Theater: Friss, Vögel oder stirb!

DIENSTAG, 10. OKTOBER 2023, STAATSTHEATER

#Schauspiel, #Schauspielhaus, #Theater, #Theaterempfehlung, #Theaterrezension

Das Nürnberger Schauspielhaus startet überzeugend mit „ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM“ und „Jahre mit Martha“ in die Saison.

Bericht von Andreas Radlmaier

Weil Nürnbergs Schauspielchef Jan Philipp Gloger in Wien mit seinem Burgtheater-Debüt beschäftigt war (und für „Nebenwirkungen“ wohlwollende Medien-Reaktionen sammeln konnte), überließ er den Saison-Start am eigenen Haus hoch gelobten Regie-Aufsteigerinnen. Mit glücklichem Händchen. Julia Hölscher inszenierte die schlanke Uraufführung der Roman-Adaption „Jahre mit Martha“ in den Kammerspielen als behutsames Beziehungsdreieck zwischen menschlicher Nähe und sozialen Hürden. Rieke Süßkow lässt „ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM“ des „Fäkaliendramatikers“ Werner Schwab im großen Haus eindrucksvoll und überzeugend als Höllenspiel auf grimmigem Untergangshumor und pointiertem Schaubuden-Trash balancieren. Jeweils etwa 75, pausenlose Minuten dauern die beiden Inszenierungen. Zeitenwende? Zufall? Egal! Das Premierenpublikum quittierte das Erlebte jedenfalls mit großem Applaus.

In der Bühnenversion des preisgekrönten Romans „Jahre mit Martha“ von Martin Kordić verläuft die Barriere, der sich der junge Zeliko Drazenko Kovačević als Einwandererkind in Deutschland ausgesetzt sieht, quer durch sein Leben und auf der Bühne. Das bestimmende Requisit ist Grenze und Rückzugsort, trennt und wird überwunden. Die Lebensträume des bildungshungrigen Zeliko (überzeugender Einstand im Nürnberger Ensemble: Luca Rosendahl), der es zum Literaturstudium  schafft, enden in der einstigen Berufsprognose: als Gärtner im verzweifelt ausgekipptem Heimatboden. Die Sehnsucht nach Chancen und Liebe durchwehen die Coming-of-Age-Geschichte. Julia Hölscher bindet die zarte und ungleiche Beziehung zwischen dem jungen Zeliko und der einsamen Professorin (Ulrike Arnold), die Abhängigkeiten vom Uni-Professor (Thorsten Danner), die Kindheitsfetzen und Glücksmomente in vermeintlich beiläufige Bilder und Gesten ein. Aber sie bleiben haften.

„Wir sind immer fröhlich, haha“ ruft eine der „göttlichen Idioten“ als letzten, galligen Satz des unterleibsfixierten Panoptikums der Hoffnungslosen ins Publikum. Da ist die Hoffnung auf eine Kehrtwende, auf ein besseres Leben längst verflogen. Kein Wunder, „das Glück ist ausgewandert“, sagt einer der Beisl-Gäste irgendwann. Die Desillusion, die Verzweiflung, die Gewalt dreht sich in der Endlosschleife des Daseins. Haha. Friss, vögel oder stirb.
Eine Automatenwelt des Schauderns voller gescheiterter Existenzen tut sich auf für die Zuschauer. Grell, schamlos, asozial. Eingeklemmt zwischen einem aufgebocktem Guckkasten-Rahmen aus schwarzwulstigen, vernieteten  Lippen (oder sind es Schamlippen?) agieren im starken Bühnenbild von Mirjam Stängl die Menschlein aus dem Schwab-Kosmos wie programmierte Marionetten aus dem mechanischen Theater. Benzinkanister-große Bierkrüge rattern ebenso aus dem Guckkasten wie dildohafte Würste und Porno-Münzen (Sound:  Phlipp C. Mayer). Es knacken die Knochen, blinkern die Freispiele und schmatzen die Begierden. Es geht ums Fressen und Ficken im Niemandsland der Herzensbildung. Eine Voyeurs-Welt tut sich auf, wo das adrett glitzernde. „schöne Paar“ aus dem Oberhaus stellvertretend für die faszinierte Bürgerlichkeit auf die Unterschichten-Entgleisungen der Insichgefangenen schaut. Aber aufgeben ist nicht: Wie Stehaufmännchen und -frauchen federn Fotzi, Schweindi, Hasi und die anderen in ihren Latex-Maskeraden nach jedem Niederschlag wieder vom Trampolin in die ursprüngliche Underdog-Position. Und die Wirtin säugt beim „europäischem Abendmahl“ mit abnehmbaren Brüsten die Lust auf Europa, das Reisen und Veränderung. Das Paradies, das wäre was.

Rieke Süßkow, die Nachwuchsregisseurin des Jahres 2023, formt das hoch disziplinierte, maskierte Ensemble (Julia Bartolome, Soheil Boroumand, Joshua Kliefert, Katharina Kurschat, Matthias Luckey, Pola Jane O' Mara, Elina Schkolnik, Sascha Tuxhorn, Sasha Weis) zu einer famosen Slapstick-Gemeinschaft hinter entblößten Sex-Puppen-Leibern. Der nackte Wahnsinn hat Witz und Drive und ist unerbittlich durchdacht. Dass die drastische Vorlage des frühzeitig verstorbenen Werner Schwab mit seinem unverwechselbaren Sprachduktus, der das Vulgäre im lyrischen Rhythmus auflädt, auch nach 30 Jahren frei von Alterserscheinungen ist, ist erstaunlich und beunruhigend zugleich. Ein fesselnder und sehenswerter Abgrundkurs auf der Höhe der Zeit. In der versichert sich das Nürnberger Staatstheater weiterhin gängiger Geschmacksgrenzen und sieht eine Altersgrenze „ab 18 Jahren“ vor. Vorsicht ist besser als Nachsicht.

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Weitere Termine für „Jahre mit Martha“
Sa, 14.10.2023, 19.30 Uhr
Sa, 21.10.2023, 19.30 Uhr
Sa, 11.11.2023, 19.30 Uhr
Sa, 09.12.2023, 19.30 Uhr
Mi, 20.12.2023, 19.30 Uhr
So, 10.03.2023, 19.00 Uhr
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Weitere Aufführungen von „ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM“
Sa., 14.10.2023, 19.30 Uhr
Sa., 21.10.2023, 19.30 Uhr
So., 05.11.2023, 19.00 Uhr
Sa., 11.11.2023, 19.30 Uhr
Do., 16.11.2023, 19.30 Uhr

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www.staatstheater-nuernberg.de




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