Fotoaufnahmen aus dem März 1938 ablesbar, als in der Hersbrucker Alb eine Modellkonstruktion im Maßstab 1:1 aufgebaut wurde. Das Gesamtmodell des Deutschen Stadions lässt, wie das Modell der Kongresshalle, die architektonischen Dimensionen lediglich erahnen. Das Märzfeld mit den wenigen zur Nazi-Zeit fertiggestellten Türmen wurde geschliffen und ebenso wie das Lager nach dem 2. Weltkrieg vom neuen Stadtteil Langwasser überbaut. Schließlich wird das Alte Stadion / Stadion der Hitlerjugend ja auch nicht mehr in seinem historischen Herkommen wahrgenommen. Wir sind gar nicht in der Lage, die ursprünglich geplanten mehr als 16 Quadratkilometer des Reichsparteitagsgeländes zu ermessen und damit auch seine menschenverachtende Gigantomanie. Die Einzelnen sind nichts, die „Volksgemeinschaft“ ist alles – dieser ideologische Kern des Nationalsozialismus ist nur mehr an wenigen Momenten ablesbar und erfahrbar.

Auf dem Gelände sollten nach dem Erlangen der Weltherrschaft durch die Nazis wohl so etwas wie die „neuen Olympischen Spiele“ angesiedelt werden, mit Disziplinen wie Granatenwerfen und Panzerkämpfen, eine Travestie der olympischen Idee. Lernen wir aus diesem Detail etwas über Propaganda? Dass man alles autokratisch vereinnahmen kann, auch die friedlichen Errungenschaften der ersten europäischen Demokratie?
Die von Dir genannten „Sportarten“ sind nicht frei von einer gewissen unfreiwilligen Komik. Stell‘ Dir einmal Granatweitwurf vor – ich muss sofort an Asterix und Obelix denken. Und bei Panzerkämpfen assoziiere ich sofort ein Ballett … Aber Spaß beiseite. Der Rekurs auf die griechische Antike findet auf zwei Ebenen statt. Einerseits orientiert sich die Architektur der Nationalsozialisten an antiken Vorbildern: Die Zeppelintribüne zitiert in ihrer Gesamtkonzeption wie in zahlreichen architektonischen Details den Pergamonaltar – ein monumentales Siegesmal – und das Große Stadion folgt eindeutig dem Stadion der Panathenäischen Spiele des antiken Athen, auf dessen Fundamenten das Panathinaiko-Stadion für die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 errichtet wurde. Andererseits treten die damit verknüpften Propagandastrategien deutlich zu Tage. Die Vereinnahmung der Antike implizierte zugleich deren Pervertierung. Bereits die Olympischen Spiele 1936 wurden als „Kampf der Körper“ oder besser: „Kampf der Volkskörper“ instrumentalisiert. Leni Riefenstahls zweiteilige Film-Doku „Olympia“ legt von dieser Ideologie ein beredtes Zeugnis ab – genauso wie ihre heute kaum mehr erträglichen Machwerke zu den Reichsparteitagen. Hier wie dort werden die antike Idee der Polis und das zumindest idealtypisch gedachte Zusammenleben freier Bürger*innen pervertiert zur Idee einer auf den Kategorien „Körper“ und „Rasse“ gründenden „Volksgemeinschaft“. Den Architekturen des Nationalsozialismus ist insofern der Bezug zur Rassenideologie inhärent.

Immer wieder wird in der Literatur auf den Hang der Nazibaumeister hingewiesen, esoterische „Kraftorte“ zu errichten, an die viele von ihnen offenbar glaubten. Ist die Große Straße aus deiner Sicht als so ein „Kraftort“ konzipiert? Architektonisch lässt die sich ja völlig rational und formal erklären, sie läuft ja genau von Südosten nach Nordwesten auf die Kaiserburg zu ...
Die Architekten des Nationalsozialismus waren ständig darum bemüht, die Funktionalität von Gebäuden ideologisch zu legitimieren bzw. zu überhöhen – überall, wo man hinschaut. Die von der Deutschen Arbeitsfront betriebenen Ordensburgen waren solche „Kraftorte“ für die Indoktrination junger Generationen, auch wird man eine Architektur wie Prora auf Rügen und deren Nutzung durch die „Kraft durch Freude“-Organisation mit Blick auf – wie Adolf Hitler formulierte – die Kräftigung der „Volks- und Leistungsgemeinschaft aller Deutschen“ im Kontext jener nationalsozialistischen Ideologie des Körperkults beschreiben können. Doch es entstanden nicht allein Orte der körperlichen Ertüchtigung, sondern die Nationalsozialisten konzipierten auch entsprechende Architekturen für den Geist. Sie planten um die 400 Thingplätze mit entsprechenden amphitheatralen Bauten – die wohl bekannteste: Die im Zuge der Olympischen Spiele 1936 gebaute Dietrich-Eckart-Freilichtbühne, heute knapp „Waldbühne“ genannt. Erlaube mir hier eine kleine Parenthese: Dass die Waldbühne von den Nazis gebaut und intensiv genutzt wurde, spielt seit 1945 überhaupt keine Rolle, während man in Nürnberg (zu) lange um eine Nutzung des „Innenhofs“ der Kongresshalle aus den unterschiedlichsten Gründen ringen musste. Ob schließlich auch die Privatarchitekturen der Nazi-Größen im Sinne eines „Kraftortes“ gelesen werden können, müsste man einmal vertiefter betrachten: Hermann Görings „Carinhall“ hatte als Jagdrefugium eine ebenso eskapistisch-inszenatorische Dimension wie das Führersperrgebiet Obersalzberg. Dass die Nationalsozialisten zudem ein durchaus einmal kritisch zu hinterfragendes Verhältnis zu Naturheilkunde und Esoterik hatten, ist bekannt. Aber man muss nicht Anhänger*in der zahlreichen und zuweilen auch abseitigen Theorien sein, um die Wirkungsabsicht der Großen Straße zu erkennen: sie sollte über klare Strukturierung das Individuum in die mächtige sogenannte Volksgemeinschaft eingliedern – insofern „Kraftort“, aber zugleich auch Ort der Gewalt.

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In der Ausgabe Oktober/November geht’s weiter mit Teil 5 unserer Reihe “Gelände im Umbruch” - Darin Marian Wild und Hajo Wagner in einem weiteren Interview zum Reichsparteitagsgelände.

Prof. Dr. Hans-Joachim Wagner

ist studierter Musikwissenschaftler, Philologe und Kunsthistoriker. Nach Tätigkeiten an den Opernhäusern in Koblenz und Köln war er Musikreferent im Kulturamt der Stadt Köln und bis 2017 Fachbereichsleiter für Musik, Theater und Tanz bei der Kunststiftung NRW.
Wagner leitete in Nürnberg von Januar 2018 bis August 2021 das Büro für die Kulturhauptstadtbewerbung 2025. Seit dem 01.08.2021 hat er die Leitung der Stabsstelle Ehemaliges Reichsparteitagsgelände inne.
 




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