Den Guten ein Sprachrohr, bitte: Andis megasubjektiver Jahresrückblick

MONTAG, 9. JANUAR 2023, NüRNBERG

#2022, #Andreas Thamm, #curt, #Frankenkonvoi, #Jahresrückblick, #Jede Spende Hilft, #Wanderbaum

Hm? War was? Gerade erst haben wir uns so richtig daran gewöhnt, oben rechts in den Rand von unserem Schreibheft 2022 statt 21 zu schreiben, da rauscht schon wieder Weihnachten klimbimelig vorbei und Zackbumm-Explosion, wir befinden uns in 2023. Hä?

So einen Jahresrückblick müsste man eigentlich das ganze Jahr über schreiben, nicht erst dann, wenn das neue Jahr schon losbrummt wie ein früher Maikäfer. Dann hockt man nämlich da und zwölf Monate schrumpeln zu einem Batzen zusammen, aus dem man kaum noch was rauslösen kann. Ich weiß gar nix mehr.  

2022, denke ich also, da sind wir doch ins neue Büro umgezogen, wie war das noch gleich. Falsch, ganz falsch! 2021 war das.

Das wirklich Blöde mit diesem 2022 ist ja folgendes: Man denkt zuerst an Krieg, in zweiter Instanz an Klimawandel, drittens immer noch an Corona. Das ist erstens nicht der ansehnlichste Rest, den man als Jahr so hinterlassen kann. Und zweitens hat es mit curt, dem ansehnlichsten Stadtmagazin von Welt und für Nürnberg und die wunderbarste Metropolregion zuerstmal einfach gar nix zu tun.

Und andererseits eben doch. Wenn ich ans curt-Jahr 2022 denke, dann tatsächlich und in Wahrheit zuerst an den Nachmittag, an dem Matze und ich in seinem kleinen Auto, das sich heute schon im Autohimmel befindet, nach Fürth fuhren und nach Fürth einen Haufen Geld einführten. Nicht um damit Wurstwaren zu erwerben, sondern um ihn, den Haufen, dem Frankenkonvoi zu übergeben: Fast 2.500 Euro Spenden für die Ukrainehilfe der Fürther NGO.

Wenn so etwas passiert, wie ein Angriffskrieg in Europa, dann sind wir kleine Crew von drei festen Mitarbeitenden betroffen, weil wir nachrichtenkonsumierende, an der Welt teilnehmende Menschen sind. Die auch noch Medien machen – in einem viel zu kleinen, viel zu lokalen Maßstab, um zum Krieg, zum Iran, zur Letzten Generation wirklich etwas Substanzielles beitragen zu können. Wir versuchen hier unser Nürnberg ein bissl besser zu machen und dabei nicht und niemals neutral zu sein.

Aber man kommt halt nicht vorbei, man kann ja nicht immer nix machen. Und weil wir erstens klein sind und zweitens viele andere kleine kennen, dachten wir: Die gutmeinenden Kleinen kann man ja zusammenbinden, damit was Mittelgroßes daraus wird. Und das war dann Jede Spende hilft – eine Sammlungsaktion in Cafés, Restaurants, Kneipen, Kulturorten, Yogastudios, Boulderhallen … Um jeden kleinen Pfennig abzugreifen, der in irgendeiner Nürnberger Hosentasche rumfliegt und entweder gespendet wird oder bei nächster Gelegenheit mitgewaschen.

Noch im Februar fingen wir damit an, das zu tun, was gut können: Emails schreiben, die zu oft immer noch im Spamordner landen. Um dann danach das tun zu können, was wir schon etwas weniger gut können: Spendenboxen verteilen, Gelder einsammeln, Quittungen unterschreiben und unterschreiben lassen. Muss alles seine Ordnung haben, auch bei curt. Hatte es.

Und so ist diese kleine Spendenaktion auch nur ein Beispiel für das, was curt kann und in Zukunft weiter und mehr noch tun will: Ganz schnell Ideen entwickeln und die richtigen Leute finden, zum Sachen umzusetzen. Und das alles halbwegs schlingernd, fuchtelnd, immer wieder verzweifelt, immer ungebrochen begeistert und immer Dank der Unterstützer:innen, die uns irgendwie mögen, während wir auch noch und halt nicht nebenbei dieses Stadtmagazin machen von der Art, wie Gott ein Stadtmagazin machen würde, wenn er Stadtmagazinmacher wäre.

Was war noch? Wir haben einen Baum durch die Gegend gefahren und Freude wart, wo unser Wanderbaum war! Wir haben das Konzept Partung erfunden, Party und Lesung, und dann auch noch umgesetzt und dann auch noch in der Katharinenruine. Wir haben gelesen, geschrieben, gelayoutet, in die Tastaturen gehackt, in Tag- und Nachtschichten und wechselnden Besetzungen, im Büro und immer mehr auch im Homeoffice, was nicht nur der Bequemlichkeit geschuldet war oder der Pandemie, sondern auch der Fortpflanzung.

curt, der immer auch die besten Events für Familien beinhaltet und einen engen Draht zu unseren Kindertheatern pflegt, wird auch gemacht von mindestens zwei Daddys, deren teils ganz neue väterliche Weisheit auch dem Rest der Belegschaft und in gewisser Weise der ganzen Stadt zugutekommt.

