Theobald O.J. Fuchs: Zeitfluten

SONNTAG, 29. JANUAR 2017

#Comedy, #Kolumne, #Literatur, #Theobald O.J. Fuchs

Am Neujahrsmorgen, beim Neujahrsspaziergang im Wiesengrund, an den Pegnitzgestaden gen Westen trampelpfadend, da fand ich etwas, von dem zu berichten ich nicht unterlassen möchte.

Mich dicht am Ufer haltend, genau genommen noch gar nicht weit vorangekommen, hielt ich inne, stand still und starr und lauschte. Nicht vergeblich, hatte ich doch schon vierkommadrei Minuten später die Flaschenpost aus den grünen Fluten des behäbigsten aller behäbigen Flüsse Mittelfrankens geangelt. Auf welcher mit Muscheln und Walschuppenkruste bedeckten Flasche das triefende Kätzchen hockte, das so süßlich miaut hatte. Ihm den heiligen Schwur abnehmend, niemals nicht auch nur das kleinste Singvögelchen mehr zur Strecke zu bringen, schenkte ich dem Pfotentier die Freiheit.

Und las, was da dann folgerichtig geschrieben stand auf dem Zettel, den ich zu einem dünnen Röhrchen gerollt im Inneren seines grünglasigen Sarges entdeckte. Die Nachricht, die genauso gut wie an jeden anderen auch an mich gerichtet war:

„Leser! Finder! Nun Freund! Ich schreibe diese Zeilen am ersten Tag meines 500sten Lebensjahres. Ja, du hast richtig gerechnet: Sogar Luther kannte ich noch persönlich! … Hahaha, reingefallen! War nur Spaß! In Wahrheit stellte ich lediglich vor vierzig Jahren die Uhr schneller, so dass viel mehr Zeit verging, als bei Euch oben an Land.
Doch ich sollte wohl mit dem Anfang anfangen: Kurz nachdem es hier oben mit den Terroristen los ging, besorgte ich ein gebrauchtes Atom-U-Boot und tauchte mit der gesamten Familie im Schlepptau ab. Oma, Opa, meine Frau, die Kinder, der Hund und die Katze – alle kamen mit. Ich hoffe übrigens für Euch, dass die Polizei inzwischen diese Mordbuben der R.A.F. überwältigen konnte ...

Wir schafften uns massig Platz in unserem U-Boot, indem wir die Raketen-Silos wohnlich einrichteten. Luft, Licht, Nahrung – dies alles lieferten uns Meer und Kernreaktor. Kein technisches Hindernis hielt uns ab von dem Beschluss, dieser Welt den Rücken zu kehren bzw. – in vollstem Bewusstsein dessen, dass „bzw.“ keine vollwertige Konjunktion ist und von den meisten Menschen gedankenlos hergenommen wird, wenn sie sich nicht zwischen „und“ und „oder“ entscheiden können – abzutauchen.

Unsere Achillesferse war und ist der Mischmüll. Den Staubsaugerbeutel werfe ich in den Atomreaktor, er würzt die Kettenreaktion. Das überraschte mich übrigens am meisten, hier unten, dass man auch im U-Boot staubsaugen muss. Den Biomüll übernehmen die im U-Boot endemischen Nager und Maulwürfe, doch den Mischmüll werden wir nur los, indem ich den Müllbeutel in das Pressluftrohr für die Torpedos stecke und hinaus in die Tiefsee feuere. Leider geriet mir letzte Woche die Katze mit ins Torpedorohr. Als wir ihre Abwesenheit bemerkten, waren wir bereits 1.000 Seemeilen weiter.

Dann kam es noch schlimmer: Wir sprachen darüber, wie alt die Katze überhaupt gewesen war, und kamen rasch darauf, dass wir auch nicht wussten, wie alt Opa war, der schon seit – ja, wie lange eigentlich schon? Es musste Wochen her sein, dass er zum letzten Mal … jedenfalls gab ein Wort das andere und schließlich begriffen wir, dass wir nicht mehr wussten, welcher Tag und welches Jahr es gerade war.

Auch hier muss ich wahrscheinlich eine Erklärung nachliefern: Die meisten Menschen wissen wohl, dass seit der Kalenderreform 1582 alle vier Jahre ein Schaltjahr an der Reihe ist, jedoch nicht, wenn das Jahr durch 100 teilbar ist, dann fällt der Schalttag aus (zum Beispiel 1900 n. Chr.), außer alle 400 Jahre (wie 2000 n. Chr.), dann findet der Ausfall wiederum nicht statt, damit alles passt. Soweit die Theorie – nur wenige Eingeweihte wissen allerdings, dass die Illuminaten, die ja bekanntlich seit den Pharaonen aus dem Hintergrund hervor die Welt regieren, 1944 die Kriegswirren nutzten, um den fälligen Schalttag aus purer Habgier den Menschen vorzuenthalten. Niemand kriegte das damals mit, ich selbst stieß nur zufällig darauf, beim Bau einer Sonnenuhr am Nordpol.

Heute ist die ganze Chose natürlich komplett aus dem Ruder gelaufen, die Zeit stimmt hinten und vorne nicht mehr, nicht nur hier unter dem Meer, wo ich versuche, viele Hundert Jahre zu durchmessen, indem ich den kleinen Motor in der Küchenuhr manipulierte. Auch über dem Meer geriet die Welt in große Verwirrung und Furcht angesichts des Zeitenlaufes. Seitens der Schwerkraft, wie dieser einfältige Einstein spekulierte, war keine Unterstützung zu erwarten. Nein. Es wurde Zeit, sich um die Zeit zu kümmern, und zwar mit Bordmitteln. Ich schrieb daher diesen Brief, steckte ihn in eine Flasche, diese – mitsamt der sterblichen Hülle des Großvaters – ins Torpedorohr und ab dafür! Auf dass der Finder – das bist DU, mein Freund! – der Welt die Wahrheit verkünde.“

Was der Kolumnist hiermit getan hätte. Fangt was an damit, liebe Leser, ich muss jetzt meinen Dornröschenschönheitsschlaf halten und bin erstmal raus!

[Immer im Bilde: Theo Fuchs; Fotografin: Katharina Winter]


UND WAS MACHT THEO WIRKLICH UND SONST SO?
Wenn er nicht gerade geistig von Außerirdischen verbraucht wird, liest er gerne aus seinem Wurlitzer-Preis verwöhnten literarischen Vollwerk namens „Niemand ruht ewig“, so zum Beispiel am Samstag, 11. Februar in Königstein (Oberpfalz) im Gasthaus zum Hirschen mit Musik von den Human Beans. 20 Uhr, Eintritt frei.




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