Dem Egers sei Welt #59: Die Siedlung

MITTWOCH, 27. SEPTEMBER 2017

#Comedy, #Egersdörfer, #Kabarett, #Kolumne

Am Rand der Stadt war der kleine Hügel. Von dort aus konnte man auf die Stadt hinunterblicken. Von dort sah man die Kirchturmspitze, die Fabrik und nachts unterm Sternenhimmel konnte man vage Gedanken über die Unendlichkeit sagen. Aber besser wäre es gewesen, man hätte nichts gesagt.

Einmal im Jahr mussten sich die Kinder braune Strumpfhosen und Filzwestchen über gelbe, kratzige Rollkragenpullover anziehen und durch die ganze Stadt auf den Hügel hinauf laufen. Am Straßenrand standen vereinzelt alte Menschen, die als Kinder selber in braunen Strumpfhosen, Filzwestchen und kratzigen Rollkragenpullovern durch die ganze Stadt auf den Hügel hinauf gelaufen waren, und lachten jetzt die Kinder in den Strumpfhosen aus, die an ihnen vorbei liefen. Auf der anderen Seite vom Hügel konnte das Kind im Winter, wenn es geschneit hatte, mit dem Schlitten den Hang hinunter fahren. Manchmal fuhr das Kind über einen Huppel und flog dann für einen kurzen Moment durch die Luft. Wenn der Schlitten wieder aufkam, bekam das Kind einen schmerzhaften Stoß ins Gesäß. Wenn sich das Kind drei Mal das Gesäß gestoßen hatte, mochte es nicht noch einmal mit dem Schlitten den Hügel hinunterfahren. Dann gingen die Eltern mit dem Kind heim.

Hinter dem Hügel führte eine Straße hinunter. Links von der Straße standen die Hochhäuser, rechts davon war eine Wiese. Dann ging es wieder hinauf in die Siedlung. Die höheren Töchter aus der Stadt kamen nur einmal im Leben in die Siedlung, und zwar, wenn sie mit ihrem Fahrlehrer „Anfahren am Berg“ üben mussten. Denn die Straße, die in die Siedlung führte, ging ziemlich steil nach oben. Hinter der Siedlung fing der Wald an. Im Wald war eine Schlucht. Ein bitterer Bach floss da. Ein Baum war umgefallen. Manchmal fuhren Jugendliche auf Mopeds zu der Stelle, wo der Baum umgefallen war, und rauchten Filterzigaretten und tranken Dosenbier. Als Kind bin ich einmal mit dem Vater durch die Schlucht gegangen und habe die Spuren von den Mopedreifen im Sand, die Zigarettenstummel und die leeren Bierdosen gesehen.

Die Häuser der Siedlung waren klein. Die Siedler hatten sie selbst gebaut. Wenn die Siedler ein Kind bekommen hatten, wurde ein Zimmer an das Haus drangebaut. Vor jedem der Siedlungshäuser hinter den Jägerzäunen oder den Zäunen aus Metall befanden sich kleine Rasenflächen. Obwohl die Rasenfläche nicht groß war, besaß jeder Siedler einen eigenen Motorrasenmäher. Statt einer Rasenfläche konnte ein Siedler auch einen Steingarten mit Springbrunnen haben. Wenn man an manchen der hölzernen Jäger- oder buntlackierten Metallzäune vorüber ging, rannte dahinter der Hund des Siedlers und bellte hysterisch. Am Samstag Mittag im Sommer kochte die Frau in der Siedlung in der Kittelschürze Kohl, während der Mann im weißen Unterhemd auf dem Balkon saß, rauchte und dabei Radio hörte. Am Sonntag im Winter kochte die Frau Gulasch, und der Mann trug über dem weißen Unterhemd einen gestreiften Bademantel, rauchte und schaute sich im Fernsehen den „Internationalen Frühschoppen“ an.

Einmal habe ich den Markus aus der Siedlung zu meinem Geburtstag eingeladen. Er hatte blonde Locken und lachte mit offenem Mund und man konnte dann alle seine zahlreichen, kleinen Zähne sehen. Er brachte mir in Anzahl und Art sehr rätselhafte Geschenke mit. Soweit ich mich noch erinnern kann, bestanden die Gaben aus einem Federmäppchen mit Stiften, Wollsocken, einer Limonade und zwei Tafeln Schokolade. Außerdem hatte er eine Glückwunschkarte erworben und ausführlich beschrieben. Meine Eltern und ich waren von den Geschenken überfordert.

