The New Paragone – Zur Vereinzelung der Künste

FREITAG, 1. MAI 2026, NüRNBERG

#AdbK, #Chalamet, #Kunst, #Kunstkommentar, #Weimer

Jüngst machte sich Oscar-Kandidat Thimothée Chalamet in einem Interview lustig über die Oper und das Ballett und schoss damit wohl ein ziemliches Eigentor. Denn plötzlich trendete in allen Medien die Leidenschaft und Solidarität für beide Kunstformen, die laut Hollywoods „Golden Boy“ angeblich niemanden mehr interessierten. 
Ein Kunstkommentar von Silvan Wilms

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer lud den Filmstar zum Opernbesuch nach Deutschland ein, und machte damit selbst Schlagzeilen, die ihm wohl besser gefallen haben dürften als die jüngste Kritik an seiner willfährigen Streichung dreier Buchhandlungen von der Gewinnerliste des Buchhandlungspreises. Kulturpolitik, in der ein unangenehmer Hauch Trumpismus mitschwingt. Die Kunst- und Meinungsfreiheit leidet unter reaktionären Kräften, und unter diesen Umständen trifft es vielleicht besonders hart, wenn ein weltberühmter Schauspieler sich despektierlich über andere Kunstformen auslässt. Denn sollten nicht besser alle Kultursparten solidarisch den Schulterschluss suchen, wenn Kleingeister und Rechtsnationalisten ihre Vielfalt und Freiheit beschneiden?
 
So weit wird Chalamet wohl kaum gedacht haben mit seiner flapsigen Bemerkung, aber bei aller Empörung finden sich darin doch zwei hochinteressante Fragestellungen. Zunächst die Frage, was eine Kunstform eigentlich relevant macht. Dass die Oper und auch das Ballett nicht zu den besonders niederschwelligen Nischen der Kultur zählen, darf an dieser Stelle zugegeben werden. Ein gewisser Elitarismus haftet beiden an, während sie zugleich zweifelsfrei zu den privilegierten Formen der sogenannten „Hochkultur“ zählen. Mit den Massen, welche ein Blockbuster der Milliardenindustrie Hollywood erreicht, können sie nicht mithalten. Aber welch einseitige und arme Kulturlandschaft wäre das, wäre diese Art der Massentauglichkeit der einzige Maßstab für die kulturelle Relevanz!

Trotzdem sollte gerade die „Hochkultur“ in Bezug auf Anschlussfähigkeit und Zugänglichkeit ihre tradierten Mechanismen hinterfragen. Insbesondere das Verhältnis zwischen „Hoch-“ und „Sub-/Soziokultur“, und in diesem Kontext die kulturpolitische Prioritätensetzung, sind auch im Nürnberger Diskurs immer wieder Streitthema. Aber nicht nur Konkurrenzdenken und Vorurteile zwischen sogenannter „Hochkultur“ und „Subkultur“, respektive einer von beidem ohnehin seit langem abgekoppelten Popkultur – siehe Film- oder Musikbranche – die maßgeblich den Regeln einer Vermarktungsindustrie folgt, scheinen Kulturschaffende zu trennen. Tatsächlich stellt sich die Frage, was die verschiedenen Künste überhaupt voneinander wissen, hier in Nürnberg und darüber hinaus. Es wirkt, als habe sich eine enorme Vereinzelung zwischen den Künsten etabliert, zweigspezifische Echokammern, die ihre Diskurse intern verhandeln, ohne untereinander in Kontakt zu treten.