Und so wurde ich persönlich ab Juni und immerhin bis August wieder zum curt-Leser, der in den diversen Chatgruppen mitverfolgte, wie da trotz meiner Abwesenheit einfach weiterhin gearbeitet und Heft gemacht wurde. Furchtbar: Die können auch ohne mich! Mit Erscheinen des Hefts durchstreifte ich sodann die Nachbarschaft, auf der Suche nach dem ersten curt seit Anfang 2019, den ich nicht aus den Händen der Kolleg:innen oder des anliefernden LKW-Fahrers erhielt.  

Stay-at-home-Dad zurück vom millenialmäßigen Van-Life-Trip sitzt, wenn das Baby uns ein Schläfchen gönnt, aufm Klo und lässt den Rest der Stadt mit rein, weil wegen curt, meine ich.

Und umso schöner ist es, wieder ins Büro zu gehen, wenn man drei Monate lang mal nicht war!

Am Ende des Jahres sagen immer alle, dass sich alles ständig so schnell verändert und dann fragt man sich, ob das vielleicht schon immer so war. Oder ob das jetzt mehr stimmt, in der Zeit nach 2020, die ich irgendwie schon als eine neue, andere wahrnehme. Man macht nur kurz die Augen zu und schon hat wieder ein Traditionsrestaurant zugemacht, ist wieder ein Curty Kulturpreisträger, wird schon wieder ein Baby geboren irgendwo und ein Einkaufszentrum abgerissen oder aufgebaut.

Und curt mittendrin ist eben kein Anker, sondern, um im Element zu bleiben, und ganz nah beim Weichtiernerd Matze, ein Quallenschwarm, der aufsteigt und absinkt und wächst und schrumpft und wabert und leuchtet. Und sich selber immer verändern muss, jeden Tag: neue Excel-Tabellen lernen, neue Insta-Tools lernen, neue Orte kennenlernen, neue Leute kennenlernen, jeden Tag teilnehmen, jeden Tag anders, sonst können wir den Laden dicht machen.
Und das machen wir nicht.

Wir bleiben euer Magazin, das einen ganz subjektiven Blick auf diese Region wirft, aber es ist ein großer Blick, der vieles miteinschließt. Wir sind euer Kalender, euer Feuilleton, euer kulturpolitisches Aufregerblatt, euer Lieblingsveranstalter.

Wir müssen uns immer zurückhalten, sondern werden wir zu gut.
Das ist vielleicht ein Vorsatz fürs neue Jahr: Auf dem Boden bleiben! Wie immer!

Oder mehr im Ernst: In einer Zeit, in der die Angst zurückgekehrt ist, versuchen weniger Angst zu haben und den Guten und Mutigen ein Sprachrohr zu sein.
 
 Alles Gute, euer Andi.   
 




Twitter Facebook Google

#2022, #Andreas Thamm, #curt, #Frankenkonvoi, #Jahresrückblick, #Jede Spende Hilft, #Wanderbaum

Vielleicht auch interessant...

“curt tut gut gut” - ein Slogan, wie er in keinem grammatikalisch korrekten Buche stehen sollte, wenngleich er hundertprozentig korrekt ist. Denn wir kooperieren mit den coolsten und wertvollsten Locations der Stadt. Eben dort, wo es gut ist und immer irgendwo ein curt rumliegt. Als Heft, aber auch in Form hemmungslos abfeiernder curt-Mitarbeiter:innen. Unser Eventkalender blüht seit ein paar Wochen wieder in seiner vollen Pracht und zeigt euch verlässlich, wo es lang geht! Und wir schmeissen dank dieser fruchtbaren Zusammenarbeit auf @curt_magazin_nfe mit Gästelistenplätzen nur so um uns! Doch unter den Bühnenbrettern mancher Kulturorte schlummert auch abseits der Veranstaltungen noch viel mehr Wissenswertes, was wir nun für euch bedingungslos ans Tageslicht zerren werden. Aus Gründen der Anerkennung für die dort stattfindende, kulturelle Arbeit. Und aus Liebe. Hier sind unsere aktuellen VENUES OF LOVE – samt behutsam recherchierter curt-Tipps. Für euch, für uns, für alle. CURT YOUR LOCALS!  >>
Eine Weihnachtsvorgeschichte

Wir konnten es in diesem Jahr gar nicht oft genug erwähnen: curt feiert 25 Jahre! Doch was geschah eigentlich in unserem Gründungsjahr, an diesem Ort, zu jener Zeit? Welche Ereignisse und Persönlichkeiten können wir überhaupt noch mit unserer Geburtsstunde in Verbindung bringen? Vielleicht saß im Dezember 1997 ein vom Punsch berauschter curt-Redakteur mit rosigen Backen auf dem Schoß des Weihnachtsmannes und fuchtelte mit seinem kleinen, neuen Partyplaner. „Ich wünsche mir, dass dieses Magazin für die Ewigkeit besteht und eine Kiste Bier!“ Eine von vielen, schönen Geschichten rund um die Legende curt. Ihre Glaubhaftigkeit bestätigen könnte jedoch nur der Weihnachtsmann selbst oder eine einzige Zeitzeugin, die damals von ihrer Empore mit wachen Augen auf die funkelnde Stadt blickte: Das Nürnberger Christkind. 

