Andreas Radlmaier im Gespräch mit: Barish Karademir

DONNERSTAG, 30. JANUAR 2020

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Das Ambiente kommt ihm entgegen – dem Film-Fan und Freund technoider Kulissen, das findet der junge Theaterregisseur Barish Karademir schlicht „geil“. Also schlägt er das Nürnberger Cinemagnum, ehemals Imax, dieses immer noch schwindel erregende Kino-Bergwerk, als Treffpunkt vor, um über Berlin und Entschleunigung, Rassismus und Regie, Vorurteile und Vergnügen zu sprechen. Und natürlich über eine „Rückkehr in die Wüste“, ein Drama von Bernard-Marie Koltès, das Karademir gerade in Fürth vorbereitet. Es ist seine vierte Inszenierung für das dortige Stadttheater. [Premiere: 7. März 2020]

ANDREAS RADLMAIER: Barish, du kehrst gerade in die Wüste zurück. Den Titel des Stücks könnte man  ja glatt übertragen: Du kommst gerade aus Berlin zurück nach Franken. Ist Nürnberg für den Berufspendler eine Wüstenei?

BARISH KARADEMIR: Im Gegenteil. Ich bin total gerne hier. Das hat immer mit Entschleunigung zu tun. Und wir sind hier auch gar nicht in der Wüste, weil ganz viele Dinge passieren.

Warum hast du dann Berlin als Basislager gewählt?

Das hat sich durch meine Assistenz am Maxim-Gorki-Theater so ergeben und durch freie Produktionen, etwa an den Sophien-Sälen. Berlin ist natürlich immer noch gehypt, mit dem Party-People-Effekt und so. Aber Berlin lebt am Puls der Zeit. Alle gesellschaftlichen Änderungen oder Neuerungen erlebst du hautnah mit. Egal, ob das um Armut oder politische Umdisponierung geht. Selbst in der U-Bahn reagieren die Leute da ganz schnell – zack-zack – darauf. Es ist aber auch ganz toll, nach Nürnberg zu kommen und zwei Gänge runter zu schalten. Das hat viel mit der Authentizität hier zu tun. Es ist hier nicht so schnell-lebig, leichtfertig, so tralala. Je älter ich werde, umso mehr schätze ich das.

Wenn du Nürnberg in einer Tanzbewegung zusammenfassen müsstest, wie könnte die aussehen?

Das kann nicht in einer Tanzbewegung stattfinden. Es sind mehrere, die in einen Duktus übergehen. Von einer Pirouette in den Stillstand und dann in ein Plié. Kurzes Innehalten und dann wieder in eine Pirouette.

Und Berlin?

Das ist eine ständige Pirouette, ein permanenter Schleudergang, kein Innehalten.

Das Tänzerische ist ein prägendes Element deiner Theaterarbeit. Es wird immer wieder davon geschrieben, dass du ein Ballettstudium absolviert hast. Ist das ein Mythos?

Das ist Realität. Ich habe in München studiert, teilweise an privaten Ballettschulen und habe dann zwei Jahre in Paris, Tel Aviv und Südafrika getanzt.

Danach bist du in einem Medizinstudium gelandet.

Genau. Mit Blick auf meine Eltern dachte ich mir, ich muss mal was Bürgerliches machen und weg von diesem ganzen Kunstzeug. Meine Eltern haben ja mit Kunst überhaupt nichts am Hut.

Du kommt nicht aus einer musischen Familie?

So nach dem Motto: Wir schauen, dass unser Sohn im integrativen Kindergarten einen Trommelkurs belegt? Überhaupt nicht. Theater hat sie nicht interessiert. Im Gegenteil: Sie waren sehr mit sich beschäftigt, um hier anzukommen, sich zu etablieren, die Sprache zu erlernen, hier zurecht zu kommen. Das waren ihre Themen. Sie gehörten zur ersten Generation der Migranten – mein Vater stammt aus Sri Lanka, mein Mutter ist Zypriotin, sehr temperamentvoll und autoritär – und hatten andere Probleme.

Hatten deine familiären Wurzeln Auswirkungen auf deine Weltsicht?

Bestimmt. Ich fühle mich immer dort wohl, wo viele unterschiedliche Kulturen vorhanden sind. Wo es egal ist, ob ich dunkelhäutig bin und schwarze Augen habe. Also, diese Wurzeln haben mich sicherlich geprägt. Auch wenn ich sehr deutsch denke. Ich lese deutsche Literatur, ich habe sehr viele deutsche Tugenden in mir.

Zum Beispiel?

