Udo Kloos und das Design #8: Stadtbau

FREITAG, 1. APRIL 2016

#Architektur, #Design, #Kolumne, #Udo Kloos

Baugold, überall Baugold - die Zeit der 0%-Zinsen produzieren hoch bewertete Immobilien. In dieser blühenden Bauwirtschaftsphase darf man, nein sollte man zwischendurch fragen: 1. Wer verändert 2. mit welchem Anspruch 3. an welchen Stellen das Gesicht der Stadt?

WER BAUT UNSERE STADT – BAU DIR DEINE STADT

Oder anders: stell Dir ein Stadtbild vor, das entstünde, wenn der Zwang ökonomischer Kriterien in dieser goldenen Zeit zwischendurch sekundär eingestuft würde? Ich behaupte, was über den Rechenschieber kalkuliert und sich dann am Bauplatz ausbreitet, kommt sicherlich mit einem baugeschichtlichen Mindesthaltbarkeitszertifikat. Funktioniert jetzt. Später egal. Eine Sanierung lohnt sich womöglich bereits nach wenigen Jahrzehnten kaum. Was bleibt architekturgeschichtlich? Wenig Spuren? Zeiten, die so digital und immateriell sind, dass sich die Denkmalschutzbehörde (mit Altstadtfreunden) zukünftig noch mehr als heute schützend auf die ältere Bausubstanz (vor 1950 a.D.) stürzen dürfte. Zu Recht. Allgemein: gäbe es keine schlechten Bauten, dann wären erfreuliche Beispiele kaum zu benennen. Die Ausstellung „Gute Bauten Franken“ im Neuen Museum zeigt das bis 3. April.
 
Wenn wenigstens öfter erkennbar wäre, aus welcher Zeit oder aus welcher Region neue Bauten stammten. Dann gäbe es – städtebaulich betrachtet – einen gemeinsamen Nenner. Manchmal schafft es Nürnberg bis in die Süddeutsche Zeitung. „Nürnbergs neues Schandmal“ titelte Olaf Przybilla den Neubau der Technischen Hochschule im Januar 2014. Der sogenannte „Bestellbau“ für die Architekturstudenten hatte an der S-Bahn-Station Dürrenhof gerade frisch seinen Platz gefunden. Dessen vorgelagertes Parkhaus zeichnete sich in der Bauphase durch mehr Gestaltungsfreude aus. Ganz anders dieses benachbarte Irgendwas. Dort wird die Kunst des Bauen gelehrt. Vielleicht dient die Liaison dem Ansporn (oder der Mahnung?) an die darin auszubildenden Architekten. Damit wäre ein übergeordneter Zweck erfüllt. Der Außenstehende fragt sich dennoch: aus welcher Not wurde dieser austauschbare Zweckbau errichtet? Auf der Hand liegt, dass ökonomische Kriterien eine Rolle gespielt haben. Denn die Zeit des drängenden Wiederaufbaus nach dem Krieg war von anderen Zwängen geprägt. Auf die Liste der Baudenkmäler will sich dieser Investorenbau nahe des Milchhofs nie zwängen. Der Anblick wird uns einige Jahrzehnte begleiten. Wer hat das so gewollt? Die Position des Stadtbaumeisters in Nürnberg sollte nach Vereinbarung zwischen den beiden großen Rathausparteien ab 2014 eingespart werden. Glücklicherweise beschließen die beiden Stadtratsfraktionen im Mai 2013 das Amt des Baureferenten beizubehalten. Das Neue Museum wirft mit seiner aktuellen Werkberichtsreihe die Frage „wie Stadtgestalt entsteht“ auf. Wer baut Nürnberg? Augen auf, Ohren auf!
 
