Claudias Kino im Sommer: Fast nur Männergeschichten

DONNERSTAG, 6. AUGUST 2020, IM KINO

#Kino, #Übersicht

„Sterben geht immer“ war meine Überschrift in der vorletzten Kinokolumne im Februar, gefühlte Schaltjahre entfernt. Gemeint war nicht das Filmesterben, das da folgte. In Zeiten wie diesen ist der nachfolgende Kinoteil ein Wunder – und Daumendrücken alleine wird nicht helfen, ihn in dieser Form zu erhalten. Mein Trost beim Blick in die Filmauswahl: Auch andere Menschen landen in irr-witzigen Situationen.


Dreiviertelblut- Weltraumtouristen
Ab 06.08. im Kino
Wenn ein bärtiger Mann in einer einsamen Waldhütte sein Schnäuztuch rausholt und draußen ein anderer in voller Astronautenmontur mit einer Papprakete ankommt, dann seid ihr in der Musikdoku DREIVIERTELBLUT gelandet. Urbayerisch die Texte von Sebastian Horn, der sich als Sänger der Bad Tölzer Band Bananafishbones lange im Indie-Englisch verstecken konnte, das aber nicht mehr wollte. Urbayerisch, aber philosophisch singt er seit acht Jahren, kooperiert mit Filmmusiker Gerd Baumann. Horn und Baumann verstehen sich – wie sie das tun, ihre musikalische Symbiose ist das, was der visuell ansprechende Schwarzweiß-Film von Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt ist länger tot“) in erster Linie zeigt. Daneben gibt es sehr viel Musik der Weltraumtouristen. Das Orchester spielt, Stühle schweben, Nichtbayern werden genau hinhören müssen, wenn es um Vergänglichkeit, Trost und Zufall geht. Kraft entsteht durch Ehrlichkeit und doch wohnt dem Ganzen ein leiser Witz inne, das führt meiner Meinung nach zur perfekten Mischung Dreiviertelblut, Einviertelwein. Wohl dem, der so einen Regisseur für sich gewinnen kann.

Nur ein Augenblick
Ab 13.08. im Kino
„Ich bin in zwei Tagen zurück“, sagt Karim zu seiner schwangeren Freundin Lilly. Die beiden leben und studieren in Hamburg. Karim ist Syrer und hat gehört, dass sein Bruder in ein Foltergefängnis verschleppt wurde. Daher führt an dieser Reise in eine andere, brutale Welt kein Weg vorbei und sie wird nicht in zwei Tagen enden. Die Regisseurin ist Tochter eines Syrers und einer Deutschen, hat in Berlin das Filmemachen studiert und einen dieser Filme gemacht, bei denen ich immer die Zeile der Ärzte „mitten in die Fresse“ im Kopf habe. Randa Chahoud spricht bei “Nur ein Augenblick“ immer wieder von Realitätsnähe, und die ist ihr vollständig gelungen. Der Film ist von Anfang an unerträglich spannend und ich konnte mich nicht entziehen. Durch den Bezug zu Hamburg und die guten Schauspieler fühlt sich alles sehr nah an, ist nie nur ein theoretisches Pamphlet über Moral und Gewalt. So mittendrin wollte ich nicht sein. Aber Randa Chahoud macht Politik lebendig. Übrigens auch noch mit einem gnadenlos gut gemachten Ende.  

The Climb
ab 20.08. im Kino
Einen Berg hochzufahren ist eine tolle Metapher fürs Leben. Könnte aber auch nur heißen, dass der Dickere sich quält und der Durchtrainierte sich profilieren will. Mit seinem Geständnis die Freundin des Anderen betreffend, wartet der körperlich überlegene Profifahrer nicht von ungefähr bis zum Berg. Die Freundschaft von Mike und Kyle ist Herz und Niere (ja, das Ausscheidungsorgan!) von THE CLIMB. Ganz sicher werdet ihr zugeben müssen, dass ihr so ein Buddy-Movie noch nie gesehen habt. Denn es ist a) überhaupt nicht voraussehbar in seiner Mischung aus Wut und Witz und b) erzählen hier Drehbuchautor und Regisseur ihre Geschichte vor der Kamera selbst. Wer je der Meinung war, dass Männerfreundschaften langweilig sind, darf sich hier zu einer anderen Ansicht bewegen lassen. Höhen und Tiefen, das sagt sich so leicht, aber was die zwei erleben, heidewitzka, das ist schon einen kleinen Oscar wert. So hat echt noch keiner Situationen und die Knäuel des Lebens aufgelöst. Prädikat: Sehr besonderer Witz.   

Love, Sarah  
Ab 10.09. im Kino
Bei „Notting Hill“ klingelt es bei allen Romantic-Comedy-Freunden. Dereinst verliebten sich da Julia Roberts und Hugh Grant. Seither wartet der Londoner Stadtteil am Hyde Park auf seine weitere Nutzung als Romatikspielplatz. Die Zeiten sind hart, ich wollte was Weiches und so wählte ich diese Erzählung von der Konditorin Sarah, die unerwartet stirbt und ihre beste Freundin mit einem Mietvertrag für die gemeinsame Konditorei zurücklässt – und auch eine 19 Jahre alte, orientierungslose Tochter. Die Trauer wird hinweggewischt, der Laden mit finanzieller Hilfe der störrischen Oma zum Laufen gebracht. Hinter der Theke schwingt der Ex der Toten den Kochlöffel. Alle bekommen, was sie lieben. Mehr kann in Ermangelung jeglicher Ecken und Kanten nicht gesagt werden.
Außer vielleicht, dass am 17. September endlich JEAN SEBERG startet, der wunderbare Film über eine zerrissene Frau im Hollywood der Fünfzigerjahre, die ganz und gar fantastisch von Kristen Stewart gespielt wird. Ein Frauenfilm von majestätischer Güte. Passt gut in in diese von Männern dominierten Kinowochen. Schön, dass der Restart gleich so gute Produktionen bringt!




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