Pünktlichkeit, Fleiß, Verbindlichkeit, Zuverlässigkeit – all diese Tugenden, die man den „Deutschen“ nachsagt, habe ich inhaliert. So bin ich konditioniert. Aber es gibt Momente, wo das Südländische aus mir wie aus einem Vulkan herausbricht. Bei emotionalen Themen, wenn es um Ungerechtigkeit geht oder um Euphorie. Oder Elan. Dieses Blut-kochen ist vielleicht weniger deutsch.

Zurück zum Medizinstudium: Und wieso bist da dann nicht Arzt geworden?

Ich hatte das Gefühl, mich darin zu verlieren. Ich war irgendwann unglücklich, obwohl ich alle Prüfungen bestanden hatte.

Gibt es für dich Gedankenverbindungen zwischen Bühne und Operationssaal?

Ja, natürlich. Der kathartische Moment. Ob du im Klinikum einen Patienten heilst oder Zuschauer eine neue Denkweise, neue Perspektiven antriggerst. Das kann auch nur ästhetisch sein.

Der Regisseur als Heilsbringer?

Naja, das ist ein wenig übertrieben. Ich will ja keine Botschaften vermitteln. Aber wenn das ein Moment ist, der rechtfertigt, dass du nicht ins Kino gehst, sondern ins Theater und live vor dir Menschen erlebst, die leiden, deren Atem du für einen Moment spürst, dann habe ich schon das Gefühl, dass Prozesse entstehen, die einer Heilung, einer Glückseligkeit sehr nahekommen. Wenn man das so pathetisch ausdrücken darf.

Und im Theater möchtest du jetzt alt werden?

Ich glaube, ich habe den besten Beruf der Welt. Wenn es nicht Regie geworden wäre, hätte ich vermutlich etwas mit Tieren gemacht oder wäre in die Entwicklungshilfe. Etwas, was mich innerlich glücklich macht.

Was war denn dein Lieblingsfach in der Schule?

Ich habe gerne gesungen, kann es aber leider nicht.

Ein prägendes Erlebnis in deinem Leben?

Da gibt’s ganz viele. War natürlich auch ein Theaterbesuch. In der Grundschule. Ich weiß noch, dass alle anderen das langweilig und doof fanden. Ich fand’s magisch und geil, habe mich aber nicht getraut, das zugegeben.

In welchem Geisteszustand erlebst du gerade Deutschland?

Ganz schwierig.

Weshalb?

Weil ganz viele negative Kräfte wirken. Und weil ich ganz oft spüre, dass die Menschen orientierungslos sind. Dass es in den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten zu einer ganz großen Irritation gekommen ist. Bei politischen wie bei gesellschaftlichen Themen. Deshalb sind wir gerade auf einem ganz schmalen Grat unterwegs, der in gegensätzliche Richtungen führen kann. Wenn wir kollektiv Entscheidungen treffen, können wir damit etwas ganz Tolles schaffen und Irritationen überwinden. Aber wenn uns diese Kräfte und Mächte übermannen, dann kann das in eine ganz falsche Richtung gehen. Das macht schon auch Angst.

Theater ist ein Spiegel der Gesellschaft, sagst du. Was siehst du zur Zeit in diesem Spiegel?

Zweierlei: Immer Fragen aufwerfen, immer aus der Komfortzone holen. Und natürlich auch auf der ästhetischen Ebene: Neue Dinge zeigen, die dich berühren.

Können Kultur, Theater, Künste da etwas ändern?

Auf jeden Fall! Die Aufgabe des Theaters ist nicht, Dinge umzuwandeln. Aber es ist die Aufgabe des Theaters, Fragen zu stellen. Keine Antworten zu liefern. Dich zu animieren, ob das gerade richtig ist, was du denkst. Ob es richtig ist, den Typ in der Straßenbahn als Opfer zu sehen.

Auffällig ist ja, dass du dich an bestimmten Themen abarbeitest: Intoleranz, Rassismus, Ausgrenzung, vielleicht auch den berühmten clash of cultures. Hat sich das so ergeben oder ist das eine Reaktion auf persönliche Erlebnisse?

Letzteres. Ich gehöre noch zu der Generation, wo Lehrer sagten: Am besten, ihr packt mal eure Koffer und geht nach Hause. Ich war noch einer der Schüler, wo Lehrer nicht wollten, dass ich in den katholischen oder evangelischen Religionsunterricht gehe, weil ich die Mitschüler durch meine Herkunft infiltrieren könnte. Ich kann mich noch erinnern, dass Mitschüler zu mir sagten, meine Haut hätte die selbe Farbe wie Scheiße.

