Dem Egers sei Welt #71: Der Keller

MITTWOCH, 3. APRIL 2019

#Comedy, #Egersdörfer, #Kabarett, #Kolumne, #Kultur

Thoralf hatte so große Backenbärte, dass sich darin mühelos zwei kleine Katzen verstecken konnten. Zwischen den maisgelben Büscheln wuchsen vereinzelt auch schon ein paar graue Haare. Er machte gerade eine emotionale Diät. Er schränkte größere Gefühlsausbrüche bewusst ein, bis nur noch eine schwache Regung übrigblieb. Sein Temperament glich einer Untertasse, die in einer Vitrine eines Heimatmuseums während der dreimonatigen Sommerferien stand.

Stumm und ernst nahm er Nachrichten über Unglücke und Katastrophen aus dem Fernsehen zur Kenntnis. Er achtete darauf,  dass er regelmäßig ein- und ausatmete, während auf dem Bildschirm z.B. Menschen vor Häusern standen, die eine Sturmflut in kleine Stücke gerissen hatte. Während der Meldung über den Tod eines Künstlers aus dem Radio fixierte er den Henkel einer weißen Tasse und betrachtete die geschwungene Linie. Thoralf dachte an ein Buch mit Bildern, die der nun Verstorbene gemalt hatte. Das Buch befand sich im Bücherschrank zwischen anderen Kunstbänden. Auf allen Büchern befand sich Staub. Thoralf betrachtete den Staub. Während ihm heißes Wasser über die Finger lief, konzentrierte er sich, durch die Nase ein- und auszuatmen und presste die Lippen stark zusammen. Dann ging er aus dem kleinen Haus zum kleinen Laden am Ende der Straße, in dem er beabsichtigte, einen grünen Beutel mit Brennnesselblättern zu kaufen. Durch ein weinendes Kind, das auf dem Gehsteig vor dem Holzzaun seines verwilderten Gartens stand und dem Rotz aus der Nase lief, schaute er hindurch, als wäre es aus Dunst. Die alte Dame, die an der Kasse in dem kleinen Laden saß, berührte mit ihrer faltigen, blaugeäderten Hand seine Hand. Er konzentriert sich dabei auf den Temperaturunterschied der Gliedmaßen und stellt sich die ramponierte und quietschende Herzpumpe der Frau vor, die das lauwarm abgestandene Blut nur langsam und stockend durch die Adern pumpte. Die Sonne war für ihn ein Gestirn am Himmel. Gott war eine unhaltbare Begrifflichkeit. Liebe war ein Wort mit fünf Buchstaben. Dübel war ein anderes Wort.
Astrid saß am Küchentisch mit geschlossenen Augen und ließ sie sich die Sonne auf die Backen scheinen und atmete die warme Luft mit Genuss in ihre lange Nase, auf der sich eine runde Brille mit hellbraunem Gestell befand. Sie öffnete das rechte Auge, anschließend das linke. Ganz bedächtig drehte sie die Kappe vom schwarzen Füllfederhalter. Dann schrieb sie mit blauer Tinte auf ein Stück Papier: Um halb zwei kommt der Briefträger. Danach wird’s wieder ruhiger. Nachdem sie den Satz geschrieben hatte, legte sie den Füller auf den Küchentisch und schaute von oben auf den Cappuccino in der blauen Tasse. Konzentriert beobachtete sie, wie die Blasen im Milchschaum platzten. Mit zwei Fingern nahm sie die rote Haarsträhne und legte sie sanft hinter das kleine Ohr. Dann bewegte sie ganz sachte das Hörorgan über den getöpferten Becher und versuchte das Geräusch im Schaum zu hören. So nah bewegte sie ihr Ohr in die Tasse, dass der Schaum kleben blieb. Sie lachte wie ein kleines behaartes Tier und tupfte sich mit dem Zeigefinger die Milch vom kleinen, angewachsenen Ohrläppchen.

