Danial Eshete / Silent Protest: Nürnberg sollte das Epizentrum des Antirassismus sein

MONTAG, 10. AUGUST 2020, NüRNBERG

#Black Lives Matter, #Danial Eshete, #Demonstration, #Interview, #Nürnberg, #Silent Protest

Ein Ereignis wie ein Zündfunke: Die Ermordung von George Floyd am 25. Mai durch den Polizeibeamten Derek Chauvin bewegte und bewegt Menschen auf der ganzen Welt. Und das nicht nur im emotionalen Sinne, sondern vielmehr tatsächlich auf die Straße. Black Lives Matter heißt die Protestbewegung der Stunde und sie gibt uns die Gelegenheit, nicht nur auf die schlimmen USA zu schauen, sondern auch genauer auf das zu blicken, was hier in Deutschland passiert, auf der Straße, im Alltag, in Gewahrsam, im Bundestag. Der 24-jährige Student Danial Eshete hat die ersten beiden BLM-Demos in Nürnberg initiiert. Die enorme Resonanz, der Zuspruch, haben ihn stark bewegt. Die Arbeit ist damit natürlich längst nicht getan, es geht weiter.

Du hast die Verantwortung übernommen, den Silent Protest in Nürnberg zu organisieren. Wie kam es denn dazu?
Danial: Ich konnte nicht mehr mit ansehen, wie meine Brüder und Schwestern nicht nur in den USA, sondern global rassistisch angegriffen und ermordet werden. Und ich habe gesehen, dass Rassismus auch in Deutschland ein großes Problem ist. Das kann so nicht weitergehen. Eigentlich organisiere ich nie etwas, nicht einmal meinen Geburtstag. In dem Fall musste ich aber einfach etwas tun. Auf Umwegen wurde ich dann auf Silent Protest aufmerksam. In der Telegram-Gruppe waren fünf Leute,  zwei davon Freunde von mir. Die ursprünglichen Initiatorinnen aus Stuttgart und Aachen haben mich dann gefragt, ob ich das für Nürnberg übernehmen möchte. Also habe ich angefangen, Leute anzusprechen, die das ernst nehmen und voranbringen können. Akim Gubara war die erste Person, die sich anschloss. Mina Bajalani von Fridays for Future kam auf uns zu und fragte und, ob wir für die Demo Ordner hätten. Ich so: Was sind Ordner? Wir hatten keine Ahnung. Also haben wir sie auch mit ins Boot geholt. Die ersten beiden Demos haben wir nur zu dritt organisiert.

Wie war die Resonanz?
Wir hätten uns nie erträumt, dass so viele Menschen mitmachen. Wir haben mit 400 bis maximal 1000 Menschen gerechnet. 5000 sind gekommen, plus 800 Leute im Livestream! Bei der zweiten Demo war es weniger, weil der Hype weg war: 800 bis 1000 – auch dafür sind wir sehr dankbar. Es ist schön zu sehen, dass so viele junge Leute da waren, dass so viele weiße Mitbürger solidarisch da waren und unser Anliegen gehört haben. Viele Menschen machen Rassismus nicht zu ihrem Problem, in einem demokratischen Staat sollte Antirassismus aber von jedem vertreten werden.

Was war für euch, die nie zuvor eine Demo organisiert hatten, dabei das Schwierigste?
Es waren mehrere Punkte. Zuerst mal: Da wir keine Institution oder Partei sind hatten wir keine finanziellen Mittel, um eine Demo zu planen. Wir sind ja lediglich arme Studenten. Dann die Berichterstattung: Ob und wie über uns berichtet wird. Ob unser Anliegen verstanden wird. Ob wir den Teilnehmern eine angenehme und sichere Zeit gewährleisten können. Dass die Redner gehört werden und alles friedlich bleibt. Die Nürnberger Nachrichten haben dann auch objektiv über uns berichtet – und viele Aktivisten haben sich bei uns gemeldet, um uns zu unterstützen. Das war sehr emotional für mich, da ich das so nicht kenne, dass Menschen auf einen zukommen, um zu helfen. Am Sonntag habe ich die Leitung übernommen, am Dienstag waren wir in der Zeitung und sofort kamen die Hilfsangebote. Zum Beispiel von der Sanitätsgruppe Süd-Ost, die vor Ort bei der Demo aufgrund der jeweils drei Fälle, die sie betreuen mussten, sehr wichtig war. Und die Seebrücke Nürnberg versorgte uns mit Rat und Equipment.

Ihr standet massiv in der Öffentlichkeit. Habt ihr auch negative Erfahrungen gemacht?
Natürlich. Bei der ersten Demo waren, wie man traurigerweise erwarten muss, auch Rechtsextremisten, die wollten dort Videos machen. Bundesweit hat die Gruppe Widerstand verbreitet, dass wir eine antifaschistische Bewegung wären, die von oben finanziert wird. Die Gruppe hat versucht, die Black Lives-Matter-Bewegung zu sabotieren. Zum Glück aber lief alles komplett friedlich ab. Wir hatten alle rechtlichen Auflagen erfüllt, und die Polizei ist ihrer Aufgabe als Gesetzeshüter nachgekommen.  