Aber jetzt bist du doch erst Mitte Dreißig. Wir sprechen also von den 90er Jahren!

Wo immer noch Ressentiments herrschten. Vielleicht sollte man das gar nicht pauschalisieren, sondern wie immer differenzieren. Aber das gibt es immer wieder und ist nicht ausgetilgt. Das Thema Schwulsein hat sich seit 40 Jahren nicht geändert. Auch wenn es die schwule und lesbische Ehe gibt und viel erreicht wurde in Sachen Diversity. Das sind immer noch Themen, mit denen wir uns beschäftigen sollten. Und um auf deine Frage zurückzukommen: Das sind dann natürlich Themen, die mich im Theater interessieren. Schräge Anti-Helden fand ich schon immer wahnsinnig spannend.

Bekommst du auch dahingehend gezielt Angebote von den Theatern? So: Der Karademir, der ist der Mann fürs Transkulturelle.

Leider nicht. Mein Radius hat sich schon erweitert. Aber ich glaube nicht, dass es Normalität ist, dass Regisseure mit ausländischen Wurzeln ständig engagiert werden. Da entdecke ich keine Spiegelung der Wirklichkeit. Wie viele ausländische Regisseure gibt’s zum Beispiel am Staatstheater Nürnberg?

Finden die Stoffe dich oder du sie?

Sowohl als auch. Mir werden von Theatern Stücke vorgeschlagen. Und es gibt Autoren, denen ich hinterher jage. Fassbinder, Heiner Müller, Alexandra Badea, Koltés.

Das sind ja überwiegend Enfant terribles. Ist das eine Sehnsucht von dir?

Ich weiß nicht, ob das eine Sehnsucht ist, oder ob ich das selber bin. Ich gelte ja als gediegen, harmonisch und charmant. Aber vielleicht lugt da manchmal was unter dem Deckel hervor.

Woher kommt deine Verehrung für Fassbinder? Der war doch schon gestorben, als du noch gar nicht geboren warst.

Ich habe ihn geliebt. Wir haben viel vor dem Fernseher gesessen, weil meine Eltern keine Lust hatten, sich mit uns zu beschäftigen. Und da lief im Fernsehen „Angst essen Seele auf“. Und ich war völlig geplättet. Von der Spielform, von der Sprache, von der Ästhetik. Ich wollte, dass Brigitte Mira meine Tante wird, war fasziniert von der ersten Kamerarundfahrt von Michael Ballhaus, von Fassbinder, diesem verkoksten Anti-Typen, der nicht chic, sondern rotzig war und im Interview „Leck‘ mich“ sagte.

Würdest du denn sagen, deine Herangehensweise, deine Umsetzung hat auch etwas Filmisches?

Absolut.

Wie ist das Zusammenführen von Video, Tanz und Schauspiel überhaupt entstanden? Zufall? Konstruktion?

Alles intuitiv. Ich fand die Gleichwertigkeit der Künste im Theater allerdings schon immer wichtig. Sprechtheater hört nie bei der Stimme auf, sondern es geht um Körperlichkeit. Und wenn ich ein Stück lese, muss ich Musik dabei hören. Und nur über die Musik entstehen die Bilder. Das ist eine ganz komische Arbeitsweise. Ich weiß selber nicht, woher das kommt.

Und wie wählst du die Musik aus?

Das spüre ich beim Lesen des Stücks, welche Vibration das hat, welche Musikalität die Sprache hat.

Das heißt der Soundtrack …

… ist schon vorher da. Das ist das Gleitmittel. Ich höre erst den Sound und dann beginne ich zu inszenieren. So fangen bei mir auch die Proben an. Weil: Musik und Geruch werden nicht über Vernunft verarbeitet, sondern über die Hypophyse. Das ist ein emotionaler Moment. Damit greife ich quasi in die Gedärme des Stücks rein.

Und kreierst einen Rhythmus.

Genau, es entsteht die Musikalität eines Textes.

Du probst gerade in Fürth „Rückkehr in die Wüste“. Wie muss man sich das vorstellen? Als offenen Ideenprozess oder Umsetzen fertiger Vorstellungen?

Ich habe das ganze Gemälde schon im Kopf, schon immer. Ich gehöre nicht zu den Regisseuren, die sagen: Jetzt proben wir einfach mal und schauen, was passiert.

Du bist ein kleiner Diktator?

