Filmhaus: Die bunten Chaostage des Films
#Fimhaus, #Kino
9x90s: Neun Filme der Neunziger zeigt das Filmhaus Nürnberg im August – neun moderne Klassiker, die zur Wiederentdeckung einladen und eine Ära wiederbeleben, die unsere Gegenwart entscheidend prägt; auch, aber längst nicht nur aufgrund der allgegenwärtigen 90er-Nostalgie. Die 1990er waren, wissen wir heute, weder das Ende der Geschichte noch das Ende der Filmgeschichte. Eher waren sie, aufs Kino bezogen, ein neuer Anfang; oder vielleicht ein Scharnier, das die noch halbwegs überschaubaren 1970er und 1980er, die von einem Gegensatz zwischen Autorenkino und Mainstream geprägt waren, mit der sehr viel komplexeren Bewegtbildgegenwart verbindet.
In den 1990ern werden Grenzen porös und Vieles gerät in eine kreative Unordnung. In Hollywood fand schwarzes und queeres Kino seinen Weg in den Mainstream; in Europa drängte eine neue Generation von Regisseur:innen auf die Leinwand, die nach Bildern für eine globalisierte Welt suchte; auf internationaler Ebene machte insbesondere das asiatische Kino vehement auf sich aufmerksam. Zum Beispiel Comrades: Almost a Love Story (1996), eines der schönsten Melodramen der 1990er. Zwischen Hongkong und New York spannt Regisseur Peter Chan seine Liebesgeschichte auf, die von zwei verlorenen Seelen im Großstadtdschungel erzählt; und vom fast schon außerweltlichen Glück, das in Zufallsbegegnungen liegen kann.
Auch Claire Denis’ Beau Travail (1999), ein Meisterwerk des postkolonialen Kinos, erzählt von entwurzelten Menschen, die in der Fremde Halt finden. Der enigmatische, weitgehend dialogfreie Film folgt einem französischen Fremdenlegionär, der sich in Djibouti in einem Netz aus Gewalt und (homo-)erotischen Begehren verstrickt. Am Ende steht eine der intensivsten Tanzszenen der 1990er.
Hollywood wiederum ist unter anderem mit Kathryn Bigelows Science-Fiction-Thriller Strange Days (1995) vertreten. Der fiebrige, bildgewaltige Film greift die Y2K-Panik der 1990er auf und spielt in den letzten Stunden des alten sowie den ersten Minuten des neuen Jahrtausends. Bigelow verbindet politische Bezüge unter anderem auf die LA-Riots des Jahres 1992 mit Cyberpunk-Motiven und rasanten Actionszenen. Bunter und energetischer waren die Nineties selten.
Hangout-Romanze
Das Neunzigerjahrekino insbesondere aus Hongkong ist auch ein wichtiger Einfluss für einen unserer Neustarts im August. Roderick Warichs Funeral Casino Blues ist ein Unikum: Der Film eines deutschen Regisseurs, der nicht nur komplett in Thailand gedreht ist – sondern sich auch anfühlt wie ein thailändischer Film.
Im Zentrum stehen die junge Jen, die in Bangkok als Sexarbeiterin Geld verdient, um ihre Familie auf dem Land zu ernähren, sowie Wason, ein spielsüchtiger Drifter, der zu ihrem Schutzengel wird. Wie einst in Wong Kar-Wais Chungking Express gleiten wir mit zwei verlorenen Seelen geschmeidig durch die von Neonlichtern illuminierte Großstadtnacht. Zwischen Billardsalons und Motorradtouren entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte, die ein jähes Ende findet, als Jen plötzlich spurlos aus Bangkok verschwindet.
Funeral Casino Blues, der letztes Jahr auf den Filmfestspielen Venedig Premiere feierte, ist selbst ein Drifter von einem Film, mal eine entspannte Hangout-Romanze, mal am Film Noir geschulter urbaner Thriller – und gelegentlich sogar ein waschechter Geisterfilm. Ein Film, der meilenweit entfernt ist von einem eurozentrischen Blick auf die Welt und der dem deutschen Kino nicht nur deshalb neue Perspektiven eröffnet.
Intelligente Schlüpfrigkeit
Im September wiederum kann man im Filmhaus einen vergessenen Meister des klassischen Hollywood-Kinos entdecken. Rouben Mamoulian war vor allem von den 1930ern bis in die 1950er aktiv und drehte vorwiegend Komödien und Musicals – mit den größten Stars seiner Zeit. Filme wie Königin Christine (1933) mit Greta Garbo oder Schönste, liebe mich (1932) mit Maurice Chevalier verbinden inszenatorische Eleganz mit intelligenter Schlüpfrigkeit; von dem rigiden Moralismus, der das Hollywoodkino ab Mitte der 1930er weitgehend im Griff hatte, wollte Mamoulian nichts wissen.
Auch seine Verfilmung von Dr. Jekyll und Mr. Hyde aus dem Jahr 1931 brach seinerzeit Tabus und gilt heute für viele als die beste Verfilmung der Novelle Robert Louis Stevensons. Mamoulians Kino tritt immer wieder den Beweis an, dass Unterhaltungskino in den richtigen Händen zu echter Kunst werden kann.
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Filmhaus Nürnberg
Im Künstlerhaus, Nbg.
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