Tibors Kopfkino #10

FREITAG, 31. MAI 2019

#Film, #Kino, #Kolumne, #Tibor Baumann

Der Nürnberger Regisseur und Autor Tibor Baumann schnitzt am eignen Film und schmiedet am neuen Roman – und schreibt für uns über das, worüber er am liebsten nachdenkt: Über die Details des großen Kinos und das Große Ganze des kleinen Kults. Also, poliert die Komparsen und Hintergrund-Requisiten. Es kommt auf jede Kleinigkeit an. Und daher heute im Programm:

EIN KAFFEEBECHER IM BILD – MILCH DAZU?
ODER 300 KAFFEEKANNEN FÜR EINEN SCHUSS

Wir leben in unruhigen Zeiten, die schneller verfilmt werden, als wir bis 3 zählen können. Ich warte ja nur darauf, dass das Leben von Greta nächstes Jahr verfilmt wird – HER DAYS FOR FUTURE würde 2020 in die Kinos kommen und das Drama der in der Öffentlichkeit stehenden jungen Frau versuchen, auf den Punkt zu bringen. Und dabei natürlich die Perspektive der besorgten Erwachsenen einnehmen, die darüber debattieren, ob und wie Schulstreik Auswirkungen auf die Zensuren hat. Die riesige Fangemeinde – die sich darüber aufregt, dass Stromrationierung leider die Playstation und YouTube via Device toooootaaaaal einschränkt – die erklärt den Film dann schon vor Kinostart zum Kult.
Und gleichzeitig wird dann von einem total findigen und quirligen Mix-Up-Zitat-Artist auf augenzwinkernde Art der Actionkult der späten 80er und frühen 90er wieder aufgenommen. Mit LAST ACTION EXAM kommt ein sexy-ripped Held ins Kino, der gegen die unfairen Matheprüfungen kämpft. Zu recht! Aber kein Recht erfährt, weil er das Petitionssystem falsch versteht. So wird aus Action ein deutscher Melancholiefilm - underrated movie of the year.

Aber zu Petitionen kommen wir gleich noch mal.

Direkt gefolgt wäre dieser Megahit („Jetzt schon Kult“ – The New-York-Spiegel oder wer auch immer) von innovativen Arthaus-Genre-Remakes von METROPOLIS – THE FALLEN CITY. In einem wilden Genremix würde die deutsch-französische Mini-Serie endlich die Budgets noch weiter ausdehnen und das babyblonische Berlin verdrängen. Nach einem riesigen Hype wäre dann das beste Detail, das übrig bleibt, dass man sich Fritz Lang nicht mehr nur als einen erinnert, der zeigt, dass „wir“ ja auch große Filme gemacht haben und „das ja auch irgendwie erfunden haben“, sondern als das detailversessene Genie, das er war. Leider schafft es der Film nicht ins Kino, sondern wird nur kurz im Netz zur Verfügung stehen. Verleihprobleme … so verpassen viele das Ereignis. Manchmal ist es auch ganz gut, einen Hit einfach zu verpassen. Das erdet. Und vor allem schärft es die Sinne wieder. Für das, woraus sich die großen Kulte am Ende zusammensetzen.

Denn darum geht es: DETAILS.

Für BLADE RUNNER, der am 25. Juni 1982 in die US-Kinos kam, suchte der Regisseur Ridley Scott die richtige Kaffeekanne. Nicht, dass sie eine große Rolle gespielt hätte. Den meisten wird sie nur als platzendes Objekt in Erinnerung geblieben sein, als die Figur Leon, um nicht durch den „Voight-Kampff“-Test zu fallen und als Replikant entlarvt zu werden, auf sein Gegenüber schießt. Und dabei auch das futuristisch wirkende Gefäß (irgendwas zwischen Kaffee- und Thermoskanne) nebst Tasse durchlöchert. Angeblich ließ sich der angehende Kultregisseur (ob die das damals schon wussten?) knapp 300 Gefäße heranschaffen, bis er seinem verzweifelten Ausstatter sagte: „Okay, Dude – das ist es!“
Ob das genauso stimmt, ob Herr Scott gerne ‚Dude‘ sagte, und ob aus 30 nicht 300 wurden, ob es Zufall ist, dass die Rundungen der Kaffeekanne an das Innenleben des ALIEN (1979) Raumschiff „Nostromo“ erinnern, das bleibt ein Geheimnis der Filmgeschichte. Fakt ist aber: das Detail macht es aus.
Und Kaffee. Klar, wer wach ist und Überstunden ohne Ende machen kann – und das auch noch geil findet, weil er (s)eine Vision verfolgt, der ist im Filmbuisness. Da kann es dann schon mal passieren, dass der Kaffeebecher im Bild stehen bleibt. Was übrigens nicht halb so absurd ist, wie die Fans der hiermit referenzierten Serie, die per Petition dafür sorgen wollen, die letzte Staffel GAME OF THRONES neu schreiben und drehen zu lassen, weil sie diese so schlecht finden.

Da wären wir wieder bei dem Missverstädniss: Petitionen sind für den politischen Willen. Der Rest ist nur Entertainment. Cool bleiben, Kaffee trinken und ins Kino gehen ist wohl das Einzige, was hilft, nachdem man wählen war.

