Dem Egers sei Welt #76: Eine Frage

DIENSTAG, 3. DEZEMBER 2019

#Comedy, #Egersdörfer, #Kabarett, #Kolumne, #Kultur

Jetzt einmal angenommen, in Ihrem erweiterten Freundeskreis befände sich eine spezielle Freundin. Bei genauerer Überlegung wäre es vielleicht sinnhafter, diese Person als Ihre nähere Bekannte zu bezeichnen. Wenn Ihnen der behandelnde Arzt die Diagnose Magenkrebs mitgeteilt hätte, wäre diese Frau zwar nicht die erste Adresse, der man dies sofort mitteilen würde.

Andererseits handelte es sich bei ihr um eine Persönlichkeit, die Sie schon seit Jahrzehnten und durchaus gut kennen würden. Will sagen: Man hätte diese Person schon in Ausnahmesituationen erlebt, z.B. bei einer ausgelassenen Festivität, als diese stark angetrunken war und ihr Verhalten leicht in die Hemmungslosigkeit tendierte. Vielleicht ist es auch einmal vorgekommen, dass sie Ihnen etwas gesagt hat, das Sie kränkte. Im Nachgang hätte sie sich vielleicht dafür entschuldigt. Verzeihende Worte wurden gesprochen. Dennoch blieb vielleicht ein unangenehmer Nachgeschmack. Im Lauf der Zeit hätte sich der Nachgeschmack verflüchtigt. Unter Umständen hat man mit ihr schon einmal geküsst – in einer Laune, laute Musik, Alkohol. So etwas kann ja vorkommen. Sie wollte es nicht wiederholen. Man selbst wollte es nicht wiederholen. Es wäre lange her. Sie müssten sich selbst bemühen, sich zu erinnern. Vielleicht mag es auch gar nicht vorgekommen sein. Oder es wäre jemand anderes gewesen. Es wäre eine Freundin, mit der Sie etwa dreimal im Jahr telefonierten. Wenn Sie ihr auf der Straße begegnen würden, bliebe sie stehen und Sie erkundigten sich, wie es ihr ginge. Wenn diese Person vor einem stürbe und man erfährt davon, dass sie beerdigt wird, würde man selbstverständlich zur Beisetzung hingehen. Einem Handwerker, mit dem man am gleichen Tag einen Termin ausgemacht hätte, würde man absagen, zum Zahnarzt würde man auch nicht hingehen. Wenn man an dem Tag aber einen lukrativen Auftritt vereinbart hätte, würde man das nicht ausfallen lassen. Was ich meine ist im besten Sinne eine nähere Bekanntschaft.

Gesetzt dem Fall, Sie begegneten dieser Frau auf einer Vernissage und stellten fest: sie hat stark zugenommen. Sie schiebt urplötzlich ein rundes Bäuchlein vor sich her. Es könnte sein, dass sie schwanger ist. Die Frau hat unter Umständen seit einiger Zeit einen festen Freund, der ihr durchaus das Kind gemacht haben könnte. Das Fernsehprogramm könnte beide schon seit längerer Zeit angeödet haben. Die Bemühungen um die Zimmerpflanzen vermochte es nicht mehr, beider Leben vollständig auszufüllen. Sie und ihr Mann haben in unregelmäßigen Abständen Bilder von zeitgenössischen Künstlern erworben. Beide wünschten sich eine Person, der sie den Privatbesitz vererben könnten. Der Gedanke, dass die unselige Verwandtschaft alles an sich raffe, machte sie schier wahnsinnig.