Dass etwa eine Nürnberger Kunstakademie seit Jahren als eine Art soziale Petrischale agiert, Elfenbeinturmdiskurse führt und dabei recht konsequent jeden Bezug zu anderen, sie umgebenden, Lebensrealitäten verliert, muss eine Kulturszene skeptisch stimmen. Befremdlich erscheint von außen betrachtet aber auch der Theaterdiskurs, in dem man jüngst immer wieder liest, Theater müsse gefährlich sein. Christine Dössel schrieb Anfang März in der Süddeutschen Zeitung einen eindrucksvollen Artikel, der den Trend zur emotionalen Überforderung im zeitgenössischen Theater mit Schlüsselfiguren wie Florentina Holzinger oder Romeo Castellucci anschaulich illustriert. Während andere Kultursparten Awareness-Konzepte etablieren und über möglichst gewaltfreie Räume diskutieren, scheint sich im Theater ein Überbietungswettstreit in Sachen Grenzgänge, Schockwirkung und Übergriffigkeit abzuspielen. Mit dem Duo MEGAPLOT hat auch Nürnberg seinen radikalen Ableger dieser Strömung, der sich großen Zuspruchs erfreut.

Nun ist das Prinzip provokativer Grenzgänge auch in Musik, Film, Literatur und vor allem auch der Bildenden Kunst längst durchexerziert worden. Auch hier gab und gibt es immer wieder einmal Positionen, die das Prinzip Schock, Skandal, Gewalt oder Ekel zum Kern ihrer Praxis erhoben haben. In Nürnberg erinnert man sich noch immer lebhaft an den Aufruhr um Olaf Metzels Skulptur „Auf Wiedersehen“, die zur Fußball-WM 2006 den Schönen Brunnen ummantelte. Wirklich verächtlich wurde seine Arbeit allerdings erst mit der Skulptur „Turkish Delight“, einer nur mit einem Hijab bekleideten und ansonsten nackten weiblichen Bronzefigur, die 2007 auf dem Wiener Karlsplatz aufgestellt wurde. Diese Arbeit im öffentlichen Raum, die bewusst und intendiert dazu geeignet ist Menschen, die einer kulturell-religiösen Minderheit angehören emotional zu kompromittieren, und noch dazu die Objektifizierung des weiblichen Körpers als Lustobjekt auf die Spitze treibt, indem der Figur als Titel der Name einer Süßigkeit zugewiesen wird, trägt wenig zu einem würdigen und differenzierten Diskurs über kulturelle Vielfalt bei. Ihrerzeit wurde die Figur vom Sockel gestoßen. Die Empörung war so absehbar wie berechtigt und dient doch nur der weiteren Stigmatisierung der Betroffenen als unzivilisiert, gewaltbereit und kulturfern. Nicht alles, was die Kunstfreiheit erlaubt, ist auch gerecht, nicht jede Emotionalisierung per se ein künstlerischer Mehrwert. 

In der Tat kann das emotionalisierende Potential einer Kunstform, feinfühlig und verantwortungsbewusst ausgeschöpft, eine starke Ressource sein. Schwierig wird es immer dann, wenn die Provokation zum Selbstzweck verkommt, wenn die Fetischisierung von Grenzerfahrungen zum Motor einer ansteckenden Dynamik der Sensationsgeilheit wird. 

Womöglich sollte das immersive Theater einen Schritt aus der eigenen Bubble tun. Vielleicht sollten Studierende und Lehrpersonal einer Kunstakademie ab und an tatsächlich Ausstellungen besuchen, und das gar in der eigenen Stadt. Wolfram Weimer sollte sich im "The Golden Shop" in Bremen, der „Roten Straße“ in Göttingen und in der Buchhandlung „Zur schwankenden Weltkugel“ in Berlin blicken lassen und ein Buch über Meinungsfreiheit erwerben – und idealerweise auch noch lesen. Und ja, womöglich sollte Timothée Chalamet tatsächlich einmal die Oper und das Ballett besuchen. Vielleicht brauchen wir einen neuen Paragone, einen Wettstreit der Künste, die sich gegenseitig kritisch beäugen, diskursiv aneinander reiben und sich gegenseitig bereichern, anstatt in kleinen Parallelwelten ihre jeweils eigene trübe Suppe zu kochen. 




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