Buchtipp: Tom Saller - Wenn Martha tanzt

SONNTAG, 1. JULI 2018

#Bücher, #Buchvorstellung, #Literatur, #Sabine Janssen

Von Pommern über Weimar nach New York … Solche Biographien waren fast nur im 20. Jahrhundert möglich und auch wenn wir den Schrecken der individuellen Bedrohung durch die großen Kriege spüren, finde ich die Kraft der handelnden Personen faszinierend und inspirierend – aber lesen Sie selbst!

in junger Mann fliegt 2001 nach New York, um das Notizbuch seiner Urgroßmutter bei Sotheby‘s versteigern zu lassen. Es enthält Skizzen von den größten Künstlern des Bauhaus, und die Geschichte dieses Notiz-buches und des Lebens von Martha entfaltet sich vor unseren Augen …

Der junge Mann erzählt von seiner Familie im katholischen Rheinland und den „normalen Verhältnissen“, in denen er groß geworden war. Die Frage nach den Vätern seiner Großmutter und seines Vaters bleiben zeitlebens eher unbeantwortet und dennoch werden die Kinder nach besten Möglichkeiten großgezogen.

Martha, die Urgroßmutter, wurde 1900 in einem kleinen Dorf in Pommern geboren und hatte eine wunderbare Kindheit, aus der sie nach Weimar zum Studium aufbrach. Dort lernte sie Walter Gropius kennen, entdeckte das Tanzen für sich und lebte in der Bauhaus-Gemeinschaft, bis die Nazis die Universität schließen ließen. Sie kehrte zurück nach Pommern mit einem Kind im Arm und fügte sich wieder ins dörfliche Leben ein, bis der Krieg sie in Bewegung und zur Flucht drängte – mit der „Wilhelm Gustloff“ in den Westen und in Sicherheit.
Da verliert sich ihre Spur und erst Ende des 20. Jahrhunderts taucht im Nachlass der verstorbenen Großmutter des jungen Mannes das Notizbuch auf. Hier beginnt der junge Mann mit den Nachforschungen über seine und die Wurzeln seiner Familie.

Nein, so linear bleibt es nicht. Es gibt so manche Wendung und Begegnung, mit der Licht in die Zusammenhänge kommt, und am Ende habe ich das Buch mit einem Seufzen der Bewunderung für den Mut und den Überlebenswillen der Protagonisten geschlossen – die Geschichte hat mich noch eine Weile begleitet…

TOM SALLER: “WENN MARTHA TANZT”
List Verlag, gebunden, 288 Seiten. 20 Euro.
ISBN 978-3-471-35167-3


SABINE JANSSEN lebt fast schon immer in Nürnberg. Über 20 Jahre beriet die Buchhändlerin Unternehmen, seit 2015 leitet sie das
Thalia-Buchhaus CAMPE in Nürnberg ... und seit Ende 2017 schreibt sie Buchtipps für curt.




Twitter Facebook Google

#Bücher, #Buchvorstellung, #Literatur, #Sabine Janssen

Vielleicht auch interessant...

NüRNBERG. Luisa Stömer, Eva Wünsch: Schwellenangst
Das schreibende und gestaltende Duo aus Gostenhof did it again: Mit einem außergewöhnlichen Buch schaffen es Luisa Stömer und Eva Wünsch, einen neuen Zugang zu einem tabuisierten Thema zu finden. Schwellenangst versammelt Annäherungen an den Tod, bzw. nicht ganz richtig: Annäherungen an einen anderen Umgang mit Sterben, Tod und Trauer. Denn genau darum geht es den beiden, um die Frage, ob es möglich sein könnte, die Verdrängung hinter uns und eine neue Offenheit zuzulassen. Gestorben wird heute sehr allein und davor tanzen wir ein Leben lang um das Thema herum, als gäbe es ihn nicht, den Tod. „Sterben ist eine Schwelle. Und der Tod ist der Raum jenseits der Fußmatte“, heißt es so schön banalpoetisch im ersten Text des Buches. Luisa und Eva schaffen eine neue, entdämonisierte Form der Sensibilität, indem sie sich dem Tod von allen Seiten nähern: von biologischen Prozessen des Sterbens, der Auflösung eines Körpers, bürokratischen Hürden und Schlupflöchern, über Trauer, die sich allen Phasenmodellen entzieht, und Wachstumsschmerzen bis hin zu unkonventionellen Bestattungen und gesellschaftlichen Ungleichheiten, die über den Tod hinausreichen.
Ein Buch, in dem vier Jahre Auseinandersetzung mit dem Ende stecken und das Orientierung und vielleicht auch Trost spenden kann – und natürlich so aufwendig, wie schön gestaltet ist.
 
Kunstmann Verlag, 288 Seiten, 34 Euro  // www.kunstmann.de


Lisa Krusche, Jenny Schäfer: Die Anrufung der Riesin
Mit 13, 14, 15 hatte sie, schreibt Lisa Krusche, die patriarchalen Ansprüche an ihren Körper längst verinnerlicht. Aus der Distanz von heute diagnostiziert die Autorin: eigentlich wollte sie verschwinden, immer dünner und zarter werden. Die Anrufung der Riesin, erschienen im Fürther starfruit Verlag und herausgegeben vom Institut für moderne Kunst, ist ein Essay, der von der Suche nach einem „Woanders“ erzählt, einem verschollenen Ort, an dem weiblich gelesene Menschen so sein können, wie sie sind. Der Text mäandert dabei zwischen wiederentdecktem Teenager-Tagebuch, Bestandsaufnahme der Weiblichkeit im Spätkapitalismus, analytischer, fußnotenreicher Selbstbefragung und dem Verfolgen der Spur der titelgebenden mythologischen und literarischen Figur. Durchsetzt ist er von den Bildern von Jenny Schäfer, deren fotografischer Blick in Gesteinsoberflächen mystische Landschaften findet. Ein offenherziges und aufwühlendes Kleinod von einem Buch.

Starfruit Publications, 128 Seiten, 24 Euro // www.starfruit-publications.de


Susanne Reiche: K0mmissar Kastner und das perfekte Weihnachtsdinner
Fränkische Krimifans was habt ihr euch vom Christkind gewünscht? Natürlich einen Weihnachtskrimi, im Idealfall auch noch mit Susanne Reiches Ermittler Kommissar Kastner. In Susanne Reiches neustem Roman schickt sie ihren kulinarisch nicht ambitionierten Helden in die Endausscheidung des Wettbewerbs franken kocht – als Ersatz-Beikoch für einen Kollegen. Einer jedoch überlebt das Wettkochen nicht, ein allzu strenger Juror, über dessen Leiche Kastner im Kühlraum stolpert. Geschickt nutzt Kastner seine Rolle beim kulinarischen Wettbewerb für Nachforschungen aus – und wächst gleichzeitig auch als Koch über sich hinaus.

Ars Vivendi, 143 Seiten, 14 Euro // www.arsvivendiverlag.de  >>
20260927_Lesen_2026
20260714_7Streich
20260110_curt_insta
20260727_VAG_Weggla
20261026_Consumenta2
20261019_CHORINHO
20261001_Retterspitz
20260801_Kaweco
20260201_BERG_WtF