Freilich kann man mit über 40 Jahren auch noch schwanger werden. Dennoch könnte es genauso gut sein, dass diese Frau in letzter Zeit angefangen hat übermäßig zu essen. Sie hat sich z.B. neulich kleine Biobretzeln in der Tüte gekauft. Ihr Freund war nicht daheim. Sie hat Unangenehmes erlebt. Sie reißt die Tüte auf und will drei Bretzeln essen. Sie isst fünf. Holt dann noch Butter aus dem Kühlschrank. Bestreicht weitere Bretzeln dick mit Butter. Isst immer weitere Bretzeln. Schmiert insgesamt ein halbes Pfund Butter auf nur wenige Bretzeln. Dann isst sie noch ein Knäckebrot. Knäckebrot macht nicht dick, denkt sie sich. Das Übermaß an Butter, das sie bereits vertilgt hat, wird ihr kaum bewusst. Sie schmiert sich keine Butter auf das Knäckebrot, sondern öffnet eine Dose mit Hering in Senfsauce, den sie auf das Knäckebrot legt. Es ist noch Hering in der Dose. Sie nimmt ein zweites Knäckebrot und isst den Rest von dem Fisch. Sie verkleckert den Tisch mit Senfsauce. Dann holt sie den feuchten Lappen aus der Spüle, um die Senfsauce aufzuwischen und entdeckt auf dem Herd in einem Topf kalte Nudeln vom Vortag. Sie kippt die Nudeln in einen tiefen Teller und schüttet Olivenöl drüber. Sie isst die öligen Nudeln im Stehen. Sie empfindet dies nicht als Nahrungsaufnahme, sondern als einen Akt des Aufräumens. Im Kühlschrank ist noch eine Flasche Eistee. Den trinkt sie auch noch. Der ist schwer gesüßt. Das sind ja auch alles Kalorien. Sie übersieht das. Der Freund ist zwei Wochen auf Montage bei einer Messebaufirma in Leipzig. Sie isst jeden Tag, weil sie allein nichts mit sich anzufangen weiß. Sie arbeitet freiberuflich. Wenn sie arbeitet, sitzt sie am Tisch vor dem Laptop. Sie treibt keinen Sport. Zumindest nicht regelmäßig. Es ist Herbst. Die Kalorien werden schlecht verarbeitet. Sie hat im Augenblick nichts zu tun. Sie frisst ununterbrochen. Da ist kein zweiter Mensch im Bauch. Sie hat sich einen Bauch angefressen. Bei ihr setzt sich alles in der Bauchgegend fest. Die dünnen Arme stehen ab. Langer, dünner Hals. Normale Backen. Fragt man so jemanden, von dem man genau weiß, dass sie zu gesteigerten Reaktionen neigt, ob diese sich in froher Erwartung befindet?

Wäre es nicht diplomatischer, wenn Sie sich nach dem allgemeinen Befinden und dem Freund erkundigen würden? Oder Sie sagen so etwas wie: Du machst auf mich einen rundum zufriedenen Eindruck. Warst Du im Urlaub? Du erscheinst so erholt und glücklich. Als ich Dich heute sah, habe ich mir die Frage gestellt: Wer ist nur diese gutaussehende Person? Erst beim zweiten Blick, als ich nämlich Dein Lachen gehört habe, wusste ich, dass Du es bist. Du wirkst auf  mich, als wärst Du bei Dir selbst angekommen, als würdest Du tief in Dir selbst ruhen. Bei mir weht der Wind aus einer anderen Richtung. Der Herbst trägt dazu bei, dass ich mir oftmals Gedanken mache. Ich neige, wie Du weißt, zum Grübeln. Das tut mir oft nicht gut. In dem Zusammenhang esse ich manchmal zu viel. Mit Hunger hat das in den seltensten Fällen etwas zu tun. Ich bin jetzt bald fünfzig. Ich habe immer noch nicht ein einziges Kind gezeugt. Manchmal gefällt mir der Gedanke, ein Kind zu haben. Ich habe mich auch schon bei dem Gedanken ertappt, einen Hund anzuschaffen. Aber der braucht seinen Auslauf. Ich selbst habe leider nur wenig Zeit und keinen Garten. Eine kleine Katze wäre auch schön. So gern würde ich eine kleine Katze streicheln. Aber ich habe leider eine schwere Katzenhaarallergie. Stellst Du Dir selbst ab und an die Frage, ob du gerne Kinder hättest?  

