Symposium an der Akademie: Zum Status der Freiheit

MONTAG, 1. JUNI 2026, AKADEMIE DER BILDENDEN KüNSTE

#AdBK Nürnberg, #Dr. Marian Wild, #Freiheit, #Grundgesetz, #Kunst, #Symposium

Die Akademie der Bildenden Künste Nürnberg widmete sich am 27. Mai mit einem hochkarätigen Symposium mit großer Ernsthaftigkeit einem der drängendsten Themen unserer Zeit: Wie die Freiheit von Kunst, Lehre und Wissenschaft verteidigen gegen Antidemokraten? Euer Reporter im Außendienst Marian war dabei. 

Die Akademie der bildenden Künste in Nürnberg ist ein gebranntes Kind. Vor etwa einem Jahr reichte die AfD im bayerischen Landtag einen demokratiefeindlichen Antrag ein, der gegen die Kunsthochschule zielte (curt hat damals berichtet). Das eintägige Symposium mit dem Titel Die Akademie im Fokus politischer Interessen, eingeteilt in drei thematische Blöcke, ist einerseits eine Antwort auf diesen besorgniserregenden Vorgang, andererseits die Vermessung eines Feldes, das zunehmend unter Druck kommt: Die Freiheit der Kunst, der Meinung, der Wissenschaft und Lehre. 
Die drei Themenblöcke sind elegant konzipiert und jeweils hochkarätig besetzt: Vom Konkreten (die rechtlichen Fragen der Kunstfreiheit), arbeitet man sich konsequent über das Empirische (Beobachtungen von antiliberalen Tendenzen und Akteuren) zum Abstrakten vor (Was ist eigentlich politische Kunst?), dazu gleich mehr. Das hohe Interesse fällt auf: Die helle Arbeitshalle im Neubau ist voll besetzt, zusätzliche Bierbänke ergänzen die Stuhlreihen, an den Wänden sitzen weitere Zuhörende. Viele Studierende wohnen dem ganzen Tag bei, machen Notizen, bringen sich mit Fragen ein, diskutieren sachlich mit den Gästen. Es ist ein Lichtblick und eine Wohltat in unseren so empörten Zeiten.
 
Drei Blöcke, ein Thema

Der erste 90-minütige Themenblock mit dem Titel Zur gegenwärtigen Praxis der Kunst-, der Wissenschafts- und Meinungsfreiheit widmet sich der Rechtslage und ihren Folgen. Der Jurist Prof. Dr. Lothar Zechlin ordnet die entsprechenden Grundgesetzartikel routiniert ein, lächelnd und etwas schelmisch. Die Architektin Prof.in Donatella Fioretti, die sich als Leiterin der Kunstakademie Düsseldorf erfolgreich und ehrenhaft gegen einen politischen Shitstorm behauptet hat, berichtet von ihren Erfahrungen. Die Authentizität ihrer Aussagen ist hoch: Das Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez hat ab 2010 das Kunststück geschafft, die Zerstörungslücken der Meisterhäuser des Bauhauses in Dessau so konzeptstark mit einer eigenen Idee im Geiste des Antiautoritären, Erinnnerungspolitischen und Humanistischen zu ergänzen, dass man die Umsetzung ohne Übertreibung als best practice an den ikonischen Gebäuden bezeichnen kann. Das Bauhaus in Sachsen-Anhalt wird heute, im Jahr des 100. Jubiläums – wieder – von den Antidemokraten durch Anträge angegriffen, diesmal ist es die AfD.
 
Im zweiten Block mit dem Titel Rechte Medienpräsenz geht es um die antiautiritären Strukturen, die Angriffe auf die Kunstfreiheit ausüben, sowie um Fragen der Bildästhtik: Neurechte KI-Bilder kolportieren die Ästhetik von NS-Plakaten, wie die Autorin Prof.in Dr. Katrin Köppert von der HU Berlin – etwas rasant – im Kontext ihrer These zu faschistischer Zerstörungslust ausführt. Im Anschluss stellen die beiden Filmemacher Johannes Büttner und Julian Vogel ihren neuen Dokumentationsfilm Soldaten des Lichts vor, der abends dann noch in der Akademie gescreent wird, aber auch in der ARD- und ZDF-Mediathek abrufbar ist. Er begleitet Akteur*innen aus der Reichsbürgerszene, deren zynische Geschäftsmodelle und deren bedauerswerten Opfer mit unerbittlicher Stoik im Geiste des "Direct Cinema". Die beiden Inputs berühren ein zentrales Dilemma im Umgang mit antidemokratischen Phänomenen: Sie öffentlich sichtbar zu machen klärt auf, verbreitet die Phänomene aber auch weiter. In Zeiten monopolisierter sozialer Medien mit antidiskursiven Algorithmen sind hier die Waffen nicht gleich verteilt.
Mutige Demokrat*innen werfen sich dennoch gegen die autoritäre Welle. Die Nürnberger Soziologin Birgit Mair berichtet von den sogenannten Mosaik-Rechten: Unterschiedliche demokratiefeidliche Gruppen, die sich zu Demos und Shitstorms zusammenschließen und damit enorme Deutungshoheit erreichen. Das ganze wurde am Beispiel der Zensur der Rosa-von-Praunheim-Ausstellung Jesus liebt in der Nürnberger Kulturkirche St. Egidien erläutert, die 2023 mit einem massiven analogen und digitalen Angriff umgehen musste. 
 
Im dritten Block – Kunst als politischer Handlungsraum? – wird es kunsttheoretisch und aktivistisch. Den Anfang macht der renommierte Kulturwissenschaftler Prof. Diedrich Diederichsen mit einer historischen Einordnung der Frage "Was ist politische Kunst?". Es folgt ein Input von Natascha Sadr Haghigian, Kunstprofessorin an der HfK Bremen, die sich exemplarisch nochmal mit den Ereignissen um Hanna S. befasst. Die Studierende der Nürnberger Akademie wurde jüngst wegen Körperverletzung in München verurteilt, weil sie auf einer ungarischen Rechtsextremendemonstration mutmaßlich Gewalt gegen Teilnehmende ausübte. Der Fall hat in Nürnberg und innerhalb der Akademie hohe Wellen geschlagen, auch weil die Angklagte während ihrer Zeit in Untersuchungshaft von einer Jury den Bundespreis für Kunststudierende zugesprochen bekam, der aktuell wegen der Vorkommnisse zurückgehalten wird. 
 
Am Ende des Tages bleibt ein gutes Gefühl: Alle Beteiligten konnten sich auf einen konstruktiven und faktenbasierten Dialog einigen, der als Blaupause für weitere Prozesse im Inneren der Akademie wie im Diskurs mit der Außenwelt geeignet scheint. Denn letztlich geht es um die Stärkung der Resilienz freiheitlicher Prozesse, an der wir alle höchstes Interesse haben sollten. 




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