Von A wie „Alle meine Kaffeebecher“ bis Z wie „Zauberei ist noch lange keine Magie“ – Kult ist, was ihr aus den Details macht: Nachdem sich das Franchise rund um die X-MEN mittlerweile fast so drucheinander wie die DC Filme anfühlt (ja, Häresie!), kommt mit DARK PHÖNIX (R: Simon Kinberg, KS: 06.06) die Fortsetzung des Prequel-Reboots – nachdem aber der wunderbare LOGAN (2018) eigentlich alles abgeschlossen hatte. Egal. Es werden auf jeden Fall wieder Beziehungen und das jugendliche Gefühl, nicht dazu zu gehören, ausgehandelt.
Um komplizierte Relationen geht es auch in RAMEN SHOP (R: Eric Khoo, KS: 06.06.), in dem das Verhältnis zwischen Japan und Singapur/China anhand einer zarten Familiengeschichte verhandelt wird. Aber auch die wunderbare Kunst der Suppenküche; Essen als Sinnbild für den Menschen. Das Grundrecht des japanischen Films.
Um die Frage nach dem Recht geht es auch Frederik Gertten. PUSH – FÜR DAS GRUNDRECHT AUF WOHNEN setzt er schon im Titel seiner Doku ein klares Statement. Eines, das uns nicht nur auf und um, sondern auch auf die Straße treibt (KS: 06.06).  
Dokumentarisch, aber dann doch etwas absurder, geht es in WAR OF ART zu. In der Dokumentation werden einige Kunststudenten in ihrem Austausch nach Korea begleitet. Ob das nun das Regime oder die die westliche Angst vor dem isolierten Land freilegt, bleibt dann – wie der Kunstgeschmack selbst – im Auge des Betrachters (R: Tommy Gulliksen, KS: 06.06.)
Jim Jarmush meldet sich auch wieder zurück – und präsentiert seinen Film wie seine zombiistischen Protagonisten: langsam, ja zu fast zu spät kommend – und spaltet die Fangemeinde. Ob mit ihm der Beweis angetreten wird, dass im klassischen Arthaus-Autorenkino kein Platz für „Braaains!“-Eater ist, oder ob die weißhaarige Ikone dem Genre etwas Neues hinzuzufügen weiß, dass muss sich noch zeigen (KS: 13.06.).
Etwas Neues kommt mit O BEAUTIFUL NIGHT in jedem Fall. Die absurd-komische Geschichte um den von Todesangst geplagten Musiker, der auf eben jenen trifft (den Tod), ist deutsches Kino der anderen Art und hat nach seiner Berlinale-Premiere nun seinen Kinostart (20.06.).
Der herannahende Tod ist auch in Peter Jacksons Mammut-Postproduktionsprojekt spürbar: mit akribischstem Aufwand hat er Originalmaterial aus der Zeit um und aus dem 1. Weltkrieg restaurieren und colorieren lassen. Zusätzlich wurde mit hohem Aufwand den Menschen und der Umgebung ihre Stimme zurückgegeben. Plötzlich wird aus einem ruckelndem, meist stummen bzw. unverständlichen und damit oft so entrückt wirkenden Moment der Geschichte, ein greifbares, eingängiges Ereignis. Wie viel Hollywood und wie viel Authentizität in THEY SHALL NOT GROW OLD liegt, muss und kann dann im Kino noch entschieden werden, schmälert aber die Tragweite des Experimentes keineswegs (KS: 27.06.).
Ebenfalls historisch nimmt sich die ungewöhnliche Mini-Serie von HBO und Sky aus: Die von Craig Manzin kreierte Serie CHERNOBYL zeigt, welches Potenzial im seriellen Erzählen liegen kann. Die dramatisierten Ereignisse um den dramatischen „Zwischenfall“ im titelgebenden Ort des Atommeilers in Russland ist dabei detailfreudig und trotzdem keine Dokumentation, also offen darauf aus, mit der düsteren Macht, die der Mensch da so ganz ohne Pandora entfesselt hat, zu unterhalten. Letztlich dramatisieren wir immer nur unsere eigenen Katastrophen und suchen das Selbstzitat. Und feiern damit uns selbst.

Apropos feiern: Der oben erwähnte ALIEN wird 40 – das feiert für und mit uns das KOMMKINO mit einer großartigen Idee, denn in den folgenden Jahren entstanden von dem großen Machwerk inspirierte B-Movies. Nicht immer perfekt, aber doch immer wieder erstaunlich innovativ und in manchen Fällen sogar das Franchise voraus ahnend. Zwei Perlen der Filmgeschichte sind zu bewundern:
Am 13. Juni ASTARON-BRUT DES SCHRECKENS (1980, R: Luigi Cozzi) und am
14. Juni SAMEN DES BÖSEN (1981; R: Norman J. Warren).  

Wer keine Lust auf „drinne“ und „zuhause“ hat, oder bereits klaustrophobisch ist, kann noch bis zum 9. Juni auf die MITTELMEER FILMTAGE des Mobilen Kinos gehen. Ein gewisser Kolumnist wies darauf schon letzten Monat mit den Worten hin: „… Frühlingsgefühl und Sommerhitze … Die Filme aus und um den Mittelmeerraum flimmern für euch wie gewohnt ab Dunkelheit über die Leinwand und entführen mit Sonnengelb und Azurblau.“
Wem das Drama zu lange währt und das Mittelmeer zu weit ist, dem bleiben dann immer noch die „Short Attack: Ruf der Wildnis“ im Casablanca Filmkunsttheater. Zehn ausgewählte Filme aus unterschiedlichster Art suchen in 9 Minuten ihren eigenen Zugang zu den bewegten Bildern, die die Welt bedeuten. Aber wie wird daraus Kult? Und wann ist der Kaffeebecher, also der Fehler, wichtiger als das Werk drum herum?

Am Ende bleibt nur, detailversessen und verliebt in den Kult zu bleiben.

www.tiborbaumann.de

 




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