Immer wenn Norman einen Raum betrat, fragte er sogleich, ob es ein Zugang zum W-LAN gäbe und ob er das Kennwort erfahren könne. Wenn er lief und für einen Moment zum Stehen kam, holte er sofort sein Handy hervor und schaute auf das Display und las entweder etwas oder betrachtete eine Abbildung. Fuhr er mit dem Zug und hatte einen Sitzplatz gefunden, nahm er sofort, nachdem er seine Jacke aufgehängt hatte, seinen Rechner heraus und suchte eine Steckdose. Wenn er über Orte und Länder sprach, die er besucht hatte, ließ er sich lange und ausführlich über die Stärke des lokalen Funknetzes aus. Wurde in einem Gespräch eine ihm neue Begrifflichkeit genannt oder entstand eine Unklarheit über den Aspekt eines Themas, recherchierte er sogleich entweder im Handy oder Notebook. Erzählte man ihm von einem Sachverhalt oder beispielsweise von einem Phänomen aus Kultur, Geschichte, Musik oder Kunst, konnte man sicher sein, dass er zu dieser Angelegenheit zeitnah in seinen elektronischen Geräten Weiterführendes in Erfahrung brachte. Er ließ gleich im Anschluss seiner Forschungstätigkeit dem Gegenüber per Email einen oder mehrere Hinweise auf Seiten im Internet zukommen, auf denen dieSachlage eingehend beleuchtet wurde. Wäre ein Künstler mit der Aufgabe betraut worden, von Norman ein Portrait zu malen, würde er ihn vermutlich mit leicht angewinkelt vorgestreckter rechter Hand darstellen, in dem er das Smartphone hielt. Die Finger der linken Hand machten eine Eingabe, während sein Blick auf dem Display ruhte, als wäre vor ihm die Bundeslade geöffnet worden.

Astrid hatte ihre Sachen in den alten weißen Bus gepackt und schlug dreimal hintereinander kräftig die Tür zu. Dann stieg sie vorne ein und fuhr über schmale Landstraßen zu Thoralf. Sie hupte dreimal vor dem kleinen Haus. Thoralf trat heraus und sperrte die Haustür ab. Dann umarmte er die rothaarige Frau mit den kleinen Ohren. Zusammen stellten sie sein Zeug auf die Ladefläche. Astrid schlug dreimal hintereinander kräftig die Tür zu und fuhr weiter. Norman stand schon an der Straße, als Astrid den Bus direkt vor ihm zum Halten brachte.Er umarmte Astrid und hob sie dabei ein kleines Stück in die Luft. Thoralf umarmte Norman und hob ihn an, dass seine Füße für einen Augenblick den Kontakt zum Erdboden verloren. Zu dritt verstauten sie Normans Gepäck. Astrid schlug zweimal hintereinander die Bustür zu. Sie brauchten knapp zwei Stunden, bis sie die Stadt erreicht hatten. Norman klopfte an der Tür. Kurze Zeit später öffnete ein mürrisch blickender Mann. Als er Norman sah, erlaubte er sich ein kurzes Lächeln. Schnell luden sie die Sachen vom Bus in den Keller. Sie holten die Instrumente aus den Koffern. Astrid und Thoralf versorgten die Geräte mit Strom. Norman schraubte. Der Mann, der nur selten lachte, drehte an den Knöpfen und pfiff kurz. Astrid, Thoralf und Norman verschwanden hinter der Metalltür. Thoralf hatte sich in kurzem Abstand vor die graue Kellerwand gesetzt und betrachte die Spuren der Zeit. Hinter der Wand begann ein leises Gemurmel, das sich allmählich steigerte. Astrid lag mit geschlossenen Augen auf dem Boden. Norman schaute kurz auf sein Handy. Dann schaltete er das Gerät stumm. Die drei umarmten sich. Dann öffneten sie die Metalltür und gingen auf die Bühne.