Warum habt ihr euch für den stillen Protest entschieden?
Der stille Protest erinnert an der Bürgerrechtsbewegung und Martin Luther King. Es ist eine sehr starke Ausdrucksform des Protests. Und er weckt das Interesse der Leute. Vor Ort konnten wir das aber nicht aufrechterhalten: Die Leute wollten ihre Geschichten erzählen. Wir hatten drei Redner*innen eingeplant, Dr. Pierrette Herzberger-Fofana, die EU-Abgeordnete der Grünen, den Youtuber Yeboah Vlogs und den Basketballer Ekene Ibekwe. Danach war Stille geplant – doch diese Stille gab es nicht, die Leute wollten von ihren alltagsrassistischen Erfahrungen erzählen. Also haben wir die Bühne geöffnet, um ihnen eine safe-space-Plattform zu bieten. Das war das Emotionalste, was ich in dieser Zeit erlebt habe.

Was sind eure Ziele?
Wir erhoffen uns, dass die antirassistische Haltung nicht nur von den Aktivisten vertreten wird, sondern auch von den Leuten, die Macht haben, von Politikern, von der Staatsgewalt. Dass antirassistische Haltung in der Schule gelehrt wird und dort auch über die Kolonialzeit kritisch gesprochen wird. Dass weiße Menschen sich ihrer Privilegien bewusst werden und verstehen, dass Schwarze ganz andere Hürden haben. Dass die Politik Racial Profiling aktiv bekämpft. Und auch, dass die immer noch existierenden Denkmäler der Kolonialzeit abgeschafft werden.

Gibt es die in Nürnberg?
Es gibt hier in Nürnberg die Nettelbeckstraße (Joachim Nettelbeck, Sklavenhändler und Kolonialismus-Propagandist, Anm. d. Red.), die Wissmannstraße (Hermann von Wissmann, Offizier und Kolonialbeamter), die Mohrengasse, Mohrenapotheke, in Fürth die Mohrenstraße … Das sind rassistische Straßen. Wie kann es in einem demokratischen Staat immer noch Straßen geben, die an diese Verbrechen erinnern? Straßennamen sollten doch eine Ehrung sein. Wir hatten einen Termin mit dem Stadtrat, wo wir unsere Forderungen gestellt haben. Außerdem wollen wir ein pädagogisches Konzept für Schulen erstellen, um die nächste Generation mehr Toleranz und Antirassismus zu lehren. Ich war an einer Schule ohne Rassismus – das sagt nichts über die antirassistischen Maßnahmen in den Schulen aus, das sollte abgeschafft werden. Antirassismus sollte kein Schmuck sein, sollte mehr sein als ein Schild.

Inwiefern können Weißbrote wie wir von curt die Bewegung unterstützen und gegen Alltagsrassismus vorgehen?
Die Privilegierten sollten ihre Privilegien nutzen, um uns zu helfen. If you see something, do something! Wenn man rassistische Angriffe sieht: einschreiten. Es geht auch nicht, dass man seinen Humor nur auf Rassismus baut. Ich habe in der Schule erlebt, dass rassistische Witze zum Alltag gehören. Man kann antirassistische Projekte und Kampagnen verbreiten und wenn es möglich ist, spenden. Wenn man sieht, dass eine schwarze Person oder POC (Person of Color) von der Polizei kontrolliert wird: nachfragen! Warum er, warum nicht ich? Ohne Anlass darf die Polizei das nicht.

Ist das etwas, das du häufig selbst erlebst?
Ich sehe es bei meinen Freunden, die am Hauptbahnhof, am Plärrer, im Park, an der Wöhrder Wiese einfach anlasslos kontrolliert werden. Ich selbst habe eine traumatische Erfahrung mit der Polizei gemacht, auf die ich nicht weiter eingehen möchte. Ich bin niemand, der die Polizei grundlos missachtet, aber ich sehe, dass es da ein großes Problem gibt. Ich habe für die Kampagne Deaths in Custody eine Grafik erarbeitet, die aufzeigt, dass seit 1990 über 160 schwarze Menschen und People of Color in Polizeigewahrsam zu Tode gekommen sind. Das sind 160 zu viel. Nur weil es in den USA noch schlimmer ist, heißt es nicht, dass das, was in Deutschland passiert, okay ist. Die Staatsgewalt sollte uns schützen!
Rassismus ist eine Erfindung der Weißen in der Kolonialzeit, um ihr Handeln zu rechtfertigen. Im Tiergarten gab es früher Völkerschauen, wo Schwarze ausgestellt wurden. Dieser Gedanke ist geblieben, wenn auch nicht im selben Maße. Schwarze werden nicht als Deutsche angesehen, auch wenn sie hier geboren und aufgewachsen sind. Das ist die alte Rassentheorie: Man ist nur Deutsch, wenn man diese Gesichtszüge, Haare, Augen hat. Je mehr man sich informiert, desto mehr hinterfragt man auch alltägliche Gespräche. Daher kommt auch Daily Blacktivism (dailyblacktivism.carrd.co), wo ich Bücher, Hörbücher, Podcasts, Dokumentationen, Petitionen und so weiter sammle. Ich hoffe, dass Antirassismus auf dem Weg für mehr Menschen zu einem Lebensweg wird. Antirassismus ist kein Hype.