Nein, gar nicht. Ich bin eher ein Ins-Boot-Holer. Ich weiß genau wohin und versuche über ganz große Zärtlichkeit, Liebe und ganz großes Verständnis den Künstler ins Boot zu holen und dass wir dann gemeinsam durch diesen Sturm auf der Bühne kommen. Denn es geht doch darum, eine Übersetzung für eine künstliche Krise zu finden, die verstehbar sein muss für den Zuschauer, den Schauspieler und mich. Das geht nicht diktatorisch.

Koltés verhandelt in seinem Drama Fremdenfeindlichkeit und Entwurzelung. Deine Themen, oder?

Ja, dazu Heimat, Glaube, Religion, Nationalismus, Identitäten. Da ist eine ganz spannende Figur in dem Stück, der Sohn von Adrian, der in einem goldenen Käfig lebt, nicht raus darf aus diesem System. Der dann ausbrechen und zum Militär will, um in Algerien zu kämpfen. Er muss permanent seine Männlichkeit beweisen, bekommt diese toxische Männlichkeit des Vaters mit, auch die der Gesetzeshüter, Rechtsanwälte, Präfekten, hat aber eine ganz andere Haltung und muss sich unter umgekehrten Vorzeichen behaupten. Gegenüber dem Vater, der Gesellschaft und sich selber.

Hast du diese „toxische Männlichkeit“ in der eigenen Familie erlebt?

Bei uns war das Matriarchat viel stärker ausgeprägt. Zuhause gilt das Wort der Mutter. Sie ist eine autoritäre Person und weiß auch ganz genau, welche Knöpfe sie drücken muss. Die toxische Weiblichkeit ist ja viel elaborierter, subtiler und raffinierter (lacht).

Vervollständige bitte die drei folgenden Sätze: Am inspirierendsten für meine Arbeit ist …

... Musik!

Das größte Glück wäre für mich …

… mit allen meinen Freunden, mit allen meinen Kollegen, die ich liebe, zusammenzuwohnen.

Eine Mehrgenerationen-WG?

Ja, ich bin eben doch geprägt von zuhause. Die Eltern meiner Eltern und die Geschwister – alles Großfamilien.

Dritter Satz: In zehn Jahren möchte ich …

… noch die körperliche Fähigkeit besitzen, weiter zu inszenieren.

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FOTOS: REBECCA SCHWARZMEIER. Seit dem Wintersemester 2016 besucht Rebecca die Fachklasse für Photographie an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg.
2011 bis 2015 studierte sie Design an der TH Nürnberg (Abschluss: Bachelor).

BARISH KARADEMIR wurde Mitte der 80er Jahre in Heidelberg als Sohn einer zypriotischen Mutter und eines singhalesischen Vaters geboren. Er wuchs in Nürnberg auf, absolvierte eine Ballettausbildung, nahm an internationalen Tanzprojekten von Paris bis Südafrika teil, brach in Erlangen ein Medizinstudium ab und studierte im Anschluss Theaterwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte.
Bereits sein Fassbinder-Debüt „Tropfen auf heiße Steine“ als Nürnberger Tanztheater-Produktion 2006 fiel auf. Es folgten bislang etwa 30 Inszenierungen als Regisseur und Choreograf, u.a. am Theater Dortmund und dem Gostner Hoftheater. Mit der deutschen Erstaufführung von „Je suis Fassbinder“ 2016 von Falk Richter begeisterte er Presse und Publikum. 2019 erhielt Karademir den IHK-Kulturpreis.
Für 2020 bereitet Karademir Inszenierungen in Fürth („Rückkehr in die Wüste“, Stadttheater, März), Darmstadt („Ich schaue dich an“, Staatstheater, Mai) und in Nürnberg (Spielzeiteröffnung in der Tafelhalle mit James Baldwins „Von dieser Welt“) vor. Karademir pendelt zwischen Berlin und der Nürnberger Südstadt, wo er mit seinem Freund lebt.

ANDREAS RADLMAIER ist als Leiter des Projektbüros im Nürnberger Kulturreferat verantwortlich für das Bardentreffen, Klassik Open Air, Stars im Luitpoldhain, sowie für die Entwicklung neuer Formate wie Silvestival, Criminale und Boulevard Babel  – Formate, die curt journalistisch begleitet. Andreas ist seit über 30 Jahren in und für die Kulturszene tätig.
Studium der Altphilologie, Englisch, Geschichte. Bis 2010 in verantwortlicher Position in der Kulturredaktion der Abendzeitung Nürnberg. 2003: Kulturpreis der Stadt Nürnberg für kulturjournalistische Arbeit und Mitarbeit an zahlreichen Publikationen.

 




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