In der Redaktion waren wir uns einig und selten so nah: Wir müssen das Christkind aus dem Jahre 1997 finden und fragen, was sich damals zugetragen hatte. Staubige Akten des Stadtarchives führten uns auf unserer Suche auf falsche Fährten. In Parsberg stießen wir schließlich auf die exakt gleichnamige Stiefmutter, was uns in unserer hektischen, aufopferungsvollen Recherche maximal verwirrte. Und die Stiefmama ebenso, als sie von ihrem Chef erfuhr, dass wir sie suchten. 
Aber so kam es dann doch noch, dass uns – gänzlich unerwartet – ein güldener Brief aus dem fernen Kanada erreichte, der vertraut nach Nürnberger Lebkuchen duftete. Das Christkind von 1997 hatte UNS gefunden, der lieben Stiefmutter sei Dank. 
Auf seidenem Geschenkpapier standen weihnachtliche Grußworte geschrieben, wertvoller als jede alte curt-Anekdote und gerichtet an uns, an euch liebe Leser*innen. An alle.  >>
FüRTH. Der Frankenkonvoi ist uns nicht erst seit unserer Spendensammlung für die Ukrainehilfe der Fürther ans Herz gewachsen. Die NGO hat ständig diverse Krisengebiete und die Menschen dort im Blick und liefert verlässlich schnelle, unbürokratische und uneigennütze Hilfe (alle Infos in unserem ausführlichen Interview mit Peter Kunz). An diesem Wochenende könnt ihr die Köpfe hinterm Konvoi kennenlernen – und dabei gute, faire Sachen shoppen.  >>
THEODOR-HEUSS-BRüCKE. ... BRÜ ZUM DRITTEN? Nein. Ein drittes Jahr in Folge ohne unser geliebtes Brückenfestival hätten wir schlichtweg einfach nicht verkraftet. Aber wir haben gute, wenn nicht sogar die allerbesten Neuigkeiten: Am 12. und 13. August kehrt einer der wichtigsten Grundpfeiler der Nürnberger Open-Air-Kultur wieder zurück unter die Theodor-Heuss-Brücke. Uns geht das Herz auf und wir zählen die Nächte, bis Bird Berlins Ruf erneut durch den gesamten Wiesengrund zu hören sein wird: BRÜ, BRÜ, verdammt nochmal, endlich wieder BRÜ!  >>
KATHARINENRUINE. Wir nennen es nicht Party, wir nennen es nicht Lesung. Wir nennen es: PARTUNG! Jahaaa, so schmissig kann CURT! Wir öffnen unsere Archive und liefern euch Skurilles aus 2,5 Dekaden CURT Magazin-Quatsch! Performed und gelesen im Rahmen der Nürnberger Texttage von curt-Heinis (m/w). Musikalisch untermalt und gepimpt von DJ Haui (Club Stereo) und Jan Bratenstein (The Black Elephant Band). Dazwischen ganz viel Schabernack und noch viel mehr köstliche Kaltgetränke. Eine seltene Gelegenheit, bis zur maximalen Niveau-Grenze aufgeblasen. Eine ganz klassische Partung eben!   >>
BILDUNGSZENTRUM / KATHARINENRUINE. Jahr für Jahr begleitet der curt das noch junge Literaturfestival Texttage, das weniger das Lesen als vielmehr das Schreiben, den Prozess, die Arbeit in den Mittelpunkt des Interesses stellt und zudem ganz viel regionale Szene auf die Bühne holt. Und Jahr für Jahr findet dieses besondere Event ein bisschen mehr zu sich selbst und etabliert sich zu einer festen Größe im Kulturkalender dieser Stadt. Dass curt und curt-Leute da auch mitmischen dürfen, ist uns eine große Freude und Ehre!  >>
20210201_Allianz_GR
20221201_MfK_Avatar
20221216_Stadtmuseum_Erlangen_Regine_von_Chossy
20221201_Waldorf
20210304_Mam_Mam_Burger
20210318_machtdigital
20221221_KuF_Cover
20221201_BA_Beef_Club
20221201_WLH
20221201_Kulmbacher_Moenchshof
20220601_Hofpfisterei
20221122_KUF_Literaturpreis
20220201_berg-it
20230201_Retterspitz
20221001_GNM
20220812_CodeCampN
20221220_SuP
20221101_curt_Terminkalender