Astrid ließ ihre elektrische Gitarre kurz aufheulen.Thoralf fing schon an, mit seinem Bass loszulaufen. Norman klopfte mit seinen Schlagstöcken breite Stufen in ein unendliches Gebirge aus Wolken. Sie suchten sich erst im Rhythmus und Klang und als sie sich fanden, flatterten die Hosen im Publikum, als würden Engel daran ziehen. Astrids Stimme war die einer Sirene im tosenden Meer. Ihre Gitarre zersägte den Planeten. Glühendes Gold floss hervor und spritzte in alle Richtungen. Das Trio ging auf die Menge los. Das Publikum drückte dagegen. Thoralf trieb einen Dackel aus seinem Verstärker. Norman ließ das Tier auf den kleinen Beinen laufen. Astrid schließlich dehnte den Hund, bis er so lang war wie ein Fußballfeld mit unendlich vielen Beinen. Die Wände des Kellers und jeder Zweifel waren weggeschmolzen. Groll kam abhanden. Ein Schweißtropfen verwandelte sich in eine Perle und rollte unter die Bühne.


DER APRIL MIT EGERS! Endlich wieder EGERSDÖRFER & ARTVERWANDTE am 12.04. auf der Kellerbühne im E-Werk Erlangen. Natürlich präsentiert von curt! Davor tourt er „aweng“ mit seiner Boy-Band FAST ZU FÜRTH durch die Region, z.B. ins Nürnberger Trocadero (03.04.), ins Altdorfer Wichernhaus (04.04.) oder in den Fürther Kunstkeller 027 (07.04.). Ins JUZ nach Eckental nimmt er seine Carmen mit zu CARMEN ODER DIE TRAURIGKEIT DER LETZTEN JAHRE (26.04.). Im März hat der Schönschreiberling Egersdörfer seinen autobiografischen Debütroman herausgebracht. Aus VORSTADTPRINZ wird unser Prinz am 10.04. im Literaturhaus Nürnberg und am 30.04. in der Fürther Buchhandlung Edelmann vorlesen. Mehr Infos: egers.de




 




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Was für ein nicht enden wollender Sommer das heuer gewesen ist. Bis in den Oktober hinein wurde ich immer dringlicher gemahnt: Genieße unbedingt den sonnigen Tag heute! Morgen kommt der Herbst, dann ist alles vorbei. Immer wieder habe ich mich in die Sonne gesetzt und habe die Sonne mit aller Kraft genossen bis zur Langeweile, bis zum vollständigen Überdruss. Das kommt daher, dass ich Befehle stets gewissenhaft und verlässlich ausführe. Da kann man sich einhundertprozentig auf mich verlassen. Meine Zuflüsterer taten immer so, als ob das Himmelgestirn im nächsten Moment unwiderbringlich explodieren würde und man sein Leben fürderhin in lammfellgefütterten Rollkragenpullovern, Thermohosen und grob gestrickten Fäustlingen verbringen müsste – in Zimmern, in denen die Heizung unentwegt auf drei gestellt ist. Aber es hat ja nicht aufgehört zu scheinen. Wenn ich an einem Tag genossen und genossen habe, hat der Leuchtkörper sein blödsinniges Leuchten am nächsten Tag keineswegs eingestellt. Die Dummköpfe aber haben es nicht unterlassen, weiterhin ihre Sonnengenussbefehle auf mich auszuschütten. Die Aufforderungen blieben keineswegs aus, sondern steigerten sich zur Unerträglichkeit. Wenn einer endlich einmal sein dummes Maul gehalten hat, dass ich mich unbedingt bestrahlen lassen muss, hat ein anderer damit angefangen, mich aufdringlich aufzufordern, mein Glück unter dem drögen Kauern unter dem aufdringlichen Glanz des leuchtenden Planeten zu finden. Noch Anfang November saß ich voller Wut auf der Straße und habe Kaffee getrunken und gehofft, dass mir die Sonne ein Loch in die Stirn schmort, dass den Schwachköpfen ihr blödsinniges Gerede leidtut und sie mich um Verzeihung bitten müssen. Die Sonne hat immer weitergeschienen wie ein Maschinengewehr, dem die Patronen nicht ausgehen.  >>