Hast du das Gefühl, dass ihr in Nürnberg Gehör findet?
Es ist schwer. Die, die uns zuhören, stehen bereits hinter uns. Es braucht aber eine einheitliche Haltung. Die Black Community
Foundation hat sich mit dem Bündnis getroffen, das in Fürth eine Straße aufgrund der NSU-Morde umbenennen will. Wir haben festgestellt, dass so etwas in Fürth viel schneller geht. Hier in Nürnberg ist es ein Kampf. Die antirassistische Haltung in Nürnberg ist sehr gelassen. Obwohl es die Stadt der Menschenrechte ist, die Stadt der Rassengesetze, die Stadt der Naziprozesse. Nürnberg sollte das Epizentrum des Antirassismus sein! Momentan informieren wir uns in einer Arbeitsgruppe Mohrenapotheke, wie man da am besten vorgeht. Es kann nicht sein, dass es in der Mitte der Stadt eine Apotheke mit dieser rassistischen Darstellung gibt. Wir wollen auf demokratische und zivilisierte Art mit ihnen in Kontakt treten.

Wir haben seit einigen Jahren schlimmerweise wieder eine rechtsradikale Partei im Bundestag. Hast du das Gefühl, dass sich das Klima in den letzten Jahren verschlechtert hat?
Ich glaube, man kann auch an den Zahlen im Bericht des Verfassungsschutzes ablesen, dass die rechte Gewalt in Deutschland wieder zunimmt. Die Coronaleugner-Bewegung wird von Rechten überrannt und hat kein Problem damit. Der Verfassungsschutz geht nicht gegen Rechte vor. In der Polizei entstehen nationalistische Gruppierungen. Das alles zeigt, dass es auf struktureller Basis immer schlimmer wird. Auf menschlicher Ebene merke ich jedoch, dass es für mich besser wird. In der Schule habe ich schlimme Erfahrungen gemacht. Die Lehrer habe meine Kompetenz tagtäglich infrage gestellt, das ist auch versteckter Rassismus. Aber viele weiße Mitbürger sehen das nicht so, sie denken, Rassismus ist nur das, was dazu im Duden steht: eine schlechte Behandlung aufgrund der Hautfarbe. Aber wenn ein Weißer in Kenia komisch angeschaut wird, ist das vielleicht eine Beleidigung oder Fremdfeindlichkeit, aber kein Rassismus. Einfach, weil Weiße global gesehen mehr Macht innehaben. Rassismus hängt auch mit den Machtverhältnissen zusammen. Du zum Beispiel kannst, wenn du Bock hast, überall hinfliegen. Ich muss mich informieren, welche Stadt, welche Land für mich sicher ist und wo ich nicht nur komische Blicke bekomme, sondern eventuell ermordet werde.

Was sind eure nächsten Schritte?
Wir investieren unsere Energie momentan vor allem dahin, dass wir eine organisatorische Struktur aufbauen. Gerade bauen wir eine lokale ISD Gruppe in Nürnberg auf. Die ISD – Initiative Schwarze Menschen in Deutschland – ist die älteste Vereinigung für schwarze Menschen hier. Zuletzt hat sie gemeinsam mit dem Peng Kollektiv eine Karte mit Kolonialdenkmälern in Deutschland erstellt (tearthisdown.com). Um eine nachhaltige Veränderung zu schaffen, müssen wir eine Organisation sein. In Nürnberg ist es eine kleine Familie, die Aktivisten kennen sich untereinander. Wir finden es sehr schön, Teil dieser Familie zu sein.

Wann ist die nächste Demo geplant?
Vermutlich ist es das Datum der Bürgerrechtsbewegung, der 28. August, oder eine Woche darauf, da Ende August die meisten Corona-Auflagen entfallen. Auch am Tag der Bewegung, „Marsch auf Washington“, an dem Martin Luther King die „I have a dream“-Rede gehalten hatte, planen wir einen Event.
Exakte Informationen dazu gibt es auf unserer Instagram-Seite
@bcf.nuernberg

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DANIAL ESHETE, 24,
geboren in Addis Abeba, Äthiopien, lebt seit elf Jahren in Nürnberg. Er studiert Media Engineering an der TH Nürnberg und arbeitet an seiner Bachelorarbeit, einer App, die das Brainstorming unterstützt.
Danial ist Mitbegründer der Black Community Foundation Nürnberg und betreibt den Blog dailyblacktivism.carrd.co
Am 27. Juni 2020 organisierte er zum ersten Mal den SILENT PROTEST NÜRNBERG, nach dem Prinzip „schweigend und friedlich– keine Angriffsfläche für Gewalt“.

www.nein-zu-rassismus-nbg.de




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