Theo hinten raus: Knick in der Optik

MITTWOCH, 1. FEBRUAR 2023, NüRNBERG

#Optiker, #Theo Fuchs, #Theo hinten raus

Der Beruf des Optikers ist generell ein hochangesehener. Haben‘s alle bemerkt? Hochan-»gesehener«, genau: ein Wortspiel. Und das ist erst der Anfang! Weiter im Text: Optikergeschäfte gehören im Kiez gleich nach den Buchläden zu den am strengsten geschützten Einrichtungen. Erst stirbt der Optiker – dann das Dorf, so lautet die alte Weissagung des Häuptlings Trüber Blick. Von Theobald O.J. Fuchs

Sei es die in der Ferne nahende Polizeistreife, sei es in der Nähe die sechs-Punkt-Schrift auf dem Flugblatt einer marxistisch-leninistischen Splittergruppe bei der 1.-Mai-Demo: mit scharfer Sicht ist man in unserem Viertel klar im Vorteil. Der Optiker ist systemrelevant und darüber hinaus ein beliebter Mensch.

Letzteres vor allem, wenn man Leute fragt, die keine Brille benötigen. Die stellen sich unter dem Augenglasschnitzer eine Art ALF mit roter Fliege und randlosem Gestell vor. Als Brillenträger allerdings sieht (!) die Sache ganz anders aus. Konkret: links plus vierkommafünf, rechts minus fünfkommanull. Früher, als man noch nicht im Internet hochwertiges Sehgerät indischer Machart bestellen konnte und als es auch noch keine Billig-Plastik-Wegwerfbrillen an der Kasse jedes Discounters gab, war unsereins auf den Optiker angewiesen. Auf Gedeih und Verderb.

Hatte man es ohne Sehhilfe bis in sein Geschäft geschafft, ohne schwer zu verunglücken – beispielsweise auf Grund eines fehlenden Kanaldeckels, beim Zusammenstoß mit einem Mammut oder einem Informationsstand der MLPD – dann kam man OHNE Brille nicht mehr raus aus der Nummer.
Nach Betreten des Ladens begann umstandslos eine nicht mehr abreißen wollende Kette der Demütigungen. Dioptrien, Achse, Pupillenabstand, maximale Nasentraglast – das alles hatte der Augenarzt in einer amtlichen Urkunde festgesetzt. Doch was nützen die sachlichsten Gläser ohne ein Gestell?

Ein Dialog wie »Suchen Sie etwas Bestimmtes?« – »Nein, ich will mich nur ein wenig umsehen« kommt im Optikerladen relativ selten zustande. Ebenso wenig wie »Kann ich Ihnen helfen?« – »Nein, ich muss es ganz alleine schaffen. Ich meine, wieder aus der Perlenketten-Dekoration im Schaufenster zu finden, in die ich gestolpert bin, weil ich die Stufe am Boden übersehen und das Spiegelbild eines Passanten draußen auf der Straße für meine Frau gehalten hatte, die gerade nackt mit einer Anakonda im Arm auf einem Fliegenpilz Cha-Cha-Cha tanzt.«

Typisch ist vielmehr folgender Gesprächsverlauf:
»Eine runde Brille würde ihr ovales Gesicht betonen.«
»Ich habe doch kein ovales Gesicht, mein Gesicht ist breit wie ein Fernsehbildschirm!«
»Nun, dann hätte ich etwas besonders gut passendes für Sie: ein fünfeckiges Gestell, schwarzer Rahmen, CFK, nur 1.099 Euro. Quasi der Porsche Cayenne unter den Sehhilfe-Turbos.«

Das ist die zentrale Lehre, die den Optiker-Schülern auf der Optiker-Schule vom Optiker-Meister immer wieder in die Optiker-in spe-Köpfe gehämmert wird: Jedes Gestell passt zu jedem Gesicht – wenn nur der, der bezahlt, nicht erkennt, was er bezahlt.

Optiker werden selten ermordet – sie befinden sich in der auserwählten Lage, dass ihre Feinde große Probleme haben, auf sie zu zielen. Nur im Nahkampf können sich Kunden eine realistische Chance ausrechnen. Bisweilen kommt es zu Kollateralschäden, weil der*die unzufriedene Kund*in den Optiker nicht erkennt und einen anderen unschuldigen Brillenkäufer erwürgt. Aber gut: niemand hat behauptet, dass ein Leben unter farbigen Nebeln und mit schwankenden Schatten zwischen unscharfen Konturen frei von Gefahren ist.

Dies soll keine hyperventilierende Lobhuldigung des Internethandels sein, aber erst der digitale Brilleneinkauf hat uns Fehlsichtige von unseren Unterdrückern emanzipiert. Jedenfalls zum Teil. Spätestens wenn der nächste Besuch beim Friseur ansteht, weil man halt vor lauter Haaren das eigene Gesicht auch mit Sehhilfe nicht mehr im Spiegel erkennt, ist das peinliche Finale unvermeidbar. Das Nasenfahrrad liegt außer Reichweite auf dem Toilettentisch, irgendetwas bewegt sich im Nebel vor mir, ungefähr in dem Bereich, aus dem die Stimme des Coiffeurs zu mir spricht, keine Ahnung.
»Uuuuund...?« flötet es, »passt es so... ?«

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Theobald O. J. Fuchs
Und was treibt er so im Februar und im März?
Am 19. Februar ist er in München im Vereinsheim bei den Schwabinger Schaumschlägern. Am 25. März in Hersbruck im Kulturbahnhof zusammen mit Michael Ströll, Lesung „Der zweite Krautwickel“.

 




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