Zu erfreulicherem in der Stadtentwicklung. Muggenhof, der Stadtteil, der sich neben den riesigen, gewerblichen Brachflächen im wesentlichen durch günstigen Wohnraum auszeichnet. Nun ist Urban Lab gelandet. Vor der denkmalgeschützten Fassade der ehemaligen Quelle in der Fürther Straße kreieren die vier Macher zunächst ein Experimentierfeld für das Quartier im Nürnberger Westen. Also hat Urban Lab einen nackten Container aufgestellt und baut ihn aktuell um. Zu dem Aktionsfeld gehört ebenfalls die ehemalige Waschanlage und ein Teil des großen, freien Parkplatzes an der Fürther Straße. In den kommenden Monaten werden durch Hands-On-Initiativen zahlreiche verstreute Angebote des Stadtteils zusammengeführt. Hier zeigen die Stadtentwicklungspiloten den Mitmachern Klein und Groß, dass der unmittelbare Lebensraum ein wandelbarer Ort ist, den man mitgestalten und sich aneignen kann. Wie bereits kürzlich mit Schulkindern geschehen. Unter Anleitung haben sie ein Lastenrad geschweißt, das als mobile Bühne, Café oder Garten eingesetzt werden kann. Eine Stadt auf Rädern. Motor ist der Mensch.
 
Der Container am Platz wird als multifunktionelle Werkstatt mit großartigen Geräten dienen. Hier wird gesägt, gelasert, geschweißt, geklebt und gesprüht. Prototyping sagt man dazu in Agenturen. Ich erwarte dort: Auseinandersetzung im Gespräch beim Machen. Aufbauarbeit von klein zu groß. DIY-Stadtentwicklung. Und weil das geht, sollte man das tun. Denn es stiftet Identifikation und folglich Lebensqualität. Das funktioniert nachweislich besser, als übergestülpte Shopping-Center-Konzepte, die Nahversorgung als vertikales Dorf unter ein Dach mit angeschlossenem Parkhaus presst. Dieser Ladenhüter muss kontinuierlich zur Erlebniswelt aufgemöbelt werden. Lebenswerter Stadtraum sieht anders aus. Beyond Shopping.
 
Aus der Theatertechnik kennt man den Verfolger, ein Profilscheinwerfer, der Akteure in Szene setzt. Diesen fokussierten Spot (und Lob) verdient der unermüdliche Einsatz der Urban-Lab Initiatoren. Was tun die vier Köpfe für die Stadt? Von unten gedacht handelt es sich um ein temporäres Projekt. Von oben gedacht nenne ich das: nachhaltige Stadtentwicklung. Im Dialog, ohne Protokoll und Etikette. Unabhängig und frei von ökonomischem Eifer. Ihr Auftrag: nicht nur darüber reden, sondern auch tun. „Ideen hat jeder, nur machen tun es wenige“. Sie werden Interessierten möglichst umfangreiches Wissen und die Werkzeuge zur Hand geben, um ihre Ideen umzusetzen.
 
„The Human Scale“, ein Film, in dem der Städteplaner Prof. Jan Gehl uns vor Augen hält, dass Städte für den Menschen gemacht sein sollten. Sehenswert! Urban Lab hat sich vorgenommen, den Bewohnern von Muggenhof nahe zu bringen, dass sie ihre Stadt selbst in der Hand haben. Es kann einfach sein, neue Strukturen  – wenn auch zunächst im Kleinen – selbst aufzubauen. Urbane Hochbeete, Insektenhotels, Miniparks, mobile Cafés, Skate-Rampen usw. Und alles das wächst, braucht Zeit. Im Mittelpunkt steht der Mensch als Wesen mit seinen Fragestellungen zum Zusammenleben. „Warum machst Du das?“ frage ich Sandra Engelhardt, Mitinitiatorin von Urban Lab. Ich verstehe: die Freude zu erleben, dass es funktioniert. Handeln primär zum Gemeinwohl, ohne das so zu benennen. Bau Dir Deine Stadt!

[Udo Klos]

curt macht sich Gedanken ums Design. Glaubhaft ernsthaft, und irgendwie schon immer. darum präsentieren wir in unserem magazin eine Kolumne über Design und gestaltung in unserem alltag ... und im weitesten Sinne.

UDO KLOOS UND CURT.
Udo betreibt den neoos Schauraum. Mit seinem neoos Planungsbüro gestaltete und konzipierte er u.a. die Räumlichkeiten der Mischbar, der BLOK Bar, des glore Stores, die EBL Stores, der Rösttrommel ... alles curt-Freunde.
Mehr dazu: www.neoos-design.com

 




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