Ein anderes Kind aus der Siedlung war Roland. Der hatte gute Kontakte zum Kino in der Stadt. Am Wochenende schaute er sich immer Filme an, die zum Teil nicht jugendfrei waren. Am Montag in der ersten Pause bildete sich ein dichter Kreis aus Jungen um Roland, der dann erzählte, was er gesehen hatte. Ohne größere Schwierigkeiten konnten wir seinen Berichten über Söldnereinsätze im Dschungel folgen. Besonders erstaunlich war dabei seine Schilderung, dass einem Soldaten in den Bauch geschossen wurde und sein Blut daraufhin sogar auf die Kameralinse gespritzt war. Rolands besonderes Interesse galt Kung-Fu-Filmen. Neben den Ausführungen von Roland wurden unter seiner Regie die Schlüsselszenen praktisch nachgestellt. Er instruierte uns und wir führten dann Bewegungen aus, auf die er reagierte. Von Sprüngen durch die Luft berichtete er mit Worten. Kombinationen von Schlägen und Tritten stellten wir gemeinsam nach. Schier unfassbar waren seine Ausführungen über Nonnenfilme. Die peitschten sich laut Roland, bis Blut spritzte, dann liebkosten sie sich gegenseitig und verknoteten sich auch noch grunzend mit Männern. Wir befragten Roland zu den Beweggründen der Nonnen. Es war vergeblich. Denn im Eifer, der sich beim Nacherzählen einstellte, war es Roland nicht möglich, eine weiterführende Erklärung abzugeben. Die Nonnen und ihr rätselhaftes Verhalten blieben ein Geheimnis.


UND WAS MACHT EGERS SONST SO IM OKTOBER?
Nach der sehr langen Sommerpause kehrt Meister Müßiggang wieder ins Rampenlicht zurück. „Ein Ding der Unmöglichkeit“ sagt Ihr? Genau! Denn der Künstler war nicht müßig, sondern fleißig beim Tatort und hat an seinem neuen Programm gearbeitet. Das heißt auch Ein Ding der Unmöglichkeit und wird im Kunst & Kurhaus Katana (07.10., Nbg), der Galerie Bernsteinzimmer (08.10., Nbg) und im Babylonkino (09.10., Fürth) als Vorschau sicht- und hörbar sein. Am 10. Oktober gibt es auch wieder ein Egersdörfer & Artverwandte im Künstlerhaus Nürnberg, wie immer präsentiert von curt!
Noch mehr Egers unter www.egers.de.




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Was für ein nicht enden wollender Sommer das heuer gewesen ist. Bis in den Oktober hinein wurde ich immer dringlicher gemahnt: Genieße unbedingt den sonnigen Tag heute! Morgen kommt der Herbst, dann ist alles vorbei. Immer wieder habe ich mich in die Sonne gesetzt und habe die Sonne mit aller Kraft genossen bis zur Langeweile, bis zum vollständigen Überdruss. Das kommt daher, dass ich Befehle stets gewissenhaft und verlässlich ausführe. Da kann man sich einhundertprozentig auf mich verlassen. Meine Zuflüsterer taten immer so, als ob das Himmelgestirn im nächsten Moment unwiderbringlich explodieren würde und man sein Leben fürderhin in lammfellgefütterten Rollkragenpullovern, Thermohosen und grob gestrickten Fäustlingen verbringen müsste – in Zimmern, in denen die Heizung unentwegt auf drei gestellt ist. Aber es hat ja nicht aufgehört zu scheinen. Wenn ich an einem Tag genossen und genossen habe, hat der Leuchtkörper sein blödsinniges Leuchten am nächsten Tag keineswegs eingestellt. Die Dummköpfe aber haben es nicht unterlassen, weiterhin ihre Sonnengenussbefehle auf mich auszuschütten. Die Aufforderungen blieben keineswegs aus, sondern steigerten sich zur Unerträglichkeit. Wenn einer endlich einmal sein dummes Maul gehalten hat, dass ich mich unbedingt bestrahlen lassen muss, hat ein anderer damit angefangen, mich aufdringlich aufzufordern, mein Glück unter dem drögen Kauern unter dem aufdringlichen Glanz des leuchtenden Planeten zu finden. Noch Anfang November saß ich voller Wut auf der Straße und habe Kaffee getrunken und gehofft, dass mir die Sonne ein Loch in die Stirn schmort, dass den Schwachköpfen ihr blödsinniges Gerede leidtut und sie mich um Verzeihung bitten müssen. Die Sonne hat immer weitergeschienen wie ein Maschinengewehr, dem die Patronen nicht ausgehen.  >>
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