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DER DEZEMBER UND JANUAR MIT EGERS:
Am 18.12. liest der VORSTADTPRINZ aus seinem gleichnamigen Buch im Nürnberger Antiquariat (Buch Wein Caffé) Deuerlein. Wer diesen Prinzen verpasst hat, bekommt eine weitere Chance am 09.01. um 19 Uhr im Katzwanger Kakuze. Auch im Bewegtbild gibt es den doppelten Egers: Erst die KURZFILMNACHT MIT MATTHIAS EGERSDÖRFER am 11.12. ab 20:30 Uhr in den Lamm-Lichtspielen in Erlangen mit 100 Minuten kurzer Clips von und mit dem jungen und alten Egers und dann nochmal unter gleichem Titel, aber mit anderem Inhalt, am 21.12. um 19 Uhr beim 8. Kurzfilmtag im Nürnberger Filmhauskino/KunstKulturQuartier. MC Egersdörfer und Christiane Schleindl moderieren sich durch die bunte, schwarz-weiße, stumme und laute Welt internationaler und fränkischer Kurzfilme. Auch im Kino, aber nicht auf oder vor der Leinwand, findet man den Schauspieler Egersdörfer am 03.01. um 20 Uhr.  Als Ensemblemitglied der Theatergruppe Dreamteam – frischgebackene Kulturpreisträger der Stadt Nürnberg – steht er mit dem Stück NÜRNBERG FIRST – IN DER TRUHE LIEGT DIE KRAFT auf der Bühne im Nürnberger Cinecitta. Am 07.01. um 20 Uhr laden EGERSDÖRFER & ARTVERWANDTE auf der Kellerbühne im Erlangener E-Werk ein. Dann vielleicht mit den Heilig Drei Königen, aber ganz bestimmt mit Carmen und Bird Berlin und präsentiert von curt! Tickets online unter curt.reservix.de.
Noch mehr Infos und mehr Termine, nur weiter weg: egers.de.



 




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Was für ein nicht enden wollender Sommer das heuer gewesen ist. Bis in den Oktober hinein wurde ich immer dringlicher gemahnt: Genieße unbedingt den sonnigen Tag heute! Morgen kommt der Herbst, dann ist alles vorbei. Immer wieder habe ich mich in die Sonne gesetzt und habe die Sonne mit aller Kraft genossen bis zur Langeweile, bis zum vollständigen Überdruss. Das kommt daher, dass ich Befehle stets gewissenhaft und verlässlich ausführe. Da kann man sich einhundertprozentig auf mich verlassen. Meine Zuflüsterer taten immer so, als ob das Himmelgestirn im nächsten Moment unwiderbringlich explodieren würde und man sein Leben fürderhin in lammfellgefütterten Rollkragenpullovern, Thermohosen und grob gestrickten Fäustlingen verbringen müsste – in Zimmern, in denen die Heizung unentwegt auf drei gestellt ist. Aber es hat ja nicht aufgehört zu scheinen. Wenn ich an einem Tag genossen und genossen habe, hat der Leuchtkörper sein blödsinniges Leuchten am nächsten Tag keineswegs eingestellt. Die Dummköpfe aber haben es nicht unterlassen, weiterhin ihre Sonnengenussbefehle auf mich auszuschütten. Die Aufforderungen blieben keineswegs aus, sondern steigerten sich zur Unerträglichkeit. Wenn einer endlich einmal sein dummes Maul gehalten hat, dass ich mich unbedingt bestrahlen lassen muss, hat ein anderer damit angefangen, mich aufdringlich aufzufordern, mein Glück unter dem drögen Kauern unter dem aufdringlichen Glanz des leuchtenden Planeten zu finden. Noch Anfang November saß ich voller Wut auf der Straße und habe Kaffee getrunken und gehofft, dass mir die Sonne ein Loch in die Stirn schmort, dass den Schwachköpfen ihr blödsinniges Gerede leidtut und sie mich um Verzeihung bitten müssen. Die Sonne hat immer weitergeschienen wie ein Maschinengewehr, dem die Patronen nicht ausgehen.  >>
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